Schule versus Leben. Oder: L’Art pour l’art

10 January 2018 | By | Category: Allgemein, Interessantes

Schule versus Leben. Oder: L’Art pour l’art[1]

Günther Lanier, Ouagadougou 10.1.2018

Schade, dass Michel Foucault nicht der Schule eine Studie gewidmet hat, wie er es mit dem Gefängnis[2] getan hat. Hat ihn die Komplexität der Frage, die Ubiquität der Institution davon abgehalten?

CP1 élèves 4 c [3]

Dass es sich bei der Schule im modernen Sinn in erster Linie um eine Disziplinierungsinstitution handelte, wurde im kolonialen Kontext besonders offensichtlich.

Die folgenden beiden Zitate beziehen sich auf Burkina Faso – bis 1984 hieß die Kolonie bzw. das Land “Obervolta“ –, gelten aber freilich auch über dessen Landesgrenzen hinaus und nicht nur für französische (Ex-)Kolonien:

“Unterwerfung durch Frankreich (…) impliziert, dass Land und Leute im Laufe des 20. Jahrhunderts weniger “fremd“, weniger “anders“ werden. Paris und der von dort aus befehligte Apparat versuchen, Fremdes gefügig zu machen, um es sich besser aneignen zu können. Die “Zurichtung“ oder “Schulung“ oder “Erziehung“ der neuen UntertanInnen soll sie denen des Vaterlandes angleichen, nicht in allem freilich (nicht, was Rechte und Freiheiten betrifft), aber sehr wohl hinsichtlich Gehorsam, Disziplin und aufopferndem Patriotismus. Das gelingt mehr oder weniger gut, mehr oder weniger schnell, mehr oder weniger vollständig – nie ganz.“[4]

“Besonderem Anpassungsdruck ausgesetzt sind SchülerInnen. Im kolonialen Westafrika besteht die Hauptfunktion französischer Schulen darin, Personal für den Verwaltungsapparat auszubilden, darunter auch LehrerInnen. Wie bereits erwähnt, ist anfänglich der Widerstand gegen diese kulturelle Enteignung stark – Chefs, die ihre Kinder in die Schule der Kolonialherren schicken sollen (zunächst “Schule der Geiseln“ genannt[5]), ersetzen die eigenen durch Kinder ihnen verpflichteter Untertanen. Bis klar wird, dass die Schule im neuen System ein überaus taugliches Mittel ist, zu Macht und Anerkennung zu kommen.“[6]

Paris entließ seine Kolonien in die Unabhängigkeit, die meisten im Lauf des Jahres 1960.

Die Schulen blieben.

Ein koloniales Erbe, an dem die Revolution scheiterte

In Marguerite Duras’ Film “Die Kinder“, weigert sich Ernesto, weiter in die Schule zu gehen, weil er dort Dinge lernen soll, die er nicht weiß. Das war 1985[7]. Da war in Burkina seit zwei Jahren die Revolution an der Macht. Sie hatte in Sachen Bildung beträchtliche Erfolge vorzuweisen[8], konnte insbesondere den Zugang zu Schulen deutlich ausweiten[9]. War die Ablehnung der RevolutionärInnen auch nicht so radikal, so prinzipiell wie die von Ernesto in Duras’ Film, so unternahmen sie durchaus ernsthafte Bemühungen, die Institution rundumzuerneuern und dem Land und seiner Entwicklung nützlicher zu machen.

“Enttäuschend verlief hingegen der Versuch, das Schulsystem von Grund auf neu zu gestalten, es an den tatsächlichen Bedürfnissen des Landes auszurichten und das von den Kolonialherren übernommene aufzugeben. (…) Um die Entwicklungsbedürfnisse des Landes bedienen zu können, sollte nun der Lehrplan rundumerneuert werden, wobei unter anderem den nationalen Sprachen eine bedeutende Rolle zugedacht war. Das stieß auf unwilliges Unverständnis und heftige Ablehnung seitens der SchülerInnen-Eltern. Französische(es) versinnbildlichte offensichtlich weiter Prestige und Erfolg. Wer nur konnte, steckte die Kinder in private Schulen oder schickte sie ins Ausland.

