Ägypten und Äthiopien können sich alles erlauben

3 Mai 2017 | By | Category: Allgemein, Interessantes, Interessantes

Günther Lanier, Ouagadougou 26.4.2017

Was verbindet Ägypten und Äthiopien? Zunächst sind sie sich im Alphabet nahe, auch im Englischen oder im Französischen. Beide haben eine reiche, weit zurückreichende Geschichte. Außerdem ist da der Nil. Der trennt mittlerweile allerdings mehr als er verbindet, gibt es doch seit langen Jahren Streit über die Wasseraufteilung – Äthiopien baut seinen Grand Renaissance-Staudamm (der soll 2017 fertig werden) und Ägypten hat alles versucht, bis zu Kriegsdrohungen, um zu verhindern, dass das Land an der Quelle des Blauen Nils einen zu großen Anteil seines Wassers verbraucht und das lebensspendende Nass derart daran hindert, den Unterlauf des Flusses wie seit Menschengedenken zu befruchten.

Aber hier soll es heute um Geostrategisches gehen. In beiden Ländern sind brutale, autoritäre Regime an der Macht. Dennoch werden beide von den demokratischen Vorreitern der Satten Welt (USA, Deutschland, et al.) umworben und können sich intern so ziemlich alles erlauben, was sie wollen. Wieso ist hier bad governance plötzlich kein Stein des Anstoßes?

Hieroglyphs_from_the_tomb_of_Seti_I

Im Osten Sahara, im Westen Sahara, und dazwischen dieser schmale Streifen fruchtbaren Landes, Geschenk des Nils, mit seinen jährlichen, schlammbringenden Überschwemmungen. Wo die Hieroglyphen erfunden wurden. Wo die “Wiege der Zivilisation“ stand. Und seit Cheikh Anta Diop wissen wir, dass die alten ÄgypterInnen Schwarze waren.

90 Millionen EinwohnerInnen (Platz drei in Afrika) auf 1,0 Millionen km2 (davon allerdings 96% Wüste) mit der afrikaweit zweitgrößten Wirtschaft (laut Weltbank/2015) – pro Kopf ergibt das 3.600 USD jährlich.

Ägypten ist zweifellos ein Schwergewicht in Afrika. Aber seine überdimensionale geostrategische Bedeutung hat zwei andere Gründe: den Suezkanal und seinen Frieden mit Israel.

Suezkanal

Der 162 km lange Suezkanal wurde 1859-69 gebaut, 1,5 Millionen sollen an den Arbeiten beteiligt gewesen sein, erwähnt wird meist nur der Initiator und Betreiber des Projekts, Ferdinand de Lesseps. 2015 wurde in Ergänzung zum bestehenden Kanal und zu seiner Begradigung ein 37 km langer Kanalabschnitt eröffnet, der die Durchfahrtszeit etwas verkürzt. 2015 haben über 17.000 Schiffe den Kanal durchquert.

Friede mit Israel

Der Friede mit Israel wurde am 26.März 1979 geschlossen. Basis waren die Camp-David-Verhandlungen vom September 1978, wo unter den wachsamen Augen Jimmy Carters der israelische Ministerpräsident Menachem Begin und Ägyptens Präsident Anwar as-Sadat verhandelt hatten. Die beiden Länder erkannten sich gegenseitig an und beendeten den seit 1948 andauernden Kriegszustand. Israel gab zudem den Sinai zurück. Ägypten war damals das erste Land, das aus der arabischen “Einheitsfront“ ausscherte und Israel anerkannte (Jordanien folgte erst 1994). Es wurde neben Saudiarabien zum wichtigsten und wohl auch sichersten arabischen Verbündeten der USA.

Solange diese beiden Eckpfeiler – freie Schifffahrt durch den Kanal und keine Aggression gegen Israel – nicht angetastet werden, darf Ägypten machen, was es will, es wird von der Satten Welt – auch militärisch – massiv unterstützt. Gamal Abdel Nasser (1954-70 Präsident) war ein Problem gewesen – er war viel zu unabhängig, nicht umsonst war er 1955 in Bandung einer der Gründer der Blockfreienbewegung. Als er am 26.Juli 1956, zwölf Jahre vor Ablauf der Konzession der Kanalgesellschaft, den Suezkanal verstaatlichte, griffen Frankreich,

Großbritannien und Israel gemeinsam Ägypten an – der militärisch unterlegene Nasser konnte dann mit Hilfe von UdSSR und USA einen Waffenstillstand schließen. Die Verurteilung des Angriffs durch die UNO bedeutete für Nasser die Verwandlung der militärischen Niederlage in einen prestigeträchtigen politischen Sieg über die Ex-Kolonialmächte. Der Kanal ist bis heute in ägyptischem Staatsbesitz.

