Was vom Volksaufstand blieb.

18 April 2018 | By | Category: Allgemein, Interessantes

Burkina Faso im Frühling 2018, dreieinhalb Jahre nachher.

Günther Lanier, Tuttlingen 18.4.2018.

Vor dem Artikel selbst hier der Plan für die die restlichen Präsentationen meines Buches “Land der Integren. Burkina Fasos Geschichte, Politik und seine ewig fremden Frauen”, das im Oktober 2017 im Linzer guernica-Verlag erschienen ist (Bestellungen an: office@guernica-verlag.at):

Do, 19. April, 19.00 Uhr in Böblingen im Haus der Begegnung, Berliner Straße 39
Fr, 20. April, 19.00 Uhr in Rheinstetten im Gemeindehaus St. Ulrich, Große Kirchenstraße 5, Rheinstetten-Mörsch
Sa, 21. April, 19.00 Uhr in Birkenau (Odenwald) im Alten Rathaus, Obergasse 13
Di, 24. April, 19.00 Uhr in Wetzlar, Gemeindesaal der Hospitalkirche
Mi, 25. April, 19.00 Uhr in Leipzig im Institut Français, Thomaskirchhof 20 (SAIDA International/Simone Schwarz)
Do, 26. April, 19.00 Uhr in Emmendingen im Schlosskeller, Schloßplatz 1
Fr, 27. April ? Bonn ? (noch nicht fix)
So, 29. April, 15.00 Uhr in Hildesheim, Speicherstr. 9
Mo, 30. April ?? Berlin ?? (noch gar nicht fix)

Am Schluss gibt es in Wien noch eine Präsentation:

  7.5.2018 Wien, Aktionsradius, Gaußplatz 20, 1200 Wien, Beginn: 19h30

Und am 5. Juni um 19h werde ich das Buch auch in Ouagadougou vorstellen, im dortigen Goethe-Institut.

Jetzt aber wirklich:

Was vom Volksaufstand blieb. Burkina Faso im Frühling 2018, dreieinhalb Jahre nachher.

Als Burkina – damals noch Obervolta – 1960 selbständig wurde, brachte das wenig Veränderung.

Dass Kolonien in die Unabhängigkeit entlassen werden, geschieht nicht, um ihnen Freiheit zuzugestehen. Es geschieht, um alte Verhältnisse unangetastet unter einem moderneren Mantel fortbestehen zu lassen. Koloniales Administrieren entsprach nicht mehr den weltwirtschaftlichen Erfordernissen, der privilegierte Zugang der Kolonialherren zu ihren jeweiligen Territorien verhinderte freien Marktzugang, insbesondere den der neuen Nummer 1 der Welt.

Die Regierungsequipe war ab 1960 eine einheimische, die Anbindung der Währung an den französischen Franc und diverse Verträge mit Paris garantierten aber, dass das Staatsboot kaum ins Schwanken kam.

Damit ist im Wesentlichen die Geschichte bis heute erzählt. Burkina blieb ins moderne Weltsystem integriert, freilich in wenig beneidenswerter Position.

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Der postkoloniale Alltag wurde 1983 unterbrochen, als Sankara mit seinen Gefährten die Macht übernahm und sich um autozentrierte Entwicklung und eine im Interesse der Bevölkerung betriebene Neuorientierung bemühte. Dass sich das Ausland wenig bedroht fühlte, ist an den kaum beeinträchtigten Kapitalflüssen ablesbar. Im Inneren hingegen wuchs der Widerstand, verhinderte die Revolution doch elitäre Bereicherung. So wurde Sankara von Blaise Compaoré aus dem Weg geräumt. Mit beträchtlichem strategischen Geschick hielt der sich 27 bleierne Jahre an der Macht. Das rund um ihn errichtete semi-autoritäre System (er ließ sich ja wählen) stützte sich im Inneren auf das Einbinden aller, die gefährlich hätten werden können – für das Verteilen von Pfründen nötige Ressourcen wurden zunächst u.a. im Ausland durch Waffen- und Blutdiamantenhandel besorgt. Ab der Jahrtausendwende konzentrierte sich Compaoré für die Mittelbeschaffung zunehmend aufs Inland. Dass er an seinem Land, aller Armut zum Trotz, ausgezeichnet verdiente, zeigt, wie souverän er die Handhabung der Instrumente des neopatrimonialen Systems beherrschte.

