Die friedensnobelpreiswürdige Replik

27 Dezember 2017 | By | Category: Allgemein, Interessantes

Die friedensnobelpreiswürdige Replik

Günther Lanier, Ouagadougou 27.12.2017

Armes reiches Lagos! Gestern Abend berichtete Agence France Press, dass es der größten[1] Ökonomie und dem größten Erdölproduzenten Schwarzafrikas wieder einmal an Benzin mangelt[2]. Nigeria produziert und exportiert noch immer vor allem Rohöl, an Verarbeitungskapazitäten mangelt es.

Zu Kolonialzeiten war es – insbesondere nach dem Ende des Sklavenhandels – ein anderes Öl gewesen, das die Händler und Eroberer anzog: das Palmöl. Der vor allem von Yoruba bewohnte Südwesten Nigerias war seit dem Ende des 15. Jahrhunderts in Kontakt mit Europa, zuerst mit Portugal, ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und bis zur Unabhängigkeit 1960 in erster Linie mit Großbritannien.

Funmilayo Ransome-Kuti graduate sw [3]

Nicht nur bei den Yoruba spielten die Frauen im Widerstand gegen die Kolonialherren eine hervorragende Rolle, auch bei den Igbo Südostnigerias[4], den Ashanti der Goldküste (heutiges Ghana)[5], an der Elfenbeinküste (heutige Côte d’Ivoire)[6]…

Mein Gott, der du die Weißheit der EuropäerInnen schufst,
und die AfrikanerInnen der Schwärze widmetest,
schau’ herab und sieh’ die Not Afrikas,
stöhnend, weil von Europa ausgeplündert.
Dunkel war deine Absicht, als du uns schufst,
handlos, hirnlos; warum, mein Gott, schufst du uns so?
Oder sind wir die Opfer einer verdorbenen Menschheit,
die sich am Leiden, das sie anderen zufügt, ergötzt?
Dieselbe Sippschaft da, die weiße, war es, die uns lehrte,
dass du, unser Gott, der Vater aller seist;
dieselbe Rasse werkt grausam an unserem Unglück,
als wären wir von dir räudig, grindig, für die Lust am Stöhnen geschaffen.
“Armut ist der Preis für den Eintritt ins Paradies“,
sagen die Weißen den Schwarzen, die sich über ihr Schicksal beklagen
und verlangen, am Festessen der Reichen teilzuhaben[7].

Was den nigerianischen Südwesten betrifft: Die britischen Kolonialherren wollten es meist nicht wahrhaben, aber Yoruba-Frauen können mit Unterwürfigkeit[8] nicht viel anfangen…

Francis Abigail Olufunmilayo Thomas wurde am 25. Oktober 1900 in Abeokuta geboren, Tochter von Lucretia Phyllis Omoyeni Adeosolu und Daniel Olumeyuwa Thomas, beide LehrerInnen und ChristInnen, väterlicherseits Urenkelin einer aus Sierra Leone zurückgekehrten Sklavin. Nach Absolvieren der Abeokuta Girls Grammar School studierte sie ab 1919 in Manchester. Nach ihrer Rückkehr nach Nigeria unterrichtete sie, ihrer beiden englischen Vornamen mittlerweile entledigt, an der Abeokuta Girls Grammar School– als erste Frau, was ihr den Titel “Béère“ einbringt, “Erstgeborene“, der ihr als Spitzname bleiben wird.

Abeokuta from Olumo Rock 2006 sw [9]

Funmilayo Ransome-Kuti

1925 heiratete sie Reverend Israel Oludotun Ransome-Kuti, auch er Lehrer, zudem Theologe, in der Folge einer der Hauptbeteiligten an der Gründung der Nigerianischen LehrerInnen- und der Nigerianischen StudentInnen-Gewerkschaften.

Béère macht Frauenpolitik. Sie gründet in den späten 1920er Jahren den Abeokuta Ladies’ Club, später in Abeokuta Women’s Union (AWU) umbenannt. Zunächst politisch unverdächtig um Handarbeit, Mutterschaft, Wohlfahrt und kulturelle Bildung für Mittel- und Oberschichtsfrauen bemüht, werden ab den 1930ern auch die Marktfrauen verstärkt einbezogen und es geht um die Alphabetisierung der Frauen am Land. Deren ökonomische Lage und die Willkür der kolonialen Herrschaft politisieren die Frauenbewegung zusehends.

