Auf dem Rücken der Befreiten – der schlechte Verlierer Frankreich

18 Oktober 2017 | By | Category: Allgemein, Interessantes

Auf dem Rücken der Befreiten – der schlechte Verlierer Frankreich

Günther Lanier, Ouagadougou 18.10.2017

Zwei Mal war ich in Guinea. Einmal machte ich eine Rundreise durchs Land, das zweite Mal hielt ich dort eine Ausbildung in Sozialen Normen. Beide Male wurde ich mit großer Herzlichkeit aufgenommen und ich fühle mich dem Land verbunden. Das liegt sicher auch daran, dass wir am selben Tag das Licht der Welt erblickten – vor kurzem feierten wir beide den 59. Geburtstag. Allerding ist 2009 in Guinea der 28. September auch ein Tag der Trauer[1] geworden.

Es folgt ein kurzer Ausflug in die (Kolonial)Geschichte[2]. Frankreich hat diesbezüglich mehr “Dreck am Stecken“ als den meisten bewusst ist. Dass es, wie ich im Folgenden nur nebenbei erwähne, Haiti genauso gegangen war wie Guinea, als es wagte, sich gegen Paris aufzulehnen, dem werde ich ein anderes Mal in dieser Kolumne nachgehen.

Visite de Sekou Touré Foto 1960 [3]

Vor dem Hintergrund des sich zuspitzenden Algerienkrieges (1954-62) stürzt in Paris im Mai 1957 die Regierung Mollet[4], auch der nachfolgende Maurice Bourgès-Maunoury kann sich nur kurz im Amt halten und Félix Gaillard wird im Mai 1958 abermals Opfer der Geschehnisse in und um Algerien[5]. Als dessen Nachfolger Pierre Pflimlin ankündigt, mit den Aufständischen der FLN verhandeln zu wollen, lehnen sich die Schwarzfüße und die algerischen Militärs auf, General Jacques Massu[6] putscht in Algier und fordert die Machtübernahme de Gaulles in Paris. Fallschirmjäger des algerischen Militärs “erobern“ in der Folge Korsika und dass diese Fallschirmjäger nicht auch in Paris landen[7], ist nur der Tatsache zu verdanken, dass das französische Parlament am 1. Juni 1958 de Gaulle mit der Bildung einer neuen Regierung und der Ausarbeitung einer neuen Verfassung betraut.

Als Regierungschef wird er – diese Bedingung hat er bei seiner Machtübernahme gestellt – mit Sondervollmachten ausgestattet, sechs Monate lang kann er per Dekret regieren. Was die Ausarbeitung der neuen Verfassung betrifft, hat ihm das Parlament einen Rahmen gesetzt[8], dieser ist jedoch ziemlich locker und das im Sommer 1958 ausgearbeitete französische Grundgesetz – das bis zum heutigen Tag gilt – trägt in hohem Ausmaß den Stempel de Gaulles und folgt weitgehend den Prinzipien, die er bereits 1946 in den Reden von Bayeux[9] und Epinal[10] verkündet hatte.

Die ephemere Französische Gemeinschaft

Nachdem Parlament und Staatsrat[11] den Verfassungsentwurf mit geringen Änderungen abgesegnet haben, wird er am 28. September 1958 im gesamten Reich, pardon: in der gesamten französischen Union einem Referendum unterzogen. Charles de Gaulle hat sich auf die Reise gemacht, um für seine neue Verfassung zu werben, nach den Stationen Antananarivo (Madagaskar), Brazzaville und Abidjan wird sein Empfang in Conakry, der Hauptstadt Guineas, nicht so triumphal sein, hört er den guineischen Gewerkschaftsführer und RDA-Politiker Ahmed Sékou Touré doch der Menschenmenge erklären: “Wir ziehen die Armut in Freiheit dem Reichtum in Sklaverei vor“[12]. De Gaulle schmollt – auf seiner nächsten Station Dakar (Senghor ist nicht anwesend) reagiert er gereizt, als er DemonstrantInnen mit “rebellischen“ Spruchbändern für ein “Nein“ erblickt: “Sie wollen die Unabhängigkeit? Sollen sie sie doch nehmen!“[13]

Conakry französischer Gouverneurspalast 1956 [14]

Tatsächlich: Opting Out ist eine reale Option. “Dem Volk“ wird die Frage gestellt, ob es bei der vom Pariser Verfassungsentwurf vorgeschlagenen Französischen Gemeinschaft unter den vorgesehenen Bedingungen mitmachen will oder nicht. Die früheren Kolonien, jetzt Überseeterritorien, stecken der Option den relevanten politischen oder geographischen Rahmen: Sagt eine Mehrheit “Nein“, so ist dieses Land frei. Nicht viele Parteien oder Prominente hatten für ein solches “Nein“ agitiert[15]. Außer freilich in Guinea.

