Die gar nicht so kleinen Mikrokredite der Frau des Warlords

29 Mai 2017 | By | Category: Allgemein, Interessantes

Günther Lanier, Ouagadougou 24.5.2017

Es geht hier um Verhältnismäßigkeiten. Reichtum und Einkommen sind sehr ungleich verteilt. Das gilt weltweit und das gilt in Ländern wie der Côte d’Ivoire oder Südafrika noch stärker. Der ivorische Ex-Warlord und nunmehrige Präsident Alassane Ouattara hat mit seinem absurden handling des Ex-Rebellen-Aufstands (siehe meinen RadioAfrika-Artikel der Vorwoche) gerade bewiesen, wie enthoben er der ivorischen Realitäten ist. Das scheint auch für seine Frau zu gelten.

3 Frauen tragen Gemüse am Kopf - 800px-Biella-artigianato_orientale

Dominique Nouvian

… hieß sie bei ihrer Geburt 1953. Besser bekannt ist sie unter dem Namen Dominique Ouattara. Sie ist First Lady der Côte d’Ivoire. Das ist ein “Posten“, der in Afrika beträchtliche Macht mit sich bringt.

Ich weiß nicht viel über sie und es geht mir auch nicht um sie persönlich. Was die Wikipedia-Seite ihres Gatten über sie verrät, passt sehr gut zu dem, was hier mein Anliegen ist: Als die beiden sich 1984 kennenlernten, war sie eine erfolgreiche Geschäftsfrau: Im Immobilien-Geschäft groß geworden, verwaltet sie unter anderem die des Ivorers Félix Houphouët-Boigny und des Gabuners Omar Bongo Immobilien, beides steinreiche afrikanische Langzeit-Präsidenten, der erste war 1990-93 der unmittelbare Vorgesetzte ihres Mannes. Mit den Reichen und Mächtigen kann sie ganz offensichtlich umgehen. Zur Hochzeit von Alassane und Dominique kommen 1991 zum Beispiel Jean-Christophe Mitterrand (der Papamadit-Sohn des früheren französischen Präsidenten) und Martin Bouygues (seit 1989 Chef/PDG des Bouygues-Firmenimperiums).

Korrekterweise hat Dominique Ouattara alle unternehmerischen Tätigkeiten eingestellt, als sie First Lady der Côte d’Ivoire wurde.

Dominique et A. Ouattara et Henry Bellingham 2012 - 800px-Foreign_Office_Minister_Henry_Bellingham_meeting_President_and_First_Lady_of_Côte_d'Ivoire,_26_July_2012 c

 

Seit 1989 macht Dominique Ouattaraauf Wohltätigkeit, da gründete sie die Stiftung “Children of Africa“. Meine Aufmerksamkeit erregte sie aufgrund eines kleinen Artikels, den Jeune Afrique am 1.Februar 2017 online stellte: “Nacheiferinnen für den von Dominique Ouattara geschaffenen Frauenunterstützungsfonds“. Der Artikel berichtet, dass die First Ladies von Niger, Tschad und Congo-Brazzaville – alle drei übrigens ähnlich frankreichnah wie die Côte d’Ivoire – sich interessiert gezeigt haben, in ihren Ländern ebensolche Frauenfonds einzurichten.

So weit so gut. Oder eigentlich sogar super! Zugang zu Krediten ist für die Armen und für Frauen nicht nur in der Côte d’Ivoire, sondern auch anderswo in der Dritten Welt ein Riesenproblem. Genau deswegen haben sich ja, seit Muhammad Yunus 1976 in Bangladesch die Grameen Bank gegründet hat, Mikrokreditinitiativen wie ein Lauffeuer verbreitet – und das auf der ganzen Welt, bis in die Armenviertel von US-Großstädten hinein.

