Panafrika: Internationalismus versus Balkanisierung. Gedanken zum Nationalismus

21 März 2017 | By | Category: Allgemein, Diskussionen, Interessantes

Panafrika: Internationalismus versus Balkanisierung. Gedanken zum Nationalismus

Günther Lanier, Ouagadougou 15.3.2017

Der “Nation“ haftet ein Mythos natürlichen Gewachsenseins an. Erst in ihr läuft ein “Volk“ zur Blüte auf. In der Tat handelt es sich freilich um Artefakte, historische Konstrukte, Krücken beim Errichten von Staaten. Nationale Grenzen offenbaren in Afrika ihre Absurdität schneller als in Europa, sind sie doch ganz überwiegend kolonialen Ursprungs, Resultat von Zufall oder Schacher oder Überlegungen zur Opportunität innerhalb großer kolonialer Reiche.

Doch gerade in Afrika gelten diese Grenzen als sakrosankt – rar sind die Fälle, wo sie angetastet werden dürfen. Da war Eritrea Anfang der 1990er Jahre, dann der Südsudan 2011. Somaliland wird von niemandem anerkannt. Und was Marokko mit der ehemaligen Spanischen Sahara tut und tun darf, ist nach wie vor umstritten. Die Afrikanische Union (wie ihre Vorgängerin, die OAU) geriert sich als Garantin der kolonialen Unterteilung Afrikas in Nationalstaaten.

Achtung Staatsgrenze!

door-to-nothing

Terminologisches

Sobald wir den Status quo des staatlich organisierten Zusammengehörens nationaler Gemeinschaften antasten, befinden wir uns terminologisch in vermintem Territorium. Einerseits gibt es separatistische Bewegungen, denen ein nationales Korsett zu groß ist und die ein Stück herausbrechen wollen (zum Beispiel in Mali oder in Angola oder in Spanien), weil die Interessen ihres Volkes nicht genug zur Geltung kommen. 

Hier interessieren uns mehr die Fälle, wo bestehende nationale Einheiten als zu klein eingeschätzt werden. Dann opponieren wir gegen die im Titel angesprochene “Balkanisierung“. Ein Ausdruck, der mir unangenehm ist, wertet er doch den Balkan ab. Das Wort entstand aus dem Prozess der von den europäischen Mächten gegen das Osmanische Reich Ende des 19. Jahrhunderts betriebenen Aufsplitterung der Region. Ende des 20. Jahrhunderts passierte dann dasselbe noch einmal, nur richteten sich die deutschen, österreichischen, usw. Bestrebungen dann gegen Jugoslawien. Ein alternativer Terminus wäre die “Kleinstaaterei“, dieser Ausdruck aus dem frühen 19. Jahrhundert wertet nur die Existenz kleiner und kleinster (deutscher) Staaten ab. Nur ist “Kleinstaaterei“ leider zutiefst deutschnational  und nationalsozialistisch durchtränkt.

Und dann gilt es zu wählen zwischen Internationalismus und Kosmopolitismus. Das Herz der Linken votiert für den ersten Ausdruck, den der Fremdwörterduden mit “zwischenstaatlich, nicht national begrenzt“ übersetzt und der an die einst bestehenden weltweiten Organisationen realsozialistischer Parteien und Bewegungen erinnert. “KosmopolitInnen“, also “WeltbürgerInnen“, riechen hingegen nach Reichtum, nach Leuten, die genug Geld haben um überall hinzujetten oder sich niederzulassen, wo sie wollen, um höhere Profite einzufahren. Und das gilt wohl auch für die AfropolitanerInnen – gemäß Taiye Selasi nicht BürgerInnen, sondern AfrikanerInnen der (oder von) Welt.

Divide et impera

Für die Herrschenden ist es oft von Vorteil, wenn ihre UntertanInnen uneins sind – Widerstand, Aufstand oder gar Revolution kann nur passieren und erfolgreich sein, wenn Partikularinteressen in Solidarität aufgehen. Für die angeblich altrömische und daher nach wie vor gern lateinisch benannte Maxime des “Teile und Herrsche“ bietet das postkoloniale Afrika viel Anschauungsmaterial – wackelt ein Thron, werden (insbesondere ethnische) Spaltungen geschaffen und Konflikte geschürt. Nicht, dass es in Afrika nicht schon seit eh und je brutalste und blutigste Konflikte gegeben hat, aber ethnische Grenzen waren in der Regel fluid, variabel, verhandelbar.

