Die Schlechterbehandlung der Frauen.

21 February 2018 | By | Category: Allgemein, Interessantes

Eine OECD-Studie zur Diskriminierung.

Günther Lanier, Ouagadougou 21.2.2018.

Im Jänner 2018 hat die OECD eine Studie zur Diskriminierung burkinischer Frauen und Mädchen veröffentlicht. Die elektronische Version ist am Netz herunterladbar[1]. Das viele Rot-Weiß-Rot am Cover ist sicher der Tatsache geschuldet, dass die Finanzierung vom Österreichischen Kooperationsbüro in Ouagadougou kam.

OCDE SIGI BF 2018 cover [2]

SIGI steht für Sozialinstitutionen & Gender-Index (Social Institutions and Gender Index). Die OECD (das Akronym steht für Organisation for Economic Co-operation and Development), quasi der Club der 34 offiziellen Mitglieder der Satten Welt, hat diesen Index 2007 erfunden, also vor gut zehn Jahren. OECD-Studien haben generell einen ausgezeichneten Ruf und setzten oft Standards in ihrem jeweiligen Fachgebiet.

Das Besondere am OECD-Gender-Index[3] ist das Fokussieren auf Soziales. Die fünf Subindikatoren, die zusammen den SIGI-Index ergeben, sind:

* Diskriminierung innerhalb der Familie;
* Verletzung der physischen und psychischen Integrität;
* Bevorzugung von Söhnen;
* Eingeschränkter Zugang zu Ressourcen und Gütern;
* Beschränkung der BürgerInnenrechte.

Von den Vorschriften der AhnInnen bis zu den Gesetzen des modernen Staates

Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen soziale Institutionen. Die OECD definiert diese als formelle und informelle Gesetze, soziale Normen und soziale Praktiken – ein Kontinuum, das von Traditionen und Bräuchen bis zu kodifiziertem, modernem Recht reicht. Gemeinsam bestimmen diese “Institutionen“ die Parameter der von einer Gesellschaft als akzeptabel angesehenen Optionen, Entscheidungen, Verhalten, insbesondere auch die Frauen und Männern zugewiesenen Rollen und ihre Beziehungen zueinander. Soziale Institutionen befinden sich in dauernder Veränderung, sie unterscheiden sich somit in der Zeit, aber auch geographisch, von einem Ort zum anderen. Als “diskriminierend“ werden sie bezeichnet, wenn sie Mädchen und Frauen einschränken oder ausschließen und somit ihren Zugang zu Chancen und Ressourcen behindern oder gar verunmöglichen.

Im letzten weltweiten SIGI-Bericht[4] waren 160 Länder inkludiert, für 52 – darunter die meisten OECD-Mitgliedsstaaten – wurden jedoch nur einzelne Subindikatoren berechnet. Burkina schien in der Gruppe der Länder mit starker Diskriminierung[5] auf, Rang 82 unter den 108[6], für die die gesamte Palette der Subindikatoren berechnet wurde und somit ein Gesamtindex vorhanden ist.

Afrika SIGI 2016 nach Diskriminierungskategorien

Rot: sehr starke Diskriminierung
Altrosa: starke Diskriminierung
Hellblau: mittlere Diskriminierung
Mittelblau: geringe Diskriminierung
N.B. kein Land mit sehr geringer Diskriminierung
Weiß: nicht erhoben oder nur Teilindikatoren erhoben[7]

Fallweise werden SIGI-Länderstudien angefertigt. Neben Uganda gibt es nun, dem österreichischen Kooperationsbüro in Ouagadougou sei Dank, auch einen Burkina-SIGI-Länderbericht. 113 A4-Seiten, vollgespickt mit Interessantem, dazu noch 15 Seiten Anhänge, insbesondere die zweiseitige Tabelle mit den Ergebnissen (für Teilindikatoren und Gesamtindex) für Regionen und Provinzen[8]. Ich beschränke mich hier auf das Allerwesentlichste.

Die Diskriminierung ist am Land stärker als in der Stadt und korreliert invers mit dem Bildungsniveau (je länger in der Schule, umso weniger wird diskriminiert).

Kinderheirat ist nicht nur, aber in erster Linie Mädchenheirat. Sogar das Gesetz diskriminiert, 17 Jahre ist das Heiratsmindestalter für Mädchen/Frauen, 20 für Knaben/Männer. 44% aller verheirateten burkinischen Frauen und nur 3% der verheirateten Männer waren mit 18 schon verheiratet. Bei der Analyse der Altersklassen fällt auf, dass diese Praktik auch unter jüngeren Frauen anhält, sie erfreut sich auch weitverbreiteter Akzeptanz.

Nicht-remunerierte Haus- und Pflegearbeit beschäftigt Frauen durchschnittlich 6½ Stunden täglich – Männer weniger als eine Stunde pro Tag.

37% der Frauen und 16% der Männer waren mindestens einmal im Leben Opfer häuslicher Gewalt. Dass ein Ehemann seine Frau zur Bestrafung diverser Verfehlungen schlagen darf, gilt z.B. weithin als selbstverständlich.

Die Exzision, das meist an Unter-5-Jährigen vorgenommene Zurechtschneiden des weiblichen Geschlechts, bleibt trotz des gesetzlichen Verbotes von 1996 weitverbreitet.

Im burkinischen Patriarchat wird männlicher Nachwuchs in der Regel sehr viel mehr geschätzt als weiblicher, garantiert er doch den “Fortbestand der Familie“. Mädchen werden sehr viel mehr zu als “weiblich“ definierten häuslichen Pflichten herangezogen als ihre Brüder – letztere verbringen vier Stunden pro Woche mit solchen Aufgaben, ihre Schwestern vier Stunden pro Tag.