Was meine Aufmerksamkeit erregte, waren die Beträge, um die es geht. Die von Dominique Ouattaras Fonds vergebenen Kredite belaufen sich laut Jeune Afrique auf 100.000 bis 300.000 F Cfa. Das sind in der Côte d’Ivoire stattliche Beträge – wenn es umgerechnet mit 150 bis 450 Euro auch nicht nach Luxus ausschaut. In der Côte d’Ivoire wurde der monatliche Mindestlohn erst 2013 von 36.607 auf 60.000 F Cfa erhöht – und der betrifft sowieso nur die recht wenigen Beschäftigten des formellen Sektors (und wurde dort sicher nicht durchgehend umgesetzt). Als Maßstab relevanter dürfte die Armutsgrenze sein, die liegt bei monatlich 22.423 F Cfa, also 34,18 Euro. Nach letzten, für 2015 geltenden Daten lebten 46,3% der IvorerInnen unter der Armutsgrenze. Um noch etwas exakter zu dimensionieren: Die 46,3% der Armen in der Côte d’Ivoire, also die “untere“ Hälfte der Bevölkerung, lebten 2015 mit einem durchschnittlichen Monatseinkommen von 18.768 F Cfa.

Nehmen wir das als Vergleichszahl, denn Mikrokredite sollen ja Armen zugutekommen.

Talibé Casamance - 450px-Vélingara-Talibés

Dominique Ouattaras Frauenunterstützungsfonds vergibt also Mikrokredite, die zwischen 5 und 16 Mal so viel wert sind wie das Durchschnittsmonatseinkommen der Armen, die davon profitieren sollen. Auf Österreich umgerechnet – 5 bis 16 Mal das Durchschnittseinkommen der unter der nationalen Armutsgrenze Lebenden – wären das zwischen 4.200 und 13.400 Euro. Nicht gerade winzig/mikro.

Zudem lassen sich ivorische und österreichische Lebensverhältnisse gerade am armen “Ende“ der Gesellschaft eigentlich gar nicht vergleichen. Denn im Großteil Afrikas verfügen ländliche Arme und insbesondere Frauen zum Teil über sehr wenig oder gar kein Geld – und überleben trotzdem. Das ist natürlich insbesondere darauf zurückzuführen, dass Subsistenz nach wie vor die landwirtschaftliche Produktion dominiert.

Jedenfalls ist ein Betrag von 200.000 F Cfa – 305 Euro, der Mittelwert der vergebenen Kredite – im dörflichen Kontext eine beträchtliche Summe. Meine eigenen Mikroprojekt-Erfahrungen stammen nicht aus der Côte d’Ivoire, sondern aus dem Kleinen-Bruder-Land Burkina Faso. Doch die Verhältnisse in den Dörfern sind zwischen den beiden Ländern vergleichbar, auch wenn Burkina Faso eine niedrigere Armutsgrenze und eine geringfügig niedrigere Armutsquote hat (2014: 40,1%).

Mikroprojekte für Frauen

Die AFD Songmanegre, mit der ich seit knapp fünfzehn Jahren gegen die Exzision und andere Gewalt gegen Frauen zusammenarbeite, hat in den 68 Dörfern des Départements Kongoussi (100 km nördlich der Hauptstadt Ouagadougou) Frauenclubs mit je zehn Frauen eingerichtet. Um diesen Frauen und dem, was sie zu sagen haben, mehr Gewicht zu verleihen, haben wir sie im Lauf der letzten Jahre mit Mikrokreditfonds ausgestattet, wobei die AFD die Vorbereitung und Umsetzung der Mikroprojekte berät und begleitet und über die Rückzahlung aus nächster Nähe wacht.

Da unsere Mittel begrenzt sind, haben wir langsam begonnen. Zunächst gab es 50.000 F Cfa pro Frauenclub, 76,22 Euro. Ich hatte erwartet, dass dieses Geld die Runde machen würde, wie das bei den in ganz Westafrika verbreiteten tontines der Fall ist, dass also eine nach der anderen Zugang zu den 76 Euro erhalten würde. Doch keineswegs! Die 50.000 wurden auf die zehn Frauen aufgeteilt, jede einzelne wirtschaftete zu Beginn somit mit 5.000 F Cfa, “lächerlichen“ 7,6 Euro. Freilich klagten sie, dass das zu wenig sei. Einige Frauenclubs poolten das Geld und betrieben ein Gemeinschaftsprojekt. Aber sie waren zufrieden! Glücklich ob des Zugangs zu (für uns lächerlichen) Geldbeträgen.

