Haiti oder die grausame Rache der Ex-Kolonialherren – schlechter Verlierer Frankreich Teil II

15 November 2017 | By | Category: Aktuell, Allgemein, Interessantes

Haiti oder die grausame Rache der Ex-Kolonialherren – schlechter Verlierer Frankreich Teil II

Günther Lanier, Ouagadougou 15.11.2017

Wie vor einem Monat in meinem Artikel zu Guinea[1] angekündigt, begebe ich mich – ausnahmsweise – auf einen Ausflug an die andere Seite des Atlantiks, in die Karibik. Guinea scherte 1958 mittels Volksabstimmung aus dem französischen Kolonialreich aus – Haiti hatte seine Unabhängigkeit Anfang des 19. Jahrhunderts mit militärischen Mitteln erzwungen. In beiden Fällen erwies sich Frankreich als überaus schlechter Verlierer und tat, was nur möglich war, um den vom kolonialen Joch Befreiten den Start in die Unabhängigkeit zu erschweren.

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Die Insel Hispaniola ist mit 76.480 km2 (fast so groß wie Österreich) die zweitgrößte der karibischen Inseln (nach Kuba). Haiti – “das Land der Hohen Berge“ – nimmt den Westteil und etwa ein Drittel der Fläche der Insel ein (27.750 km2), die Dominikanische Republik den Ostteil.

Vor der europäischen “Entdeckung“ 1792 wird die hier lebende Bevölkerung auf über 3 Millionen geschätzt[3], insbesondere Angehörige der den Arawak verwandten Taïnos, deren Sprache auch der Landesname entnommen ist. Das von Kolumbus hier gegründete La Navidad war 1792 Spaniens erste Kolonie in Amerika. Die ursprünglichen BewohnerInnen der Insel wurden in der Folge fast vollständig ausgerottet. Ab dem 17. Jahrhundert verstärkt sich im Westteil der Insel die französische Präsenz (zunächst Siedlungen von Seeräubern, dann auch HugenottInnen, schließlich von Ludwig XIV anerkannt; 1697 akzeptiert Spanien die französische Herrschaft). Gegen Ende des 18. Jahrhundert hatte Haiti circa 450.000 EinwohnerInnen, darunter mehr als 400.000 Schwarze, 27.000 Weiße und etwas über 20.000 “MulattInnen“ (Mischlinge). Die – für die weißen Herren überaus profitable – Ökonomie beruhte vor allem auf Zucker- und Kaffee-Plantagen.

Mountainous_Farming_Plots_Haiti [4]

Die Lebensbedingungen für die schwarze Bevölkerungsmehrheit waren brutal. Ein kleiner Teil der SklavInnen konnte in die schwer zugänglichen Berge entkommen und lebte dort in Gemeinschaften sogenannter Maroons oder (Negros) Cimarrones[5]. Immer wieder kam es auch zu – örtlich allerdings begrenzten – Sklavenaufständen. Nur François Mackandal (kreolisch Franswa Makandal) konnte einen größeren Aufstand mit 6.000 Toten anzetteln, bevor er 1758 gefangengenommen und hingerichtet wurde.

Slave_Dance Brazil [6]

Doch gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurden die Forderungen nach Freiheit lauter. Zwar konnte die 1788 in Frankreich gegründete Société des Amis des Noirs (Gesellschaft der Freunde der Schwarzen) die französische Nationalversammlung wegen der befürchteten schwerwiegenden Auswirkungen für die koloniale Wirtschaftnicht zur Abschaffung der Sklaverei bewegen – schließlich produzierten in ebendiesem Jahr 1788 die 792 Zucker-, 2.810 Kaffee-, 3.097 Indigo- und 705 Baumwollunternehmen Haitis Kolonialwaren im Wert von 239 Mio. Pfund[7] für die europäischen und nordamerikanischen Märkte und diese reichste aller Plantagenökonomien leistete damit einen über die PlantagenbesitzerInnen weit hinausgehenden, erheblichen Beitrag zur französischen Ökonomie. Doch ab 1791 nahmen die HaitianerInnen[8] ihr Geschick in die eigenen Hände.