Gesicherter Zugang zu Grund und Boden ist weitgehend Männern vorbehalten. Traditionen und Bräuche verhindern vielfach die tatsächliche Kontrolle, auch in Fällen, wo Frauen nominell Grund besitzen.

Frauen haben weniger Zugang zu Finanzdienstleistungen. Männer stellen zwei Drittel der Bank- oder Sparkassen-KontoinhaberInnen.

Das Quotengesetz von 2009, das einen 30%-Anteil von Frauen auf den KandidatInnen-Listen für Parlaments- und Gemeinderatswahlen vorschreibt, hat den Frauenanteil im burkinischen Parlament nur kurz angehoben – 2012 betrug er 19%. Bei den “ersten freien und fairen Wahlen“ seit langem (oder überhaupt) Ende 2015 fiel der Anteil weiblicher Abgeordneter unter 10%. Ein Viertel der burkinischen Bevölkerung glaubt, dass eine Frau aufgrund ihres Geschlechts[9] unfähig wäre, als Staatschefin zu fungieren.

Der Zugang zur Justiz ist für Frauen schwieriger als für Männer. 60% erklären, sie würden es im Konfliktfall gar nicht probieren – die meisten, weil sie Männer als von der Justiz systematisch bevorzugt empfinden.

Zum Überblick jetzt noch eine Spinnengrafik eigener Fertigung, die aber denen ähnelt, die in den verschiedenen SIGI-Länderberichts-Kapiteln zu den Subindikatoren vorkommen. Die Grafik zeigt, wie die Diskriminierung der Frauen regional verschieden ausgeprägt ist. Die Grafik präsentiert die Ergebnisse für die 13 Regionen für den Gesamtindikator und für die fünf Subindikatoren. Da es um die inner-burkinischen Unterschiede geht, sind die jeweiligen Werte im Verhältnis zum burkinischen Schnitt (dicke rote Linie = 1) angegeben. Befindet sich eine Region innerhalb der roten Linie, so ist sie besser (diskriminiert weniger) als der Landesdurchschnitt, und umgekehrt: je mehr außerhalb der dicken roten Linie, umso stärker ist die Diskriminierung.

Um die Bandbreite von relativ geringer zu relativ starker Diskriminierung vollständiger auszuschöpfen, habe ich die beste und die schlechteste Region (Zentrum bzw. Sahel) durch ihre beste bzw. schlechteste Provinz (Kadiogo bzw. Soum) ersetzt.

Grafik SIGI BF 2016 Regionen

Zum Abschluss noch die Tabelle mit den Werten der Indikatoren, die der Grafik zugrunde liegen – zu sehen sind sowohl der Gesamtindex, der eigentliche SIGI, als auch seine fünf Subindikatoren[10].

Tabelle SIGI BF 2016 Regionen

Für SIGI-Werte gilt generell: Je niedriger der Wert, desto weniger Diskriminierung wurde registriert, ein SIGI-Wert von 0 würde bedeuten, dass gar nicht diskriminiert wird, ein Wert von 1 wäre der ärgstmögliche.

Wie bei allen Indikatoren, sagt der jeweilige Wert für sich allein genommen kaum etwas aus – der Wert dient vor allem der Einstufung. In der letzten weltweiten Erhebung im Jahr 2014 war der beste verzeichnete Wert 0,016 (Belgien), der schlechteste 0,56 (Jemen). Die Kategorie der starken Diskriminierung geht von 0,22 bis 0,33, da lag Burkina mit damals 0,28 ziemlich in der Mitte. Die Provinz Soum (0,42) und die Region Sahel (0,335) rangieren jedenfalls in der Kategorie der sehr starken Diskriminierung.

Dass sich Burkina Fasos Wert von 2014 auf 2016 von 0,28 auf 0,23 gebessert hat, gibt Anlass zur Hoffnung.

 

Endnoten:

[1] https://www.oecd.org/dev/development-gender/ETUDE-PAYS-SIGI-BURKINA-FASO.pdf.

[2] Cover von OECD Entwicklungszentrum, SIGI-Länderstudie Burkina Faso (OCDE Centre de Développement, Burkina Faso. Etude pays SIGI), Paris-Ouagadougou (OCDE) 2018.

[3] Auf pp.15f des Burkina-Berichts wird ein Vergleich des SIGI mit anderen Gender-Indizes diskutiert und in der Abb.1 auf p.16 auch graphisch dargestellt.

[4] Für das Jahr 2014. Siehe https://www.genderindex.org/wp-content/uploads/files/docs/BrochureSIGI2015.pdf.

[5] Es gibt fünf solcher Gruppen: sehr geringe – geringe – mittlere – starke – sehr starke Diskriminierung.

[6] Für Subsaharaafrika gibt es eine SIGI-Studie aus 2016, da liegt Burkina auf Rang 23 der 39 gereihten Länder.

[7] Grafik GL. Daten von OECD Development Centre, SIGI. Social Institutions & Gender Index. 2014 Synthesis Report, pp.61-63, https://www.genderindex.org/wp-content/uploads/files/docs/BrochureSIGI2015.pdf.

[8] Diese Tabelle – Annex C – unterscheidet außerdem zwischen Stadt und Land, dem Bildungsniveau und den Altersgruppen. Siehe SIGI-BF-Länderstudie pp.123f.

[9] Ich glaube nicht, dass diese 25% hier “Gender“ statt “Geschlecht” denken.

[10] Grafik und Tabelle beruhen auf den Werten der erwähnten zweiseitigen Tabelle in: SIGI-BF-Länderstudie pp.123f.



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