Ein Phantomland hat gewählt. Somaliland hält sich gut

22 November 2017 | By | Category: Allgemein, Interessantes

Ein Phantomland hat gewählt. Somaliland hält sich gut

Günther Lanier, Ouagadougou 22.11.2017

Es war einmal ein Land, das gibt es gar nicht… Zumindest auf der internationalen Bühne wird ihm die Existenz verweigert. Das ist erschwerend, hindert die “Republik Somaliland“ aber nicht daran, sich um einiges solider zu entwickeln als Somalia, von dem es anerkanntermaßen nur eine autonome Region ist. Seit einem guten Vierteljahrhundert ist das Land de facto unabhängig.

1024px-Somaliland_(orthographic_projection).svg [1]

Auf den 137.600 km2 Somalilands leben 3,5 Millionen Menschen, gerade 25 sind das pro Quadratkilometer. Über 500.000 davon – manche Schätzungen übersteigen eine Million – leben in der Hauptstadt Hargeysa, an die 300.000 weitere in der Hafenstadt Berbera. Außerhalb der Städte und Dörfer leben 55% der Gesamtbevölkerung nomadisch.

Die Viehzucht ist für 60% der SomaliländerInnen die Lebensgrundlage, sie erwirtschaftet 60-65% des BIP und sorgt für den Großteil der Exporterlöse, vor allem durch Lebendviehexporte auf die arabische Halbinsel (vor allem Saudiarabien), von der Somaliland durch den Golf von Aden getrennt ist.

Landschaft zwischen Berbera und Sheikh 2003 [2]

3% der Landesfläche werden für Ackerbau genutzt, weitere 7% hätten das Potenzial dazu. Im Regenfeldbau werden Sorghum (eine Hirse-Art, 70% der Fläche) und Mais (25% der Fläche) angebaut.

Gabilay_farming [3]

Wiederkehrende Dürren verursachen immer wieder Überlebensprobleme, zumal das Land unter Überweidung und Abholzen leidet (Holzkohle ist das hauptsächliche Brennmaterial in den Städten), was auch zur Landflucht beiträgt.

Der Hafen von Berbera dient zum einen für den somaliländischen Viehexport, kreiert aber auch Einnahmen aus Äthiopien, das seit der Unabhängigkeit Eritreas zu Beginn der 1990er Jahre keinen eigenen Meereszugang mehr hat.

Für Überleben und Wirtschaft von erheblicher Bedeutung sind zudem die Rücküberweisungen von ExilantInnen – Überweisungen an Familienangehörige sollen im Schnitt ein Viertel zum Haushaltseinkommen beitragen[4].

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Somalilands Geschichte reicht weit in die Vergangenheit zurück. In Laas Geel, in einem kleinen Felsmassiv unweit der Hauptstadt wurden 2002 Höhlenmalereien entdeckt, die 5.000 bis 6.000 Jahre alt sind. Es sollen die afrikaweit besterhaltenen Höhlenmalereien sein, zudem gehören sie zu den ältesten.

Die Regierung will dieses “nationale Erbe“ gerne als TouristInnen-Attraktion ausschlachten. Das ist offenbar auch gelungen, die BesucherInnen bergen für die Malereien allerdings erhebliche Gefahren. So hat 2008 der World Monuments Fund Laas Geel in die Liste der 100 meistgefährdeten Kulturdenkmäler aufgenommen[6]. 2007 wurden in Dhambalin, etwa 60 km östlich der Hafenstadt Berbera, weitere, wahrscheinlich 3.000-5.000 Jahre alte Felsmalereien entdeckt, die neben Menschen und Kühen auch Wildtiere, Ziegen und Schafe zeigen[7].

Zwischen 500 vor und 100 nach der Zeitenwende wanderten dann die VorfahrInnen der Somali ein, die heute die ganz überwiegende Mehrheit der BewohnerInnen Somalilands stellen. Insbesondere in den Handelsstädten an der Küste[8] kam es zur Vermischung mit arabischen und persischen EinwanderInnen. Von dort aus verbreitete sich auch der Islam ab dem 7. Jahrhundert. Das patrilineare[9] Clansystem der Somali dürfte sich unter arabischem Einfluss entwickelt haben, davor könnte es sich um eine matrilineare Gesellschaft gehandelt haben[10].