Die Freundschaft, die Ägypten seit Ende der 1970er Jahre für die USA hegt, ist eine einträgliche. Von 1979 bis 2003 soll das Land 19 Mrd USD an Militärhilfe und 30 Mrd USD an sonstiger Hilfe lukriert haben. Nach Israel ist es der zweitwichtigste Nicht-NATO-Partner der USA.

Und auch das Verhältnis zur EU-Führungsmacht Deutschland scheint ungetrübt. Da gab es im Juni 2015 den Besuch Staatspräsident Abd al Fattah al Sisis in Berlin. Merkels Gegenbesuch in Kairo fand erst vor kurzem statt, Anfang März 2017. Auf deutscher Seite ist vor allem in sicherheitspolitischer Hinsicht die Rede von vertrauensvoller und enger Zusammenarbeit.

Kolosstatue_Ramses_II_Memphis

Dass seit dem Militärputsch gegen Präsident Mursi im Juli 2013 die Menschenrechte nicht respektiert werden, dass es keine Pressefreiheit gibt, dass ein ausländischer Student, der zu einem falschen Thema forscht, an den Foltern des ägyptischen Geheimdienstes stirbt (darauf deutet alles hin, es ist für den Cambridge-Doktoranden Giulio Regeni aber nicht erwiesen oder zugegeben), dass al Sisis Regime das des Langzeitdiktators Hosni Mubarak in Sachen Härte und Brutalität in den Schatten stellt, dass der Staatschef Macht in einem Ausmaß konzentriert, das so manchen Pharao vor Neid erblassen hätte lassen, all das stört ganz offensichtlich gar nicht. Die Hoffnungen des Arabischen Frühlings von 2011 wurden vor kurzem mit der Freisprechung und der Freilassung Mubaraks symbolisch begraben.

Abessinien

Wenn große Teile Äthiopiens hoch liegen (50% über 1.200 m), dann zweifellos, damit seine BewohnerInnen auf die AfrikanerInnen hinunterschauen können. Zumindest AmharInnen und Tigray gehören ja semitische Ethnien an, haben also “guten Grund“, sich nicht für AfrikanerInnen zu halten.

Lucy lebte in Äthiopien – das ist 3,2 Mio Jahre her. Um einiges später wurde das nordäthiopische Aksum-Reich (es entstand im 1. Jhdt. n.Chr., im 4. Jhdt. konvertierte sein Herrscher zum Christentum) zu einem der ersten christlichen Königreiche der Welt. Zur Zeit der portugiesischen Entdeckungsfahrten nährte ein sagenumwobener Priesterkönig Johannes die Sehnsüchte und inspirierte Entdeckungsfahrten.

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Abermals ein paar Jahrhunderte später, als die Berliner Konferenz von 1884/85 den Wettlauf um Afrika und dessen Aufteilung unter den Kolonialmächten auslöste, blieb Abessinien neben dem SklavInnenrückkehrland Liberia der einzige Staat, der nicht kolonisiert war. Italien hätte es probiert, schaffte es aber nicht. Im Krieg von 1895/96 gelang es dem Negus Menelik II oder vielmehr seinen Truppen, die abessinische Souveränität zu wahren. Entscheidend war dabei die Schlacht von Adua, in Nordäthiopien, am 1.März 1996.

In der Folge sollte dann Mussolini “Rache für Adua“ nehmen, er gewann den Krieg, aber die Fremdherrschaft dauerte nur fünf Jahre, 1936-41.

Ohne Adua hätte Bob Marley wohl kaum seinen Rastafaris Haile Selassie I. zum Messias erkoren. Denn zum Gott eignet sich dieser “König der Könige“ und “225. Nachfolger des Königs Salomo“ eigentlich kaum, er hielt auf Biegen und Brechen an seiner absoluten Macht fest. Bis es zu spät war.

Battle_of_Adwa_tapestry_at_Smithsonian_2

Äthiopien hat 100 Millionen EinwohnerInnen (Platz zwei in Afrika hinter Nigeria) auf 1,1 Millionen km2 und es verfügt afrikaweit über die achtgrößten Wirtschaft – pro Kopf sind es laut Weltbank 619 USD pro Jahr. Das ist nicht sehr üppig.

Nach der Absetzung Haile Selassies 1974 übernahm das Heer die Macht, bis 1991 herrschte die “Derg“ genannte Militärjunta unter Mengistu Haile Mariam. Dessen Herrschaft hatte wenig von der verkündeten “sozialistischen Volkrepublik“ an sich, außer, dass sie sich die Feindschaft der USA und Waffenlieferungen der UdSSR sicherte. Vom Norden her, insbesondere aus dem annektierten Eritrea, griff Widerstand um sich – der Bürgerkrieg war auch ein wesentlicher Grund, warum Äthiopien Mitte der 1980er Jahre sehr viel mehr als andere Länder.