Der Atem der RevolutionärInnen war wohl nicht lang genug, um sich in dieser Frage gegen ihr Volk durchzusetzen. Darunter leidet das burkinische Schulsystem noch immer.“[10]

Schuljahresabschlussfest Ouarmini 07 2004 [11]

Französisch als Unterrichtssprache von allem Anfang an, der alles andere als modern ausgebildete und nur selten engagierte “Lehrkörper“ und die überkommene Methodik (Auswendiglernen statt eigenem Denken) verwandeln Schulbesuch in hohem Ausmaß in Zeitverschwendung.

Es ist, als bemühte Burkina sich, Robert Walsers Anschreiben gegen ein anderswo mehr praktiziertes “Fürs Leben Lernen“ in Realität zu verwandeln:

“Die Schulen haben sozusagen angefangen, dem Leben zu schmeicheln.
Wie aber, wenn das Leben von dieser Schulschmeichelei im Grund gar nicht viel wissen will? Vielfach sind uns ja Verzärtelungen ganz einfach zuwider. Das Leben will nicht in einem fort hören, wie nett, lieb, gut, entzückend, großartig, erheblich es sei. So dient also die Schule dem Leben, kommt ihm in fast jeder Weise furchtbar freundlich entgegen und es könnte sein, dass das Leben darob bloß widerspenstig, unwillig würde, dass es die Dienste ablehnte, im Gefühl, dass es durch diese Liebesdienste entehrt werde. Das Leben sagt: “Ich brauche eure eilfertige Hilfe nicht, sorget für euch selber“, und ich glaube, es hat recht: Die Schule hat für sich selbst zu sorgen, die Schule hat zu sorgen, dass sie in jeder Hinsicht, also lediglich, Schule sei. Das Leben hat ja ewig sein Ureigenes, seine urewig eigene, durchaus nicht leicht erklärliche Bestimmung. Die Schule hat nicht die Aufgabe, das Leben zu verstehen und mit in die Ausbildung einzubeziehen. Für Lebensausbildung sorgt ja dann das Leben schon und jeweilen früh genug. Wenn die Schule sich selber dient, die Kinder ausschließlich in ihrem eigenen Geist unterrichtet, wird das Leben solche Kinder viel interessanter finden und sie vielleicht in die Arme nehmen, sie mit mehr Lebensreichtümern bekannt machen. Das Leben will ja seinerseits die aus der Schule Entlassenen in seinem Geiste unterrichten. Werden nun die Kinder schon in der Schule im Lebensgeist erzogen, so findet das später das Leben sehr langweilig. Es gähnt dann und sagt: “Lasst mich schlafen. Ihr habt mir ja meine Aufgabe genommen. Die Kinder wissen alles schon. Was fang ich mit ihnen an? Die wissen ja übers Leben besser Bescheid als ich selber.“ Dann geht alles und steht doch alles still, und es ist wie Traum. Das Leben öffnet sich nur dem, der ihm traut. Die Versorgung der Kinder mit Kenntnis übers Leben von Schule weg bedeutet eben eine Ängstlichkeit, und mit solch vieler Vorsorglichkeit kommt man nicht sehr weit.”[12]

Ouarmini-SchülerInnen zeigen ihre Hefte 2002 [13]

Die Mängel des von den Kolonialherren übernommenen und bis zum heutigen Tag weitgehend intakten Schulsystems macht ein burkinisches Projekt deutlich, das seit 2006 vom österreichischen Kooperationsbüro in Ouagadougou unterstützt wird: EFORD, Education et FORmation pour un Développement endogène, zu Deutsch “Erziehung und Bildung für eine endogene Entwicklung“.

Das Prinzip ist einfach: Kindern außerhalb des offiziellen Schulsystems[14] soll Schul- und Berufsbildung geboten werden, die sich am tatsächlichen Bedarf orientiert. Der Unterricht findet in der Muttersprache der SchülerInnen statt. Das ermöglicht auch den meist bildungsfernen Eltern ein Mitverfolgen des Unterrichts und der Fortschritte ihrer Kinder. Die Sparten angebotener Berufsausbildung richten sich nach der lokalen Wirtschaft, typisch sind z.B. Landwirtschaft, Viehzucht, traditionelle Medizin – jedes EFORD-Ausbildungszentrum legt das nach einer Bedarfserhebung fest. Am Ende der Ausbildung, das ist der Luxus an EFORD, werden den AbgängerInnen für einen erfolgreichen Start ins Berufsleben finanzielle oder materielle Mittel zur Verfügung gestellt[15].

