Was kostet Macht?

28 February 2018 | By | Category: Allgemein, Interessantes

Menschenopfer in der Postmoderne.

Günther Lanier, Ouagadougou 28.2.2018.

Kenia war seit seiner Unabhängigkeit stets Demokratie – nach dem Abzug der britischen Kolonialherren herrschte hier nie das Militär[1], nie ein Diktator. Vorbildhaft. Nicht wahr?

Kenyatta Junior, der Sohn des Gründerpräsidenten[2], ist seit 2013 Präsident Kenias. 2017 bewarb er sich erneut um das höchste Amt im Staat. Die August-Wahl entsprach so sehr nicht den Regeln, dass der Oberste Gerichtshof sie annullierte. Die Wahl wurde dann am 26. Oktober neuerlich abgehalten – doch Oppositionsführer Raila Odinga[3] hatte seine Kandidatur aus Protest zurückgezogen und zum Boykott aufgerufen. Die Wahlbeteiligung fiel von 80% beim ersten Versuch auf unter 35%. Uhuru Kenyatta wurde wiedergewählt.

Zwischen September und November 2017, in der Zeit rund um die wiederholte Präsidentschaftswahl, starben mindestens 37 KenianerInnen. Für diese Todesfälle tragen laut Human Rights Watch Polizei und bewaffnete Gangs die Verantwortung[4]. Die Zahl der Todesopfer rund um die August-Wahlen betrug mindestens 67, auch hier war die Polizei hauptverantwortlich[5].

Über hundert Tote für eine Wiederwahl. Darf Machterhalt so viel kosten?

habitat kasséna 20160103_122103 c [6]

Kenia ist Gewalt von Seiten seiner Machthaber gewohnt. Erst gestern Nachmittag überlebte ein Studentenführer seinen Protest gegen hohe Gebühren und generell schlechte Bedingungen an der Universität nicht[7]. In Erinnerung bleiben aber vor allem die Auseinandersetzungen von 2007/08. Die umstrittene Wiederwahl von Uhuru Kenyattas Vorgänger Kibaki führte zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen mit über 1.000 Toten und 250.000 Binnenflüchtlingen[8]. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag stellte Uhuru Kenyatta für seine Rolle[9] in diesem Konflikt in der Folge unter Anklage[10], ebenso wie seinen nunmehrigen Vizepräsidenten William Ruto. Wenig überraschend, dass sich Kenia daraufhin an vorderster Front der afrikanischen Staaten wiederfand, die den Austritt aus dem Internationalen Strafgerichtshof betrieben[11].

habitat kasséna 20160103_122122 c'' [12]

Schon zu Kolonialzeiten fehlte es nicht an Gewalt. Nicht, dass es anderswo an ihr mangelte, aber SiedlerInnen-Kolonien neigten generell zu größerer Brutalität, wenn Herrschaft infrage gestellt wurde – siehe Algerien, siehe Südafrika… In Kenia kam es in den 1950er Jahren zum sogenannten Mau Mau-Krieg. Die von Landenteignungen zugunsten weißer Siedler in erster Linie betroffenen Kikuyu begannen nach dem Zweiten Weltkrieg, Widerstand zu leisten. Das bekam ihnen nicht. Britischerseits starben in dem Krieg 63 Soldaten und 33 SiedlerInnen, dazu über 1.800 einheimische Polizisten oder sonstige DienerInnen der Kolonialherren. Auf Seiten der “RebellInnen“ sind offiziell 11.500 umgekommen, “in Wirklichkeit“ sollen es bis zu 100.000 gewesen sein. Und 1,5 Millionen wurden in Lagern oder streng überwachten Dörfern interniert – die Harvard-Geschichtsprofessorin Caroline Elkins spricht von “Großbritanniens Gulag“[13].

case Djata Manéga 20160103_124334 [14]

Auf der Straße von Ziniaré nach Ouagadougou, auf der Rückreise von einer Darbietung für den Langzeitdiktator – Verzeihung, den Langzeitpräsidenten – im Rahmen seiner Wiederwahlkampagne, hatte die in ganz Burkina beliebte, insbesondere für ihren Einsatz für Waisenkinder bekannte Kasséna-Sängerin Djata Ilebou[15] am 17. Oktober 2010 einen Unfall, an dem sie wenige Tage darauf starb. “Der Volksmund“ kannte den Schuldigen. Machterhalt erfordert Menschenopfer. Fetische wollen Blut.

Vier Jahre und zwei Wochen später dankte Blaise Compaoré nach 27 Jahren auf dem burkinischen Thron ab und floh ins Ausland. Er wolle weitere Todesopfer vermeiden – an den Protesten gegen seinen Versuch, abermals die Verfassung zu ändern und weiter an der Macht bleiben zu können, waren 24 gestorben, 625 waren verletzt worden.

