Mord an der Revolution: ein trauriger 30. Jahrestag in Burkina

11 Oktober 2017 | By | Category: Allgemein, Interessantes

Mord an der Revolution: ein trauriger 30. Jahrestag in Burkina [1]

Günther Lanier, Ouagadougou 11.10.2017

Am 15. Oktober 2017 jährt sich die Ermordung Thomas Sankaras zum dreißigsten Mal.

Es ist vielleicht die weltweit letzte “wirkliche“ Revolution[2] gewesen, die im August 1983 im Herzen des Sahel, in Ouagadougou, die von den französischen Kolonialherren eingesetzten Statthalter vom Thron stieß und in der Folge überall, in den Bezirken der Hauptstadt, in Betrieben und im Heer ebenso wie im abgelegensten Dorf, Revolutionsverteidigungskomitees einsetzte. Während vier kurzer Jahre wurde versucht, landesweit die Verhältnisse von Grund auf zu verändern. Frauen wurden ernster genommen, bis dahin politisch stumme LandbewohnerInnen rückten ins Zentrum wirtschaftspolitischer Aufmerksamkeit. Erstmals ging es um “echte“ Entwicklung, nicht um Mehrung der Reichtümer der winzigen, aus- und inländischen Elite. Dass nichts mehr war wie früher[3], verdeutlicht der Name: Aus dem kolonialen und postkolonialen Obervolta wurde das Land (Faso) der Integren (Burkina), aus seinen Leuten (bè)[4] wurden Burkinabè. Bis heute sind sie stolz auf dieses ihr revolutionäres Erbe – auch wenn es dann anders weiterging.

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Die Revolution[6] scheitert nicht, sie versickert

Der Nationale Revolutionsrat (CNR) hatte sich hohe Ziele gesteckt und sich mit viel Energie daran gemacht, sie zu erreichen. Sein umfassendes gesellschaftsumkrempelndes Projekt war vielfach mit Begeisterung aufgenommen worden, obwohl freilich von allem Anfang an auch Skepsis und Ablehnung nicht fehlten. Vor allem 1984-85 wurde mit viel revolutionärem Elan vorgegangen. Dann ging es etwas pragmatischer zu. Während ihrer gut vier Jahre an der Macht traf die Revolution auf keinen ihr Überleben ernsthaft bedrohenden Widerstand[7] – was ihr an die Substanz ging, war das kumulierte Wirken vieler kleiner, manchmal präzis artikulierter, öfter aber diffuser Widerstände. Diese kamen von allen Seiten, organisiert oder spontan: von politischen Parteien, von Gewerkschaften, von den UnternehmerInnen, BeamtInnen, Heeresfraktionen, aus den Dörfern und von ihren traditionellen Chefs, ja selbst von innerhalb der Regierung. Die angestrebte kollektive Neu-Erfindung Burkinas war ein Unternehmen, das tiefgreifender Veränderungen bedurfte, insbesondere was die “Mentalität“ der Burkinabè betrifft. Dazu hätte es systematischer und vor allem anhaltender, über längere Zeit beständiger Bemühungen bedurft. Der Nationale Revolutionsrat mit seinen bis ins entlegenste burkinische Dorf reichenden Tentakeln, den Revolutionsverteidigungskomitees, hat es in der ihm zur Verfügung stehenden Zeit nicht geschafft, ein leistungsfähiges, vor allem aber selbstlaufendes Dispositiv einzurichten, das das “Umprogrammieren“ des “Volkes“ dauerhaft in Angriff hätte nehmen können. Zwar hatte mit der Übernahme des Staatsapparates am 4. August 1983 alle ernstzunehmende Opposition aus dem Weg geräumt werden können, die mangelnde Konsolidierung dieses Apparates, von dem die Rundumerneuerung ausgehen sollte, zwang die Staatsspitze stattdessen dazu, sich immer wieder neu zu erfinden. Das zehrte an den Ressourcen. Geld war rar, das war von Anfang an ein Hindernis für die intendierten Veränderungen, was an einem Ende gespart wurde, musste an einem anderen Ende gleich für anderes Dringendes ausgegeben werden. Auch scheint sich die “revolutionäre Energie“ erschöpft zu haben. Das gilt nicht nur für die “Kleinen“ (z.B. Mitglieder der Revolutionsverteidigungskomitees, von denen manche nur mehr ihre eigenen Interessen bedienten), sondern auch für Hauptpersonen. Blaise, von Houphouët-Boigny[8] oder Frankreich oder wem auch immer gekauft, beging Verrat an der Revolution. Vor allem aber ging Sankara 1987, so scheint es mir, die Kraft aus. Sein Nicht-Agieren angesichts des drohenden Todes – er wusste, dass ihm Blaises Leute nach dem Leben trachteten – könnte meines Erachtens darauf hinweisen, dass er erkannt hatte, dass das revolutionäre Projekt gescheitert war, und dass er von der Bühne abtreten wollte, solange sein Ruf noch intakt war. Der Tod des fast auf den Tag genau zwanzig Jahre vor ihm ermordeten Che Guevara[9] könnte ihm ein Vorbild gewesen sein. Dessen Lohn war ewiger Ruhm; der Nimbus des Märtyrers.

Der Revolution hat Sankara einen schlechten Dienst erwiesen.

Oder eine fatale Fehlkalkulation

Valère Somé[10], der Hauptautor der Rede zur politischen Orientierung[11] und ein Vertrauter Sankaras, hat den Präsidenten noch am Morgen des 15. Oktober 1987 daheim besucht und länger mit ihm gesprochen[12]. Er berichtet nichts von Todessehnsucht – gemäß seiner Darstellung hat sich Sankara, was Blaise betrifft, verrechnet. Er war sich an jenem Morgen des 15. Oktober 1987 sicher, der ihm durchaus bewussten Gefahr genügend vorgebeugt zu haben[13].