Die Resultate sprechen für sich

Französisch ist in diesem System ein Unterrichtsgegenstand wie andere auch. Die Volksschule, die in Burkina üblicherweise sechs Jahre dauert, ist hier nach vier Jahren vorüber. Die Ergebnisse der EFORD-Zentren bei den Volksschulabschlussprüfungen sind gut, überdurchschnittlich gut. Insbesondere gilt das für Französisch[16] – und das müssen wir uns auf der Zunge zergehen lassen: Im allgemeinen Volksschulsystem haben SchülerInnen sechs Jahre lang allen Unterricht auf Französisch erhalten. Bei EFORD wurde ihnen vier Jahre lang Französisch als ein Gegenstand unter mehreren beigebracht. Ergebnis: Das Fremdsprachenniveau der EFORD-AbsolventInnen ist besser als das der “normalen“ VolksschülerInnen[17], die sechs Schuljahre lang nichts anderes als Französisch gehört, gesprochen, geschrieben, gelesen haben…

Vor ein paar Tagen ist für den burkinischen Bildungssektor eine Bilanz der zwei Jahre Roch Kaboré-Regierung erstellt worden[18]. Ganz offensichtlich sind Fortschritte zu verzeichnen: 1.263 neue Volksschul-Klassenzimmer sind gebaut worden, um behelfsmäßige Konstruktionen zu ersetzen. 1.643 zusätzliche Klassenzimmer sind geschaffen worden, um 3 Klassen- in die freilich vorzuziehenden 6 Klassen-Volksschulen zu verwandeln. 409 zusätzliche Unterstufen- (“collèges“) und 55 neue Oberstufen-Sekundarschulen (“lycées“) sind errichtet worden. 130 Volksschulen und 30 zuvor stromlose Unterstufen-Sekundarschulen sind mit Solarenergie ausgestattet worden. 5.746 StudentInnen mit mindestens zwei abgeschlossenen Studienjahren (Bac+2) sind als Unterstufen-LehrerInnen angestellt worden und weitere 16.267 Stellen sind geschaffen worden – das Unterrichtsministerium ist landesweit bei weitem der größte Arbeitgeber – um das Verhältnis SchülerInnen-LehrerInnen (60, 70, 80 in einer Klasse sind keine Seltenheit) zu verbessern.

Qualitative Verbesserungen habe ich in dieser Bilanz fast umsonst[19] gesucht. Gerade an diesen mangelt es dem burkinischen Schulsystem aber. Doch dazu wäre ein grundsätzliches Umkrempeln des gesamten Dispositivs nötig. Nach allem, was über die letzten zwei Jahre zu sehen war, ist Roch Kaboré in keinster Weise bereit, Bestehendes fundamental in Frage zu stellen – Erbe einer Macht, an der er schon lange federführend beteiligt war, verwaltet er vielmehr die bei Amtsantritt vorgefundenen Besitzstände.

Armer Unterrichtsminister!

Schuljahresabschlussfest Ouarmini 07 2004 II [20]

Endnoten:

[1] “Kunst (nur) um der Kunst willen“, meist auf Französisch verwendet, manchmal auch Latein: “ars gratia artis“.

[2] Michel Foucault, Surveiller et punir. Naissance de la prison, Paris (Gallimard) 1975 – auf Deutsch: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1976.

[3] ErstklasslerInnen in der öffentlichen Volksschule von Ouarmini, ein Dorf etwa 25 km südlich der burkinischen Hauptstadt Ouagadougou, Nov.2006, Foto GL.

[4] Günther Lanier, Land der Integren. Burkina Fasos Geschichte, Politik und seine ewig fremden Frauen, Linz (guernica Verlag) 2017, p.135.

[5] “Freilich gab’s die ‘Schule der Geiseln‘, später ‚Schule der Chefsöhne und Übersetzer‘ genannt. Der Kolonialherr wollte die Sprösslinge zähmen, in ihre Köpfe eindringen um sie zu formatieren, die Stammzellen zerstören. Aber die traditionellen Familien hatten ihre Werteskalen, auf die sie sich stützten, und sie widerstanden der Assimilierung.“ Ken Bugul, Aller et Retour, Dakar (Editions et Diffusion Athéna) 2013, p.77, Übersetzung GL. Ken Bugul geht es um Senegal, das Frankreich länger ausgesetzt war als Obervolta, aber der Text passt für alle französischen Kolonien.

