Auswärts, auf schwarzafrikanischem Boden: 1:0 für Israel gegen Marokko – oder doch 1:1

23 Juni 2017 | By | Category: Allgemein, Interessantes

Günther Lanier, Ouagadougou 21.6.2017

Es war ein kurioses Stück, das da Anfang Juni in Monrovia, der Hauptstadt Liberias, gespielt wurde. Die Ecowas, die westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft, hielt Hof. Dass sich die Staatschefs und die eine Staatschefin in Monrovia trafen, hatte einen simplen Grund: Es war der Abschiedsgipfel für die liberianische Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf. Nach einem Jahr an der Ecowas-Spitze übergab sie die Zügel an Faure Gnassingbé, der seit dem Tod seines Diktatorenvaters 2005 der Präsident Togos ist, bisher drei Mal gewählt.

Mohammed VI – der marokkanische König und Oberhirte der Gläubigen seines Landes, der sich gerne zu hoch-offiziellen Anlässen im Pyjama oder in Ku-Klux-Klan-ähnlichen Kapuzenmänteln zeigt – Mohammed VI hingegen vermasselte seine Gipfelteilnahme. Er schmollte. Der israelische Ministerpräsident, Benjamin Netanyahu, war von der Ecowas ebenfalls nach Monrovia eingeladen worden. Nicht “Bibis“ sehr rechte Politik und das Hintertreiben des Friedens mit den PalästinenserInnen war das Problem. Nein, Marokko unterhält keine diplomatischen Beziehungen zu Israel – arabische Solidarität oblige – und zwar seit dem Jahr 2000, da war Netanjahu in Tel Aviv nicht einmal an der Macht, es war der Beginn der Zweiten Intifada und der junge König war noch ganz frisch auf dem Thron. Schweren Herzens (nehme ich an – nach dem Triumph bei der Afrikanischen Union, hätte er sicher gerne auch beim Ecowas-Gipfel geglänzt) musste König Mohammed VI – Diplomatie oblige – zurückstecken.

Mohammed VI 2013 mit peruanischem Botschafter c

 

Nach seiner Ende Jänner 2017 bewerkstelligten Wiederaufnahme in die Afrikanische Union (die es wegen des Westsaharakonflikts und der Polisario-Mitgliedschaft viele Jahre zuvor gekündigt hatte) bemüht sich Marokko nun auch um Aufnahme in die Ecowas. Ein eigentlich absurdes Unterfangen, weil Marokko mitnichten in Westafrika liegt und die Ecowas die Wirtschaftsgemeinschaft der westafrikanischen Staaten ist. Aber das scheint niemanden zu stören. Die Aufnahme des Maghreb-Staates ist beschlossene Sache – und der Gipfel in Monrovia diente der Verkündigung. Insofern gehört Marokko also doch zu den Gewinnern, wie Israel, nur dass Mohammed VI aus protokollarischen Gründen dieses Mal den Triumph nicht live auskosten konnte.

Israel hofiert Schwarzafrika…

Haben die NachfahrInnen der Königin von Saba, die äthiopischen Falaschen, nach ihrer Heimholung Tel Aviv dazu gebracht, sich seiner afrikanischen Verwandten zu besinnen? Amharisch, Tigrinya und Tigre sind schließlich semitische Sprachen und Tschadisch (inklusive Hausa), Ägyptisch (Koptisch), Somali, Berberisch (inklusive Tamascheq) sind etwas weiter entfernte Verwandte.

Nur die Sahara-Staaten (mit der wichtigen Ausnahme Ägyptens) und Somalia haben heute keine diplomatischen Beziehungen zu Israel, der Rest Afrikas hat keine Berührungsprobleme.

Marokko bemüht sich schon länger um Schwarzafrika…

Schon in weit zurückliegender Vergangenheit hat Marokko in Westafrika eine Rolle gespielt. Und zwar nicht nur aufgrund des Transsahara-Handels, auch machtpolitisch. So waren es marokkanische Truppen unter Judar Pascha, die – waffentechnologisch überlegen – 1590 dem Songhay-Reich, dem größten der drei historischen Imperien auf dem Gebiet des heutigen Mali, ein Ende bereiteten und daraufhin so viel erbeutete Reichtümer nach Marokko schafften, dass dem damals herrschenden Sultan Ahmad al-Mansur der Beiname “der Goldene“ umgehängt wurde. Angesichts der Mühen der Wüstendurchquerungen dauerte die direkte Herrschaft allerdings nur etwas über zwanzig Jahre, bis 1612.

