Die Kolonisation und die Geschichte der Kolonisierten
Mai 28th, 2009 | By Florian | Category: Kunst & Kultur
Das MAK zeigt seit 1. April 2009 „archivarische“ Installationen“ von George Adéagbo. Der für seine Assemblagen bekannte Künstler wurde 1942 in Cotonou, Benin, geboren, und zählt zu den wichtigsten Künstlern Westafrikas. In der aktuellen Schau fügt Adéagbo unterschiedliche Informationsträger wie Bücher, handgeschriebene Notizen, Fotos, Textilien, kultische Objekte etc. zusammen und verwebt sie zu neuen Erzählräumen. Wenn Adéagbo Skulpturen in seine Arbeit integriert, die aus europäischer Perspektive mit den Begriffen „Stammeskunst“ oder „Primitivismus“ etikettiert sind, dann geht es dabei jeweils um symbolische Wiederaneignungen und Inbesitznahmen von bereits „kolonialisierten“ Objekten. Sein aufwendiges künstlerisches Verfahren überschreitet Grenzen zwischen Epochen, Kontinenten, Kulturen und Genres, ausgehend von der Geschichte der Kunst Afrikas und Ozeaniens, wobei er Themen wie Religion, Krieg, Sozialismus, Sklaverei, Kunst und die Geschichte – meist männlicher – Persönlichkeiten aufgreift.
Für die MAK-Galerie plant Adéagbo Wände und Boden mit einer „assemblage-artigen“ Installation auszustatten und so die Geschichte der Kolonisation und der Kolonisierten in seltener Materialdichte zu visualisieren. Darüber hinaus erweitert er seine Ausstellung, indem er unmittelbar in Teile der MAK-Schausammlung eingreift und sie auf allfällige koloniale Implikationen überprüft. So reagiert er zum Beispiel in der Schausammlung Barock Rokoko Klassizismus (künstlerische Intervention von Donald Judd) konkret auf einen Kabinettschrank aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, ein Geschenk der Stadt Eger an Kaiser Karl VI.
Als sogenanntes Repräsentationsmöbel stellt dieser in Symbolen den hegemonialen Herrschaftsanspruch über alle Kontinente dar, dessen Bedeutung Adéagbo vielschichtig untersucht, hinterfragt und transformiert.
Adéagbo ist sich der Bestimmtheit der Objekte bewusst, erzeugt aber gerade dadurch, dass er diese in neue Kontexte stellt bzw. neue Zusammenhänge herstellt und den Mut aufbringt Geschichte anders zu erzählen, die notwendige künstlerische Transformation. Seine Arbeitsmethodik basiert auf der Zusammenführung von Objekten, die der Künstler im Benin herstellen lässt, und solchen, die er jeweils im Umfeld des Ausstellungsortes vorfindet und einbezieht; die so geschaffenen Arbeiten stellen jeweils konkrete Bezüge her.
Zur Person: Georges Adéagbo wurde als ältester von elf Geschwistern 1942 in Westafrika geboren. Entgegen den Wünschen seiner Familie absolvierte er ein Jusstudium in Abidjan, Elfenbeinküste, und in Rouen, Frankreich. Nach dem Tod seines Vaters musste er 1971 auf Druck der Familie nach Benin zurückkehren, wo er in ärmlichen Verhältnissen lebte. Ab dieser Zeit bis 1993 entstanden in seinem Haus zahlreiche Installationen, auf die ein französischer Kurator zufällig aufmerksam wurde. Viele wichtige Ausstellungen sollten folgen: „Big City: Artists from Africa”, Serpentine Gallery, London, 1995; „La mort et la résurrection”, Galerie Nathalie Obadia, Paris, 1997; Johannesburg Biennale, Johannesburg, 1997; „Roteiros. Roteiros. Roteiros …“, Biennale São Paulo, São Paulo, 1998; „Kunstwelten im Dialog”, Museum Ludwig, Köln, 1999; Biennale di Venezia, Venedig, 1999 („Premio della giuria“ für „The Story of the Lion“); „Abraham – the Friend of God“, P.S.1, New York, 2000; „Das Pythagoreische Zeitalter“, Galerie im Taxispalais, Innsbruck, 2001; documenta 11, Kassel, 2002; „Le théâtre du monde..!“, Museum Ludwig, Köln, 2004; „Abraham, l’ami de Dieu. Philadelphia version”, Philadelphia Museum of Art, Philadelphia, 2006; „Tout de Moi à Tous”, Galerie des DAAD, Berlin, 2007; „La rencontre..! Venise – Florence..!“, Museo di Palazzo Vecchio, Florenz, 2008.
Ausstellungsort: MAK-Galerie und MAK-Schausammlung, MAK, Stubenring 5, 1010 Wien
Ausstellungsdauer: 01. April – 13. September 2009
Öffnungszeiten: Di MAK NITE© 10.00–24.00 Uhr
Mi–So 10.00–18.00 Uhr, Mo geschlossen
Quelle: MAK
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