Eritrea einmal anders

4 Oktober 2017 | By | Category: Allgemein, Interessantes

Eritrea einmal anders

Günther Lanier, Ouagadougou 12.7.2017

Was für ein Land! Mit so einer faszinierenden Geschichte! Nach Jahrzehnten beharrlichen Kampfes um die Freiheit konnten die äthiopischen Fremdherrscher besiegt werden. So wurden Anfang der 1990er Jahre (1) also Grenzen verschoben – die sind in Afrika sonst sakrosankt. An die von den Kolonialherren geschaffenen politischen oder “nationalen“ Einheiten wird nur sehr ungern gerührt (2).

Doch das selbstbestimmte Glück war von kurzer Dauer. Eritreas Ruf ist schlecht, alle schimpfen, verurteilen es, wenn auch eigentlich nicht das Land, sondern sein Regime. Und sie haben ja recht – die Lebensverhältnisse sind unzumutbar (3). Zur Brutalität im Umgang mit Oppositionellen kommt vor allem die Knechtung der 15- bis 40-Jährigen mit dem “Dienst an der Nation“(4).

Eritrea-bashing ist nicht die Intention dieses Artikels.

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Italienische Kolonie ab 1890, nach dem zweiten Weltkrieg britisches Protektorat, ab Anfang der 1950er Jahre Teil Äthiopiens – eigentlich mit weitgehender Autonomie im Rahmen einer Föderation. Zehn Jahre später “annektiert“ Haile Selassie Eritrea aber gänzlich, es wird somit integraler Bestandteil seines Kaiserreichs.

Die große Hoffnung

1961 wurde der erste Schuss gegen die äthiopischen Besatzer abgegeben. Dann war 30 Jahre lang Krieg. Zuerst führte diesen die Eritreische Befreiungsfront, später dominierte die von ihr 1970 abgespaltene, anfangs marxistische Eritreische Volksbefreiungsfront. Der Gegner wechselte: Auf Haile Selassie folgte in den 1970ern der “Kommunist“ Mengistu. Die Methoden gegen die eritreischen Rebellen blieben brutal. Mit der (Rück)Eroberung der eritreischen Hauptstadt Asmara am 24. Mai 1991 beendete die EPLF den Unabhängigkeitskrieg und übernahm die Macht. Die internationale Anerkennung kam zwei Jahre später nach Abhaltung eines Referendums, bei dem 99,79% für die Eigenstaatlichkeit stimmten. Endlich die lang ersehnte offizielle Unabhängigkeit! Der 24. Mai ist der eritreische Nationalfeiertag.

Und dann geht es ans Konstruieren eines wirklichen Staates. Das Land liegt darnieder. Viele EmigrantInnen kehren zurück. Es herrscht großer Enthusiasmus. Während der 1990er Jahre geht es aufwärts, langsam aber beständig.

Der absurdeste aller Kriege

An der Macht ist die EPLF (1994 zur noch heute bestehenden Volksfront für Demokratie und Gerechtigkeit/PFDJ mutiert), sie hat den dreißigjährigen Krieg gegen die äthiopischen Kolonialherren geführt, hat schon vor dem Sieg die befreiten Gebiete administriert, das Prestige ihres Chefs Isayas Afewerki, neuerdings Staatspräsident, ist kaum zu überbieten. 1997 wird eine neue Verfassung verabschiedet und Wahlen werden vorbereitet.

Und dann.

Hafen von Massawa - Photo0781 c(6)

Dann kam es zum blutigen Grenzkrieg mit Äthiopien.

In Addis Abeba ist seit 1991 und bis zum heutigen Tag die Volksbefreiungsfront von Tigray an der Macht, während der Bürgerkriegszeiten war sie mit der EPLF verbündet. Gemeinsam hatten sie das Mengistu-Regime niedergerungen. Doch divergierende wirtschaftliche Interessen, insbesondere rund um die Einführung einer eigenen eritreischen Währung (Nakfa) 1997, belebten auch die Streitereien um die nie geklärte Grenzziehung zwischen den beiden Ländern. Im Mai 1998 brach dann der Krieg aus. Er dauerte zwei Jahre, kostete beiden Seiten sehr viel Geld, das sie “eigentlich nicht hatten“, endete mit einem äthiopischen Sieg (Besetzung der umstrittenen Gebiete durch äthiopische Truppen). Die Kampfhandlungen wurden am 18. Juni 2000 mit einem Waffenstillstandsabkommen beendet. Bis zu beiderseits je 150.000 Toten gehen die Schätzungen. Dazu kommen noch Hunderttausende Vertriebene, auf eritreischer Seite vielleicht eine Million.

