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7 March 2018 | By | Category: Allgemein, Interessantes

Diesseits von Gender.

Günther Lanier, Ouagadougou 7.3.2018.

Das Jahr gehört dreihundertvierundsechzig Tage lang den Männern, nur der 8. März stellt alles auf den Kopf, da ist Internationaler Frauentag. Unter der Revolution dekretierte Thomas Sankara einst, dass an diesem Tag die Männer am Markt einzukaufen und das Essen zuzubereiten hätten.

Vor ein paar Tagen erklärte mir der 17-jährige Sohn einer alleinerziehenden Mutter aus der oberen Mittelschicht des seit langem nicht mehr revolutionären Burkina, er finde den 8. März nicht gut, da gingen die Frauen miteinander aus und kehrten erst spät in der Nacht nach Hause zurück, das schicke sich nicht.

Zetkin_Luxemburg 1910 sw [1]

Der Revolution war der Internationale Frauentag von Anfang an verpflichtet, in seinen Intentionen vor allem – galt es doch, die Geschlechterordnung in ihren Fundamenten zu erschüttern – aber auch in seiner historischen Symbolik. In Dänemark, Deutschland, Österreich-Ungarn und der Schweiz wurde der erste Frauentag im März 1911 gefeiert. Und zwar am 19. März – das war der Tag nach dem Gedenktag für die Gefallenen der 1848er Revolution. Zudem war im März 1871 die Pariser Kommune aus der Taufe gehoben worden. Ein paar Jahre später wurde der 8. März zum Feiern auserkoren – denn am 8. März 1917 gingen in Leningrad (damals und heute Sankt Petersburg) insbesondere Frauen auf die Straße und lösten damit die russische Revolution aus.

Демонстрация_работниц_Путиловского_завода_в_первый_день_Февральской_революции_1917 [2]

Zweifellos hat sich an den Geschlechterverhältnissen seither viel geändert, auch wenn die Rechte der Frauen überall auf der Welt nach wie vor einer sehr viel umfassenderen Durchsetzung bedürfen.

Ein Feiertag ist der 8. März heutzutage in China und Madagaskar nur für Frauen, in folgenden Ländern für Männer & Frauen: Afghanistan, Angola, Armenien, Aserbaidschan, Burkina Faso, Eritrea, Georgien, Guinea-Bissau, Kambodscha, Kasachstan, Kirgistan, Kuba, Laos, Moldau, Mongolei, Nepal, Russland, Sambia, Tadschikistan, Turkmenistan, Uganda, Ukraine, Usbekistan, Vietnam und Weißrussland.

In Nazi-Deutschland und dann freilich auch -Österreich war der Frauentag übrigens 1933 bis 1945 verboten. Zur Kompensation wurde der Muttertag offizieller Feiertag – als “Gedenk- und Ehrentag der deutschen Mütter“[3].

Die Afrikanische Union als Vorreiterin

Am 17. und 18. Jänner 2018 fand in Addis Abeba der 10. AU-Gender-Vorausgipfel (Tenth African Union Gender Pre-Summit) statt, Vorbereitung für den allgemeinen, den dreißigsten AU-Gipfel Ende desselben Monats[4]. Die Afrikanische Union lässt nicht locker. Während des Gipfels gab es am 29. Jänner auch eine Gender-Konsultation auf StaatschefInnen-Niveau[5].

Die 2010er Jahre sind das Jahrzehnt der afrikanischen Frauen. Angesichts der vielen Missstände mag es in der Realität nicht danach ausschauen, aber die Afrikanische Union hat es 2009 so beschlossen. Ziel ist es, die Gleichheit zwischen Frauen und Männern weiter voranzubringen und zum Empowerment der Frauen beizutragen, wobei insbesondere die Beteiligung der Basis (grassroots participation) sichergestellt werden soll[6].

