Victoire! Seit drei Jahren sind wir Blaise los

1 November 2017 | By | Category: Aktuell, Interessantes

Victoire! Seit drei Jahren sind wir Blaise los

Günther Lanier, Ouagadougou 1.11.2017

An den Freudentaumel werden wir uns wohl unser ganzes Leben erinnern. Gestern waren es genau drei Jahre: Am 31. Oktober 2014 hat Blaise Compaoré nach 27 Jahren an der Spitze des burkinischen Staates die Flucht ergriffen. Der Volksaufstand war erfolgreicher gewesen als wir zu träumen gewagt hatten.

Mit Besen und Kochlöffeln gg den Diktator Cover [1]

Im Garten des Goethe-Instituts, des deutschen Kulturinstituts gegenüber des Eingangs der Universität von Ouagadougou[2], wurde gestern Abend eine neue Publikation zum Volksaufstand präsentiert: “Mit Besen und Kochlöffeln gegen den Diktator. Beiträge zur Demokratiebewegung in Burkina Faso“. Von den AutorInnen[3] waren vier zugegen. Der Senior unter ihnen las seinen sehr persönlichen Bericht des Sturmes auf das burkinische Parlament, ein Videoclip war zu sehen, ein Rapper bot live sein Gedicht dar. Die Deutschburkinabè Stephanie Weinzierl, ex-EH, jetzt Coach, Ausbildnerin und Moderatorin, war für den Vortrag der deutschen Versionen zuständig.

Anno 2014…

Im siebenundzwanzigsten Jahr des Regimes, das ab dem 15. Oktober 1987 die burkinische Revolution begraben hatte[4], laufen die Dinge nicht mehr nach Wunsch des herrschenden Klüngels, die Opposition wird immer stärker: Geschickt orchestriert deren Chef, Zéphirin Dabiré, die immer größer werdenden Märsche und Demonstrationen gegen eine abermalige Verfassungsänderung (es geht um den Artikel 37), die Blaise ein abermaliges Antreten bei den nächsten Präsidentschaftswahlen ermöglichen würde. Bis in die Spitze der Langzeit-Staatspartei CDP gibt es dagegen Widerstand. Bis schließlich…

“[d]ie Entscheidung [fällt].

Dass es nicht ganz glatt gehen würde, erwartet das Regime, als es merkt, wie die Proteste gegen Ende Oktober weiter anwachsen. Die 98 Pro-Verfassungsänderung-MandatarInnen verbringen die Nacht vor der Abstimmung im Azalaï-Hotel (großteils noch immer unter dem alten Namen Hôtel Indépendance bekannt), das grenzt ans Parlamentsgebäude und hat sogar direkten Zugang dorthin. Der Showdown begann am 27. Oktober 2014 mit einem Marsch der Frauen. Wäre Blaise Compaoré klug gewesen, hätte er spätestens da zurückgesteckt. Denn die Frauen brachten ihre Spateln mit, Insignien ihrer reproduktiven Macht – jedeR Burkinabè weiß: Wenn das geschieht, ist es um den Mann, gegen den die Spatel erhoben wird, geschehen. 28. Oktober 2014: Marsch-Meetings der politischen Opposition. In Bobo-Dioulasso wird die große Blaise Compaoré-Statue gestürzt. 29. Oktober 2014: Marsch-Meeting der CCVC[5]. Und schließlich ist es soweit. Der Schicksalstag ist da. Die Aufständischen können sich gegen die in Massen aufgebotenen Sicherheitskräfte durchsetzen, stürmen das Parlament, bevor die Abgeordneten den Artikel 37 ändern können – Bénéwendé Sankara[6] mit seiner Abgeordnetenschleife in den burkinischen Nationalfarben freut sich wie ein kleiner Bub und feiert mit den Aufständischen, die das Parlamentsgebäude verwüsten und anzünden. Auch das CDP-Hauptquartier brennt. Am Weg zum Präsidentenpalast in Kosyam werden die Aufständischen jedoch gestoppt – mit echten Kugeln. Hier und auch vor der Villa des kleinen Präsidentenbruders gibt es Tote und Verletzte. Der Staatschef erklärt, “er hätte das Volk gehört“ und verhängt den Ausnahmezustand. Der Aufstand geht weiter – es geht nicht mehr um den Artikel 37, Blaise muss fort und zwar sofort. Am Tag darauf, wir schreiben den 31. Oktober 2014, ist es soweit: Nach 27 Jahren an der Macht tritt Blaise Compaoré endlich zurück. Er flieht – mit einem beeindruckenden Autokonvoi – Richtung Süden. Frankreich hilft ihm aus – wohl eine Art Dankeschön für in der Vergangenheit geleistete Dienste – und stellt ihm für die Reise in die Côte d’Ivoire einen Hubschrauber zur Verfügung.

