Folter wird Geld – Ein lukratives Geschäftsmodell

5 Januar 2017 | By | Category: Interessantes, Interessantes

Günther Lanier, Ouagadougou 5.1.2017

 

Nahe Asmara, Eritrea, 2014, Foto GL

Nahe Asmara, Eritrea, 2014, Foto GL

 

Die wichtigsten Zutaten: Flüchtlinge; ein paar Arbeitslose, die für Geld alles zu tun bereit sind; ein von außen nicht einsehbares und nicht einhörbares Haus in staatsgewaltferner Lage; ein Handy.

Zusätzlich: externe Hilfskräfte für das Beschaffen der zu folternden Menschenware und (im Erfolgsfall) für das Abwickeln der finanziellen Transaktionen.

Nötiges Startkapital: ein paar tausend Dollar zum Ankauf der gefangengenommenen und zum Ort des Geschehens transportierten Flüchtlinge; Gehälter der Wächter/Folterknechte; gerade genug Lebensmittel für die Flüchtlinge, damit sie knapp nicht verhungern; Telefoneinheiten.

Und so einfach funktioniert’s: Die Flüchtlinge werden gekidnappt und an den Arbeitsort (vor Störungen sicheres Haus) gebracht. Dort beginnt die Arbeit: Folter. Beim Quälen der Flüchtlinge – das ist die profitversprechende Geschäftsidee – werden die nächsten Angehörigen der Opfer angerufen. Damit sie deren Schreie und Schmerzen und Qualen miterleben. Dann hören diese Angehörigen, sie könnten der Folter Einhalt gebieten, sie bräuchten nur dafür zahlen. Die Lösegeldforderungen sind enorm – mehrere zigtausend Dollar. Die per Handy direktübertragenen Foltersitzungen werden wiederholt. Die Geldforderungen auch.

Manche Flüchtlinge sterben: Betriebsunfälle, als Tote können sie keinen Profit mehr bringen; oder Ausschussware, ihre Angehörigen können absolut nicht zahlen.

Auch bei denen mit zahlungswilligen Verwandten braucht die Arbeit Ausdauer. Die Familien der Flüchtlinge haben das Lösegeld weder daheim noch auf einem Sparbuch liegen. Sie brauchen meist länger, oft viele Monate, um die Mittel irgendwo und irgendwie zu beschaffen. Bis dahin ist manch Flüchtling fürs Leben gezeichnet, jedenfalls schwer traumatisiert, vielleicht verkrüppelt.

Im Erfolgsfall wird sich das investierte Geld vervielfachen – und die Flüchtlinge kommen frei. Fast eine win-win-Situation, nein?

 

Nicht weit von Agordat, Eritrea, 2014, Foto GL

Nicht weit von Agordat, Eritrea, 2014, Foto GL

 

Eritrea, Sudan, Sinai, Libyen

Dieses Geschäftsmodell wurde in den 2000er Jahren im Sinai entwickelt und perfektioniert. Die dafür nötige Menschenware stammte typischerweise aus Eritrea. Die von dort über die Grenze in den Sudan Geflüchteten wurden gekidnappt, von den Kidnappern dann an “Transporteure“ verkauft, die die für die Folter Bestimmten über mehr als 1.500 km nach Nord-Sinai schafften und dort gegen entsprechende Bezahlung ablieferten.

Als Herkunftsland der Opfer erwies sich Eritrea insofern als besonders geeignet, als das Land international isoliert ist und staatlicherseits für seine fahnenflüchtigen BürgerInnen mit keinerlei Unterstützung zu rechnen war.

Sinai war lange Zeit idealer Operationsort, da der ägyptische Staat dort kaum präsent war – der israelisch-ägyptische Friedensvertrag von 1979 hatte die Präsenz ägyptischer Truppen auf der Halbinsel stark beschränkt. Nach der 2011er “Revolution“ hatte sich das Heer dann fast zur Gänze aus dem Sinai zurückgezogen. Als das Militär 2014 im Rahmen des Kampfes gegen Terrorismus und Fundamentalismus nach Sinai zurückkehrte, verlagerte sich das Foltergeschäft rasch nach Sudan und – vor allem – nach Libyen.