2003 wurde auf dem AU-Gipfel in der mosambikanischen Hauptstadt das Maputo-Protokoll beschlossen[7]. Dieses Frauenrechtszusatzprotokoll zur Afrikanischen Charta der Menschenrechte und der Rechte der Völker (Protocol to the African Charter on Human and Peoples’ Rights on the Rights of Women in Africa) behandelt in seinem:

Artikel 2 die Eliminierung von Frauen betreffenden Diskriminierungen
Artikel 3 ihr Recht auf Würde
Artikel 4 ihr Recht auf Leben, Integrität und Sicherheit
Artikel 5 die Eliminierung schädlicher Praktiken (wie z.B. der Exzision)
Artikel 6 die Heirat
Artikel 7 Trennungen, Scheidungen und Annullierungen von Ehen
Artikel 8 den Zugang zur Justiz und die Gleichheit gesetzlichen Schutzes
Artikel 9 das Recht auf Teilnahme an politischen und Entscheidungsprozessen
Artikel 10 das Recht auf Frieden
Artikel 11 den Schutz von Frauen in bewaffneten Konflikten
Artikel 12 ihr Recht auf Bildung und Ausbildung
Artikel 13 ihr Recht auf wirtschaftliche und soziale Wohlfahrt
Artikel 14 ihr Recht in Sachen Gesundheit und Reproduktion
Artikel 15 ihr Recht auf Ernährungssicherheit
Artikel 16 ihr Recht auf adäquates Wohnen
Artikel 17 ihr Recht auf einen positiven kulturellen Kontext
Artikel 18 ihr Recht auf eine gesunde und nachhaltige Umwelt
Artikel 19 ihr Recht auf nachhaltige Entwicklung
Artikel 20 die Witwenrechte
Artikel 21 das Recht auf Vererbung
Artikel 22 den besonderen Schutz älterer Frauen
Artikel 23 den besonderen Schutz von Frauen mit Behinderungen
Artikel 24 den speziellen Schutz von Frauen in Not.

Das Maputo-Protokoll trat Ende 2005 in Kraft. Unter den AU-Mitgliedern haben es nur vier bis heute nicht unterschrieben (Tunesien, Ägypten und Botswana; Marokko ist erst seit kurzem wieder AU-Mitglied), allerdings ist bei 15 weiteren die Ratifizierung ausständig. Somit haben 36 das Frauenrechtsprotokoll signiert & ratifiziert[8].

Frauentag_1914_Heraus_mit_dem_Frauenwahlrecht c [9]

Internationale Vereinbarungen wie das Maputo-Protokoll sind von erheblicher Bedeutung, stehen sie in ihrem Gültigkeitsbereich doch jederzeit als Referenzrahmen zur Verfügung[10]. Der Frauenalltag passiert allerdings oft in großer Entfernung solch hehrer Erklärungen.

In der Realität dürfen Frauen im Patriarchat vor allem eines: arbeiten. Von früh bis spät. Für Männer und Kinder. Oft auch statt der Männer.

Ihr Beitrag zur nationalen Ökonomie wie zum Haushaltseinkommen mag groß oder sogar immens[11] sein – der Frauen Lohn dafür ist oft Undank. Wie in der Satten Welt bekommen sie oft erhebliche Gewalt[12] ab.

Diesseits von Gender

Das biologische Geschlecht hat mit dem sozialen meist nur entfernt zu tun. Geschlechterordnungen können sich daher ganz erheblich voneinander unterscheiden. Klarer als andere hat das Oyèrónkẹ́ Oyěwùmí zum Ausdruck gebracht in ihrem 1997 publizierten Buch “Das Erfinden der Frauen. Westlichen Gender-Diskursen einen afrikanischen Sinn geben“[13], wo sie für die Yoruba die Zuweisung von Frauen-Identität an Menschen weiblicher Anatomie als kolonialen Import analysiert: Vor der europäischen Eroberung hätte die Biologie für Identität wenig und für Frauen jedenfalls keine abwertende Bedeutung gehabt.

Oyěwùmís Analyse kann nicht ohne weiteres verallgemeinert werden, auch wenn der Untertitel ihres Buches das behauptet. Entgegen allem heutigen Anschein gilt jedoch generell, dass die Kolonialisierung eine Schlechterstellung der Frauen bewirkte – nicht nur entstammten Eroberer und Administratoren gründlich patriarchalen Gesellschaften, als Männer akzeptierten sie zudem in der Regel nur Männer als Vis-à-vis. Auch Angelegenheiten, die vor ihrer Ankunft Frauensache waren, wurden daher ab sofort mit Männern diskutiert und behandelt.

LGBT_Flag_map_of_Africa [14]

Endnoten:

[1] Nachdem 1909 in den USA ein nationaler Frauentag gefeiert worden war, schlug Clara Zetkin am 27. August 1910 in Kopenhagen auf der Zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz die Einführung eines internationalen Frauentages vor, Foto: Clara Zetkin (links) und Rosa Luxemburg, 2010, FotografIn unbekannt, leicht überarbeitet von GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Zetkin_luxemburg1910.jpg.