Wir können freilich nicht annehmen, dass Blaise plötzlich weise geworden wäre oder Skrupel entwickelt hätte, aber das Argument, das er zur Begründung seiner Flucht verwendete, also die zwei Dutzend Toten beim Volksaufstand, können sehr wohl Anlass sein, die Frage zu stellen:

Wieviel darf Macht kosten?

Anlass, diese Frage zu stellen, bietet sich leider allzu oft.

Der neue, generell bejubelte südafrikanische Präsident Cyril Ramaphosa hatte sich im August 2012 beim Streik der MinenarbeiterInnen als Mitglied des Lonmin-Aufsichtsrats für ein Einschreiten der Polizei in Marikana eingesetzt. 34 kamen dort am 16. August um, 78 wurden verletzt, insgesamt hat sich die Zahl der Toten in Marikana auf 47 belaufen[16].

Kabila Junior wird inzwischen nicht müde, seine offenbar völlige Missachtung des Lebens von Oppositionellen unter Beweis zu stellen[17]. Erst am vergangenen Wochenende gab’s wieder zwei Tote[18] bei Demonstrationen, zu denen die katholische Kirche aufgerufen hatte, weil der Staatschef gar nicht mehr von der Macht lassen will. Wenn einmal wer zur Rechenschaft gezogen wird, dann sicher nicht der Befehlshaber Joseph Kabila, sondern der kleine Ausführende Agbe Obeid[19].

Darf ein Großer, ein Staatschef über Leichen gehen?

In Gabun hat Bongo Junior vor eineinhalb Jahren ohne viel Federlesens die Sicherheitskräfte intervenieren lassen, als es darum ging, seine Macht zu bewahren. Ohne Fälschungen hätte er sich bei der Wahl vom 27. August 2016 gegen Jean Ping nicht (und das nur ganz knapp) durchsetzen können. Proteste waren die Folge – da ließ Ali Bongo Ondimba große Geschütze auffahren, gegen den Sitz der Oppositionspartei kamen sogar Helikopter zum Einsatz. An Polizei- und Militärgewalt starben mindestens 27 Menschen[20].

In Guinea ist seit 2010 Alpha Condé an der Macht. Den Großteil seines Lebens war Alpha Condé Oppositioneller. Dafür wurde er ins Gefängnis geworfen und musste lange ins Exil. Aber unter seiner Regentschaft ist der Umgang mit Widerstand nicht verständnisvoller oder sanfter, auch unter ihm sterben immer wieder Oppositionelle. Erst gestern gab’s wieder einen Toten und mehrere Verletzte. Die Opposition hatte zu einem Protesttag “ville morte“ aufgerufen. Boubacar Sidy Diallo, 32 Jahre jung, hat den Tag der “toten Stadt“ nicht überlebt[21].

Djata DSC00241 [22]

Endnoten:

[1] Der Putschversuch am 1. August 1980 gegen die Daniel arap Moi-Regierung blieb erfolglos.

[2] Jomo Kenyatta war 1964-78 Präsident.

[3] Auch er stammt aus hohem politischen Haus – sein Vater Jaramogi Oginga Odinga war 1964-66 erster Vizepräsident des Landes.

[4] Für 23 davon, also knapp zwei Drittel, trägt die Polizei die Verantwortung, Opfer waren Oppositionelle. Siehe https://www.hrw.org/news/2018/02/25/kenya-fresh-evidence-election-period-abuses. BBC brachte dazu am 26.2.2018 eine kurze Meldung.

[5] Siehe abermals https://www.hrw.org/news/2018/02/25/kenya-fresh-evidence-election-period-abuses.

[6] Kasséna-Teil des Manéga-Museums Maître Pacérés, ca. 50 km nördlich von Ouagadougou, Foto GL, 3.1.2016.

[7] Es handelt sich um Evans Njoroge, Generalsekretär der Meru University-StudentInnengewerkschaft. Siehe Dennis Dibondo, Police accused of killing Meru University student leader, The Star, 27.2.2018, 18:00, https://www.the-star.co.ke/news/2018/02/27/police-accused-of-killing-meru-university-student-leader_c1721894. Auch BBC berichtete gestern unter dem Titel “Kenyan student protest leader shot dead”.

[8] Zum Beenden der Auseinandersetzung wurde mit Hilfe des Ex-UNO-Generalsekretärs Kofi Annan zwischen Kibaki und Odinga eine Vereinbarung zum Teilen der Macht ausgehandelt und im Februar 2008 unterzeichnet. Odinga wurde am 17. April 2008 als Premierminister vereidigt.

