Filmstart 6. Jänner 2010 – Urwalddoktor Schweitzer ringt mit Heilpraktikern

Dez 29th, 2009 | By | Category: NEWS

Er war berühmter Theologe, Philosoph, Mediziner und Organist. In der Film-Biografie “Albert Schweitzer – Ein Leben für Afrika” konzentriert sich Regisseur Gavin Millar allerdings nur auf dessen Jahre als Urwalddoktor. Dabei sind die Afrikaner entweder dubios, krank oder einfach nur dankbar.

Als Kind hatte er sich gefragt, warum Maria und Josef nach Weihnachten keine reichen Leute wurden: „Wieso kümmerten sich die drei Weisen aus dem Morgenland später nie mehr um Jesus? Was hatten die Eltern mit den Kostbarkeiten gemacht, die sie von ihnen zu Jesu Geburt bekommen hatten? Wieso waren sie später wieder arm?“

Solche Fragen, so hat Albert Schweitzer (1875-1965) später erzählt, bewogen ihn zum Studium der evangelischen Theologie. Zumal zu seinen bibelkritischen Leben-Jesu-Forschungen als Professor. Vielleicht auch, weil ja alle Glaubenssysteme in ihrer Nähe zu Fiktivem verwandt sind, zu seinen Versuchen, das Christentum zur indischen Spiritualität zu öffnen.

Zwar erfährt man von alldem nichts in diesem üppig-gemächlichen Film – aber immerhin wird an Schweitzers Strümpfen gezeigt, dass ihn Unerforschliches reizte und er zu eigenwilligen Kombinationen neigte: Mehrfach rätselt er darüber, warum es ihm einfach nicht gelingen will, zwei exakt gleiche Socken aus dem Schrank zu holen. Und wenn schon nicht den großen Theologen Schweitzer, so lernt man hier doch den bedeutenden Musiker kennen, am Klavier bei Kerzenschein in Lambarene und hoch oben an der Orgel in einer New Yorker Kirche.

Doch da droht unten in den Bänken Unheil. Denn zwischen all den Bewunderern, die dem Spiel des berühmten Urwalddoktors bei dessen Amerikareise im Jahr 1949 ergriffen lauschen, sitzen einige, die aussehen, als seien sie finstere Agenten. Was sie auch sind. Aufgestachelt von Senator McCarthy, wittert die CIA antiamerikanische Umtriebe, als Schweitzer, schrullig-paternalistisch gegeben von Jeroen Krabbé, in New York bei einer erfundenen Begegnung mit Albert Einstein, dem Armin Rohde Komödiantik verleiht, zum Einsatz gegen Atomwaffen gedrängt wird.

Störtebeker leidet am Burn-Out-Syndrom Rasch wird in den USA eine Verleumdungskampagne gegen Schweitzer inszeniert, ein Spion (verwirrend jovial gespielt von Samuel West) gewinnt sein Vertrauen und begleitet den Doktor nach Afrika. Dort sieht Schweitzer sein Lebenswerk auch dadurch bedroht, dass die undurchsichtige Unabhängigkeitsregierung von Gabun, mit den Großmächten verbandelt, die Urwaldstation für ein Entmündigungsprojekt der Weißen hält und die primitiven Einrichtungen von Lambarene durch ein modernes Krankenhaus unter eigener Führung ersetzen will.

Und stets muss Schweitzer fürchten, dass seine Bereitschaft zum Einsatz gegen die Nuklearrüstung ihn im Westen in Misskredit bringt, die Spenden versiegen lässt und so zum Ende seiner Arbeit im Urwald führt. Lohnt es sich aber, diese Frage schwebt über dem Film, fürs abstrakte Friedensziel die konkrete Hilfe an Leprakranken zu gefährden?

Es ist also ein etwas konventioneller, nicht taufrischer Protestantismus, es sind die guten alten Gewissensfragen des politischen Engagements zwischen Friedenspathos und Diakonie, was Regisseur Gavin Millar („Comlicity“) hier den weihnachtlich gestimmten Deutschen präsentiert.

Wobei der deutsche Produzent Alexander Thies mit solcher Konservierung evangelischer Konventionen bereits große Erfolge hatte: Thies war beteiligt am „Luther“-Film, auf dessen ausgetrampelten Pfaden der gewissensfesten Gegnerschaft zum verkommenen Papst ein Millionenpublikum mitging, und schon „Bonhoeffer“ war bei den Zuschauern nicht schlecht angekommen, obwohl oder gerade weil es sich um ein steifes Heldenepos über den Widerstandskämpfer handelte.

Freilich gehören die Befragung und die Festigung des gläubigen Gewissens ja zu den guten Traditionen des Protestantismus, und der Schweitzer-Film macht dabei deutlich, dass erhebliche Konflikte auszutragen sind, ehe es den Friedensnobelpreis gibt. So spielt Barbara Hershey Schweitzers Ehefrau Helene mit einer Verhärmtheit, die erkennen lässt, welch hoher persönlicher und familiärer Preis zu zahlen ist, wenn ein Mann seine Kraft und Umwelt in den Dienst an der guten Sache stellt. „Menschen, die alle lieben, tun sich schwer, einen einzelnen zu lieben“, sagt denn auch Schweitzers Tochter Rhena (Jeanette Hain jenseits mädchenhafter Lieblichkeit) einmal ihrem Vater.

Hinzu kommen Streitereien mit den jungen Ärzten in Lambarene, die Schweitzers naturnahen Heilpraktiker-Methoden die Errungenschaften der modernen Medizin entgegensetzen. Wenn dann die Leprapatienten von Ratten gebissen werden, fällt auf Schweitzers „Ehrfurcht vor dem Leben“, die ihn DDT und Gift verbieten lässt, zumindest ein Schatten.

Indes spielen sich all diese Konflikte allein unter den Weißen ab. Die Afrikaner sind entweder dubios wie die Unabhängigkeitskämpfer oder aber krank und dankbar. Da macht sich der Film Schweitzers Auffassung, dass der weiße Mann den schwarzen wie einen kleinen Bruder an die Hand zu nehmen habe, vollständig zu eigen.

Albert Schweitzer Kino Gavin Millar Jeroen Krabbé Barbara Hershey Zum Ausgleich freilich verfügt der schwarze Mann über Flüsse, die im Morgenlicht wunderschön leuchten, und Wälder, die nach dem Regen zaubrisch dampfen. Da kann der weiße Mann gar nicht anders, als in den Hubschrauber zu steigen und betörende Filmbilder aufzunehmen, die uns zu Ethno-Pop-Klängen eine Welt vor Augen führen, in der nie ganz aufgeht, wer sich gründlich mit seinem Gewissen befasst.

Autor: Matthias Kamann

Quelle: welt.de



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