[2] Demonstration von ArbeiterInnen der Putilow-Werke im März 1917, FotografIn unbekannt, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%D0%94%D0%B5%D0%BC%D0%BE%D0%BD%D1%81%D1%82%D1%80%D0%B0%D1%86%D0%B8%D1%8F_%D1%80%D0%B0%D0%B1%D0%BE%D1%82%D0%BD%D0%B8%D1%86_%D0%9F%D1%83%D1%82%D0%B8%D0%BB%D0%BE%D0%B2%D1%81%D0%BA%D0%BE%D0%B3%D0%BE_%D0%B7%D0%B0%D0%B2%D0%BE%D0%B4%D0%B0_%D0%B2_%D0%BF%D0%B5%D1%80%D0%B2%D1%8B%D0%B9_%D0%B4%D0%B5%D0%BD%D1%8C_%D0%A4%D0%B5%D0%B2%D1%80%D0%B0%D0%BB%D1%8C%D1%81%D0%BA%D0%BE%D0%B9_%D1%80%D0%B5%D0%B2%D0%BE%D0%BB%D1%8E%D1%86%D0%B8%D0%B8_1917.jpg.

[3] “Mütterweihen“ genannte Feierlichkeiten wurden inszeniert. 1938 wurde zudem das “Ehrenkreuz der Deutschen Mutter“ erfunden, 1939 erstmals vergeben.

[4] Siehe https://au.int/en/newsevents/20180117/tenth-10th-african-union-gender-pre-summit-discuss-impact-corruption-women%E2%80%99s.

[5] Diese “High Level Consultation on the Ratification of the Maputo Protocol” wurde vom ghanaischen Präsidenten Nana Akufo-Addogeleitet und richtete sich insbesondere an die Staatoberhäupter der Länder, die das Maputo-Protokoll noch nicht unterzeichnet haben; siehe https://au.int/en/newsevents/20180129/high-level-consultation-ratification-maputo-protocol.

[6] Siehe Afrikanische Union, The African Women’s Decade. Theme: Grassroots Approach to Gender Equality and Women’s Empowerment (GEWE), zugänglich auf http://www.au.int/web/en/documents/30919/african-womens-decade.

[7] Siehe http://www.achpr.org/instruments/women-protocol/.

[8] http://www.achpr.org/instruments/women-protocol/ratification/.

[9] Bildteil des Plakats Karl Maria Stadlers zum Frauentag 1914 “Heraus mit dem Frauenwahlrecht“, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Frauentag_1914_Heraus_mit_dem_Frauenwahlrecht.jpg.

[10] Sie stehen an einem der Enden des Kontinuums sozialer Institutionen, die der OECD-SIGI-Index zu erfassen versucht – siehe Günther Lanier, Die Schlechterbehandlung der Frauen. Eine OECD-Studie zur Diskriminierung, Radio Afrika TV, Wien 21.2.2018, http://www.radioafrika.net/2018/02/21/die-schlechterbehandlung-der-frauen/.

[11] Der Beitrag der Frauen zur nationalen Ökonomie Burkina Fasos – insbesondere zur Landwirtschaft, die nach wie vor drei Viertel der Bevölkerung beschäftigt und ernährt – wird z.B. mit 70% angegeben. Siehe dazu das Kapitel 8 (Frauen im burkinischen Patriarchat. Ein Überblick) in Günther Lanier, Land der Integren. Burkina Fasos Geschichte, Politik und seine ewig fremden Frauen, Linz (guernica Verlag) 2017.

[12] Ebd. Kapitel 9-12 beschäftigen sich mit Gewalt gegen burkinische Frauen.

[13] Oyèrónkẹ́ Oyěwùmí, The Invention of Women. Making an African Sense of Western Gender Discourses, Minneapolis (University of Minnesota Press) 1997. Ein Teil des Buches ist auf Deutsch übersetzt: dies., Kolonialisierte Körper und Köpfe. Gender und Kolonialismus (1997), in: Franziska Dübgen, Stefan Skupien (Hg.), Afrikanische politische Philosophie. Postkoloniale Positionen, Berlin (Suhrkamp) 2015, pp.218-259.

[14] LGBT-Flaggen-Afrikakarte, geschaffen von DrRandomFactor, 13.1.2013, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:LGBT_Flag_map_of_Africa.png.



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