Die somaliländischen Sultanate hatten ab dem 16. Jahrhundert mit portugiesischen und bald darauf vor allem mit osmanischen Eroberern zu tun. Großbritanniens Interesse erwachte erst im 19. Jahrhundert, ihm ging es vor allem um die Absicherung des Schiffsverkehrs durch den Golf von Aden. 1827 wurde ein erster Schutzvertrag mit einem lokalen Clan unterzeichnet, ab 1839 wachten britische Abgesandte in den Hafenstädten Zeila und Berbera über die Seehandelsroute. Zur Zeit der Berliner Konferenz (1884/85) und des Wettlaufs um Afrika wurden weitere Verträge mit den Clans der Isaaq, der Dir und der Darod unterzeichnet. Zunächst (1884-98) wurde Britisch-Somaliland von Bombay aus verwaltet und war Teil der Kolonie Aden.

Aden_gulf_1860 [11]

Großbritannien bediente sich vor allem indirekter Herrschaft, ließ bestehende Strukturen – darunter die Ältestenräte (guurti) – bestehen, solange sie seine Interessen nicht störten. Die Kolonie diente als Militärstützpunkt und als Versorgungsstation für Schiffe, Berbera wurde eine wichtige Basis für den Handel mit Lebendvieh, mit dem die “gegenüberliegende“ Kolonie Aden versorgt wurde.Das Hinterland wurde wenig beachtet, im Zuge der Zulieferungen von Vieh entwickelten sich Hargeisa und Burao (südöstlich von Berbera) trotzdem.

Die britische Herrschaft wurde nicht von allen einfach hingenommen. Mohammed Abdullah Hassan vom Dolbohanta-Darod-Clan führte 1899 bis 1920 einen Guerillakrieg gegen die Kolonialherren. In diesem Krieg – mitschuld war eine Hungersnot 1911-12 – soll ein Drittel der Bevölkerung umgekommen sein.

Unabhängigkeit und Fusion

Der Zweite Weltkrieg berührte Britisch Somaliland insofern, als es 1940 italienisch besetzt wurde[11a] – allerdings nur ein halbes Jahr lang. Unter der wiedereingerichteten britischen Herrschaft war ab 1947 eine zaghafte Beteiligung der Somali an der Macht zu vermerken. Erst 1957 folgten auf den bis dahin nur “Beratenden“ ein Ekekutiv- und ein Legislativ-Rat.

Drei Jahre später, am 26. Juni 1960, kam die Unabhängigkeit. Am 1. Juli – dem Tag der Unabhängigkeit Italienisch-Somalilands, wurden die beiden Ex-Kolonien zu Somalia vereint.

Doch das Bemühen um ein Zusammenleben aller Somali[12] in einem Staat erwies sich als schwierig, die durch die jeweilige koloniale Geschichte bedingten Unterschiede waren erheblich und bald fühlte sich die SomalierInnen des Nordens von den zahlenmäßig und ökonomisch dominierenden SomalierInnen des ehemals italienischen Südens an den Rand gedrängt. Schon 1961 wurde die neue Verfassung im Süden von einer großen Bevölkerungsmehrheit angenommen, während die Zustimmung im Norden unter 50% lag.

Unabhängigkeitsbestrebungen und Bürgerkrieg

1981 wurde im Exil die Somalische Nationalbewegung (SNM – Somali National Movement) gegründet und diese führte ab 1988 im Norden des Landes offen Krieg gegen das autoritäre Siad Barre-Regime[13]. Die Bombardierung der Städte Burao und Hargeysa forderte 50.000 Todesopfer – 400.000 flohen ins Ausland (Djibouti und Äthiopien) und 400.000 weitere wurden zu Binnenvertriebenen.

Anfang 1991 musste Siad Barre fliehen, schon davor hatte er nur mehr die Hauptstadt kontrolliert, was ihm in seiner letzten Zeit als Präsident den Spottnamen “Bürgermeister von Mogadischu“ eingebracht hatte.

War_damage_Hargeysa 1991 [14]

Während in “Rest-Somalia“, dem ehemaligen Italienisch Somaliland, der Bürgerkrieg bis zum heutigen Tag weitergeht, konnte sich das frühere Britisch Somaliland verselbständigen. Auf Initiative der SNM gelang es, die nordsomalischen Clans miteinander zu versöhnen. 1991 wurde auf einer Clan-Ältesten-Versammlung in Burao eine einseitige Unabhängigkeitserklärung verabschiedet. Die gleichzeitig beschlossene Nationale Charta übertrug der SNM für zwei Jahre die Macht und deren Chef Abd-ar-Rahman Ahmad Ali Tur wurde erster Präsident. In der Folge zerfiel die SNM und es brachen erneut Kämpfe zwischen den Clans aus, sodass 1993 ein abermaliger Friedensvertrag und eine neue Nationale Charte beschlossen werden mussten.Eine zivile Regierung wurde eingerichtet, Präsident wurde Mohammed Haji Ibrahim Egal. Nach neuerlichen Kämpfen 1994-96 konnte schließlich 1996/97 auf der Basis einer nationalen Konferenz sowie mehrerer lokaler Friedensversammlungen ein bis heute dauernder innerer Friede eingerichtet werden.

