In Luanda stehen Welten Kopf

17 Januar 2018 | By | Category: Allgemein, Interessantes

In Luanda stehen Welten Kopf

Günther Lanier, Ouagadougou 17.1.2018

Die reichste Frau Afrikas wird geschasst[1], wenig später verliert ihr Bruder[2] auch seinen Job in der allerobersten Etage der angolanischen Wirtschaft, und das erwartete Erdbeben bleibt aus. Der Vater[3] der beiden Gekündigten – weiterhin Chef der Regierungspartei, auch wenn ihm 38 Jahre und 16 Tage an der Staatsspitze genügt haben und er die angolanische Präsidentschaft einem handverlesenen Nachfolger übergeben hat – meint nur leise, da werde aber hart vorgegangen. João Lourenço[4] hat den Kampf gegen die Korruption auf seine präsidiale Fahne geschrieben. Bleibt abzuwarten, wie weit er damit im angolanischen Neopatrimonialismus[5] kommt[6].

Luanda_Panorama [7]

ArbeitsmigrantInnen aus Europa

Es ist, als wollte Abdourahman A. Waberis Roman nicht am Horn von Afrika, sondern deutlich weiter südlich Wirklichkeit werden:

Die “Vereinigten Staaten von Afrika, reich, mächtig, im Überfluss schwimmend, von Immigranten aus den nördlichen Randzonen belagert, Sehnsuchtsort der Menschen aus dem in ethnischen Kriegen zersplitterten, zerstörten, darbenden Europa, dem hungernden Nordamerika.
(…) Die Städte Djibouti, Asmara und Addis Abeba[8] sind zu einem modernen, glitzernden, boomenden Wirtschaftskonglomerat verschmolzen, mit Hightech-Industrie, hypermodernen Kommunikationsmitteln. In düsteren Vorortsiedlungen, in Gastarbeiterheimen träumen entrechtete Illegale davon, ein Stück des Wohlstands zu erhaschen. Doch in den reichen afrikanischen Nationen wächst der Widerwille gegen die Flüchtlinge, hetzen nazi-ähnliche Trupps Einwanderer, fordern Professoren die Abschiebung aller Illegalen.“[9]

2008 geriet die frühere Kolonialmacht Portugal in die Krise, da drehten sich gewohnte Verhältnisse um: Früher waren es die AngolanerInnen gewesen, die vor den Zuständen in ihrer Heimat – dem langen Bürgerkrieg[10] und der anhaltenden Misere – flohen und Unterschlupf suchten im Land der ehemaligen Kolonialherren. Doch seit 2008 migrierten Zigtausende nach Angola und für 2014 wurde die Zahl der in Angola lebenden portugiesischen Wirtschaftsflüchtlinge auf 100.000 bis 150.000 geschätzt. Unter diesen gab es legale MigrantInnen und betuchte Geschäftsleute – und es gab Illegale[11], und von letzteren so viele, dass weiße Haut für die Polizei zum Kennzeichen von EinwanderInnen ohne Papiere wurde und Weiße bei Razzien am Arbeitsplatz und auch bei Verkehrskontrollen bevorzugtes Ziel der angolanischen Polizei wurden[12].

An solchen Umständen der Verletzlichkeit und der Unterordnung nimmt das Bild der ehemaligen Kolonialherren als Höherentwickelten, als “Zivilisierten“ freilich Schaden. Die alte Dichotomie “integre EuropäerInnen” versus “korrupte, unterentwickelte Andere” bröckelt[13], die Abgrenzung des ehrlich-aufrechten Selbst vom skrupellos-bös-bestechlichen Anderen funktioniert nicht mehr. Hier wie dort gäbe es Korruption, in Angola sei sie vielleicht alltäglicher, aber – meinen manche – da sei sie auch “ehrlicher“, weil offener.

Angola überrascht seit jeher

Koloniale Welten waren extrem patriarchalisch – den Kolonialherren stellten sich jedoch immer wieder auch Frauen entgegen. Im heutigen Angola erwies sich für die portugiesischen Eroberer Nzinga Mbande[14] als überaus ernstzunehmende Kontrahentin. 1626 bis zu ihrem Tod 1663 Königin von Ndongo und Matamba, fügte sie den Portugiesen in den 1640er Jahren mehrere empfindliche Niederlagen bei.

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Königin Nzinga Mbande wird als begabte Politikerin und Diplomatin und nicht zuletzt als brillante Militärstrategin erinnert.

Verkehrte Welten

Etwas mehr als 300 Jahre nach Nzinga Mbandes Tod übernahm in Luanda die marxistische Volksbewegung zur Befreiung Angolas – Movimento Popular de Libertação de Angola/MPLA – die Macht.

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Dann begann ein langer Bürgerkrieg, in dem die MPLA auf die Unterstützung der Sowjetunion und Kubas, ihr Todfeind, die Nationale Union für die völlige Unabhängigkeit Angolas – União Nacional para a Independência Total de Angola/UNITA –, insbesondere auf die der USA und Apartheid-Südafrikas zählen konnten. Eine halbe Million Tote und zweieinhalb Millionen Vertriebene später fand dieser brutale Bürgerkrieg erst 2002 mit dem Tod des UNITA-Chefs Savimbi[17] ein Ende.

Seither ist MPLA-Angola zum Klassenfeind übergelaufen. Auf dem Foto unterzeichnen der mittlerweile angolanische Staatschef und MPLA-Vizepräsident Lourenço und der US-Verteidigungsminister Mattis ein memorandum of understanding zum weiteren Ausbau bilateraler militärischer Zusammenarbeit.

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Nicht nur in Angola, nicht nur in den USA: Wo Geschäfte zu machen sind, ist Unvereinbares problemlos harmonisierbar.

