Lorbeeren für einen Mörder. Oder: Floribert Chebeya ins Grab spucken

16 Juni 2017 | By | Category: Allgemein, Interessantes

Lorbeeren für einen Mörder. Oder: Floribert Chebeya ins Grab spucken

Günther Lanier, Ouagadougou 7.6.2017

cross

Am 1.Juni 2010 ließ John Numbi, Generalinspekteur der Polizei, den Menschenrechtsaktivisten Floribert Chebeya in sein Büro vorladen. Am Abend schrieb Chebeya seiner Frau ein sms, Numbi hätte ihn nicht empfangen, er sei auf dem Weg nach Hause. Ob das folgende sms, er mache noch einen Umweg über die Universität, wirklich von ihm war, ist umstritten. Am 2.Juni 2010 wurden Floribert Chebeya und sein Kollege Fidèle Bazana in Mitendi am Südwestrand Kinshasas in ihrem Auto am Straßenrand ermordet aufgefunden.

Sieben Jahre später wird der Hauptverdächtige dieses Mordes, General John Numbi, dekoriert. Er ist nach dem Tod Chebeyas von seinem Posten beurlaubt aber nie belangt worden. Am 6.Juni 2017 wird bekannt, dass General John Numbi per Entscheid vom 16.Mai 2017 aufgrund seiner Verdienste und Loyalität als Großoffizier (der zweithöchste der fünf Ränge) in den Orden der nationalen Helden Kabila-Lumumba aufgenommen.

Der kongolesische Präsident scheint sich seiner Macht sehr sicher zu sein. Diese Dekoration kann kaum anders interpretiert werden als ein öffentliches Bekenntnis zur Eliminierung Chebeyas. Und den hat spätestens sein Tod im In- und Ausland bekannt gemacht.

Aneignung Lumumbas

Schon die Schaffung des Kabila-Lumumba-Ordens 2002 ist eine Anmaßung. Dass Joseph Kabila seinem Vater Laurent-Désiré, dessen Thron er 2001 erbt, damit ein immaterielles Denkmal errichtet, mag angehen. Aber mit Patrice Lumumba hat er nichts zu schaffen, er will nur dessen Ruf usurpieren. Lumumba ist Kabilas Antipode, integer und für sein Land engagiert.

 

Lumumba-IISG

Patrice Émery Lumumba, der erste Premierminister des unabhängigen Kongo, wurde am 17.1.1961 ermordet. Er wurde von katangischen Truppen erschossen, federführend waren aber Mobutu, der CIA und insbesondere die Ex-Kolonialmacht Belgien.

Danach etablierte sich Mobutu an der Macht – geboren als Joseph-Désiré Mobutu, hieß er später Mobutu Sese Seko Kuku Ngbendu wa Zabanga, “der Krieger, der von Eroberung zu Eroberung schreitet, ohne Angst zu haben“. Nach dem Ende des Kalten Krieges, gleichbedeutend mit dem Ende der automatischen Unterstützung Mobutus seitens der USA und vor allem Frankreichs, begann seine Macht zu bröckeln. Der Ruanda-Völkermord brachte bizarrerweise einen Aufschub seines Sturzes. Aber 1997 war es dann so weit. Aus dem Osten kommend eroberte der von Uganda, Ruanda und vor allem den USA unterstützte Laurent-Désiré Kabila das Land und ernannte sich am 17.Mai 1997 selbst zum Präsidenten.

Er erfüllte die in ihn gesetzten Hoffnungen nicht, verbot schon bald jegliche politische Betätigung und alle Parteien und brach mit seinen Verbündeten Uganda und Ruanda. 1998 begann der Zweite Kongo-Krieg (der erste hatte Kabila an die Macht gebracht) – aufgrund der Einmischung vieler Nachbarstaaten auch als (Erster) Afrikanischer Weltkrieg bezeichnet. Mehr als 3 Millionen sollen an ihm gestorben sein – 10% als Opfer direkter Gewalt, 90% als Folge von Krankheiten und Unterernährung.

Nachdem am 16.1.2001 einer seiner Leibwächter ein Attentat auf Laurent-Désiré Kabila verübt und die Regierung ohne irgendeine Art von Legitimation seinen Sohn Joseph, davor Generalstabschef, zum Präsidenten kürt, beginnen Verhandlungen, die im Dezember 2002 schließlich zum Frieden von Pretoria führen.