Die neue Verfassung wird dann am 28. September 1958 mit vier Fünftel[16] der abgegebenen Stimmen angenommen, in den Überseeterritorien beträgt die Zustimmung meist jenseits der 90%. Am 4. Oktober 1958 unterschreibt Noch-Staatspräsident René Coty die neue Verfassung, per 5. Oktober tritt sie in Kraft und lanciert die Französische Republik Nummer 5, die bis heute besteht. Damit bekommt das Kolonialreich ein neues Namensschild – aus der “Union“ wird die “Gemeinschaft“. Und de Gaulle wird ihr erster – und was die Gemeinschaft betrifft auch einziger – Präsident[17].

Kankan Foto 5. Juli 2013 Maarten van der Bent [18]

Gexit – das Ausscheren Guineas

Nur eine frühere Kolonie ist nicht mehr dabei: Guinea. Das “Nein“ zu Frankreich erfolgte hier fast einstimmig, mit überwältigenden 95,2%[19]. Wie Haiti etwa 125 Jahre zuvor, als es die Französische Revolution beim Wort nahm, die Gleichheit aller und die Abschaffung der Sklaverei verwirklichte, wird nun Guinea für seinen Freiheitsdurst büßen müssen: Frankreich zieht Personal und Kapital ab so schnell es geht – um möglichst viel Schaden anzurichten und um den frischgeborenen[20] aufmüpfigen Staat zurechtzuweisen und möglichst zu destabilisieren. Conakrys Ansuchen um Assoziierung wird ignoriert. Die Welle an Solidarität – GuineerInnen im Ausland und auch zahlreiche AfrikanerInnen anderer Provenienz folgen Sékou Tourés Aufruf und kommen nach Guinea um beim Aufbau des Staates zu helfen – werden diesen initialen Schock nur teilweise kompensieren können.

Nimba Mountains Foto 3. Juli 2013 Maarten van der Bent c [21]

Alle anderen sind brav und tun, was der große[22] Führer Frankreichs will. Aber dem war es, scheint’s, gar nicht so ernst mit der angepriesenen “Französischen Gemeinschaft“. Hinter dem Namen verbargen sich sehr wohl auch substantielle Neuerungen. Nur – bevor sie alle umgesetzt werden konnten, ja bevor alle neuen Organe gewählt werden konnten, gab es diese Französische Gemeinschaft schon wieder nicht mehr. Denn 1960 wurden alle in die Unabhängigkeit geschickt, der Reihe nach – ebenjene Unabhängigkeit, die sie zwei Jahre zuvor noch, durchaus dem Pariser Wunsch entsprechend, mit überwältigenden Mehrheiten verweigert hatten. Zwangsbeglückung? Weiß Papa[23] de Gaulle besser als die Betroffenen, was gut für sie ist? Dass sie die Freiheit zwar nicht wollen, aber brauchen?

Nein, vielmehr haben viele GaullistInnen Angst, von den nun nicht mehr “Eingeborenen“ Genannten rein numerisch zur Minderheit degradiert zu werden, “überrannt“ zu werden, die Oberhoheit übers Daheim zu verlieren. Und die Kontrolle über die ehemaligen Kolonien und ein trotz allem privilegierter Zugang zu ihren wirtschaftlichen Ressourcen lassen sich auch anders bewahren. Dazu wird das als “Françafrique“ bekannte System[24], das de Gaulle insbesondere unter Mithilfe Jacques Foccarts einrichten wird, ebenso beitragen wie die erwähnte Koppelung der Währung der Ex-Kolonien an den französischen Franc und, last but not least, die diversen Verträge, die zwischen Frankreich und den nunmehr unabhängigen Staaten geschlossen werden.

Fouta Djallon Foto 9. Juli 2013 Maarten van der Bent c [25]

Endnoten:

[1] An diesem Tag brachten Soldaten des Moussa Dadis Camara-Regimes 157 oppositionelle GuineerInnen um und vergewaltigten Frauen.