Die Revolution[9] begann am 22. August 1791 auf einer Plantage im Norden der Kolonie, in Acul. Innert weniger Tage war ein großer Teil der Nordebene (Plaine-du-Nord) befreit. Unter der Führung von François-Dominique Toussaint Louverture konnten im Laufe des Jahres 1793 alle BewohnerInnen der Kolonie und später sogar der ganzen Insel befreit werden. Am 4. Februar 1794 bestätigte der Pariser Nationalkonvent, das damalige Parlament der Französischen Revolution, die Befreiung der haitianischen SklavInnen und erklärte die Sklaverei im ganzen französischen Kolonialreich für abgeschafft – eine Bestimmung, die allerdings nicht wirklich umgesetzt und unter Napoleon 1802 schließlich zurückgenommen wurde.

Toussaint_Louverture_par_Montfayon [10]

Toussaint Louverture wird sich in der Folge als schlimmer Autokrat erweisen, er sorgt für die Wiedereinrichtung der Plantagenwirtschaft, die gerade erst abgeschaffte Sklaverei wird durch Zwangsarbeit ersetzt. Das Verhältnis zu Paris verschlechtert sich zusehends – als Toussaint Louverture sich im Juli 1801 mittels neuer, nicht mit dem Kolonialherren abgestimmter Verfassung zum Gouverneur auf Lebenszeit machen lässt, schickt Napoleon die Armee: 30.000 Mann auf 86 Schiffen unter dem Kommando General Leclercs, des Schwagers Napoleons, erreichen Haiti am 29. Jänner 1802.

Haitian_revolution [11]

Am 7. Juni 1802 wird Toussaint Louverture verhaftet und nach Frankreich ausgeschafft, am 7. April 1803 stirbt er dort. Doch in Haiti entbrennt der Widerstand gegen Paris erneut, als klar wird, dass es den Kolonialherren in erster Linie um die Wiedereinführung der Sklaverei geht. Unter der Führung Henri Christophes – des späteren Roi Christophe – und vor allem Jean-Jacques Dessalines werden die französischen Truppen am 18. November 1803 in der Schlacht von Vertières an der haitianischen Nordküste endgültig besiegt.

Erster unabhängig gewordener Staat Lateinamerikas

Mit 1. Jänner 1804 ist Haiti unabhängig – die Deklaration in Les Gonaïves, der “Wiege der Unabhängigkeit“ an der Westküste, beginnt mit den Worten “Freiheit oder Tod“ und verspricht eine stabile Regierung.

Dessaline lässt sich zunächst zum Generalgouverneur auf Lebenszeit und wenig später zum Kaiser ausrufen als Empereur Jacques Ier. Doch schon 1806 wird er ermordet, der Nordteil Haitis wird sodann unter dem erwähnten König Christophe zur Monarchie, der Süden zu einer (von MulattInnen dominierten) Republik. Auch die Wiedervereinigung 1820 bringt keinen wirklichen Frieden – bis zum heutigen Tag scheint das Schicksal des Landes unter einem ungünstigen, blutigen, unglücklichen Stern zu stehen.

Peacekeeping - MINUSTAH [12]

Schulden, verheerender als das Erdbeben von 2010

Paris wollte weder die Schmach noch die aus der haitianischen Unabhängigkeit resultierenden Mindereinnahmen (oder -profite) auf sich sitzen lassen. Napoleons Nachfolger setzten Haiti unter Druck – nach den durch die Kriege verursachten Zerstörungen ließ ein Embargo das Land zusätzlich leiden, zudem wurde es von der internationalen Gemeinschaft nicht anerkannt.

EscombrosBelAir11 [13]

Der haitianische Langzeitstaatschef (1820-43) Jean-Pierre Boyer[14] sah daher keinen anderen Ausweg, als der Erpressung Frankreichs nachzugeben – er verpflichtete 1825 sein Land zum Zurückzahlen einer “Schuld“ von 150 Mio Francs an Paris innerhalb von fünf Jahren.

Eine Ungeheuerlichkeit.

Schuld wofür?

Peacekeepiing-MINUSTAH [15]

Als Gegenleistung wurde Haiti von Frankreich 1825 – und in der Folge auch von den meisten anderen Ländern – als unabhängiger Staat anerkannt. Die USA allerdings ließen sich damit bis 1862 Zeit – sie fürchteten, Haiti könne auf befreite SklavInnen zu viel Anziehungskraft ausüben.