Der Sohn erweist sich als geschickt

Seither ist Joseph Kabila an der Macht. Dass ihm jahrelang vier Vizepräsidenten und eine Allparteienregierung an die Seite gestellt werden (2003-06), dass die UNO ihr weltweit größtes Truppenkontingent im Land stationiert hat(die MONUSCO), dass er Präsidentschaftswahlen eigentlich verliert (gegen Etienne Tshisekedi 2011), dass die “internationale Gemeinschaft“ wichtige Leute seines Regimes unter “Hausarrest“ stellt (Reiseverbot und Einfrieren der Konten), dass die Ermordung des Menschenrechtsaktivisten Floribert Chebeya einen weltweiten Aufschrei hervorruft, all das scheint ihn weder zu bekümmern noch zu bremsen  und erschüttert zumindest ganz offensichtlich seine Macht mitnichten.

Er kann sich nicht noch einmal zum Präsidenten wählen lassen? Werden halt die nächsten Wahlen “unmöglich“ und daher (ad infinitum?) aufgeschoben. Wird ihm ein Premierminister aus der Opposition an die Seite gestellt? Ernennt er einen Oppositionellen, der zu ihm übergelaufen ist. Jetzt hat er nicht einmal mehr einen würdigen Widersacher, Etienne Tshisekedi ist ja am 1.Februar 2017 gestorben. Dessen Sohn und Nachfolger an der Parteispitze Félix ist im Vergleich ein Leichtgewicht. Und dem früheren Verbündeten und Katanga-Gouverneur Moïse Katumbi hat Kabila ein paar Prozesse umhängen lassen, die ihn daran hindern, ins Land zurückzukehren und sich aktiver um die Präsidentschaft zu bemühen.

Joseph Kabila redet wenig (er muss beim großen Schweiger Blaise Compaoré in die Schule gegangen sein). An seinen mittlerweile 16 Jahren kongolesischer Präsidentschaft hat er sich dumm und dämlich verdient. Und mit jedem Tag werden er und sein Klüngel reicher. Wie lange wird er uns noch bleiben?

 

Wolframite_Mining_in_Kailo_DRC

Die Demokratische Republik Kongo ist ungeheuer reich an Bodenschätzen. An deren Ausbeutung sind viele interessiert – auf dem Foto hier sind die “Kleinen“ zu sehen, die um ihr Überleben graben. Die Großen hingegen haben Not und Krieg und Elend über das Land und die ganz überwiegende Mehrheit seiner BewohnerInnen gebracht. Reich geworden sind die Mobutus, Bembas, Kabilas und KonsortInnen.

Mögen Floribert Chebeya, Fidèle Bazana und andere Kabila-Regime-Opfer in Frieden ruhen! Möge den Millionen Toten der meist bodenschatzinduzierten Auseinandersetzungen und Kriege die Erde leicht sein!

 

Anmerkungen:

1. Ich hätt an den Beginn lieber ein Foto von Floribert Chebeya gestellt, aber es gibt offenbar kein freiverfügbares. Kreuz: Foto von Boris23, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Christian_cross.svg.

2. Zur Ordensverleihung an Numbi siehe Redaktion, John Numbi, Charles Bisengimana et consorts admis dans l’Ordre des héros nationaux, 6.6.2017, http://www.politico.cd/encontinu/2017/06/06/john-numbi-charles-bisengimana-consorts-admis-lordre-heros-nationaux.html.

Zum Orden der nationalen Helden Kabila-Lumumba siehe http://www.congo-autrement.com/page/l-ordre-national-heros-nationaux-kabila-lumumba.html und falls wen das Gesetz interessiert, das den Orden geschaffen hat: http://www.leganet.cd/Legislation/Droit%20administratif/Urbanismevoiries/Div/L.009.05.08.2002.htm.

3. Lumumba-Foto: unbekannteR FotografIn, International Institute of Social History, Amsterdam, 1950er Jahre,  Collection IISG https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lumumba-IISG.jpg.

4. Zu den Staaten, die im Ersten Afrikanischen Weltkrieg involviert waren, siehe das Unterkapitel “Beteiligte Staaten“ in https://de.wikipedia.org/wiki/Zweiter_Kongokrieg. Das folgende Unterkapitel “Kriegsopfer“ ebendort macht Angaben zur hochgerechneten Anzahl der Opfer.

5. Die MONUSCO heißt auf Deutsch Mission der Vereinten Nationen für die Stabilisierung in der Demokratischen Republik Kongo (bis 2010: Mission der Vereinten Nationen in der Demokratischen Republik Kongo).

6. Abbau von Kassiterit und Wolframit in Kailo, Maniema-Provinz, RDC. Foto Julien Harneis 31.10.2007, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wolframite_Mining_in_Kailo2,_DRC.jpg. Zu dem Thema siehe auch meinen Artikel vom 22.2.2017 “Gefährlicher Reichtum. Notizen zu Schätzen im Boden und ihrer Ausbeutung“ – von Radio Afrika am 28.2.2017 unter http://www.radioafrika.net/2017/02/28/gefahrlicher-reichtum-notizen-zu-schatzen-im-boden-und-ihrer-ausbeutung/ publiziert.

 



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