Wenn ich diese Fehlkalkulation “fatal“ nenne, meine ich nur in zweiter Linie, dass Thomas Sankara selbst an seinem Fehlurteil gestorben ist. Als fatal erwies sich sein Irrtum vor allem für Burkina. Er mag Großes für sein Land geleistet haben, er mag ein brillanter Redner gewesen sein und seine vor dreißig Jahren erstellten Analysen mögen vielfach noch heute gültig sein – sein finaler Fehler ist unverzeihbar.

Burkina verblieb in den Händen seines falschen Freundes Blaise. Was für ein Vermächtnis!

Die Geschichte wiederholt sich. Ganz wie Ouezzin Coulibaly 1958, der Obervolta durch seinen unzeitgemäßen Tod an Maurice Yaméogo auslieferte, so hat auch Thomas Sankara schlecht vorgesorgt. In beiden Fällen rückt die Nummer zwei nach. In beiden Fällen erweist sich die Nummer zwei als Katastrophe für das Land. Im Fall Maurice Yaméogos ist sie nach etwas über sieben Jahren vorbei, im Fall Blaise Compaorés hingegen wird sie 27 Jahre dauern. Die Parallelen sind damit nicht vorbei: Beide werden “von der Straße“ gestürzt. Der Volkszorn macht sich schließlich Luft. Nur dass es bei Blaise zwanzig Jahre länger gedauert hat, bis es endlich so weit ist.

Endnoten:

[1] Mit Ausnahme des Vorspanns, also ab dem Sankara-Porträt, zitiert dieser Artikel wörtlich aus S.275f meines soeben erschienenen Buchs: Günther Lanier, Land der Integren. Burkina Fasos Geschichte, Politik und seine ewig fremden Frauen, Linz (guernica Verlag) 2017, 551 Seiten, 19,50 Euro, das am 13. April 2018 im Wiener AfriPoint präsentiert wird. Schon jetzt ist es unter office@guernica-verlag.at bestellbar. Die burkinische Revolution wird in diesem Buch auf den Seiten 243-279 behandelt.

[2] Zu diskutieren wäre, ob nicht Venezuela und v.a. Bolivien Schauplätze späterer Revolutionen gewesen sind.

[3] Slogan aus der auf den 2014er Volksaufstand folgenden Übergangszeit.

[4] “Burkina“ ist Mooré, Muttersprache der Hälfte der Burkinabè, “Faso“ ist Dioula und der Suffix “-bè“ ist Fulfulde, zweit- bzw. drittwichtigsten Landessprachen.

[5] Thomas Sankara, Staatschef und Nummer 1 der Revolution. Der in der Folge erwähnte Blaise (Compaoré) war deren Nummer 2 – nach Sankaras Ermordung war er von 1987 bis 2014 Staatschef. Foto: Sputniktilt, am 12.1.2013 kreiert; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Thomas_Sankara_(cropped).jpg

[6] Eine Chronologie der Revolution 1983-1990 findet sich in Valère Somé, L’espoir assassiné, Paris (L’Harmattan) 1990, pp pp.204-220; eine Sankara-Chronologie in: Bruno Jaffré, Biographie de Thomas Sankara. La patrie ou la mort…, Paris (L’Harmattan) 1997, pp.317-331.

[7] Dem konservativen Flügel im Heer waren früh seine Anführer abhandengekommen (Hinrichtung von Oberst Somé Yorian Gabriel und Kommandant Fidel Guiébré am 9. August 1983). Komplotte, darunter wahrscheinlich sowohl reale als auch imaginierte, konnten zeitgerecht aufgedeckt und verhindert werden.

[8] Zum Naheverhältnis Blaise Compaorés zu Houphouët-Boigny rund um den 15.10.1987 siehe auch Valère Somé, L’espoir assassiné, Paris (L’Harmattan) 1990, p.30.

[9] Am 9. Oktober 1967, also zwanzig Jahre und sechs Tage vor Sankara. Sankara wird manchmal der “afrikanische Che Guevara“ genannt.

[10] Valère Somé ist am 30. Mai 2017 verstorben. Er war bis zuletzt politisch engagiert. Sein Tod im Alter von 66 Jahren “raubt“ uns viele Publikationen, die dieser agile Intellektuelle seit seiner Pensionierung vom Institut des sciences des sociétés/INSS vorhatte – erst am 5. November 2016 hatte er zu diesem Zweck einen eigenen Verlag gegründet und zwei Sammelbände mit Artikeln und Essays herausgegeben: Recueil de textes politiques (articles & interviews) Bd.1/1995-2002 und Bd.2/2002-2015, Ouagadougou (Editions du Millennium) 2016.

[11] Dieser Discours d’Orientation Politique/DOP vom 2. Oktober 1983 war gewissermaßen die theoretisch-strategische Grundlage der Revolution.

[12] Valère Somé, L’espoir assassiné, Paris (L’Harmattan) 1990, pp.11-14.

[13] Etwas später in seinem Buch stellt sich Valère Somé im Kapitel IV, pp.35-37 die Frage, ob Sankara sein Martyrium akzeptiert hat, ob er wusste, dass er sterben würde und nichts dagegen tat. Somé kommt aber zum Schluss (p.37), dass Sankara überzeugt war, dass er genug Überzeugungsarbeit geleistet hatte und die Versöhnung gelungen war.



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