All die Jahre haben der ägyptische und der sudanesische Staat “beide Augen zugedrückt“, was den Menschenhandel und das Foltern betrifft. Das passierte zwar versteckt, war aber schon länger kein Geheimnis mehr. Was konkret involvierte Heeres- oder Polizei-Beamte betrifft, wurde ein diesbezügliches Desinteresse von den Folterunternehmern freilich durchaus abgegolten.

Libyen war ab den frühen 2010er Jahren dazu berufen, in die Fußstapfen des Sinai zu treten. Dortige staatliche Strukturen wurden als Folge der NATO-Militärintervention gegen den der Satten Welt gegenüber zu unabhängigen al-Gaddafi gründlich zerstört.

Somit also zurück zum Start: Die wichtigsten Zutaten: Flüchtlinge in einem Haus in staatsgewaltferner Lage…

 

bild3

Nahe Massawa, Eritrea, 2014, Foto GL

 

Anmerkungen:

1. Auslöser für diesen Artikel war der Dokumentarfilm “Voyage en barbarie“ aus 2014 von Delphine Deloget und Cécile Allegra, der am 15.Dezember 2016 in Ouagadougou beim CinéDroitLibre-Festival gezeigt wurde. Die Tatsachen waren schon seit ein paar Jahren bekannt. Im Kino werden sie eindrücklicher.

Der Film kreist um überlebt habende eritreische Opfer der Sinai-Foltern, denen Meron Estefanos, eine schwedische Aktivistin eritreischer Abstammung, beizustehen versucht. Einem der Männer, die im Zentrum des Films stehen (die andauernden Vergewaltigungen weiblicher Opfer wären vor der Kamera kaum erzählbar gewesen), bei einem dieser Männer also, er erzählt mit sanfter Stimme und in fast lupenreinem Englisch, was ihm so widerfahren ist, wird nach etwa zwei Drittel des Films klar, dass ihm von seinen Händen beiderseits nur mehr Stummel von je zwei Fingern bleiben.

Auch einer der Sinai-Folter-Unternehmer kommt zu Wort.

Der Film ist zur Gänze anschaubar auf http://television.telerama.fr/television/voyage-en-barbarie-recoit-le-prix-de-l-impact-2016-regardez-le-sur-telerama-fr,143126.php

2. Um Meron Estefanos kreist ein weiterer Film Keren Shayo, Sound of Torture, Israel 2013, 60’. Von diesem habe ich nur den Trailer gesehen auf http://www.soundoftorturefilm.com/

3. Laut https://voyageenbarbarie.wordpress.com/94-2/ und laut Film-Nachspann haben seit 2009 etwa 50.000 im Sinai die beschriebenen Foltern erlitten, 12.000 davon sollen sie nicht überlebt haben.

4. Laut https://en.wikipedia.org/wiki/Refugee_kidnappings_in_Sinai oder abermals https://voyageenbarbarie.wordpress.com/94-2/ lagen die geforderten Lösegeldsummen zwischen 20.000 und 40.000 US-Dollar (im Film selbst wird vom Folterunternehmer von manchmal beträchtlich höheren Beträgen berichtet). Das sind für EritreerInnen in Eritrea unvorstellbare Beträge. Familienmitglieder im Exil können Rettung bedeuten.

5. Zu den Folterungen der EritreerInnen siehe auch http://www.haaretz.com/israel-news/.premium-1.723281 oder www.researchgate.net/publication/256058475_Eritrean_Refugees_at_Risk_Trafficking_Torture_in_the_Sinai

6. Eine ebenfalls israelische Quelle zu den Sinai-Foltern und den libyschen Weiterentwicklungen ist Elizabeth Tsurkov, The New Torture Camps for Eritrean Asylum-Seekers, Hotline for Refugees and Migrants 6/10/2015 (hotline.org.il/en/the-new-torture-camps-for-eritrean-asylum-seekers)

7. Zu Folter im Libyen nach der NATO-Militärintervention siehe z.B. den Amnesty-Bericht Libya 2015/16 auf https://www.amnesty.org/en/countries/middle-east-and-north-africa/libya/report-libya/ – dieser hat jedoch nicht speziell die eritreischen Opfer von Folter-Unternehmern im Fokus.



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