Erst nach mehr als einem Jahrzehnt in Burkina gingen mir die Augen auf.

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Wir haben seither die Mikrokreditfonds überall auf 100.000 F Cfa verdoppelt. Und in 10 Dörfern, wo sich die Frauen als besonders dynamisch erwiesen, konnten wir bereits 2016 abermals aufstocken und dort sind für die je zehn Frauen jetzt 200.000 F Cfa verfügbar. Und diese Verdoppelung auf 200.000 nehmen wir heuer für die restlichen 58 Dörfer in Angriff.

Es ist gut, klein zu beginnen

Ex-post gesehen, hätten wir besser gar nicht vorgehen können. Die Frauen konnten sich langsam eingewöhnen. Das anfängliche Schulen von zwei Vertreterinnen pro Frauenclub in ganz einfachem Projektmanagement und noch einfacherer Kostenrechnung hat sicher auch geholfen. Wichtiger war die Praxis – es selbst zu tun und das begleitet.

Frauen, die anders als Dominique Ouattara keinerlei Erfahrung im Managen und profitorientierten Wirtschaften haben, brauchen enge und anhaltende Begleitung, um zu reüssieren. Insbesondere muss der Druck auf Kredit-Rückzahlung erheblich sein, damit sie nicht den ständigen dringenden familiären Bedürfnissen um sie herum nachgeben – da ist ein Kind krank, dort fordern Verwandte oder NachbarInnen einen Beitrag für ein Begräbnis, und der Mann hat kein Geld für den Transport in die Provinzhauptstadt und schlägt auch einmal zu, wenn seine Frau stur bleibt und ihm nichts abgibt, vor allem aber ist kaum einmal genug da, damit sich alle wirklich sattessen… Es braucht übermenschliche Entschlossenheit um da zu widerstehen, oder – das ist der Trick erfolgreicher Mikrokredit-Programme – den Druck der Gruppe, die gemeinschaftlich haftet, plus einer engen Begleitung der Geldgeberinnen, hier der AFD.

Fonds-Angestellte aus der fernen Stadt können das selten leisten – Basisorganisationen aus der unmittelbaren Umgebung sind viel geeigneter. Und Fonds sind auch “zu faul“, um ihr Geschäft mit winzigen Beträgen zu machen. Je kleiner die Beträge, desto mehr Kredite, und die anfallende Arbeit pro Kredit ist circa gleich, egal, wie hoch die verborgte Summe – das war und ist ja auch der Grund, warum etablierte Banken vor dem Mikrokreditgeschäft zurückscheuen.

Die Wohltätigkeit der Großen

Fonds wie der von Dominique Ouattara können da nicht mit – ihre administrativen Kosten würden explodieren. Ich hoffe mich zu irren, aber ich nehme an, dass sie “zu große“ Kredite vergeben – ich vermute, dass sie sich Kleinhändlerinnen oder andere Unternehmerinnen aussuchen, die solche Summen gebrauchen und verwerten können, dass sie aber an den 46,3% der Armen (und unter den Frauen sind es auf jeden Fall noch mehr) vorbeiagieren.

Gestern, am 23.Mai, brachte der Standard eine kleine APA-Meldung. Angela Merkel und Ivanka Trump haben sich Ende April bei der internationalen Women20-Konferenz für die Förderung von Unternehmerinnen in Entwicklungsländern engagiert. Das zeigt Resultate: Saudiarabien und die Vereinigten Arabischen Emirate werden einen 100 Mio Dollar-Kreditfonds für Unternehmensgründungen von Frauen in Entwicklungsländern einrichten.

Und damit ist noch nicht Schluss: Auf mehreren solchen Mittelzusagen aufbauend, will die Weltbank beim G-20-Gipfel in Hamburg in zwei Monaten einen 1 Mrd Dollar-Fonds für die Partizipation von Frauen ankündigen. Toll! Nur bitte-bitte-bitte: Bringt das Geld wirklich zu denen, die es brauchen!