Den von afrikanischen Mächtigen in rezenter Vergangenheit begangenen Verbrechen stehen die früheren der Kolonialmächte um nichts nach, und zwar vermehrt im unmittelbaren Vorlauf zur Unabhängigkeit. En passant seien hier nur die koloniale Erfindung des Hutu-Tutsi-Gegensatzes erwähnt sowie der französische Ursprung der Tuareg-Unabhängigkeitsbestrebungen. Außerhalb von Afrika bietet die Aufspaltung des indischen Subkontinents in Pakistan und Indien ein abschreckend blutiges Beispiel, wurde die Teilung von London doch just zu dem Zeitpunkt betrieben, wo die Entlassung in die Unabhängigkeit unvermeidlich geworden war. Ein weiteres, bereits oben kurz erwähntes Beispiel verbrecherischer europäischer Einmischung bietet der Zerfall des früheren Jugoslawien

Weichenstellung durch die ersten afrikanischen Präsidenten

So haben die Kolonialmächte, wo sie nur konnten, die “Unabhängigkeit“ an kleine nationale Einheiten übergeben – die bezweckte Abhängigkeit der Post-Kolonien konnte so leichter bewerkstelligt werden. Dennoch tragen die “Gründerpräsidenten“ einen guten Teil der Schuld an der afrikanischen Zersplitterung, die dem panafrikanistischen Ideal so diametral entgegensteht. Denn es gab sehr wohl Bestrebungen zum Zusammenschluss.

Am 29. und 30. Dezember 1958 fand in Bamako eine Konferenz statt, an der eine Föderation westafrikanischer französischer Ex-Kolonien unter dem Namen “Mali“ beschlossen wurde: Die Delegationen Senegals, der Sudanesischen Republik, Obervoltas und Dahomeys unterzeichneten die entsprechende Resolution. Doch der Zusammenschluss war nicht von Dauer – schon einen Monat danach bestand “Mali“ nur mehr aus dem Senegal und dem französischen Sudan, und eineinhalb Jahre später, im August 1960, brach auch dieser Föderationsrest auseinander. Auch weil die an die Macht in ihren Territorien mittlerweile Gewohnten offenbar nicht bereit waren zu teilen, was ihnen die Kolonialherren endlich zugestanden hatten.

mali-support

Eine Casablanca-Gruppe setzte dann die Idee der Mali-Föderation fort. Diese Gruppierung umfasste neben Guinea, Mali und Ghana noch die nordafrikanischen Staaten Ägypten, Algerien (zu dem Zeitpunkt offiziell noch nicht von Frankreich unabhängig), Libyen und Marokko.

Als Gegenpol zur “radikalen“, panafrikanistischen Casablanca-Gruppe wird dann 1961 die Monrovia-Gruppe gebildet, in der Frankreichfreund Houphouët-Boigny eine große, Panafrika zersetzende Rolle spielt – er hat mit dem Druck, den er auf Obervolta ausgeübt hat, schon eine Hauptrolle beim schnellen Ende der Mali-Föderation gespielt. Die gemäßigteren Positionen der Monrovia-Gruppe und die von ihnen (freilich nicht unter dieser Überschrift) favorisierte “Balkanisierung“ werden sich bei der Gründung der Organisation Afrikanischer Einheit 1963 durchsetzen (das übliche anglophone Akronym ist OAU). 2002 wird diese Organisation Afrikanischer Einheit dann in die Afrikanische Union (AU) umgegründet um ihr neues oder mehr Leben einzuhauchen. Aber auch die AU kann nicht als panafrikanistisch durchgehen.

Von der EU lernen, wie es nicht geht

So unmodern sie sind und sosehr es sich um artifizielle Konstrukte handeln mag: Nationalstaaten können Schutz bieten. Schauen wir genau hin, was die Alternative ist. Gerald Oberansmayr, auf Österreich und die Europäische Union bezogen: “Das Gegenteil der Kleinstaaterei ist der Reichsgedanke“. Die EU ist ein abschreckendes Beispiel einer supra-nationalen Einheit, die sich immer unverfrorener über die Bedürfnisse der großen Mehrheit ihrer circa 750 Millionen BürgerInnen hinwegsetzt. Von Anfang an mehr eine Union der Wirtschaft als der “Völker“ und insofern wenig demokratisch und noch weniger sozial, wurde sie in der Folge gegen Flüchtlinge und MigrantInnen aus aller Welt immer mehr zur Festung ausgebaut. Nunmehr ist sie drauf und dran, unter deutscher Führung eine Militär-Union zu werden. Der Ex-Grüne Van der Bellen ist ganz und gar einverstanden. Leider nicht nur er.

