Senegals französische Schützen als Wahlkampfmunition?

22 Dezember 2016 | By | Category: Interessantes, Interessantes

Senegals französische Schützen als Wahlkampfmunition?

 

Günther Lanier, Ouagadougou 22.12.2016

Macky Sall hat bisher enttäuscht. Nach seinem eindrucksvollen Wahlsieg 2012 über Abdoulaye Wade – gegen einen regierenden Präsidenten zu gewinnen, ist in Afrika noch nicht vielen gelungen – kam nicht mehr viel. Anfänglich wirkte sein Vorgehen gegen Korruption rigoros, doch der Fall, der die senegalesische Öffentlichkeit am meisten bewegte, der rund um die Reichtümer des Ex-Ministers Karim Wade, Sohn des Ex-Präsidenten, endete mit einem Deal mit Katar – der reiche Golfstaat ist im Senegal wirtschaftlich engagiert und mischt sich in Westafrika auch politisch immer wieder ein (durchaus auch auf der Seite von Islamisten). Wade Junior wurde im Juni 2016 befreit und ausgeflogen (und schweigt sich seither aus – das war offenbar Teil des Deals). Macky Salls Versuch vor einem guten Jahr, sich anlässlich des Putschversuchs in Burkina als internationaler Mediator einen Namen zu machen, endete mit einer öffentlichen Desavouierung durch die Ecowas (die westafrikanische Staatengemeinschaft, für die er im Einsatz war), also mit einer Blamage – er war zu fast hundert Prozent auf Putschistenlinie eingeschwenkt. Was Wunders, sind Blaise (Compaoré, der 2014 verjagte Langzeitdiktator Burkinas, der zumindest geistige Vater des Putschversuchs) und Alassane (Ouattara, Präsident der Côte d’Ivoire, mit Hilfe von Blaise und Frankreich 2011 an die Macht gekommen) und er doch dicke Freunde.

Ein von Charles de Gaulle mit dem

Befreiungskreuz ausgezeichneter

senegalesischer Schütze, ca.1942,

Brazzaville, Bildquelle: https://fr.wikipedia.org

 

Ein Wahlzuckerl?

2017 sind in Senegal Parlamentswahlen fällig. Hat François Hollande, der scheidende französische Präsident, Macky Sall ein Wahlkampfgeschenk gemacht, als er ihn zu einem pompösen Staatsbesuch geladen hat? Auf den Champs-Elysées, über dem Pariser Rathaus und anderen wichtigen Gebäuden der französischen Hauptstadt wehten zu Mackys Empfang senegalesische Fahnen, ganz so, als hätte die frühere Kolonie die Verhältnisse umgekehrt und die Metropole erobert.

Doch damit nicht genug. Macky Sall ist drauf und dran, in die Geschichte als derjenige einzugehen, der ein großes und langes Unrecht beseitigt: das den senegalesischen Schützen von der (ehemaligen) Kolonialmacht angetane. Am 20. Dezember versprach Hollande, er werde alles tun, damit diese senegalesischen Schützen französische Staatsbürger würden.

Houphouët-Boigny hat Afrika 1946 von der Zwangsarbeit befreit – Macky Sall sorgt 2016 für die Beseitigung eines anderen Unrechts: die jahrzehntelange Diskriminierung schwarzafrikanischer Soldaten, die für die französische Armee in den Weltkriegen und auch in Vietnam und Algerien ihr Leben riskierten, deren “Blutsteuer“ sich aber viel weniger rentierte als die ihrer weißhäutigen französischen Kollegen.

Viel zu spät…

Hunderttausende Schwarzafrikaner hatten zu Kolonialzeiten für Frankreich gekämpft. Doch der Kolonialherr erwies sich wiederholt als undankbar. Auf brutalste Art – siehe den wunderbaren Film “Thiaroye“ von Sembène Ousmane über das Massaker unter aus dem 2. Weltkrieg 1944 zurückgekehrten senegalesischen Soldaten, die es gewagt hatten, auf ihren Rechten bestehen zu wollen. Oder ganz alltäglich, indem die den ehemaligen Heeresangehörigen zustehenden Pensionen verweigert wurden – siehe den burkinischen Film “Tasuma, Feuer“ von Kollo Sanou aus 2003 – oder, wenn zugestanden, dann sehr viel niedriger ausfielen als die der ehemaligen französischen Soldaten.

Mittlerweile ist viel Zeit vergangen. 56 Jahre seit der großen Welle franko-afrikanischer Unabhängigkeiten. Da sind nicht mehr viele senegalesische Schützen übrig. Hollandes Großzügigkeit wird seinem Nachfolger und Frankreich also nicht viel kosten – laut RFI (beruft sich auf den in dieser Frage engagierten Verein Mémoires et Partages) übersteigt die Zahl früherer Soldaten, die nunmehr – falls sie den Antrag stellen – Anspruch auf die französische Staatsbürgerschaft haben, die tausend nicht.

Wenig Basis für Mackys “claim to fame“.

Auch wenn die Symbolik sehr wohl zählt und es freilich allerhöchste Zeit war.

 

3 Anmerkungen:

* Die senegalesischen Schützen (tirailleurs sénégalais) waren ein 1857 von Gouverneur Faidherbe geschaffenes Corps für die Eroberung Afrikas angeheuerter Einheimischer – es waren nur anfänglich nur Senegalesen, der Name wurde aber beibehalten. In der Folge wurden diese tirailleurs sénégalais auch auf anderen Kontinenten eingesetzt, sie spielten insbesondere in den beiden Weltkriegen eine wichtige Rolle.

* Beider Blut ist rot, aber…: Afrikanische Soldaten in französischen Diensten mussten bis 2010 warten, bis ihre Pensionen denen ihrer französischen Kollegen angeglichen wurden – die allermeisten waren zu diesem Zeitpunkt, 50 Jahre nach der Unabhängigkeit, tot. Schuld daran war ein Gesetz aus 1959, das ihre Pensionen mit dem Zeitpunkt der Unabhängigwerdung ihrer Länder einfror (“Kristallisierung der Pensionen“ genannt), welches der Conseil d’État (Verwaltungsgerichtshof) am 30.11.2001 als der Europäischen Menschenrechtskonvention widersprechend erkannte.

NB: Senegalesische Schützen, vor allem in fernen Ländern eingesetzte, überschritten Kulturgrenzen – auf sehr andere und deutlich weniger prestigeträchtige Art und Weise als die Evoluierten (“évolué(e)s“) und Assimilierten. Nur teilweise konnten sie nach ihrer Rückkehr in ihren Heimatdörfern eine vermittelnde oder erklärende Rolle übernehmen, oft blieben sie den Rest ihres Lebens unverstandene Außenseiter. Bis zum heutigen Tag gehört ist der senegalesische Schütze eine Standardrolle im populären Theater – so das Stück am Land spielt.

 



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