Da sich London der indirekten Herrschaft bedient, richten sich die Proteste der Frauen in erster Linie gegen den einheimischen Lakaien-Herrscher, den Alake von Abeokuta.

Alake of Abeokuta National Archives UK - CO 1069-65-55 sw c2 [10]

Der Widerstand der Frauen verschärft sich, als Großbritannien während des 2. Weltkriegs Kontrollen und Abgabendruck erhöht. Die Proteste der inzwischen auf eine Mitgliedschaft von etwa 20.000 angewachsenen Abeokuta Women’s Union erreichen Ende der 1940er Jahre ihren Höhepunkt. Am 3. Jänner 1949 sieht der Alake keinen anderen Ausweg mehr als abzudanken.

Mut zur Wahrheit[11]

Funmilayo Ransome-Kuti nimmt sich auch gegenüber dem Kolonialherrn kein Blatt vor den Mund. Als sie Ende der 1940er Jahre[12] einen Protestmarsch der AWU gegen den District Officer anführt – Vertreter des britischen Königs und auf seinem Territorium daher ein gottgleicher Meister über alles – herrscht dieser sie an: “Shut up your women“, eine mehr als rüde Art, von ihr zu verlangen, ihre Frauen zum Schweigen zu bringen.

Ihre Replik ist waffen-, aber gnadenlos: “You may have been born but you were not bred! Would you speak to your mother like that?” – “Du magst geboren worden sein, erzogen wurdest du nicht! Würdest du mit deiner Mutter so reden?“

70_year_old_Funmilayo_Ransome-Kuti_on_her_birthday bw [13]

Funmilayos Begleiterinnen, auch nicht mundfaul, sollen dem Herrn Distriktchef in der Folge angeboten haben, ihn um sein Geschlechtsorgan zu erleichtern und es seiner Mutter per Post zukommen zu lassen. Jedenfalls blieb dem mächtigen Herrn nichts übrig als zu Kreuze zu kriechen und sich zu entschuldigen[14].

Auch in den Protesten gegen den Alake war dessen Sexualorgan nicht ausgespart worden: “Idowu (= Alake), über lange Zeit hast du deinen Penis als Autoritätssymbol benutzt, um zu zeigen, dass du unser Gatte bist. Heute stellen wir die Verhältnisse auf den Kopf und verwenden unser Vagina, und wir spielen auf dir drauf die Rolle des Gatten“[15].

Für die Frauen und für die Freiheit

Béère setzt sich für ein Transzendieren ethnischer Differenzen ein, nimmt in diesem Sinn an Verhandlungen mit den britischen Kolonialherren im Vorlauf der allerdings kurzlebigen Macpherson-Verfassung von 1951 teil. 1949 fusionieren Funmilayos AWU, Margaret Ekpos Aba Market Women’s Association und Janet Okalas Enugu Women’s Association unter dem Vorsitz Béères zur Nigerian Women’s Union (NWU). Demokratische Mitbestimmung, Wahlrecht für Frauen und proportionale Repräsentation von Frauen in Gemeinderäten gehören zu den NWU-Zielen. 1953 initiiert Funmilayo die Gründung der Federation of Nigerian Women’s Societies, die sie als Frauen-Gegenparlament sieht. Sie engagiert sich im National Council of Nigeria and the Cameroons (NCNC)[16] und organisierte dessen Frauenflügel, erfährt dort jedoch so viel Zurücksetzung, dass sie 1959 als Unabhängige zu den Wahlen antritt.

Ab der nigerianischen Unabhängigkeit zieht sich Funmilayo Ransome-Kuti weitgehend aus der Politik zurück und widmet sich vor allem der Frauenbildung, unterhält dabei enge Beziehungen mit dem Ausland, insbesondere dem Ghana Kwame Nkrumahs, mit China und der Sowjetunion.

Nach dem siebzigsten Geburtstag übersiedelt Funmilayo in die von ihrem Sohn Fela Kuti in Lagos[17] gegründete Kalkuta-Kommune – eigentlich Kalkuta-Republik: Ihr Musiker-Sohn hatte sie als von Nigeria unabhängiges Territorium definiert. In dem dort eingerichteten Studio wurde er nicht müde, die nigerianischen Militärregime Yakubu Gowons, Murtala Mohammeds und dann Olusegun Obasanjos zu kritisieren. Nachdem schon die Alben Alagbon Close (1974) und Kalkuta Show (1976) offiziellerseits Unmut erregt hatten, nahm er 1976 das Lied Zombie[18] auf, wo er die im Titel enthaltene Beschreibung Soldaten umhängt, sie könnten nur losgehen, wenn ihnen wer sagte, loszugehen: “Zombie no go walk unless you tell am to walk“. Obwohl er damit ja einen disziplinierten, sich wohlverhaltenden Soldaten beschreibt, sollte Felas Republik diese neuerliche Impertinenz nicht überleben – am 18. Februar 1977 griffen tausend Soldaten an und legten sie in Schutt und Asche. Dabei kam auch Funmilayo Ransome-Kuti zu Schaden – an den Spätfolgen ihrer dabei erlittenen Verletzungen starb sie am 13. April 1978.