Anmerkungen: 

1. Dieser Artikel beschäftigt sich nicht oder wenig mit Panafrikanismus. Das bleibt vielleicht einem zukünftigen vorbehalten. Einem Lefaso.net-Artikel vom 13.3.2017 entnehme ich, dass Lazare Ki-Zerbo, Philosoph und Sohn des berühmten Historikers Joseph Ki-Zerbo, soeben ein Buch über den Panafrikanismus mitherausgegeben hat: “Idéal panafricain contemporain“ – wahrscheinlich beruhend auf dem “Sozialwissenschaftlichen Campus“ der Codesria, der 2008 unter diesem Namen stattgefunden hat.

2. Dass Nationen “eingebildete Gemeinschaften“ sind, wissen wir spätestens seit Benedict Anderson und seinen “Imagined Communities“. Benedict Anderson, Imagined Communities. Reflections on the Origin and Spread of Nationalism, London (Verso) 1983 (Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, Frankfurt/Main (Campus) 1988).

2. Eritrea wurde de facto 1991, de iure 1993 von Äthiopien unabhängig.

3. Somaliland besteht de facto seit 1991 als unabhängiger aber international nicht anerkannter Staat.

4. Die Tür ins Nichts – hier präsentiert unter dem Titel “Achtung Staatsgrenze!“ – habe ich im Mai 2014 auf den Wiener Steinhofgründen fotografiert.

5. Der Begriff “Balkanisierung“ hat auch den Vorteil, weitgehend dem im Französischen oder Englischen üblichen Begriff zu entsprechen (während es für Kleinstaaterei keine Pendants gibt). So geißelte Senghor die (west)afrikanische Kleinstaaterei eben als “balkanisation“.

6. Gegen die Idyllisierung afrikanischer Geschichte schrieb zum Beispiel Yambo Ouologuem sein Le Devoir de violence, Paris (Le Serpent à Plumes) 2003 (© 1968).

7. In Mali war der letzte Tuareg-Aufstand, 2012, wohl durchaus im Sinne Frankeichs, hat er doch die Präsenz französischer Truppen im Sahel in die Wege geleitet.

8. Die Kolonialmächte haben freilich auch alles getan, damit ihnen genehme Politiker zu Gründerpräsidenten wurden.

9. Von mir gezeichnete Karte: Mali-Föderation Januar-März 1959.

10. Die OAU fördert den Nationalismus ihrer Mitglieder. Yacouba Zerbo, La problématique de l’unité africaine (1958-1963) in: Guerres mondiales et conflits contemporains Nr.212, 2003/4 (Presses Universitaires de France), pp.113-127, verfügbar auf: https://www.cairn.info/revue-guerres-mondiales-et-conflits-contemporains-2003-4-page-113.htm.

11. “We are Afropolitans: not citizens, but Africans of the world“. Taiye Selasi, Bye-Bye Babar, The LIP Magazine 3/3/2005, verfügbar auf: http://thelip.robertsharp.co.uk/?p=76.

12. Gerald Oberansmayr, Das Gegenteil der Kleinstaaterei ist der Reichsgedanke, Solidarwerkstatt 16.2.2017, http://www.solidarwerkstatt.at/index.php?option=com_content&view=article&id=1635:das-gegenteil-der-kleinstaaterei-ist-der-reichsgedanke&catid=48&Itemid=224

13. Der Begriff “Festung Europa“ stammt aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Er wurde auf beiden Seiten der Front verwendet um die Bemühungen des Dritten Reichs zu versinnbildlichen, das von ihm besetzte Territorium gegen Angriffe von Großbritannien (und seien Verbündeten) abzuschirmen.

14. Zu Van der Bellen und wie wenig er sich in Sachen europäische Militärunion von HC Strache unterscheidet siehe auch Gerald Oberansmayr, HC und VdB für EU-Armee, Solidarwerkstatt 3.3.2017, verfügbar auf: http://www.solidarwerkstatt.at/index.php?option=com_content&view=article&id=1645:hc-und-vdb-fuer-eu-armee&catid=62&Itemid=89



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