Im Sport war doch immer alles einfach…

8 November 2017 | By | Category: Allgemein, Interessantes

Im Sport war doch immer alles einfach… oder: Geschlechtsfestlegung durch die Öffentlichkeit

Günther Lanier, Ouagadougou 8.11.2017

Triffst du öfter, springst du höher oder weiter, läufst du schneller, so gewinnst du. So einfach ist das. Außer um die Ehre geht es an der Weltspitze auch um viel Geld, rund um die Wettkämpfe hat sich eine multinationale Industrie etabliert. Aber mir geht es dieses Mal nicht um Geld, oder nur sekundär.

Südafrika gegen die Satte Welt

Bei den Weltmeisterschaften in Berlin im August 2009 gewann eine Südafrikanerin den 800-Meter-Lauf der Frauen, die damals 18-jährige Caster Semenya.

 2009 08 19 Caster Semenya Berlin 2009 [1]

Doch die Konkurrenz wollte ihr die Goldmedaille nicht lassen, meldete Zweifel an der Weiblichkeit Semenyas an. Der Weltleichtathletikverband[2] ordnete daraufhin eine Geschlechtsüberprüfung an. Auf der Basis der Test-Ergebnisse würde dann entschieden, ob Caster Semenya ihre Goldmedaille behalten und ob sie in Zukunft weiterhin als Frau an Wettkämpfen teilnehmen dürfe.

Rassismus! Menschenrechtsverletzung!

Das konnte Südafrika nicht auf sich sitzen lassen. Der Weltleichtathletikverband wurde vor der UNO des Rassismus angeklagt[3]. Caster Semenya wurde bei ihrer Rückkehr aus Berlin ein triumphaler Empfang bereitet. “Our Girl“ wurde zur Nationalheldin, “Our First Lady of Sport“ zur nationalistischen und anti-imperialistischen Ikone. Wäre sie eine Weiße, so wäre ihr das kaum passiert. Der Geschlechtstest rief Erinnerungen an das wach, was der “Hottentottenvenus“Sarah Baartman Anfang des 19. Jahrhunderts widerfuhr: Zurschaustellung einer auf Objekt-Status reduzierten schwarzen Frau[4]. Die Ergebnisse der Überprüfung wurden in der Folge zwar nicht veröffentlicht, immerhin. Aber der angeordneten medizinischen Beschau hatte Caster Semenya sich unterwerfen müssen. Dass sie aus sehr einfachen Verhältnissen stammte, ließ das erlittene Unrecht noch stärker zutage treten.

Caster_Semenya_2010_Memorial_Van_Damme [5]

Wiedereinsetzung in den weiblichen Stand [6]

Im November 2009 gab der Weltleichtathletikverband bekannt, dass Caster Semenya ihre Berliner Goldmedaille nicht aberkannt würde, sie die Medaille also behalten dürfe. Und acht Monate später, im Juli 2010, erfolgte eine endgültige Klärung – ein Freispruch: Caster Semenya würde in Zukunft wieder als Frau an Wettkämpfen teilnehmen dürfen.

Sportlich-binäre Logik

Im Sport ist es einfach. Du musst dich an die Regeln halten. Du trainierst. Und dann gibst du im Wettkampf dein Bestes. Dann gewinnst du – oder einE andereR, BessereR.

Das gilt sowohl für AmateurInnen wie auch für Profis. Je höher das Niveau, desto mehr ZuschauerInnen, desto mehr Geld ist im “Spiel“.

Um so etwas wie Chancengleichheit zu gewährleisten, werden die Geschlechter getrennt[7]. Frauen messen sich an Frauen und Männer an Männern.

So weit, so einfach. Aber: Es geschah ebenfalls in Berlin: 73 Jahre vor den beschriebenen Ereignissen um Caster Semenya, bei den olympischen Sommerspielen von 1936, wurde Dora Ratjen Vierte. Wenig später wurde sie bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Wien mit Weltrekordhöhe Europameisterin. Und dann stellte auf der Rückreise ein Magdeburger Polizeiarzt fest, dass Ratjen männliche Genitalien hatte[8].

In der Folge wurden Geschlechtsüberprüfungen eingeführt, zuerst mittels Beschauen und Betasten, dannmittels Abstrich von der Wangeninnenseite und schließlich mittels DNA-Analyse: Nicht der chromosomalen Norm (zwei X-Chromosomen) entsprechende Athletinnen wurden ausgeschlossen.

Geschlechterlogik

Die Wirklichkeit hält sich nicht an die Regeln des Sports. Ob wir von Geschlecht oder von Gender handeln, Frauen und Männer sind (ideale?) Positionen in einem Kontinuum, Geschlechtsunterschiede sind fließend.