 

Anmerkungen:

1. Für die ganze Welt berechnet das Credit Suisse Research Institute einen Gini-Index von 92,7 für die Vermögen – 100 ist der maximal mögliche Wert für dieses Maß der Vermögensungleichheit. Viel ärger geht es also nicht. Quelle: Credit Suisse Research Institute, Global Wealth Databook 2016, Zürich (Credit Suisse AG) Nov.2016 auf: http://publications.credit-suisse.com/tasks/render/file/index.cfm?fileid=AD6F2B43-B17B-345E-E20A1A254A3E24A5

2. Drei Frauen tragen Körbe mit Gemüse auf ihren Köpfen. Foto Twice25 & Rinina25 o.J. und ohne Ortsangabe: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Biella-artigianato_orientale.jpg. Abgebildet ist hier offenbar Hanfseil-Kunsthandwerk.

3. Infos zu Biographischem von Dominique Nouvian/Ouattara: https://fr.wikipedia.org/wiki/Alassane_Ouattara sowie https://fr.wikipedia.org/wiki/Dominique_Ouattara.

4. Dominique und Alassane Ouattara mit dem britischen Parliamentary Under Secretary of State for Foreign and Commonwealth AffairsHenry Bellingham 2012 in London. Foto Foreign and Commonwealth Office 26.7.2012 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Foreign_Office_Minister_Henry_Bellingham_meeting_President_and_First_Lady_of_C%C3%B4te_d%27Ivoire,_26_July_2012.jpg?uselang=fr.  Foto bearbeitet/zugeschnitten GL.

5. Côte d’Ivoire : le fonds d’appui aux femmes lancé par Dominique Ouattara fait des émules, Jeune Afrique 1.2.2017/18h12 Par Jeune Afrique http://www.jeuneafrique.com/mag/398192/economie/cote-divoire-fonds-dappui-aux-femmes-lance-dominique-ouattara-emules/

6. Zum Mindestlohn (SMIG) siehe http://news.abidjan.net/h/480417.html. Daten zur ivorischen Armut von der Weltbank (auf http://data.worldbank.org/country/cote-divoire herunterladbar) – den Durchschnittslohn der Armen habe ich mit Hilfe der Armutsschwelle (Webseite des nationalen Statistikinstituts: www.ins.ci/) und der Armutslücke der Weltbank berechnet.

7. Bettelnde Talibé (Koranschüler) in Vélingara (Casamance/Süd-Senegal). Talibé gibt westafrikaweit. Foto Barry Pousman 19.3.2008 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:V%C3%A9lingara-Talib%C3%A9s.jpg.

8. Die nationale österreichische Armutsschwelle wurde mit 1.163 Euro festgelegt, der poverty gap (= der Betrag, um den die Armen durchschnittlich weniger verdienen als die Armutslinie, in Prozent der Armutslinie) beträgt 28%, somit liegt das monatliche Durchschnittseinkommen der armen ÖsterreicherInnen bei 837 Euro.

9. Zur AFD Songmanegré siehe auch meinen Artikel “Der alltägliche Kampf der Frauen. Der Internationale Frauentag in der burkinischen Provinz“, Wien (Radio Afrika TV) 4.4.2017, direkt zugänglich unter http://www.radioafrika.net/2017/04/04/der-alltagliche-kampf-der-frauen-der-internationale-frauentag-in-der-burkinischen/.

10. Genaugenommen handelt es sich bei den 68 “Dörfern“ Kongoussis um 63 Dörfer und 5 Stadtbezirke – die Département- und Provinzhauptstadt Kongoussi ist jedoch eine Kleinstadt mit eher ländlichem Charakter.

11. Foto von AFD/Claire Gyébré zur Verfügung gestellt, am 26.5.2013 in einem mir nicht benannten Dorf des Départements Kongoussi aufgenommen. Die junge Frau in der Mitte ist die Mikrounternehmerin, links von ihr die AFD-Obfrau Claire Gyébré, rechts ihre Stellvertreterin Andrea Ouédraogo.

12. 100 Millionen Dollar von Saudi-Arabien und Emiraten für Frauenfonds, DieStandard, 23. Mai 2017, 10:40 http://derstandard.at/2000058142068/100-Millionen-Dollar-von-Saudi-Arabien-und-Emiraten-fuer-Frauenfonds

 



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