[6] Günther Lanier, Land der Integren. Burkina Fasos Geschichte, Politik und seine ewig fremden Frauen, Linz (guernica Verlag) 2017, pp.135f.

[7] Der 1985 herausgekommene Film “Les enfants“ beruht auf der 1971 von Duras bei Harlin Quist/Ruy-Vidal veröffentlichten “Erzählung für Kinder“ gleichen Namens. Duras führte Regie, beim Drehbuchschreiben ließ sie sich von Jean Mascolo und Jean-Marc Turine unterstützen.

[8] “1983 bis 1988 werden 932 neue Grundschulen gebaut – fast so viel wie in 23 Jahren Unabhängigkeit zuvor. Der vom Nationalen Revolutionsrat in Sachen Schule betriebene Aufwand war beträchtlich und, was die Quantität betrifft, durchaus erfolgreich.“ Günther Lanier, Land der Integren. Burkina Fasos Geschichte, Politik und seine ewig fremden Frauen, Linz (guernica Verlag) 2017, p.251. Für genauere Daten siehe Tabelle und Grafik ebd., pp.251f.

[9] “Zugelegt hat unter der Revolution vor allem die Sekundarschule – innerhalb von nur fünf Jahren verzweieinhalbfachten sich die SekundarschulanfängerInnen, die Rate verdoppelte sich. Bei den GrundschulanfängerInnen betrug der Zuwachs auch noch zwei Drittel, die Rate legte von knapp 22% auf über 30% zu. Die Universitäten verzeichneten eine ähnliche Zunahme ihrer StudienanfängerInnenquote wie die Volksschulen.“ Ebd., p.252.

[10] Ebd., p.252.

[11] Schuljahresabschlussfest der öffentlichen Volksschule von Ouarmini im Juli 2004. Foto Petra Radeschnig. Leicht zugeschnitten von GL.

[12] Robert Walser, Der Räuber, Zürich (Suhrkamp) 1986 (geschrieben 1925) pp.110f.

[13] SchülerInnen der öffentlichen Volksschule von Ouarmini zeigen der Fotografin ihre Produktionsmittel. Foto Petra Radeschnig Dez. 2002. Leicht zugeschnitten von GL.

[14] Dem offiziellen System durfte keine Konkurrenz gemacht werden, insofern werden nur SchulabbrecherInnen und Kinder, die nie eine Schule besucht haben, ausgebildet.

[15] Für Kurzdarstellungen siehe “Formation professionnelle au Burkina Faso: 288 apprenants en fin de formation reçoivent des kits d’installation“ und “Berufsausbildung in afrikanischer Muttersprache“ auf den Webseiten des burkinischen Unterrichtsministeriums MENA bzw. der österreichischen Entwicklungshilfeagentur ADA: http://www.mena.gov.bf/index.php?option=com_content&view=article&id=591:formation-professionnelle-au-burkina-faso-288-apprenants-en-fin-de-formation-recoivent-des-kits-d-installation&catid=168&Itemid=506 bzw. http://www.entwicklung.at/ada/aktuelles/detail/artikel/berufsausbildung-in-afrikanischer-muttersprache/

[16] Persönliche Mitteilung Jean-Martin Coulibalys, des früheren Verantwortlichen für Berufsbildung am österreichischen Kooperationsbüro in Ouagadougou. Seit er Anfang 2016 Unterrichtsminister geworden ist, betreibt er das Projekt in anderer Rolle weiter.

[17] Freilich ist längst erwiesen – und auch für LaiInnen leicht nachzuvollziehen –, dass es keinen Sinn macht, Kindern ihre sprachliche Basis mit Schulantritt zu entziehen und sie zu zwingen, in eine Fremdsprache überzuwechseln.

[18] Siehe Nicole Ouédraogo, An II Roch Kaboré: Quel est le bilan dans le secteur de l’éducation ? Ouagadougou (Lefaso.net) 7.1.2018; http://lefaso.net/spip.php?article81318.

[19] Der einzige Ansatz dazu: Fernunterricht von 2.000 LehrerInnen.

[20] Schülerinnen-Darbietung beim Schuljahresabschlussfest der öffentlichen Volksschule von Ouarmini im Juli 2004. Foto Petra Radeschnig. Leicht zugeschnitten von GL.



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