Caster_Semenya_London_2012 [9]

Nationalismus schlägt Homophobie

Als die Satte Welt sich daran machte, Caster Semenya ihrer hart und ehrlich erkämpften Goldmedaille zu berauben, meldeten sich in Südafrika auch zwei Prominente zu Wort, die zuvor in Sachen gender bending[10] oder gender blending[11] wenig Toleranz gezeigt hatten. Winnie Madikizela-Mandela, die Ex-Frau des unbestrittenen “Vaters“ des modernen, post-Apartheid-Südafrika, schwang sich zur Verteidigung der von Gott geschaffenen Hermaphroditin auf. Und auch der homophobe Staatschef Jacob Zuma versprach sich wohl Popularitätsgewinne, als er trotz ihrer Intersexualität eindeutig für die neue Nationalheldin einstand.

Genderabweichungstolerantes Südafrika

Caster Semenyas Heimat war 1996 der erste Staat der Welt, der in seiner Verfassung[12] jegliche Diskriminierung aufgrund der sexuellen Ausrichtung verbot. Das Land gilt LGBTI-AktivistInnen[13], was die juristisch-theoretische Lage anbelangt,als afrikaweit vorbildhaft. Während das ganze Land seiner Mittelstreckengoldmedaillengewinnerin Weiblichkeit beteuerte, fand in Delmas, unweit der Hauptstadt, ein Prozess statt, der keinen Zweifel daran ließ, dass die Praxis allerdings vielfach brutal homophob ist. Die bekennende Lesbe und LGBTI-Aktivistin Eudy Simelane, Mittelfeldspielerin in der Banyana Banyana, der südafrikanischen Frauennationalmannschaft, war nach einer Gruppenvergewaltigung ermordet worden[14].

Intersexualität

Dass Weiblichkeit und Männlichkeit soziale Konstrukte sind, ist mittlerweile eine Binsenweisheit, auch wenn diese im Alltag wenig zur “Anwendung“ kommt. Dass auch das physische Geschlecht ein Kontinuum und keine binäre Angelegenheit ist, zeigt die Intersexualität. Die Häufigkeit von Intersexgeburten soll zwischen einer von 500 und einer von 1000 liegen. Da wir klare Verhältnisse wollen und es gott- oder naturgegeben einmal nur zwei Geschlechter gibt, sind in der Satten Welt geschlechtsklärende operative Eingriffe an den Sexualorganen von Neugeborenen und Kleinkindern heutzutage etablierte medizinische Praxis – wenn ein Kind nicht deutlich genug Bub oder Mädchen ist, wird er oder sie oder es zurechtgeschnitten. “Wir“ wollen keine Zwischen-Identitäten[15]. Und da wird im Bedarfsfall eben chirurgisch auf die Sprünge geholfen: 90% von Intersex-Kindern oder -Jugendlichen sollen Opfer von Intersex Genital Mutilation sein[16].

Caster_Semenya - 1500-Meter-Läuferinnen_bei_den_IAAF_Leichtathletik-Weltmeisterschaften_2017_in_London [17]

Und wo bleibt die Betroffene in all dem?

Caster Semenya selbst kommt wenig zu Wort. Die Zweifel an ihrer Weiblichkeit haben offensichtlich potentielle SponsorInnen abgeschreckt, das hat ihr den Wiedereinstieg ins internationale Wettkämpfen und ein konsequentes Trainieren schwer gemacht. Sie hat ihrem Land trotzdem eine beeindruckende Sammlung von Titeln und Medaillen beschert: bei Olympischen Spielen 800-Meter-Silber in London 2012, -Gold in Rio 2016, bei Weltmeisterschaften für die 800 Meter nach dem erwähnten Gold 2009 in Berlin dann Silber in Daegu (Südkorea) 2011 und Gold in London 2017, dazu Bronze über die 1500 Meter in London 2017. Dazu kommen vier Goldmedaillen bei Afrikaspielen bzw. -meisterschaften, zwei über 800 Meter und je eine über 1500 Meter und in der 400-Meter-Staffel.

Das Geschlecht Caster Semenyas aber legt offensichtlich nicht sie selbst fest, sondern die Öffentlichkeit – sogar eine globale Öffentlichkeit[18].

Endnoten: 

[1] Foto Erik van Leeuwen vom 19.8.2009, Caster Semenya bei den Weltmeisterschaften in Berlin, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:20090819_Caster_Semenya.jpg

[2] IAAF = International Association of Athletics Federations

[3] African National Congress/ANC und der Vorsitzende des National Assembly Sports Committee deponierten beim UN-Menschenrechtsrat eine Klage gegen den IAAF. Shari L. Dworkin, Amanda Lock Swarr, and Cheryl Cooky, The (Mis)Treatment of South African Track Star Caster Semenya, p.129, in: S.N. Nyeck, Marc Epprecht (ed.), Sexual Diversity in Africa. Politics, Theory, and Citizenship, Montreal & Kingston, London, Ithaka (McGill-Queen’s Univ. Press) 2013. Auch in der Folge stütze ich mich oft, ohne ihn jedes Mal zu zitieren, auf diesen Artikel.

