Regenbogennationen im historischen Dar Fur und Sudan.

14 February 2018 | By | Category: Allgemein, Interessantes

Vergessen wir die Ethnien!

Günther Lanier, Ouagadougou 14.2.2018.

Die Geschichte der Welt wird gern als beständiges Vorankommen dargestellt, als Entwicklung zu Höherem. Die hauptsächliche treibende Kraft des Fortschritts der letzten Jahrhunderte seien Weiße gewesen. Die Schwarzen hingegen pflegten ihre Bräuche, musizierten, tanzten, bewahrten ganz allgemein ihre Überlieferungen, verharrten also in Erprobtem, von VorfahrInnen Hinterlassenem, in Gehabtem.

Die Rollenverteilung ist rassistisch, aber klar: HeldInnen (selten Frauen) sind Weiße. Sie sind die Staaten- und Nationen-BauerInnen und haben zuletzt die Welt sogar zu einem “globalen Dorf“ gemacht. AfrikanerInnen sind Stammesangehörige, halten fest an den für ihr jeweiliges Volk, ihre jeweilige Ethnie charakteristischen Riten und Gepflogenheiten.

Klar, dass das globale Dorf multi-ethnisch, multi-rassisch, multi-kulturell ist. Kürzlich hat ein Schwarzer sogar im mächtigsten Staat der Erde zwei Mandate lang die Präsidentschaft ausgeübt.

Doch Klischees sind zählebig. Die Moderne bleibt weitestgehend der Satten Welt vorbehalten. Während Afrika die unveränderliche Welt der Tradition repräsentiert. Trotz Unabhängigkeiten und Migration und Handys. Alle diese Fortschritte seien von außen angestoßen, seien zivilisierenden, kulturbringenden (Neo)Kolonialherren zu verdanken.

Wie sehr das alles nicht stimmt, wie gar nicht statisch die Wirklichkeit seit eh und je war, wie Ethnien – einst Stämme genannt – keine rigide Grenzen hatten, bevor Kolonialherren und EthnologInnen daherkamen und sie festschrieben[1], dazu hier ein kurzer Ausflug in den Sudan.

Das Sultanat Dar Fur

Hier folgt das offenbar einzige je von einem Fur-Sultan gemachte Foto, ein “Trophäen-Foto“: 1916 wurde Ali Dinar von der anglo-ägyptischen Expedition besiegt und getötet – er hatte sich zuvor unwillig gezeigt, Steuern an die Kolonialherren abzuliefern und schien zum Osmanischen Reich überlaufen zu wollen. Unbotmäßigkeit wird bestraft, auch unter indirekter Kolonialherrschaft, und in Kriegszeiten noch mehr.

Ali Dinar letzter Sultan von Darfur [2]

Im heutigen Sudan zählen wir 76 Sprachen[3]. Circa 750.000 der 40 Millionen SudanesInnen sprechen Fur[4]. Nach ihnen heisst der Westen des Landes “Dar Fur“, die Heimat oder das Land der Fur.

Kontext der Arabisierung

Die Geschichte des Sudan reicht weit zurück – viel weiter als die Europas. Sie wird meist erzählt als eine von außen getriebene Historie. Wichtige Impulse seien stets aus dem hellhäutigen Norden gekommen, zunächst aus dem pharaonischen Ägypten, später seien sie dann arabisch und schließlich europäisch gewesen.

Auch in den rezenten Berichten des Darfur-Konflikts oder -Genozids spielte der Gegensatz von “arabisch“ und “afrikanisch“ eine große Rolle – das Regime in Kharthoum hätte sich der “arabischen“ Janjaweed-Milizen[5] bedient, um die “nicht-arabische“ Bevölkerung zu terrorisieren.

In der Tat war die Arabisierung des Sudan jedoch ganz überwiegend ein interner Vorgang, er basierte nicht auf Einwanderung und Eroberung, sondern auf freiwilligem “Konvertieren“, welches wesentlicher Teil der aus dem Inneren kommenden Staatenbildung war[6]. Es hat im Sudan keinen arabischen Überfall, keine arabische Invasion gegeben. Die einzige Invasion, zu der es gekommen war, war die der Mamluken, einer Sklavendynastie, die bei der Verfolgung flüchtiger AraberInnen ins sudanesische Nubia und Beja eindrangen – im Norden des Landes, an der Grenze zum heutigen Ägypten, wo die Arabisierung viel schwächer ausgeprägt war als zum Beispiel im deutlich weiter südlichen Funj.

In dem im frühen 16. Jahrhundert gegründeten Sultanat von Funj verlief die Arabisierung in drei Wellen, keine davon hatte etwas mit Eroberung zu tun. Als erstes beriefen sich die Sultane auf eine arabische Abstammung – in Wirklichkeit waren sie höchstwahrscheinlich Shilluk (sie leben heute in Südsudan). Sie seien Nachkommen des Propheten Mohammed. Eine derartige Genealogie bringt freilich Prestige. Im 18. Jahrhundert dann expandierte der Handel und Kaufleute betrieben die weitere Arabisierung – lieber als das “traditionelle“ Recht wollten sie die Scharia, die ihrem Geschäft mehr entgegenkam. Diese Kaufleute waren um nichts weniger “einheimisch“ als der Sultan, auch sie reklamierten jetzt aber arabische Abstammung für sich. Die dritte Arabisierungswelle geschah schließlich in der Kolonialzeit, als die pan-arabische Bewegung über Herrscher und Kaufleute hinaus die Massen erfasste.