Auf stur geschaltet

Eritrea befindet sich seither in latentem Kriegszustand. Die äthiopische Bedrohung ist der Regierung Rechtfertigung für den Mangel an Fortschritten, damit lässt sich alles begründen, vom Nichtabhalten der Wahlen bis zum quasi lebenslangen Dienst an der Nation.

In Bedrängnis wusste sich das Regime offenbar nicht anders zu helfen als durch eine Rückkehr zur Kriegswirtschaft, die es groß gemacht hatte. Ein Land auf Dauer so zu regieren, macht es freilich kaputt. Der Beweis dafür wird gerade vor den Augen der Weltöffentlichkeit geliefert.

UNO = Ungerechtigkeit = internationale Gemeinschaft

Schon einmal hatte Eritrea schlechte Erfahrungen mit der “internationalen Gemeinschaft“ gemacht. Entgegen der eritreischen Forderungen nach Selbstbestimmung und einem Referendum, hatte die auf Druck der USA und auch Großbritanniens zustande gekommene UNO-Resolution 390A(V) das Land im Jahr 1950 Äthiopien einverleibt, wenn auch nicht “mit Haut und Haaren“, sondern mit einer beträchtlichen Portion Autonomie (die zehn Jahre später von Haile Selassie zunichte gemacht wurde).

auf der Sematat Avenue Photo0389 c(7)

Im Jahr 2000 wurde im Waffenstillstandsvertrag zwischen Eritrea und Äthiopien unter anderem festgeschrieben, dass eine Grenzkommission den genauen Grenzverlauf bestimmen würde. Das geschah 2002. Doch Addis Abeba ist mit dem Schiedsspruch nicht einverstanden – und dieser ist bis zum heutigen Tag nicht umgesetzt. Und die UNO sorgt mitnichten dafür, dass der Beschluss ausgeführt wird. Das würde das große Äthiopien vor den Kopf stoßen. Addis Abeba ist nicht nur Sitz der Afrikanische Union, sie sind im Kampf gegen den internationalen Terrorismus vor allem dicke Freunde der USA, so darf das äthiopische Regime so ziemlich alles tun (8), was es will, inklusive Oppositionelle umbringen, einsperren… Verbricht Eritrea Ähnliches, so werden UNO-SonderberichterstatterInnen ernannt und allseits hagelt es Resolutionen, die das Land (zurecht) in Grund und Boden verdammen. Freilich gelten für David und Goliath seit jeher zweierlei Maß.

Autonomie wird von den Mächtigen selten wirklich geschätzt

Durchhalten unter widrigsten Bedingungen war das Motto, das den Sieg im Unabhängigkeitskampf gegen Äthiopien gebracht hatte. Heute drängt sich der Eindruck auf, dass sich das Land als Ganzes eingeigelt hat, dass sich Isayas Afewerki & Co tief im Schützengraben verkrochen haben. Weithin herrscht Elend und Hunger und Unfreiheit, doch sie vertrauen auf die eigenen Kräfte und dass sie es durchstehen werden…

Nicht so renitent wie es heißt

Ganz so autonom wie es auf den ersten Blick ausschaut, ist das Land freilich nicht. Da gibt es zum Beispiel eine Art Rückkehrsteuer – haben Republikflüchtlinge es geschafft und sich ins Ausland abgesetzt, so ändert sich für das Heimatland ihr Status radikal: Von VerräterInnen werden sie zu umworbenen DevisenlieferantInnen. Wollen sie ab sofort “zu Hause“ Ferien machen oder die Familie besuchen oder brauchen sie sonst etwas von den eritreischen Behörden, dann müssen sie sich einer 2%igen “Einkommenssteuer“ entledigen.