(Halber) Nachahmer Puntland

Inspiriert vom Erfolg Somalilands, erklärte sein östlicher Nachbar Puntland 1998 so etwas Ähnliches wie die Unabhängigkeit – allerdings verblieb es als autonomer Teilstaat in Somalia. Das in die Politik Somalias nach wie vor stark involvierte Puntland hat seither von seiner Autonomie profitiert und die Begleiterscheinungen des somalischen Staatsversagens sind ihm weitgehend erspart geblieben. Dennoch war auch in seinem Inneren die Entwicklung immer wieder von heftigen und teils gewaltsamen Spannungen geprägt.

Mit seinem Nachbarn Somaliland kam es 2004 und 2007 zu kriegerischen Auseinandersetzungen um den von Puntland beanspruchten Ost-Teil der ehemaligen britischen Kolonie (Sool und östliche Teile Sanaags und Togdheers). Während Puntland seine Ansprüche in erster Linie auf ethnische Argumente stützt, beruft sich Somaliland auf die koloniale Grenzziehung. Die betroffene Region ist wenig entwickelt, die dort lebenden Dolbohanta und Warsangeli fühlten sich innerhalb Somalilands übervorteilt oder übergangen und wandten sich daher Puntland zu. Innerhalb dieses östlichen Teils Somalilands kam es auch zur Proklamation zweier weiterer Unabhängigkeit (2007 Maakhir, 2008 Northland State in Sool), die allerdings nicht von Bestand waren.

Der “Grenzkonflikt“ mit Puntland ist nach wie vor nicht bereinigt. Er dient der “internationalen Gemeinschaft“ auch als eines ihrer Argumente für die Nicht-Anerkennung Somalilands.

Map_of_somaliland_border_claims [15]

Somit sind die 26 Jahre seit der abermaligen Unabhängigkeit Somalilands – beim zweiten Mal von Somalia – keineswegs problemlos verlaufen. Abgesehen von der nach wie vor fehlenden internationalen Anerkennung kann die Entwicklung jedoch als stabil und demokratisch bezeichnet werden.

Eine gewisse Art von Anerkennung erfährt Somaliland von seinem großen Nachbarn Äthiopien, das für Im- und Exporte den Hafen in Berbera braucht, und seit Februar 2017 auch von den Vereinigten Arabischen Emiraten, die ebenda eine Militärbasis errichten werden – was in Somalia und bei der internationalen Gemeinschaft heftige Proteste ausgelöst hat (die VAE sind wenig wählerisch, wenn es um Militärbasen geht – sie verfügen bereits über eine andere beim Paria Eritrea, in dessen südwestlicher Hafenstadt Assab).

Am 13. November 2017 fanden in Somaliland Präsidentschaftswahlen statt. Wie gestern, also am 21. November 2017, bekannt wurde, hat Muse Bihi Abdi sie mit 55% der Stimmen gewonnen[16]. Er war zunächst ein hochrangiger Offizier gewesen, schloss sich 1985 der SNM an und konvertierte nach erreichter Unabhängigkeit zum Politiker. In den 1990er Jahren Innen- und Sicherheitsminister in Egals Regierung, wurde er 2010 Vorsitzender der Kulmiye Partei, der schon sein Vorgänger Ahmed Mohamud Silanyo entstammte – der hatte nach einer Amtsperiode nicht mehr kandidiert.

Hargeisa [17]

Demokratie in Quarantäne [18]

Muse Bihi Abdi wird sich zweifellos um internationale Anerkennung bemühen. Verschiedene Staaten haben verschiedene Gründe, eine solche zu verweigern[19] – der allgemein verbreitetste ist die Angst, einen Präzedenzfall zu schaffen und auf dem afrikanischen Kontinent eine Flut von Unabhängigkeiten auszulösen. Ziemlich gleichzeitig wie Somaliland de facto unabhängig geworden, wurde Eritrea die Selbständigkeit auch formal zugestanden. Aber damals war das Land, von dem es sich abspaltete (Äthiopien), einverstanden. Hingegen soll Somalia nicht noch mehr geschwächt werden – heißt es. Zwanzig Jahre später, 2011, durfte auch der Südsudan unabhängig werden. Aber da ging es mit US-Unterstützung gegen einen international anerkannten Bösewicht.