????????? [19]

Zufälligerweise ist Olusegun Obasanjo auch ein Yoruba und Christ, gut 36 Jahre nach Funmilayo Ransome-Kuti geboren.

Abeokuta from Olumo Rock II 2006 sw [20]

Funmilayo Ransome-Kutis Neffe, dem wir die vielzitierte Beschreibung ihrer Konfrontation mit dem britischen District Officer von Abeokuta Ende der 1940er Jahre verdanken, ist der Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka.

Wole Soyinka 2008 bw c [21]

Funmilayo Ransome-Kutis noch heute beliebter Sohn Fela Kuti (1938-97) war der Täufer und berühmteste Vertreter des Afrobeat. Und ihr Enkel Femi Kuti hält die musikalische Flamme hoch, wie sein Vater und seine Großmutter vor ihm kann er seinen Mund nicht halten und engagiert sich daher politisch.

WAÏPA and FELA KUTI 1970 sw [22] Femi Kuti 2008 sw [23]

Wole Soyinka und Fela Kuti sind heute viel bekannter als ihre Tante bzw. Mutter Funmilayo. Die strenge Erziehung, die Béère ihren Kindern angedeihen ließ, hat ihren Sohn nicht davor bewahrt, ein ausgewachsener Macho zu werden – wie muss sie gelitten haben! Auch beschränkte sich sein politisches Engagement zeitlebens weitestgehend auf das Klopfen flotter Sprüche[24]. Wole Soyinka ist, was nigerianische Politik betrifft, ein würdigerer Erbe Funmilayo Ransome-Kutis. In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre hat er deswegen zwei Jahre im Gefängnis verbracht. Und noch im hohen Alter (er ist heute 83) wird er es nicht müde, sich einzumischen.

Wole Soyinka hat 1986 den Nobelpreis verliehen bekommen, den für Literatur freilich, als ersteR AfrikanerIn. Ich frage mich, ob seine Tante diesen Nobelpreis nicht ebenso verdient hätte, den für Frieden freilich, für ihr Engagement für die Frauen und für die Freiheit, nicht nur aber vor allem in den 1940er und 1950er Jahren. “Du magst geboren worden sein, erzogen wurdest du nicht! Würdest du mit deiner Mutter so reden?“

Doch ich vergesse, dass der Friedensnobelpreis eher an Kriegsherren wie Barack Obama und an KriegstreiberInnen wie die Europäische Union[25] verliehen wird…

! RIP – Requiescat in pace, Funmilayo, Rest in peace – RIP !

Endnoten:

[1] Es hängt derzeit vom Ölpreis am Weltmarkt ab, ob Nigeria oder Südafrika an erster Stelle rangiert.

[2] AFP, Le Nigeria paralysé par une pénurie d’essence à la pompe, Lagos (AFP) 26.12.2017, 19h31.

[3] Funmilayo Ransome-Kuti, nicht datiert, aus: Unesco, Funmilayo Ransome-Kuti and The Women’s Union of Abeokuta, Paris (Unesco) 2014, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Funmilayo_Ransome-Kuti_graduate.png. Dieses und die folgenden Fotos habe ich zwecks Einheitlichkeit ihrer Farben beraubt und teils leicht zugeschnitten.

[4] Der Aba-Frauenkrieg von 1929 wurde nicht nur von Igbo, sondern auch von Ibibio, Andoni, Orgoni, Bonny, Opobo geführt.

[5] Yaa Asantewaa, die Ashanti-Königin-Mutter führte 1900 Krieg gegen Großbritannien.

[6] Frauenmarsch in Grand-Bassam  im Dezember 1949.

