Die Promotion afrikanischer Sprachen in der Literatur – Wunschvorstellung oder Realität?

13 Juni 2017 | By | Category: Afrikanische Literatur, Allgemein, Interessantes, Literatur, Vortrag

Von 2.-4.Mai 2017 war der berühmte Schriftsteller Ngũgĩ wa Thiong’o in Wien zu Gast.
Er spricht sich für die Etablierung afrikanischer Sprachen in der Literatur aus, versteht sich als antikolonial und stellet seine Werke vor. Tauchen Sie ein in die Welt eines kritischen afrikanischen Intellektuellen, der wertvolle Inputs liefert und die Machtverhältnisse von Sprachen zu analysieren und zu ändern versucht.

Als Einstieg für seinen Aufenthalt und die Workshops, die abgehalten hat, hielt er am Abend des 2.Mai einen Vortrag auf dem Institut für Afrikawissenschaften in Wien zum Thema „Promotion of african language literature“.

Der Kenianer plädiert dafür, literarische Werke vermehrt in afrikanischen Sprachen – also seiner Auffassung nach Sprachen, die keine Kolonialsprachen sind oder waren – zu publizieren. Er erläutert ein Phänomen, welches er selbst als „Identity theft“ bezeichnet: nämlich, dass viele afrikanische Schriftsteller_innen nicht in ihren afrikanischen Muttersprachen, sondern in europäischen oder eben Kolonialsprachen schreiben und so dasselbe Konstrukt aufrechterhalten wird, das der Kolonialismus zu erzielen versuchte: der Glaube, dass literarische Kompetenz und afrikanische Sprachen nicht vereinbar wären. Die Identität wird also insofern gestohlen, als dass afrikanische Autor_innen dann als „glokal“ betrachtet werden, sie also ihre afrikanische Identität gegen eine kosmopolitische tauschen und ihr Intellekt dann oft mit letzterer anstatt mit ersterer in Verbindung gebracht wird. „African literature must reclaim its identity“ meint Ngũgĩ wa Thiong’o, und Möglichkeiten zu finden, dies zu erreichen sowie mehr globales Augenmerk auf afrikanische Literatur zu richten, sind die Ziele der Workshops, die in den darauffolgenden Tagen abgehalten werden sollen. Des Weiteren sieht der Autor, welcher vom Leiter des Afrikainstituts Dr. Bodomo als „one of the most distinguished Africans of our time“ bezeichnet wurde, Translation als Schlüssel, um Kommunikation zwischen afrikanischen Sprachen möglich zu machen und erinnert daran, dass eben gerade die Übersetzung ein Sprachrohr darstellt. Man könnte dem entgegensetzen, dass durch die Übersetzung auch viele stilistische sprachliche Mittel verloren gehen würden. Dennoch ist gerade sein neues Werk „The Upright Revolution: Or Why Humans Walk Upright“ ein gutes Beispiel für gelungene Übersetzungsarbeit: sein Werk wurde in 64 Sprachen, davon 47 afrikanische, übersetzt. Im Zuge seines Vortrags teilte er auch seine Inspiration für eben dieses neue Werk: Der Autor hatte 2008 damit begonnen, anstatt von Geschenken Geschichten auszutauschen. Als ihn seine Tochter um eine Geschichte anlässlich ihres Geburtstags bat, erzählte er ihr die Geschichte der Dialektik des menschlichen Körpers – Why Humans Walk Upright.

Ngũgĩ wa Thiong’o, der sich selbst als antikolonialistisch versteht und bereits 1986 sein berühmtes Werk „Decolonising the mind: the politics of language in african literature“ veröffentlichte, bezeichnet Sprachen als den Sauerstoff der Zivilisation und betont, dass das Problem nicht sei, dass es so viele Sprachen gäbe, sondern, dass Machtverhältnisse zwischen ihnen vorherrschen. Es gibt eine Wertung der Sprachen der Welt – eine Wertung, deren Gründe, wie so oft, in ökonomischen Interessen zu suchen sind. Afrika, der rohstoffreichste Kontinent, ist gleichzeitig der ökonomisch Ärmste und auch weltweit gibt wenige Reiche, die auf die Kosten von vielen Armen leben. Sprachen wie Englisch und Französisch sind „mehr wert“ in einer kapitalistischen Welt als Sprachen wie Kiswahili oder Kikuyu – dies mag auch der Grund dafür sein, dass viele Afrikaner_innen weder das Selbstbewusstsein noch das Interesse dafür haben, einerseits mehrere afrikanische Sprachen zu lernen und andererseits in diesen zu publizieren.

Natürlich wurde im Zuge der Veranstaltung auch das manchmal mit Gewalt in Verbindung stehende Lernen neuer Sprachen besprochen – gerade zu Zeiten des Kolonialismus konnte in Afrika beobachtet werden, dass Menschen geschlagen wurden, wenn sie ihre Muttersprache anstatt der ihnen eingedrillten Kolonialsprache verwendeten. Während es einerseits als Bereicherung betrachtet werden kann, dass viele Angehörige der afrikanischen Bevölkerung so viele Sprachen sprechen, ist dies das Bildungsangebot betreffend ein Nachteil: Wie soll eine Person, deren Muttersprache Kikuyu ist und die dann in einer Fremdsprache unterrichtet wird, inhaltlich dieselben Leistungen erzielen wie eine Person, die ihre ganze Schulkarriere hindurch in ihrer Muttersprache unterrichtet wird? Es scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, und dennoch wird es von Vielen erreicht. Wie könnte man dieses Problem nun lösen und mehr Chancengleichheit schaffen? Manche plädieren dafür, beispielsweise in Tansania oder Kenia Kiswahili als führende Unterrichtssprache auf allen Schul- und Universitätsstufen zu etablieren und so einen dekolonialisierenden Effekt hervorzurufen. Allerdings lässt sich selbst dabei die Frage stellen, ob dies nicht, rein auf der Ebene der Bildung, denselben Effekt hätte? Denn nach wie vor wären Menschen, deren Muttersprache nicht Kiswahili sondern beispielsweise Massai oder Kikuyu sind, klar im Nachteil und mit demselben Problem konfrontiert. Wie wäre es also, wenn Bildungsinstitutionen in verschiedensten afrikanischen Sprachen unterrichten würden, es vielleicht verschiedene Schulklassen für die jeweiligen Sprachgruppen gäbe? Die Antwort darauf ist ebenso enttäuschend: es ist eine Utopie. Denn es gibt weder von den Regierungen noch sonst jemanden genug Interesse und vor allem Budget, um dies durchzusetzen.

Jedoch beweisen Menschen wie Ngũgĩ wa Thiong’o, die den Wert des Sprachenpluralismus erkennen und sichtbar machen, dass das Etablieren afrikanischer Sprachen möglich ist. Seine Werke sind sowohl literarisch als auch inhaltlich und politisch eine Bereicherung für die Welt.

Ngũgĩ wa Thiong’o:
„What’s wrong in the world is not that there are so many languages, but the relation of power between them.“

 

 

 

Kontakt für Fragen/Anmerkungen/Kritik: nadja.g@radioafrika.net

*Anmerkung: Manche der sich im Text befindlichen Denkansätze und Fragen wurden von der Redakteurin aufgeworfen und entstammen nicht dem direkten Wortlaut des Referenten, es sei denn, dies ist ausdrücklich so erläutert. Der Großteil des Inhalts wurde jedoch den direkten Aussagen vor Ort entnommen.

 

 

 



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