[4] Sarah Baartman wurde 1810-15 in Großbritannien und Frankreich zur Schau gestellt. Erst 2002 wurden ihre zuvor teilweise im Pariser Musée de l’Homme ausgestellten Überreste nach Südafrika überführt und feierlich bestattet.

[5] Foto Erik van Leeuwen vom 27.8.2010, Caster Semenya beim Van Damme- Memorial in Brüssel, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Caster_Semenya_2010_Memorial_Van_Damme.jpg

[6] In der Juristerei behandelt die “Wiedereinsetzung in den vorigen Stand“ Fristversäumnisse, der Ausdruck scheint aber überaus passend.

[7] Auch im privaten Bereich werden meist die Geschlechter getrennt. Damit auch die Zu-Alten, die Zu-Jungen und Behinderte mit Chancen auf den Sieg wettkämpfen können, werden sie in der offiziellen Sportwelt ausgegliedert.

[8] Der Vater Doras gab 1938 an, dass bei der Geburt keine eindeutige Geschlechtszuordnung möglich gewesen sei, die Familie der Hebamme vertrauend, die das Kind als “Mädchen“ identifiziert hatte, Dora als Mädchen erzogen hätte. Anfang 1939 wurde Dora – nunmehr Heinrich – offiziell zum Mann.

1966 berichtete das Time Magazine, ein Hermann (sic!) Ratjen sei vom Nazi-Regime gezwungen worden, sich als Frau auszugeben und als solche für sein Land hochzuspringen. Das ist auch die von Shari L. Dworkin et al. wiedergegebene Version, der ich hier allerdings nicht folge, da es laut Wikipedia keinerlei Beweise für sie gibt (siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Ratjen). Eigenartig, dass Heinrich Ratjen, der offenbar bis 22.4.2008 in Bremen lebte, nicht einfach gefragt wurde.

[9] Foto Tab59 vom 11.8.2012, Caster Semenya bei den Olympischen Spielen in London 2012, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Caster_Semenya_London_2012.jpg

[10] to bend = biegen, beugen, krümmen

[11] to blend = vermengen, mischen

[12] Chapter 2/Section 9: Everyone is equal before the law and has right to equal protection and the benefit of the law. Prohibited grounds of discrimination include race, gender, sex, pregnancy, marital status, ethnic or social origin, colour, sexual orientation, age, disability, religion, conscience, belief, culture, language and birth. https://en.wikipedia.org/wiki/Constitution_of_South_Africa

[13] LGBTI = Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Intersex – wird manchmal noch durch “and gender non-conforming” ergänzt.

[14] Zu dieser Praxis und den überaus bedenklichen Begriffen “corrective“ oder “curative rape“ (und auch zum Delmas-Prozess) siehe Zethu Matebeni, Deconstructing violence towards black lesbians in South Africa, pp.343-353 in: Sokari Ekine, Hakima Abbas (Hg.), Queer African Reader, Dakar, Nairobi, Oxford (Pambazuka) 2013

[15] Weder Homo- noch Bi- noch Transsexualität sind in Ordnung – es gilt trotz aller Fortschritte und LGBTI-Bemühungen im Wesentlichen die binäre Hetero-Norm.

[16] Der Begriff ist an den der Female Genital Mutilation (Weibliche Genitalverstümmelung) angelehnt. Siehe Zwischengeschlecht.org et al., Intersex Genital Mutilations. Human Rights Violations of Children with Variations of Sex Anatomy. NGO Report to the 2nd, 3rd and 4th Periodic Report of Switzerland on the Convention on the Rights of the Child (CRC), März 2014, im Netz: http://intersex.shadowreport.org/public/2014-CRC-Swiss-NGO-Zwischengeschlecht-Intersex-IGM_v2.pdf

[17] Foto Marco Verch vom 5.8.2017, Caster Semenya bei den Weltmeisterschaften in London 2017, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Caster_Semenya_-_1500-Meter-L%C3%A4uferinnen_bei_den_IAAF_Leichtathletik-Weltmeisterschaften_2017_in_London_(36400547776)_(cropped).jpg

[18] Shari L. Dworkin et al. (a.a.O.), p.147 zitieren Judith Butler: “This co-operative venture suggests as well that sex-determination is decided by consensus and, conversely, where there is no consensus, there is no determination of sex. Is this not a presumption that sex is a social negotiation of some kind? And are we, in fact, witnessing in this case a massive effort to socially negotiate the sex of Semenya, with the media included as a party to the deliberations?”



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