Im 20. und 21. Jahrhundert hat Marokkos 33-jährige Nicht-Zugehörigkeit zur Afrikanischen Union (bzw. ihrer Vorgängerin, der Organisation Afrikanischer Einheit) nicht bedeutet, dass kein Interesse an Schwarzafrika bestand, ganz im Gegenteil.

Ausverkauf afrikanischer Ökonomien

Da sind zum einen die früheren Kolonialmächte. Was Ökonomie oder Profit betrifft, waren die “schon immer“ da. Haben sich der Sektoren, die sie für interessant will heißen profitabel hielten, reserviert und dort ihre Unternehmen aufgebaut und die Dominanz teils bis zum heutigen Tag nicht mehr aufgegeben. Sie hatten gegenüber allen anderen einen erheblichen Startvorteil. Doch die “Unabhängigkeiten“, wenn sie auch mehr Trug als Wirklichkeit waren, haben doch eine Öffnung gegenüber der Konkurrenz mit sich gebracht.

Da waren zuerst die USA, die ja zu den Hauptbetreibern der Entkolonialisierung gehörten.

Und viel später kamen dann Deutschland und China und bemühten sich um Einfluss, wollten mitnaschen.

Und dann gibt’s noch so kleine Mächte, wie eben Israel und Marokko, die spielen freilich in einer anderen Liga. Aber auch sie kaufen ein. In letzter Zeit hilft die Politik immer mehr – der marokkanische König oder der israelische Ministerpräsident beteiligen sich an der Roadshow der Unternehmen ihrer Länder, helfen, wo sie können, machen Druck – wie es sich im Kapitalismus für die InhaberInnen der politischen Macht gehört.

Ohne davon viel Aufhebens zu machen, hat Marokko sein Unternehmensimperium im schwarzen Afrika über die letzten Jahrzehnte stark ausgebaut. Offenbar sind Banken das ganz dominante Ziel marokkanischer Begierden. Dahinter rangiert der Telekommunikationssektor. Versicherungen und die Bauindustrie scheinen langsam wichtiger zu werden, während Industrie, Bergbau und Handel weit abgeschlagen sind.

Es geht um Profit und es geht um Märkte. Die meisten afrikanischen Länder sind, ökonomisch gesehen, klein. Nehmen wir das BIP als Maßstab – zugegeben kein besonders toller, aber für unsere Zwecke hier reicht’s – und vergleichen wir.

BIP 2015 Ecowas Marokko Israel

Das BIP gibt eine ungefähre Idee von der wirtschaftlichen Gesamtgröße der Ecowas-Länder im Vergleich zu den beiden Ländern, die sich ihnen als Wirtschaftspartner anbieten. Die Unverhältnismäßigkeit wird klar sichtbar – das einzige Land, das mit Rabat und Tel Aviv mitkann, ist Nigeria – und das liegt zum einen an seiner riesigen Bevölkerung, zum anderen am Erdöl.

Das BIP ist ein erster Indikator, wie interessant ein Land für den Weltmarkt ist – es zählt ja einfach alles zusammen, was eine Wirtschaft im Lauf eines Jahres produziert, das ist Geld wert. Je mehr die Produktion eines Landes wert ist, desto mehr Geld ist prinzipiell auch fürs Einkaufen, für “den Markt“ da (allerdings muss die Subsistenzproduktion herausgerechnet werden – die geht ja völlig an jeglichem Markt vorbei).

In der nächsten Grafik ist das BIP pro Kopf zu sehen. Hier zeichnet sich Israel aus, Marokko fällt zurück. In einem sehr weiten und sehr ungenauen Sinn kann das BIP pro Kopf als Indikator der “Entwickeltheit“ einer Wirtschaft gesehen werden (Nigerias Öl gehört z.B. herausgerechnet). Die Ecowas-Länder liegen, gut sichtbar, weit zurück.