[2] Mit Ausnahme des Vorspanns, der Bilder und der neu eingefügten Zwischenüberschrift “Gexit – das Ausscheren Guineas“ zitiert dieser Artikel wörtlich aus S.165-167 meines soeben erschienenen Buchs: Günther Lanier, Land der Integren. Burkina Fasos Geschichte, Politik und seine ewig fremden Frauen, Linz (guernica Verlag) 2017, 551 Seiten, 19,50 Euro, das am 13. April 2018 im Wiener AfriPoint präsentiert wird. Schon jetzt ist es unter office@guernica-verlag.at bestellbar.

[3] Sekou Touré, zweiter von rechts, mit Habib Thiam (später senegalesischer Premierminister) und Valdiodio Ndiaye (damals senegalesischer Innenminister), Foto 1960 von Karim Ndiaye, Sohn von Valdiodio Ndiaye, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Visite_de_Sekou_Tour%C3%A9.jpg.

[4] Die explodierenden Militärausgaben erhöhen die Verschuldung Frankreichs und schwächen seine Währung.

[5] Das Bombardieren eines tunesischen Grenzortes als Vergeltung für Militäraktionen der Aufständischen verursacht scharfe internationale Proteste und Frankreich kann sich vor dem UNO-Sicherheitsrat nur mit Mühe gegen die darausresultierenden tunesischen Anschuldigungen verteidigen.

[6] Seit Januar 1957 militärischer Oberbefehlshaber der Region Algier hatte er sich durch besondere Brutalität, insbes. in der Schlacht von Algier, ausgezeichnet. Den sehr gerne auf Folter zurückgreifenden, in der “Französischen Doktrin“ zusammengefassten Methoden der Bekämpfung von Rebellen und Oppositionellen verdankt Massu viel.

[7] Massus Karriere schadet all das nicht – ganz im Gegenteil: er erhält im Juli 1958 einen zweiten Generalsstern, wird im Dezember 1958 Oberkommandierender der französischen Truppen von ganz Algerien. Nach einem dritten (1963) und vierten (1966) Stern wird er Oberkommandierender der französischen Truppen in Deutschland – während der StudentInnen-Unruhen vom Mai 1968 fliegt de Gaulle schnell zu Massu in Baden-Baden, um sich der Loyalität des Heeres gegen die Pariser Aufständischen zu versichern, bevor er sich am Tag darauf an sein Volk wendet und Neuwahlen ankündigt.

[8] Verfassungsgesetz vom 3. Juni 1958

[9] 16. Juni 1946. Bayeux hatte hohen Symbolwert, da es die erste von den alliierten Truppen befreite Stadt Festlandfrankreichs war.

[10] 29. September 1946. De Gaulle rief in dieser Rede insbesondere zum “Nein“ für das Verfassungsreferendum des 13. Oktober 1946 für die 4. Republik auf – die Position der Exekutive, insbesondere des Präsidenten, war in diesem “vom Volk“ in der Folge gutgeheißenen Verfassung für de Gaulles Geschmack viel zu schwach.

[11] “Conseil d’Etat“, in der 4. Republik eine Art Berufungsgericht in Verwaltungsfragen

[12] In Ton und Schrift auf www.ina.fr/audio/PHZ09010864: “Nous préférons la pauvreté dans la liberté à la richesse dans l’esclavage“.

[13] Dieses “Ils veulent l’indépendance. Qu’ils la prennent!“ vom 4. September 1958 (in Ton und Schrift auf http://fresques.ina.fr/de-gaulle/fiche-media/Gaulle00329/discours-a-dakar.html) zieht sich Mantra-artig durch Ken Bugul, Aller et Retour, Dakar (Ed. et Diffusion Athéna) 2013 – Senegal hat seine Unabhängigkeit nie “genommen“.

[14] Conakry, französischer Gouverneurspalast 1956, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Conakry_-_franz%C3%B6sischer_Gouverneurspalast_-_1956.jpg

[15] Siehe z.B. Joseph Ki-Zerbo, Histoire de l’Afrique noire. D’Hier à Demain, Paris (Hatier) 1978, p.513.