Haitian_national_palace_earthquake [16]

Trotz erheblicher Anstrengungen seitens Haitis – zusätzliche Steuern sorgten für viel Unmut – waren 1838 erst 30 Mio Francs zurückgezahlt. Die französische Regierung akzeptierte daraufhin die Reduktion der noch ausstehenden 120 Mio auf 60 Mio Francs sowie eine Friststreckung. Bis 1947 – also 122 Jahre lang – sollte die Schuldenlast die haitianische Wirtschaft lähmen.

Peacekeeping - MINUSTAH [17]

Sechs Jahre vor dem Erdbeben, “2004 ließ der damalige haitianische Präsident Jean-Bertrand Aristide errechnen, was diese “Reparationszahlungen” für Haiti bedeuteten. Rund 22 Milliarden amerikanische Dollar Rückzahlung forderten seine Anwälte damals von der französischen Regierung. Vergebens“[18].

Damaged_port_area_of_Port-au-Prince_2010-01-20_4 [19]

Endnoten:

[1] Siehe meinen Radio Afrika-Artikel “Auf dem Rücken der Befreiten – der schlechte Verlierer Frankreich“ vom 18.10.2017, http://www.radioafrika.net/2017/10/18/auf-dem-rucken-der-befreiten-der-schlechte-verlierer-frankreich/

[2] Karte: Vardion 26.12.2006 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:LocationHaiti.svg

[3] Heute leben auf der Insel etwa 20 Millionen, die Hälfte davon in Haiti.

[4] Berglandwirtschaft in Haiti, nahe Port-au-Prince, Foto: Jlanghurst 5.6.2003 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mountainous_Farming_Plots_Haiti.jpg

[5] “Cimarrón“ bedeutet eigentlich “wildes Tier“, wurde im lateinamerikanischen Spanisch jedoch vor allem für entlaufene Haustiere verwendet. Davon abgeleitet die Bezeichnung für entlaufene SklavInnen.

[6] Sklaventanz – allerdings in Brasilien – auf einem Gemälde von Dirk Valkenburg aus dem 18. Jahrhundert https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Slave_Dance.jpg

[7] Angaben nach https://fr.wikipedia.org/wiki/Expropriation_et_indemnisation_des_colons_de_Saint-Domingue

[8] Das Land trug freilich erst ab 1804 den Namen “Haiti“, als französische Kolonie hieß es “Saint-Domingue“.

[9] Alejo Carpentier setzte der haitianischen Revolution mit seinem Roman El reino de este mundo (Das Reich von dieser Welt) 1949 ein überaus lesenswertes, magisch-realistisches Denkmal.

[10] M. de Montfayon, Toussaint Louverture, ca. 1800 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Toussaint_Louverture_par_Montfayon.jpg

[11] Karl Girardet, Jean Jacques Outhwaite, Schlacht im Schlangental (Ravine aux Couleuvres), 23.2.1802 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Haitian_revolution.jpg

[12] Port-au-Prince Foto Logan Abassi 13.1.2010 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Haiti_earthquake_damage.jpg

[13] Bel Air, ein Stadtteil von Port-au-Prince, Foto Marcello Casal Jr 19.1.2010 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:EscombrosBelAir11.jpg

[14] Boyer folgte Alexandre Pétion 1818 als Präsident Süd-Haitis nach – 1820 wurde er “chef suprême“ des wiedervereinten Haiti.

[15] Kathedrale Port-au-Prince Foto Marco Dormino 15.1.2010 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rubbles_of_the_cathedral_after_the_earthquake_that_hit_the_Capital_Port_au_Prince_just_before_5_pm_on_12_January_2010.jpg

[16] National(=PräsidentInnen)palast Port-au-Prince Foto Logan Abassi 22.10.2010 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Haitian_national_palace_earthquake-edit.jpg

[17] Port au Prince zwei Tage nach dem Erdbeben, Foto Marco Dormino, 14.1.2010 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Haiti_Earthquake_building_damage.jpg

[18] Andrian Kreye, Napoleons Schmach, Süddeutsche 17.5.2010 http://www.sueddeutsche.de/politik/haiti-napoleons-schmach-1.67062

[19] In Hafennähe, Port-au-Prince, Foto Fred W. Baker III 20.1.2010 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Damaged_port_area_of_Port-au-Prince_2010-01-20_4.jpg



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