Kino & Film Klein-Hollywood am Kap
Sep 28th, 2009 | By Florian | Category: NEWSJohannesbburg (AP) Die Filmindustrie ist Südafrikas ganzer Stolz. Nach dem Oscar für «Tsotsi» 2006 empfiehlt sich der Kap-Staat mit dem weltweiten Erfolg des aktuellen Sci-Fi-Thrillers «District 9», der von einem aus Johannesburg stammenden kanadischen Regisseur im Johannesburger Township Soweto gedreht wurde, erneut als packende Kulisse. Mit «Tsotsi» ist «District 9» einer der wenigen Filme aus Südafrika, in denen ehrlich draufsteht, was drin ist. Denn Südafrika ist dauernd auf Bildschirm und Leinwand zu sehen – nur unter anderem Namen.
Ob Friesendorf, Alpensee, New Orleans, Türkei, Rocky Mountains oder Bahamas – der «Regenbogenstaat» kann fast jeden Kontinent und jede Metropole doubeln. Nur Eisberge fehlten bisher im Repertoire, doch diesbezüglich dürfte das boomende Filmzentrum Kapstadt bald Abhilfe schaffen. Das Filmfieber begann gleich nach dem Ende der Apartheid 1994. Zuerst entdeckten Modefotografen die imposante Tafelberg-Kulisse, dann Werbefilmer. Inzwischen werden pro Jahr circa 600 Werbe- und 30 Langfilme gedreht, und im ehrwürdigen Mount Nelson Hotel geben sich Veronica Ferres und Clint Eastwood die Klinke in die Hand.
Mit geschätzten 2,65 Billionen Rand Umsatz und 30.000 Beschäftigten hat sich die Filmindustrie mit ihren Nebeneinkünften zu Südafrikas zweitgrößtem Wirtschaftszweig nach dem Tourismus gemausert. Ganz vorne mischen Filmservice-Firmen von deutschen Auswanderern wie Two Oceans Productions oder Magic Mountain Productions mit. Dank der guten Infrastruktur und der circa 40 Prozent unter europäischem Niveau befindlichen Kosten, dem Hurrikan-freien Klima und auch wegen der, von Europa aus nur einstündigen Zeitverschiebung, hat Kapstadt inzwischen Miami, das Mekka der Werbebranche, überflügelt.
Sylt und Dschungel, Hütten und Paläste
«Runaway Production» wird diese Globalisierung der Filmindustrie im Branchenslang genannt. Ironischerweise ist zudem die strategische Nähe zwischen armem Township und luxuriöser Shopping Mall filmisch ein Glücksfall: «Die ganze Welt in einem Land», wirbt Südafrika. Besonders für deutsche Fernsehregisseure ist die Region um Kapstadt zum zweiten Wohnzimmer geworden. Da muss der Bloubergstrand für Sylt herhalten, und mit deutschen Briefkästen wird so manches Viertel des Vorortes Hout Bay germanisiert – nur mit gleißend hellem statt mit deutsch-trübem Himmel. Aber auch Hollywood- und Bollywood-Produzenten haben bereits ihre Claims abgesteckt.
Wie der Thriller «Blood Diamond», in dem sich das Ostkap als Sierra Leone tarnt, oder «Hotel Ruanda» mit der Provinz Gauteng als Ostafrika, werden Afrika-Filme schon deshalb am Kap gedreht, weil es in den betreffenden Staaten oft zu gefährlich ist. Doch die 57 internationalen Orte in «Lord of War» wurden komplett in Südafrika nachempfunden. Die Jugendbuchverfilmungen «Die drei ???» verlegte man ganz offiziell nach Kapstadt. Nach Roland Emmerichs «10.000 vor Christus» und dem aktuell im Kino laufenden Drama «Schande» mit John Malkovich wird zurzeit zum Beispiel der Fußballerfilm «Themba» gedreht, dessen deutscher Produzent Michael Souvignier in Kapstadt lebt.
Südafrika selbst besitzt eine alteingesessene Filmindustrie, die zuletzt mit «Tsotsi», «Drum» und «U-Carmen» arthouse-Erfolge feierte. Auch sie profitiert von internationalen Koproduktionen. Und damit Big-Budget-Filme wie «Blood Diamond» künftig nicht mehr in Düngerfabriken improvisiert werden müssen, werden zwischen Weinbergen und dem Township Khayelithsa für 500 Millionen Rand die Cape Town Film Studios errichtet. Der Betrieb soll spätestens zur Fußball WM 2010 aufgenommen werden. Und in fünf Hallen auf 6.000 Quadratmeter Fläche voll modernster Technik sollte es bald möglich sein, auch in Kapstadt einen kalten Winter hinzukriegen.
Quelle: Yahoo News, AP
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