BIP pro Kopf 2015 Ecowas Marokko Israel

Die Ecowas öffnet sich gegenüber Marokko. Das mag in sich kein bedeutender Schritt sein und nicht allzu viel verändern. Aber die meisten afrikanischen Staaten liegen gegenüber den Großen – den früheren Kolonialmächten, den USA, Deutschland, China – eh schon auf dem Bauch im Staub. Macron besucht die französischen SoldatInnen in Mali, die ihr Hauptquartier in Gao haben, nicht in Bamako; also bestellt er den malischen Präsidenten, den er bei seinem Kurzbesuch auch sehen will, kurzerhand nach Gao; kein Problem, meint IBK, Gao ist ja genauso malisch wie Bamako. Weil also afrikanische Staaten sowieso alles machen, was ihnen von den Großen geheißen wird, schrumpfen die verbleibenden Schutzräume immer mehr zusammen  – Protektionismus ist nicht mehr en vogue, sogar das Cotonou-Abkommen ist Vergangenheit, da bleibt nicht viel mehr viel Souveränität, auf internationaler Ebene gerade noch Bündnisse wie die AU und subkontinentale Zusammenschlüsse, eben zum Beispiel die Ecowas. Wenn also die wenigen verbleibenden Schutzräume im Zeitalter voranschreitender Globalisierung sprich Unterwerfung unter das Diktat des Kapitals auch noch Außenstehenden zugänglich gemacht werden und seien sie königlichen Blutes…

Anmerkungen:

1. Ich polemisiere hier. Zum Verhältnis Israel-Marokko siehe zum Beispiel Noémie Grynberg, Le Maroc, Israel et les Juifs, 12. August 2015, http://www.dafina.net/gazette/article/le-maroc-israel-et-les-juifs. Www.dafina.net ist in der Eigendefinition “die“ Webseite der marokkanischen JüdInnen – einst lebten laut der Homepage über 400.000 JüdInnen in Marokko, jetzt seien es nur mehr 3.000.

Trotz diplomatischen Bruchs gab es seit 2000 zwischen den zwei Ländern vielfältige, auch offizielle Beziehungen. Zuletzt wurde sogar von einer Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen gemunkelt (afrol News 17.5.17).

2. Es gibt viel “schönere“ Kapuzen-/Pyjama-Fotos von ihm, aber ich habe kein gemeinfreies gefunden. Dieses zeigt ihn am 12. Juli 2013 bei der Akkreditierung des peruanischen Botschafters. Foto Peruanisches Außenministerium https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Embajador_en_Marruecos_presenta_cartas_credenciales_(9293623218).jpg.

3. Die Falaschen, die äthiopischen JüdInnen, wurden mittels der Operationen Moses/1984, Joshua/1985, Salomon/1991 und Taubenflügel/2011 nach Israel ausgeflogen, wo 2010 über 100.000 von ihnen lebten.

4. Israel hat laut der von Jeune Afrique in seiner Ausgabe vom 18. Juni 2017 auf Seite 19 gezeichneten Karte mit Mali, Niger, Algerien, Libyen, Sudan und Somalia nie diplomatische Beziehungen gehabt. Tschad, Tunesien, Mauretanien und eben Marokko hatten einmal diplomatische Beziehungen, haben sie dann aber abgebrochen.

5. Zu Deutschlands Afrika-Interessen siehe meinen Artikel “Deutsche Rekolonialisierungsbemühungen?“ Radio Afrika TV, Wien 15.12.2016, http://www.radioafrika.net/2016/12/15/deutsche-rekolonialisierungsbemuhungen/, der in erweiterter Form als “Steht Afrika vor einer deutschen Rekolonialisierung? von der Solidarwerkstatt am 18.1.2017 auf http://www.solidarwerkstatt.at/index.php?option=com_content&view=article&id=1616:steht-afrika-vor-einer-deutschen-rekolonialisierung&catid=16&Itemid=43  publiziert wurde.

6. Zu Marokkos Einkäufen in Schwarzafrika siehe z.B. Mohamed Ali Mrabi, Entreprises marocaines en Afrique: Les clés de la réussite des implantations, L’Economiste (marokkanische Tageswirtschaftszeitung) Nr.4981 vom 15. März 2017 auf http://www.leconomiste.com/article/1009613-entreprises-marocaines-en-afrique-les-cles-de-la-reussite-des-implantations. Oder Louis Delatronchette, Cartographie de la présence des grandes entreprises marocaines en Afrique, telquel.ma (das Internetportal der marokkanischen Wochenzeitschrift TelQuel) 11. Mai 2017 http://telquel.ma/2017/05/11/cartographie-de-la-presence-des-grandes-entreprises-marocaines-en-afrique_1545709. Was die Versicherungen betrifft, sind sich die beiden Medien gar nicht einig.

7. Die Daten für beide Grafiken sind von der Weltbank: http://data.worldbank.org/indicator/NY.GDP.MKTP.CD bzw. http://data.worldbank.org/indicator/NY.GDP.PCAP.CD.

 

 

 

 

 

 

 



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