Sobald Blaise Compaoré in Yamoussoukro ankommt, outet er sich als Ivorer: Er sucht um die Staatsbürgerschaft an – und erhält sie auch umgehend, ivorischer Staatschef ist ja der ihm verpflichtete[7] Alassane Ouattara.“[8]

Danach…

… wurde ein Übergangsregime eingerichtet, das sich ein Jahr lang redlich um den ersehnten und versprochenen Wandel bemühte. In dieser kurzen Zeit wurde mehr auf die Reihe gebracht als in den Jahrzehnten davor – und in den zwei Jahren danach.

Der Erfolg des Volksaufstands hat uns Ende 2014 in Euphorie versetzt. Nichts würde mehr sein wie früher. Das hat sich in einem Ausmaß NICHT bewahrheitet, das eigentlich überraschend ist. Es liegt insbesondere an der viel zu knapp bemessenen Übergangszeit (der internationalen Gemeinschaft sei Dank) und daran, dass Ende 2015 Blaises ehemaliger Kronprinz Roch zum Präsidenten gewählt wurde: Wer jahrelang an der Tafel des Teufels speist, sei es mit einer noch so langen Gabel, hat notgedrungen ähnliche Interessen – und wahrscheinlich viel Dreck am Stecken. Doch das ist eine andere Geschichte.

Zurück zum Volksaufstand [9]

In Begleitung einer Ausstellung, die derzeit durch Europa tourt, hat auch Peter Stepan vor einem halben Jahr mit Hilfe der Friedrich-Ebert-Stiftung ein Buch herausgegeben, das uns an den Tagen des Aufstands teilhaben oder sie erinnern lässt. 110 Seiten wunderbarer Bilder von sieben burkinischen Fotografen, dazu 40 kurze Seiten französischer Texte vom Herausgeber, von Cheriff Sy und anderen. In Burkina selbst warten wir noch auf die Foto-Ausstellung – das Buch wurde am 6. Juni 2017 feierlich vorgestellt.

IMG_2822 - Copie [10]

Fotos der mobilisierten Massen bis zu Detail- und Großaufnahmen. Der verwundete, provisorisch mit einem weißen Fetzen verbundene Fuß hat ebenso seinen Platz wie der gebrechliche Senior, der sich unter die Jugendlichen gemischt hat und seinen Beitrag zum Sturz des Diktators leistet. Die Maßnahmen, die die Aufständischen gegen das Tränengas ergreifen, sind abgebildet, ebenso wie der Oppositionsabgeordnete, der sich den Präsidialgarde-Soldaten entgegenstellt und auf sie einschimpft, die kollektiven Aufräumarbeiten nach vollbrachter Tat nicht zu vergessen, und als Schlusspunkt die Särge derer, die an ihrem Einstehen für die burkinischen Werte gestorben sind.

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Was beim Ansehen der Fotos ins Auge springt, ist die viele Gewalt und die viele Zerstörung, die da – wenn auch freilich auf Seiten der Aufständischen für eine gute Sache – mit offenbarer Freude (à cœur joie) begangen wurde. Freilich unterliegen “Massen“ ihren eigenen Gesetzen. Und die Sicherheitskräfte, deren Aufgabe der Schutz des alten Regimes war, hätten vielleicht keine andere “Sprache“ verstanden. Trotzdem finde ich überraschend, was in den sonst so freundlichen und warmherzigen Burkinabè unter der Oberfläche am Köcheln ist. Stille Wasser sind tief, heißt es… Da hat sich über viele Jahre Frust aufgestaut, die längste Zeit – viel länger als die meisten Burkinabè am Leben sind – gab es kein Entkommen aus dem mit viel taktischem Geschick konstruierten System, wo nicht viel zur Wahl stand außer Zustimmung, Unterwerfung, schuldigem Mit-Profitieren einerseits und Durchwurschteln und Marginalität andererseits.

Buch Peter Stepan Hg_0002          Buch Peter Stepan Hg_0001           Buch Peter Stepan Hg_0003 [12]

Resümee

Victoire – ja schon: Wir haben Ende Oktober 2014 sehr wohl gesiegt. Aber von heutiger Warte aus gesehen handelt es sich um einen Sieg mit schalem Beigeschmack: Noch ist nichts vollbracht. Das Übel wurde nicht mit der Wurzel ausgerissen. Im Wesentlichen setzt Roch Kaboré fort, was unter Blaise jahrzehntelang betrieben wurde.