Fur_map in Darfur in Sudan sw [7]

Das multikulturelle Dar Fur

In der ersten Hälfte des 17. Jahrhundert wurde im Westen des heutigen Sudan das Sultanat Dar Fur eingerichtet, Islam war Hof-Religion, Arabisch Hof-Sprache. Ein stehendes Heer und ein Ausbau des Verwaltungsapparates ermöglichten ein zentralisiertes Staatsgebilde.

Unter westafrikanischem Einfluss wurde der Islam in Dar Fur in Form von Sufi-Bruderschaften (tariqas) organisiert. Wir wissen, dass westafrikanische Mekka-PilgerInnen hier schon seit spätestens dem 11. Jahrhundert durchkamen, und dass manche blieben[8a]. In späteren Jahrhunderten würde die französische Eroberung Westafrikas und das Vermeiden der unter Pariser Herrschaft eingeführten Zwangsarbeit zu weiterer westafrikanischer Zuwanderung führen[8b].

Fuqara, die gut ausgebildeten “heiligen Männer“ oder einfach Mitglieder der Sufi-Bruderschaften, dienten dem Dar Fur-Sultan in der Administration. Wichtiger und zahlreicher als sie waren aber Sklaven. Afrikainterne Sklaverei war mit transatlantischer nicht zu vergleichen[9], SklavInnen waren zwar ihrer familiären und sozialen Wurzeln beraubt, wurden aber nicht so völlig entmenschlicht wie auf den Plantagen der Americas. Was das Dar Fur-Sultanat betrifft, wurde nur eine Minderheit seiner SklavInnen in Ägypten verkauft. Die ganz überwiegende Mehrheit wurde zu Soldaten und Administratoren im Land selbst. Dort kamen sie zu Macht und Ansehen – ab Beginn des 19. Jahrhunderts waren sie es, die über die Thronfolge entschieden[10], wobei sie selbst allerdings als Sklaven von der Herrschaft ausgeschlossen waren.

Mit zunehmender Ausdehnung des Reiches gerieten die Fur im Laufe der Zeit zur Minderheit. Der Sultan verlegte die Hauptstadt auch nach El Fasher – außerhalb des ursprünglichen Siedlungsgebietes. Abgesehen vom einheimischen Sultan bestand die Elite des Staates mehrheitlich aus Ausländern[11] – SklavInnen wurden vor allem im südlichen Ausland beschafft, fuqara stammten teils aus dem Nil-Tal, vor allem aber aus Westafrika, und die Händler kamen hauptsächlich aus dem Nil-Tal.

Zwar gab es kaum arabische MigrantInnen in Dar Fur, die Arabisierung war dennoch weit vorangeschritten. Nicht nur behauptete der Sultan eine arabische Herkunft, Arabisch war auch die Sprache bei Hof, im Handel, an den Schulen und nicht zuletzt in der Religion.

Der Mahdi, Vater der sudanesischen Nation

Weiten wir nun den Fokus. Ende 19. Jahrhundert sah sich die britische Kolonialherrschaft im Sudan ernsthaft bedroht. Ein gewisser Muhammad Ahmad, Sohn eines Bootsbauers aus Dunqula, eine Stadt am Nil im Nord-Sudan, predigte ab 1871 die Rückkehr zu den wahren Werten des Islam. 1881 rief er sich zum Mahdi aus – das ist der der am Ende der Zeiten von Allah entsandte Führer der Gläubigen, der das Unrecht auf der Welt beseitigen wird.

Die Idee des Mahdismus war aus Westafrika gekommen, da hatten sich mit dem Beginn des neuen Millenniums nach der islamischen, der Hidschri-Zeitrechnung Hoffnungen auf einen Erlöser verbreitet. Bis sie im Sudan auf fruchtbaren Boden fielen, war dann einige Zeit vergangen.

Karte aus SLATIN (1896), p703 MAHDIST INFLUENCE 1895 [12]

1883 konnte die ägyptische Armee besiegt, Anfang 1885 Khartoum erobert werden. Ein halbes Jahr darauf starb der Mahdi Muhammad Ahmad, ihm folgte Kalif Abdallahi ibn Muhammad, der jede Opposition im Land brutal unterdrückte. Erst am 2. September 1898 konnte sich Großbritannien in der Schlacht von Omdurman (am Nilufer Kharthoum gegenüberliegend) entscheidend durchsetzen – der Kriegsrat des Kalifen hatte sich für die ehrenhafte aber selbstmörderische Auseinandersetzung in offener Feldschlacht bei Tageslicht entschieden[13].

