Die USA feiern ihren Helden
Apr 14th, 2009 | By admin | Category: InteressantesWashington. Grauer Vollbart, breite Schultern, kräftige Arme, offenes Hemd, furchtloser Blick – das erste Foto nach der Befreiung von Kapitän Richard Phillips zeigt einen Mann, der einem Abenteuerroman von Jack London entstiegen sein könnte. Amerikas neuer Held sieht tatsächlich ein bisschen so aus wie der Seewolf. Das passt, denn so stellt sich die US-Nation den Mann ohnehin vor, den die US-Marine am Sonntag aus der Hand somalischer Piraten befreit hat. Um seine Besatzung zu schützen, hatte sich der Skipper vorigen Mittwoch bei einem Angriff auf das Frachtschiff “Maersk Alabama” den Piraten als Geisel angeboten.
Tagelang dümpelte er mit seinen Kidnappern auf einem Rettungsboot im Indischen Ozean, umgeben von Kriegsschiffen der US-Marine. Erstmals hatten damit somalische Piraten in den gefährlichen Gewässern am Horn von Afrika einen US-Bürger in ihre Gewalt gebracht – und die Weltmacht herausgefordert. Drei Scharfschützen der Elitetruppe Navy Seals beendeten am Sonntag das Drama auf hoher See mit gezielten Kopfschüssen. Ein vierter Pirat hatte sich zuvor ergeben.
Kalaschnikow im Rücken
In den USA wird die Befreiung des Kapitäns wie ein militärischer Sieg gefeiert. Laut einem US-Militärsprecher ordnete der Kommandant des Zerstörers “USS Bainbridge” die riskante Befreiungsaktion an, weil ein Pirat an Bord des Rettungsbootes seine Kalaschnikow auf den Rücken des Kapitäns richtete. Damit sei das Leben des 53-Jährigen in unmittelbarer Gefahr gewesen. Offenbar bot sich nach tagelangem Nervenkrieg aber auch eine seltene Gelegenheit zuzuschlagen: Zwei Piraten hatten nach Darstellung des US-Militärs Kopf und Schulter aus einer Luke gesteckt. Den dritten Piraten konnte ein Scharfschütze mit Nachtsichtgerät durch ein anderes Fenster in der Kajüte ins Visier nehmen. Zuvor hätten die verbliebenen drei Kidnapper zugestimmt, sich von der “USS Bainbridge” in ruhigere Gewässer schleppen zu lassen. Das Rettungsboot, dem der Sprit ausgegangen war, habe sich nur 25 bis 30 Meter entfernt von dem Kriegsschiff an einem Tau befunden.
US-Präsident Barack Obama zeigte sich über die Befreiung von Phillips “sehr erfreut”. Der Präsident hatte sich über das Geiseldrama fortlaufend informiert und persönlich Befehl erteilt, notfalls Gewalt anzuwenden, sollte das Leben des Kapitäns in Gefahr sein. Nachdem das Geiseldrama die Nachrichten in den USA dominiert hatte, galt der Nervenkrieg mit den Piraten auch als Politikum. In Ostergottesdiensten war für Phillips überall in den USA gebetet worden. US-Medien werteten das Geiseldrama als Obamas erste Bewährungsprobe in einer Krise – und erinnerten an frühere Debakel, etwa den von Jimmy Carter 1980 angeordneten gescheiterten Befreiungsversuch der US-Geiseln in der amerikanischen Botschaft in Teheran. Demgegenüber feierte die “Washington Post” die Aktion vor Somalias Küste nun als “frühen militärischen Sieg für Obama”.
Gedämpft wurde der Jubel in den USA auch nicht durch Vergeltungsdrohungen der Piraten oder die düstere Warnung von US-Vize-Admiral William Gortney: “Ja, die Gewalt in diesem Teil der Welt könnte zunehmen.” Gut ein Dutzend Schiffe und mehr als 220 Menschen befinden sich weiter in der Hand somalischer Piraten, darunter fünf deutsche Be- satzungsmitglieder des Frachters “Hansa Stavanger”.
Geschrieben von Dietmar Ostermann
Quelle: MorgenWeb
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