Endnoten:

[1] Isabel dos Santos, laut Forbes die reichste Afrikanerin, stand der staatlichen Erdölfimra Sonangol vor, sie wurde am 15. November 2017 entlassen.

[2] Jose Filomeno dos Santos, Isabels Halbbruder, stand dem angolanischen Investitionsfonds vor, er wurde am 10. Jänner 2018 entlassen.

[3] José Eduardo dos Santos folgte dem ersten angolanischen Präsidenten Agostinho Neto 1979 nach.

[4] João Lourenço ist seit 26. September 2017 Präsident. Davor war er gut drei Jahre lang Verteidigungsminister. Seit August 2016 ist er auch Vizepräsident der Regierungspartei MPLA.

[5] Der vor allem von Max Weber ausgearbeitete Begriff des Patrimonialismus handelt vom Mangel an Trennung zwischen öffentlichem Vermögen und privatem Reichtum der Herrschenden. Neopatrimonialismus kombiniert Merkmale des Patrimonialismus mit solchen des legal-rationalen/modern-bürokratischen Herrschaftstyps.

[6] Dessen Fundament heute, nach dem Preissturz bei Erdöl, erschüttert ist. Bei Angola handelt es sich ja – in Jesse Salah Ovadias Begrifflichkeit – um einen “petro-developmental state“ – siehe Jesse Salah Ovadia, The Petro-Developmental State in Africa: Making Oil Work in Angola, Nigeria and the Gulf of Guinea, London (C Hurst & Co) 2016.

[7] Blick über Luanda aus einem Hotelfenster, 18.2.2007. Fotografin: Beth Balboni https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Luanda_Panorama.jpg

[8] Abdourahman A. Waberi wurde in Djibouti, 1965 noch französische Kolonie, geboren, lebt aber seit langem (seit 1985) im Exil. Dass er gerade Djibouti, Asmara (die eritreische Hauptstadt) und Addis Adeba zusammenwachsen lässt, entbehrt der Ironie nicht, sind doch die Beziehungen zwischen Djibouti und Asmara angespannt und sind doch Eritrea und Äthiopien Erzfeinde. Siehe dazu Günther Lanier, Eritrea einmal anders, Radio Afrika TV, Wien 4.10.2017, http://www.radioafrika.net/2017/10/04/eritrea-einmal-anders/.

[9] Mehrfach fehlen im zitierten Text die weiblichen Formen, ich wollte aber ins Original nicht eingreifen. Johannes Kaiser, Afrika als der Nabel der Welt, Deutschlandfunk Kultur, 19.5.2008, http://www.deutschlandfunkkultur.de/afrika-als-der-nabel-der-welt.950.de.html?dram:article_id=136205, Buchbesprechung von Abdourahman A. Waberi, Aux États-Unis d’Afrique, Paris (Jean-Claude Lattès) 2006, in der deutschen Übersetzung: In den Vereinigten Staaten von Afrika, Hamburg (Nautilus Verlag) 2008:

[10] Unabhängigkeitskrieg (1961-74), Entkolonisierungskonflikt (1974/75), Bürgerkrieg (mit Unterbrechungen) 1975-2002.

[11] Es geht vor allem um die Arbeitserlaubnis – “visto de trabalho“. Diese wird auf ein Jahr ausgestellt und ist danach zwei Mal um je ein Jahr verlängerbar.

[12] PortugiesInnen sollen in der Hauptstadt Luanda für Polizei und andere ab 2011 “sichtbar” geworden sein. Ich stütze mich hier insbesondere auf Lisa Åkesson, Camilla Orjuela, North-South Migration and the Corrupt Other: Practices of Bribery among Portuguese Migrants in Angola, online publiziert am 18.10.2017 auf http://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/14650045.2017.1379510.

[13] Freilich ist Portugal innerhalb der Satten Welt nicht gerade der Inbegriff von Integrität und Entwicklung. Es hält zwar, was die Dauer betrifft, den Weltrekord an kolonialer Herrschaft, nimmt in Europa jedoch nicht nur geographisch eine periphere Position ein. Bela Feldman-Bianco hat es prägnant als “subalternes Imperium” bezeichnet. Siehe Bela Feldman-Bianco, Colonialism as a continuing project: The Portuguese experience, in: Identities Jg.8, Nr.4, London 2001, pp.477-482, zitiert in Lisa Åkesson, Camilla Orjuela, a.a.O.

[14] Auch Anna Nzinga, Ana de Sousa Nzinga Mbande oder Njinga Mbandi.

[15] Porträt Nzinga Mbandes, geboren ca.1583, 1626-63 Königin von Ndongo und Matamba. Nachträglich kolorierte Lithographie Achille Devérias aus den 1830er Jahren, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ann_Zingha.jpg.

[16] MPLA-Flagge über Angola-Landkarte, kreiert von DrRandomFactor am 10.2.2013, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Flag_map_of_Angola_(MPLA).png. Die angolanische Fahne ähnelt der hier verwendeten MPLA-Fahne, auf rot-schwarzem Grund wird der Stern in ihrem Zentrum noch durch ein halbiertes Zahnrad und eine Machete ergänzt, alle drei gelb.

[17] Wie James Taylor war auch der Blutdiamantenhändler Jonas Savimbi ein Geschäftspartner des burkinischen Langzeitdiktators Blaise Compaoré.

[18] João Lourenço, damals noch Angolas Verteidigungsminister, und US-Verteidigungsminister Jim Mattis unterzeichnen im Pentagon in Washington, D.C. ein memorandum of understanding, um die militärische Zusammenarbeit weiter zu verbessern, Foto: Jette Carr, 17.5.2017, leicht überarbeitet von GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:SD,_DSD_meet_with_Angola%27s_defence_minister_170517-D-GY869-113_(33909022683).jpg.



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