Auffällig an der Mahdiya – dem Madhi-Aufstand oder Mahi-Krieg – ist die Vielzahl und Vielfalt der Beteiligten. Diese anti-imperialistische Allianz wurde im Norden und Süden, im Westen und Osten des Landes, von “arabischen“ und “afrikanischen“ SudanesInnen unterstützt. Die ethnische Zugehörigkeit scheint von geringer Bedeutung gewesen zu sein.

Mahdis_Grab_1898 [14]

1883 unterlag auch ein Österreicher dem Mahdi

Gut vier Jahre lang, ab 1879, war der aus Ober St. Veit stammende Rudolf Slatin (auch Slatin Pascha) Gouverneur Dar Furs. Seine Gouverneurskarriere kam zu einem abrupten Ende, als er am 23. Dezember 1883 vor den Mahdi-Truppen kapitulieren musste. Er geriet in Gefangenschaft, verdankte sein Überleben nur seiner Überredungskunst – er konnte Muhammad Ahmad weismachen, dass er zum Islam übergetreten war. In der Folge verbrachte er zwölf Jahre als Sklave des Mahdi-Nachfolgers, bevor ihm 1895 die Flucht gelang.

Tomb_of_The_Mahdi sw [15]

 Endnoten:

[1] Mahmood Mamdani hält dieses Definieren/Festlegen ethnischer Identitäten für das zentrale Merkmal des Systems der indirekten Herrschaft der (vor allem britischen) Kolonialherren. Siehe Mahmood Mamdani, Define and Rule. Native as Political Identity, Cambridge, Mass. (Harvard Univ. Press/The W.E.B. Du Bois Lectures) 2012.

[2] Ali Dinar, der letzte Sultan von Dar Fur, wurde 1916 in einer Schlacht in Kulme, südlich von Zalingei getötet. Dieses “Trophäen-Foto” von ihm wurde von einem britischen Militärfotografen am 6.11.1916, unmittelbar nach seinem Tod aufgenommen. Das Foto wird in der Durham University Library (588/1/159) aufbewahrt; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ali_Dinar.jpg.

[3] https://www.ethnologue.com/country/SD.

[4] https://www.ethnologue.com/country/SD/languages.

[5] Auf Deutsch auch Karthum bzw. Dschandschawid.

[6] Ich stütze mich hier insbesondere auf das zweite Kapitel von Mahmood Mamdani, Define and Rule. Native as Political Identity, Cambridge, Mass. (Harvard Univ. Press/The W.E.B. Du Bois Lectures) 2012.

[7] In Dunkelgrau das Gebiet der Fur-SprecherInnen in den heute drei Dar Fur-Provinzen im Sudan. Nach Doornbos & Bender und auf Basis des CIA World Factbook, Original färbig, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fur_map.png.

[8a] Dass viele oder sogar die allermeisten von ihnen nicht in die ursprüngliche Heimat in Westafrika zurückkehrten, wird an den dortigen Zeremonien anlässlich ihres Aufbruchs zum hajj (deutsch oft Hadsch) klar: Diese glichen den für Begräbnissen üblichen, der Aufbruch wurde also als “endgültiger” interpretiert.

[8b] Der Dar Fur-Spezialist Rex Sean O’Fahey, Professor an der Universität Bergen, schätzt laut Mahmood Mamdani den Anteil der Dar Fur-BewohnerInnen westafrikanischen Ursprungs auf 30%.

[9] Siehe dazu insbesondere Claude Meillassoux, Anthropologie de l’esclavage: le ventre de fer et d’argent, Paris (Quadrige/PUF) 1986.

[10] Ihre Familien- und Verbindungslosigkeit machte sie potentiell zu loyaleren UntertanInnen des Sultans. Eunuchen verkörpern die Bindungslosigkeit in noch höherem Ausmaß – ehrgeizige Sklaven ließen sich manchmal freiwillig kastrieren, um ihre Ambitionen besser verwirklichen zu können.

[11] Ohne Detail-Kenntnisse ist es schwierig, zu wissen, ob die männliche Form hier ausreicht. Ich nehme an, dass es in Dar Fur keine Soldatinnen und wichtigen Händlerinnen gab, und dass Sklavinnen es nicht in die obstersten staatlichen Ämter schafften. Ich kann mich freilich täuschen.

[12] In Graugrün das Mahdi-Reich. Aus: Rudolf Carl Slatin, Fire and Sword in the Sudan. A personal narrative of fighting and serving the Dervishes. 1879-1895, p.703, British Library HMNTS 9061.ee.34; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:SLATIN(1896)_p703_MAHDIST_INFLUENCE_IN_1895.jpg

[13] Zu diesem letzten Kriegsrat siehe Mahmood Mamdani, Define and Rule. Native as Political Identity, Cambridge, Mass. (Harvard Univ. Press/The W.E.B. Du Bois Lectures) 2012, p.139, Fn.25. Die Mahdiya behandelt Mahmood Mamdani ebd., pp.64-71.

[14] Das Mahdi-Grabmal 1898, Fotograf unbekannt, https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Mahdis_Grab_1898.JPG.

[15] Das Grabmal des Mahdi, 1898 von der britischen Armee zerstört, 1946 wiederaufgebaut. Foto David Stanley, 9.2.2013, im Original färbig, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tomb_of_The_Mahdi_(8626640228).jpg.



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