N.B. Die internationale Anerkennung hat den Südsudan nicht vor dem Absturz bewahrt.

Und dass Somaliland mangels offizieller Anerkennung kaum Zugang zu Entwicklungszusammenarbeitsgeldern hat – vielleicht ist das in Wirklichkeit ein Vorteil[20].

Und schließlich und endlich: Warum sollten Hargeysa und Somaliland dürfen, was Barcelona und Katalonien verwehrt wird?

Endnoten:

[1] Karte: Flappiefh, abgeändert von Offnfopt, 10.7.2016, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Somaliland_(orthographic_projection).svg

[2] Landschaft zwischen Berbera und Sheikh (im Norden der Landesmitte), Foto Abdullah Geelah 25.12.2003, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Saaxil.jpg

[3] Bauer beim Pflügen nahe Gabilay im Südwesten des Landes, Foto kbomer, undatiert (2007 oder früher), https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gabilay_farming.jpg

[4] Daten zur Ökonomie aus deutschem Somaliland-Wikipedia-Artikel: https://de.wikipedia.org/wiki/Somaliland. Sie sind wohl mit Vorsicht zu behandeln. Schon bei der Landesfläche macht die englische Wikipedia-Seite andere Angaben.

[5] Laas Geel-Höhlenmalerei (nahe Hargeysa), es soll sich um eine Kuh-Herde handeln, Foto najeeb 27.2.2005, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Laas_Geel_cow_herd.jpg

[6] Auf https://de.wikipedia.org/wiki/Laas_Geel#cite_ref-2 sind weitere Fotos zu sehen.

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Dhambalin beschreibt nur mit Worten.

[8] Damals war Zeila (Saylac) im äussersten Nordwesten des Landes bedeutend. Berbera übernahm seine Rolle erst im 16. Jahrhundert.

[9] Patrilinear bedeute, dass die Herkunft über die Vaterlinie definiert wird.

[10] Ich kann nicht einschätzen, wie wahrscheinlich das ist – siehe http://countrystudies.us/somalia/4.htm.

[11] Karte von circa 1860, ohne Quellenangabe, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Aden_gulf_1860.jpg

[11a] Italien war Kolonialherr in Italienisch-Somaliland (= das Gebiet, das seit dem Austritt von Somaliland 1991 von Somalia de facto bleibt). 1936-41 okkupierte Italien auch Äthiopien.

[12] Somali leben freilich auch in Kenia, Äthiopien und Djibouti (Französisch-Somaliland). Der Pan-Somalismus zielte tatsächlich auf die Vereinigung aller Somali in einem Staat.

[13] Siad Barre hatte sich 1969 an die Macht geputscht. Dort hielt er sich bis zum 26.1.1991.

[14] Zerstörte Häuser in Hargeysa 1991, Foto Hiram A. Ruiz, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:War_damage_Hargeysa.jpg

[15] Northland State ist nicht eingezeichnet, da die Karte von 2007 ist. Karte der Grenzstreitigkeiten Somalilands, Drieakko 25.8.2007, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Map_of_somaliland_border_claims.jpg

[16] Siehe den nicht-unterzeichneten RFI-Artikel vom 21.11.2017, 17h44: Somaliland: Muse Bihi Abdi remporte l’élection présidentielle

[17] Foto Xirsi, undatiert/2007 oder davor, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:City_of_hargeisa_(view).jpg

[18] Gerard Prunier verweist bei der Verwendung dieses Ausdrucks auf Robert Wiren, „Somaliland, pays en quarantaine“, Paris (Karthala) 2014. Gerard Prunier, Rivalen auf engstem Raum, Le Monde diplomatique vom 8.9.2016.

[19] Siehe dazu das Unterkapitel “ Beziehungen zur übrigen internationalen Gemeinschaft“ in https://de.wikipedia.org/wiki/Politik_Somalilands

[20] Zum finanziellen “Segen“, der vom VAE-Militärstützpunkt zu erwarten ist, fragte sich Gerard Prunier schon 2016: “Somaliland hat viele Bürgerkriege, große Not und internationale Missachtung überstanden. Wird es auch einen rasanten finanziellen Aufschwung überleben (…)?“.Gerard Prunier, Rivalen auf engstem Raum, Le Monde diplomatique vom 8.9.2016. Wobei mir der “rasante finanzielle Aufschwung“ übertrieben vorkommt – aber es handelt sich dabei um Geld, das für politisches Verteiltwerden prädestiniert scheint.



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