[9] Uhuru Kenyatta war damals Chef der Parteienkoalition Party of National Unity (PNU), auf die sich Kibaki stützte. Kenyatta wurde in der Folge Kibakis Vizepräsident.

[10] Das Strafverfahren wurde 2014 eingestellt, nicht weil sich Kenyatta als unschuldig erwiesen hatte, sondern weil zu viele ZeugInnen ihre Aussagen zurückgezogen hatten – ganz offensichtlich war Druck auf sie ausgeübt worden, niemand weiß, von wem.

[11] Gestern behauptete allerdings der kenianische Generalstaatsanwalt Githu Muigai, Kenia hätte keinerlei Pläne, den Internationalen Strafgerichtshof tatsächlich zu verlassen, es verlange nur einen Dialog unter Gleichen (“a conversation of equals“). Siehe BBC, ‘Kenya won’t leave ICC’ – Attorney General, 27.2.2018.

[12] “Habitat kasséna“, also “Kasséna-Wohnen“ oder “Kasséna-Lebensraum“ in Maître Pacérés Museum in Manéga Foto GL, 3.1.2016

[13] Siehe dazu Marc Parry. Uncovering the brutal truth about the British Empire, Guardian 18.8.2016, https://www.theguardian.com/news/2016/aug/18/uncovering-truth-british-empire-caroline-elkins-mau-mau. Caroline Elkins ist Professor of History and African and African American Studies an der Harvard University. Ihr Buch Imperial Reckoning: The Untold Story of Britain’s Gulag in Kenya, erhielt 2006 den Pulitzer Prize for General Non-Fiction.

[14] Das Djata Ilebou-Haus in Maître Pacérés Museum in Manéga Foto GL, 3.1.2016.

[15] Ihre Cousine Reine Akoandambou hat Djata auf ihrer zweiten CD “Miracle“ 2013 ein musikalisches Denkmal gesetzt: Hommage à Djata. Das teilweise vor dem oben abgebildeten Haus Djatas im Manéga-Museum gedrehte Videoclip ist auf https://www.youtube.com/watch?v=iATIpjVhfQg zu hören und sehen. Der Text ist allerdings sehr pathetisch – ein Gedicht des Moogo Naabas zu Ehren Djatas. In ihrem Lied für die Frauen und (u.a.) gegen die Hexenvertreibungen Kaana Yaara (Frauenleiden) auf derselben CD ist klar, wen Reine Akoandambou meint, wenn sie singt “tout le monde connait les vrais sorciers du monde“, also “alle kennen die eigentlichen Hexenmeister dieser Welt, aber beschuldigt werden arme Frauen“.

[16] Siehe dazu meinen Radio Afrika TV-Artikel vom 20.12.2017 “Der südafrikanische Tod der Revolution. Von Winnie zu Ramaphosa“, http://www.radioafrika.net/2017/12/20/der-sudafrikanische-tod-der-revolution/.

[17] Vergleiche auch meinen Radio Afrika TV-Artikel vom 16.6.2017 “Lorbeeren für einen Mörder. Oder: Floribert Chebeya ins Grab spucken“, http://www.radioafrika.net/2017/06/16/lorbeeren-fur-einen-morder-oder-floribert-chebeya-ins-grab-spucken/.

[18] S. den AFP-Artikel RDC: deux morts dans des marches anti-Kabila, “pas de répit” disent les organisateurs vom 26.2.2018.

[19] Siehe den AFP-Artikel Marche anti-Kabila en RDC: un policier condamné “à perpétuité” vom 27.2.2018. In der Regel werden freilich auch ausführende Polizisten nicht zur Rechenschaft gezogen.

[20] Ali Bongo meint, es seien nur 3 zu Tode gekommen. Die 27 Toten waren eine provisorische Bilanz der “Plattform der unabhängigen Zivilgesellschaft für ein freies und demokratisches Gabun“ vom 13.10.2016. Für die Namen siehe Morel Mondjo Mouega, Crise post-électorale: la société civile publie son bilan préliminaire, Gabon Media Time 13.10.2016, https://www.gabonmediatime.com/crise-post-electorale-la-societe-civile-publie-son-bilan-preliminaire/.

[21] S. AFP & Jeune Afrique, Guinée: un manifestant tué lors de la journée «ville morte» à Conakry, 27.2.2018.

[22] Djata Ilebou, Foto des Fotos auf dem Djata Ilebou-Haus im Museum von Manéga: Marie Claire Akoandambou, Oktober 2010 anlässlich einer Feier zu Ehren Djatas. Leicht bearbeitet GL.



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