Ostafrikas von der Trockenheit und der Hungerkatastrophe betroffen war. Schließlich gelangte 1991 eine “Revolutionäre Demokratische Front der Äthiopischen Völker“ (EPRDF) unter dem Tigray Meles Zenawi an die Macht. Und dort ist sie noch heute – Meles Zenawi ist nach seinem Tod 2012 als Ministerpräsident von Hailemariam Desalegn abgelöst worden.

Ausnahmezustand, Einsperren, Foltern, Umbringen – anything goes

Der ursprünglich linken EPRDF (Ethiopian People’s Revolutionary Democratic Front) ist in den 26 Jahren an der Macht Überraschendes gelungen. Dass sie zu Beginn die Sympathien der kapitalistischen Welt, der USA vor allem, genoss, lag daran, dass sie gegen den jahrzehntelangen sowjetischen Verbündeten Mengistu gekämpft und letztlich gesiegt hatte. Damals wurde Meles fast zu einer Lichtgestalt hochstilisiert (nicht viel anders als Museveni in Uganda, aber dessen Image hat seither stärker gelitten). Er würde das Land umkrempeln, modernisieren, demokratisieren. Beachtlich ist, dass es Meles in seinen 21 Jahren an der Macht (und seinem Nachfolger in den fünf Jahren seither) gelungen ist, einen Diskurs zu halten und eine Politik zu betreiben, die ihm fortgesetzte Unterstützung der Nummer 1 der Welt sichern. Dazu bedarf es heutzutage zuvorderst des Engagements gegen den weltweiten Terrorismus. Meles betrieb ihn in Wort und auch Tat (äthiopische Truppen waren in den 2000er Jahren in Somalia stationiert um gegen die al-Shabaab zu kämpfen).

Als Gegenleistung hat Addis in anderen Belangen völlig freie Hand. UNO-Beschlüsse missachten ist kein Problem (so den die Grenzziehung zu Eritrea betreffenden, nach dem Krieg der ehemaligen Verbündeten 1998-2000, dessen Dummheit nur von seiner Blutigkeit übertroffen wird). Und dasselbe gilt für den Umgang mit Oppositionellen. Ausnahmezustand, Einsperren, Foltern, Umbringen – alles scheint erlaubt.

Eine Eskalation der Proteste der Opposition und das Verhängen des Ausnahmezustands haben die EU-Chefin Angela Merkel im Oktober 2016 nicht davon abgehalten, ihren Äthiopien-Besuch wie geplant über die Bühne gehen zu lassen. Addis ist auch der Sitz der Afrikanischen Union. Da ist von vornherein schon Beziehungspflege angesagt.

 

Anmerkungen:

1. Foto “Hieroglyphen vom Grab Seti I“ von Jon Bodsworth 28.9.2007 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hieroglyphs_from_the_tomb_of_Seti_I.jpg

2. Foto “Kolosstatue Ramses II. in Memphis“ cono Dominik Knippel, 18.3.2005 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kolosstatue_Ramses_II_Memphis.jpg

3. Priester Johannes auf dem Thron, aus Queen Mary’s Atlas von Diogo Homem, 1558, British Library, Add. 5415 A, folio 15 verso https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Prester_John.jpg

4. Foto “Schlacht von Adua/Wandteppich/Smithsonian“ von Joshua Sherurcij 29.10.2009 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Battle_of_Adwa_tapestry_at_Smithsonian_2.png

5. Cheikh Anta Diop, 1923-86, senegalesischer Historiker, Anthropologe, Ägyptologe und Politiker. Seit kurzem gibt es einen Dokumentarfilm über ihn: Ousmane William Mbaye, Kemtiyu, Cheikh Anta, 94‘, Senegal 2016. Sein bekanntestes Buch ist das 1955 publizierte Nations nègres et culture (Schwarze Nationen und Kultur).

6. Weltbank-Daten zum BIP herunterladbar auf http://data.worldbank.org/data-catalog/GDP-ranking-table, fürs BIP/Kopf: http://data.worldbank.org/indicator/NY.GDP.PCAP.CD?name_desc=false.

7. Der sagenumwobene Priesterkönig Johannes war ursprünglich in Asien “daheim“ – Portugal siedelte ihn im 15.Jhdt. bewusst nach Afrika um, hoffend, dass das seine Expansion begünstigen würde. Dabei dienten das oben erwähnte Aksum-Reich (es bestand bis ins 10.Jhdt.) und das Nachfolgereich von Lalibela (ab dem 13.Jhdt., bekannt sind vor allem die aus dem Felsen gehauenen Kirchen von Lalibela) als realer Hintergrund.



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