Und dann sind da die Bodenschätze. Was die betrifft, ist das Land gegenüber ausländischen Multis sehr offen. Im Investment Attractiveness Index des Fraser-Instituts (9) landete Eritrea auf Platz 6 in Afrika – mit einem Wert, der besser ist als der Chiles oder der kanadischen Provinz Alberta oder des US-Staates Montana. Und Nevsun Resources, ein kanadische Bergbauunternehmen, das der Mehrheitseigentümer der Bisha-Kupfer- und -Gold-Mine ist, soll nach UNO-Angaben eritreische ZwangsarbeiterInnen (Leute im “Dienst an der Nation“) ausgebeutet haben. Viel wird von den Bodenschatzprofiten für Eritrea wohl nicht abfallen, schon gar nicht für das “einfache Volk“.

Eritrea map(10)

VAE und Unesco interessieren sich für Eritrea

Zuletzt haben zwei weitere Meldungen davon gezeugt, dass Eritrea in der Welt nicht ganz isoliert dasteht. Zum einen haben sich die Vereinigten Arabischen Emirate im Hafen von Assab eingemietet. Von dort aus können sie gut im Jemen zuschlagen.

Weniger unerfreulich, obwohl überraschender: Asmara erhielt von der Unesco Anfang Juli 2017 Welterbestatus. Überraschend daran ist, dass die eritreischen Autoritäten nach jahrelangen Diskussionen nun offenbar die Unesco-BeamtInnen doch überzeugt haben, dass sie die nötigen Instandhaltungsarbeiten finanzieren werden. Vielleicht ist die Assab-Hafen-Miete so enorm, dass da etwas abgezweigt werden kann?

 

Anmerkungen:

1. De facto-Unabhängigkeit 1991, de iure 1993.

2. Außer, wenn die USA dahinter stecken: Zwei Jahrezehnte nach Eritrea hat der Südsudan neue Grenzen gezogen, als er sich vom Sudan abspaltete. Somaliland hingegen ist de facto und seit langem unabhängig, leidet auch nicht wie Somalia an Staatsversagen, wird aber international nicht anerkannt.

3. Siehe dazu auch meinen Artikel “Folter wird Geld – Ein lukratives Geschäftsmodell“, von Radio Afrika am 5.1.2017 publiziert: http://www.radioafrika.net/2017/01/05/folter-wird-geld-ein-lukratives-geschaftsmodell/

4. Eine Art Bundesheer cum Zivildienst ohne festgelegtes Ende. Nach dem eigentlichen Militärdienst kann eineR überall im Land für alles eingesetzt werden, als LehrerIn, im Gesundheitsdienst, usw. und erhält ein Taschengeld. Die Entlassung aus diesem Dienst liegt völlig im Ermessen der Behörden. Zu diesem Thema hochinteressant die Dissertation von David Bozzini, leider nur für Französisch-LeserInnen: David Bozzini, En état de siège. Ethnographie de la mobilisation nationale et de la surveillance en Érythrée. Thèse présentée à la Faculté des Lettres et Sciences Humaines, Institut dʼethnologie, Université de Neuchâtel, pour lʼobtention du grade de docteur en Sciences Humaines, Neuchâtel 2011.

5. Zwischen der Hauptstadt Asmara und der Hafenstadt Massawa, Foto Hansueli Krapf, 1.11.2006, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2006-11-01_Asmara-Massawa_01.jpg.

6. Foto GL 16.8.2014 Massawa, Asmaras Meereszugang – die Bahn funktioniert heute nicht mehr.

7. Foto GL 27.7.2014 Unweit von Asmaras Zentrum, auf der Sematat Avenue.

8. Siehe meinen am 3.5.2017 von Radio Afrika publizierten Artikel “Ägypten und Äthiopien können sich alles erlauben“: http://www.radioafrika.net/2017/05/03/agypten-und-athiopien-konnen-sich-alles-erlauben/.

9. Das Fraser Institute ist ein kanadisches Research-Institut. Es gibt einen “Annual Survey of Mining Companies“ heraus. Für die Zahlen für 2016 siehe https://www.fraserinstitute.org/resource-file?nid=11080&fid=5818.

10. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Er-map.gif.

 



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