Dass François Compaoré, der “Kleine Präsident“ (wie der jüngere Bruder von Blaise genannt wurde) kürzlich am Pariser Flughafen eine Nacht in Untersuchungshaft verbringen musste, dient nur der Augenauswischerei. Mal sehen, ob ihm überhaupt der Prozess gemacht werden kann – als Auftraggeber der Morde an David Ouédraogo Anfang 1998 und Norbert Zongo & Co Ende 1998 wäre es schön langsam an der Zeit.

Dass das Verjagen von Blaise jenseits der Übergangszeit kaum etwas ändern würde, weil das “tiefe“ Burkina Roch Kaboré ins Amt wählen würde, war 2014 nicht absehbar. Dass sich seither kaum etwas geändert hat, impliziert freilich, dass es in sehr vielen Burkinabè weiter – oder eigentlich wieder – köchelt. Damit offensichtlich wird, wie unzufrieden “das Volk“ ist, fehlt derzeit allerdings ein einendes Thema – wie es 2013 und 2104 vor allem der Artikel 37 der Verfassung war, der die Zahl der Präsidentschaftsmandate limitiert. Derzeit erschöpfen sich die vielen aber punktuellen Proteste meist im Verfolgen von Partikularinteressen.

Endnoten:

[1] Cover der im folgenden Absatz besprochenen Publikation.

[2] Sie heißt jetzt Ki-Zerbo-Universität.

[3] Die AutorInnen sind Lila Chouli, Ramata Soré, Smockey, Sams’K Le Jah, Francis Kpatindé, Humanist, Alfred Yambangba Sawadogo, Farida Bemba Naboureima, Paul Pingdwindé Zoungrana, Wendpanga Eric Segueda, Ra-Sablga Seydou Ouédraogo, Valian, Rémi Carayol und Daouda Ouédraogo und zwei Vereinskollektive. Sophie Garcia steuert Fotos bei. Die Publikation der 80 Seiten starken A5-Broschüre haben die Rosa Luxemburg-Stiftung und AfricAvenir International ermöglicht. Zu bestellen unter  d.kulla@gmx.de.

[4] Siehe meine rezenten RadioAfrika-Artikel Günther Lanier, Mord an der Revolution: ein trauriger 30. Jahrestag in Burkina, Radio Afrika TV, Wien 11.10.2017, http://www.radioafrika.net/2017/10/11/mord-an-der-revolution-ein-trauriger-30-jahrestag-in-burkina/

[5] Die nationale Koalition zum Kampf gegen das teure Leben, die Korruption, den Betrug, die Straflosigkeit und für die Freiheit (Coalition nationale de lutte Contre la Vie Chère, la corruption, la  fraude, l’impunité et pour les libertés) vereint eine Vielzahl von Organisationen, die bedeutendsten darunter sind die Gewerkschaft CGT-B, die mit Bassolma Bazié den Präsidenten stellt, und die Menschenrechtsbewegung MBDHP, deren Chrysogone Zougmoré ihr Vizepräsident ist. Ihre Analysen der politischen Lage in Burkina sind in der Regel exzellent.

[6] Bénéwendé Sankara ist Sankarist, aber mit Thomas Sankara nicht verwandt. Vor Zéphirin Dabiré war er Oppositionsführer.

[7] Ohne die Unterstützung Compaorés (und Frankreichs) hätte Ouattara den ivorischen Bürgerkrieg gegen Gbagbo nie gewinnen können.

[8] S.325, Günther Lanier, Land der Integren. Burkina Fasos Geschichte, Politik und seine ewig fremden Frauen, Linz (guernica Verlag) 2017, 551 Seiten, 19,50 Euro. Mein Buch wird am 13. April 2018 im Wiener AfriPoint präsentiert werden. Schon jetzt ist es unter  office@guernica-verlag.at  bestellbar.

[9] Dieses Unterkapitel zitiert aus meiner Buchbesprechung, die unter dem Titel “Fotos aus dem Land der Integren: Peter Stepan (Hg.), Der Volksaufstand in Burkina Faso, Oktober 2014. Für eine gerechtere Welt“ im Dezember 2017 in der Burkina-Info 2/2017 der Deutsch-Burkinischen Freundschaftsgesellschaft DBFG erscheinen wird.

[10] Harouna Sarané, einer der sieben Fotografen.

[11] Ausschnitt eines Fotos von Hippolyte Sama, eines weiteren der sieben Fotografen, der zur Eröffnung und Begleitung der Ausstellung 2017 in Wien war. Dieses mir von Hippolyte Sama zur Verfügung gestellte Foto ist nicht im besprochenen Buch abgebildet.

[12] Cover, Ausschnitt von S.3 und Rückseite von Peter Stepan (sous la direction de), L’insurrection populaire. Burkina Faso octobre 2014. Vers un monde plus juste, Berlin (Friedrich-Ebert-Stiftung) 2017



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