[7] Adjua Mensah, ‘The Blackman’s Burden’, in: Women’s Column, Accra Evening News, 2.8.1949. Da mir das Original nicht zugänglich ist, übersetze ich Christiane Owusu-Sarpongs Übertragung ins Französische aus: Esi Sutherland-Addy et Aminata Diaw (Hg.), Des femmes écrivent l’Afrique. L’Afrique de l’Ouest et le Sahel, Paris (Karthala) 2007, p.303.

[8] Eine bekannte Vorläuferin Funmilayo Ransome-Kutis im 19. Jhdt war Madam Tinubu “trader, kingmaker, anti-colonialist, iyalode (women’s chieftaincy title) and celebrated defender of Abeokuta“. Zitat: Unesco, Funmilayo Ransome-Kuti and The Women’s Union of Abeokuta, Paris (Unesco) 2014, p.47.

[9] Blick auf Abeokuta vom Olumo Rock, Foto Melvin “Buddy” Baker 7.7.2006, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Abeokutafromolumorock.jpg.

[10] Der Alake von Abeokuta 1923, Foto: The National Archives UK (CO 1069) https://commons.wikimedia.org/wiki/File:The_National_Archives_UK_-_CO_1069-65-55.jpg.

[11] “Parrêsia“ war ein im antiken Griechenland wichtiges Konzept. Dem Mut zur Wahrheit widmete Michel Foucault seine 1984 gehaltene Vorlesung am Collège de France, die letzte vor seinem Tod – siehe Michel Foucault, Le courage de la vérité. Le gouvernement de soi et des autres II, Paris (Seuil/Gallimard) 2009.

[12] Ich habe kein genaues Datum gefunden.

[13] Funmilayo Ransome-Kuti an ihrem 70. Geburtstag am 25.10.1970, Foto: Unesco 2.1.2014, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:70_year_old_Funmilayo_Ransome-Kuti_on_her_birthday.png.

[14] Für die Schilderung dieser Begebenheit wird generell Funmilayos Neffe bemüht – siehe Wole Soyinka, Aké. The years of childhood, London (Methuen) 2000 (© 1981). Siehe dazu neben der erwähnten Unesco-Quelle z.B. auch Raisa Simola, The Construction of a Nigerian Nationalist and Feminist, Funmilayo Ransome-Kuti, in: Nordic Journal of African Studies Bd.8, Nr.1, pp.94-114 aus 1999.

[15] Übersetzung GL. Neben anderen von der AWU geschaffenen Protestliedern zitiert in: Cheryl Johnson-Odim, Nina Emma Mba, For Women and the Nation: Funmilayo Ransome-Kuti of Nigeria, Urbana & Chicago (Univ. of Illinois Press) 1997, p.83 – dieses Buch ist auszugsweise auf Google Books zugänglich.

[16] Das war die Partei des späteren ersten Präsidenten Nigerias, Nnamdi Azikiwe.

[17] Damals noch Hauptstadt von Nigeria (erst 1991 von Abuja abgelöst). 100 km südlich von Abeokuta.

[18] https://www.youtube.com/watch?v=Qj5x6pbJMyU.

[19] Oberster Auftraggeber der Mörder (oder Totschläger) Funmilayos: General Olusegun Obasanjo, am 1.4.1978, zwölf Tage vor Funmilayo Ransome-Kutis Tod. Nach einer zweiten Periode als Staatschef, diesmal als Zivilist, 1999-2007, tritt er heute gern als weiser elder statesman und Mediator auf. Foto: Karl H. Schumacher anlässlich Jimmy Carters Staatsbesuch in Nigeria, https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Olusegun_Obasanjo#/media/File:Olusegun_Obasanjo_1978-04-01.jpg.

[20] Ein weiterer Blick auf Abeokuta vom Olumo Rock, Foto Melvin “Buddy” Baker 7.7.2006, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Overlooking_Abeokuta.jpg.

[21] Wole Soyinka am 24.9.2008, Foto: Chidi Anthony Opara, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Soyinka,_Wole_(1934).jpg.

[22] Fela Kuti (links) und Waïpa Saberty 1970, Foto: Moi-même, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:WA%C3%8FPA_FELA_KUTI.JPG.

[23] Femi Kuti 10.11.2008, Foto: Carlos Fernández San Millán, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Femi-Kuti.jpg.

[24] Zu beiden diesen Punkten siehe Raisa Simola, The Construction of a Nigerian Nationalist and Feminist, Funmilayo Ransome-Kuti, in: Nordic Journal of African Studies Bd.8, Nr.1, pp.94-114 aus 1999.

[25] Obama 2009 und die EU 2012.



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