Doch er überspannte den Bogen. Dass er sich 2014 anschickte, die Verfassung abermals zu ändern, ging nicht durch. Und so kam es zum großen Auftritt Burkinas auf der Weltbühne: Ende Oktober 2014 nahm “das Volk“ die Demokratie beim Wort und holte sich die Macht von seinem Tyrannen zurück.

Ein knappes Jahr später gab es eine Wiederholung. Ein Putschversuch der Blaise-treuen Präsidialgarde scheiterte am Widerstand des unbewaffneten Volkes.

Diese ins Werk gesetzte Selbstermächtigung schuf Momente der Euphorie und des kollektiven Glücks, die an Intensität kaum zu übertreffen sind. Burkinas kollektive Erinnerung wird lange Zeit um dieses Schlüsselerlebnis kreisen.

Nach dem Verjagen Compaorés hieß es, den Mächtigen auf die Finger schauen, um nicht wieder alte Zustände einreißen zu lassen. Anfänglich funktionierte das. In der Übergangszeit wurde der eine oder andere Minister wieder entlassen, weil er seinen Posten nicht verdiente. Das Übergangsparlament beschloss eine Vielzahl von Neuerungen oder brachte sie auf den Weg. Doch die Transition steckte im Korsett: Ein Jahr nur war ihr von der internationalen Staatengemeinschaft gewährt worden.

Auftragsgemäß wurden Ende 2015 Wahlen abgehalten. Alle, die kandidierten, versprachen, nichts beim Alten zu lassen. Doch es standen keine wirklichen Alternativen zur Wahl. Es gewann Blaises einstiger Kronprinz Roch Kaboré, der mit zwei alten Granden erst Anfang 2014 zur Opposition gestoßen war. Ihre intime Kenntnis der Mechanismen der Macht verschaffte ihnen einen uneinholbaren Vorteil gegenüber der Konkurrenz.

Verkatert wachte das Land aus seinen Träumen auf, auch wenn Hoffnung bestand, dass der neue Präsident dem vom Volk erteilten Auftrag des Wandels nachkommen würde. Dann erschütterte ein erster großer Terroranschlag das Land. Mit hoher Wahrscheinlichkeit erfüllten die Islamisten ihren alten Bekannten (Blaise & Co waren Mittler im Mali-Konflikt und bei Entführungen) den Rachewunsch, die, die sie verjagt hatten, zu destabilisieren.

Jedenfalls war ab 2016 die Luft weitgehend draußen aus Anwandlungen zivilgesellschaftlicher Kontrolle der Macht. Roch & Co haben offensichtlich wenig Interesse, alte Strukturen anzutasten, tun im Wesentlichen so, wie sie unter Blaise gelernt haben. Allseits herrscht Frust. Aber es fehlt ein neues, oppositionelle Differenzen überbrückendes Thema.

Am letzten März-Dienstag stattete Dr. Wetta, Vorsitzender der anerkannten burkinischen Anti-Korruptions-NGO REN-LAC, dem burkinischen Staatschef einen Besuch ab. Wie viele vor ihm, wollte er seine Klagen an höchster Stelle deponieren: Um gegen Misswirtschaft erfolgreich anzugehen, bedürfe es bürgerlicher Kontrolle.

Aber ob er sich mit dieser Beschwerde an den Richtigen gewandt hat? Doch der eigentlich zu kontrollierende Papa wird’s schon richten: Wohlwollend versprach Roch Kaboré, zu tun, was in seiner Macht liegt…

Endnote:

1) Revolutionspioniere in Wayen, 60 km östlich der burkinischen Hauptstadt Ouagadougou, FotografIn nicht genannt, Original färbig https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pionniers_de_la_r%C3%A9volution.jpg.



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