[16] “Ja“: 82,6% der gültigen Stimmen. Wahlbeteiligung: 80,6% (wie immer in Frankreich und französischen Ex-Kolonien bezieht sich die Zahl nicht auf die Wahlberechtigten sondern auf die Gesamtzahl derer, die sich für die Wahl registrieren haben lassen. Eigene Berechnungen nach Journal officiel de la République Française vom 5. Oktober 1958, https://www.legifrance.gouv.fr/jo_pdf.do?numJO=0&dateJO=19581005&numTexte=&pageDebut=09177&pageFin=ff

[17] Noch sind die Wahlen indirekt, das wird de Gaulle erst 1962 ändern können. Die Parlamentswahlen vom November 1958 sorgen für eine komfortable gaullistische Mehrheit, am 21. Dezember 1958 wird de Gaulle dann von 78,51% der mehr als 80.000 Wahlmänner/frauen (direkt übersetzt “große WählerInnen“) zum Präsidenten gewählt. Er tritt das Amt am 8. Januar 1959 an – und behält es bis zu seinem Rücktritt 28. April 1969. Der frischgewählte Präsident hat schnell eine nukleare Abschreckstreitmacht (Force de dissuasion nucléaire) eingerichtet; am 13. Februar 1960 findet der erste Kernwaffentest statt, drei weitere folgen in den nächsten 15 Monaten – alle in der algerischen Sahara, nahe Reggane.

[18] Kankan (Nordost-Guinea) Foto 5. Juli 2013 Maarten van der Bent, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kankan_(14604696832).jpg

[19] Eigene Berechnung nach Journal officiel de la République Française vom 5. Oktober 1958, https://www.legifrance.gouv.fr/jo_pdf.do?numJO=0&dateJO=19581005&numTexte=&pageDebut=09177&pageFin=

[20] Unabhängigkeitproklamation: 2.10.1958. Was Haiti betrifft, erzwang Frankreich im Tausch gegen Anerkennung der Unabhängigkeit und Ende der See-Blockade 1825 eine ruinöse Riesenentschädigung, die Haiti 122 Jahre lang abzahlte.

[21] Nimba Mountains (Ost-Guinea, nahe dem Dreiländereck mit Liberia und Côte d’Ivoire) 3. Juli 2013 Maarten van der Bent, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nimba_Mountains_(14418665938).jpg.

[22] De Gaulle war laut L’Obs 1,93m groß: http://rue89.nouvelobs.com/rue89-presidentielle/2012/04/27/taille-des-presidents-il-manque-1-cm-hollande-pour-battre-sarkozy-231640

[23] Das Wort ist unvermeidbar, wenn eineR z.B. seine Gott- und die Welt-Erklärungen im Fernsehen hört. Der Tonfall!

[24] Ein im Bedarfsfall durchaus mafiöses Geflecht oft offiziöser polit-ökonomischer Beziehungen mit großer Affinität zum Geheimdienst. Als Miterschaffer dieses Systems und dessen Steuermann setzte de Gaulle 1960 Jacques Foccart ein, der offizielle Titel war “Generalsekretär des Elysée (Palast der französischen Präsidenten) für die afrikanischen und madagassischen Angelegenheiten“. Generell als “Monsieur Afrique“, also als “Herr Afrika“ bekannt, hatte er diesen Posten bis 1974 inne, also auch unter de Gaulles Nachfolger Pompidou und er diente in den 1980er und 1990er Jahren dem Premierminister und späteren Präsidenten Jacques Chirac als Berater. Andere französische Präsidenten hatten ihre eigenen “Messieurs Afrique“, Guy Penne war z.B. der Afrika-Herr François Mitterands von 1981-86. Die “Foccart-Netzwerke“ waren bekannt dafür, vor nichts zurückzuschrecken, handle es sich um Staatsstreiche oder Morde. Zur Françafrique siehe insbesondere die Bücher und Artikel von François-Xavier Verschave (von dem auch der Ausdruck stammt, zumindest in seiner pejorativen Bedeutung) und dem Verein Survie, z.B. François-Xavier Verschave, La Françafrique. Le plus longue scandale de la République, Paris (Stock) 1998/1999, oder ders., Noir Chirac. Secret et impunité, Paris (les arènes) 2002, oder Agir ici – Survie, Dossiers Noirs de la politique africaine de la France, N°1 à 5, Paris (L’Harmattan) 1996 (ursprünglich aus 1995) sowie Agir ici – Survie, Jacques Chirac et la Françafrique. Retour à la case Foccart? Dossier Noir de la politique africaine de la France N°6 Paris (L’Harmattan) 1995.

[25] Fouta Djallon, Foto 9. Juli 2013 Maarten van der Bent, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fouta_Djallon_(14418743529).jpg. Guinea wird der Wasserturm (château d’eau) Westafrikas genannt: Hier entspringen u.a. die Flüsse Gambia, Sénégal und insbesondere auch der Niger.



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