Ex-, Neo- oder Rekolonisierungsmacht.

25 April 2018 | By | Category: Allgemein

Burkina Faso, Frankreich, Afrika.

Günther Lanier, Wetzlar 25.4.2018.

Vor dem Artikel selbst hier der Plan für die die restlichen Präsentationen meines Buches “Land der Integren. Burkina Fasos Geschichte, Politik und seine ewig fremden Frauen”, das im Oktober 2017 im Linzer guernica-Verlag erschienen ist (Bestellungen an: office@guernica-verlag.at) – der Artikel danach zitiert aus dem Buch:

Mi, 25. April, 19.00 Uhr in Leipzig im Institut Français, Thomaskirchhof 20 (SAIDA International/Simone Schwarz)
Do, 26. April, 19.00 Uhr in Emmendingen im Schlosskeller, Schloßplatz 1
Fr, 27. April 19.30 Uhr in Bonn in privatem Rahmen
So, 29. April, 15.00 Uhr in Hildesheim, Speicherstr. 9

Am Schluss gibt es in Wien noch eine Präsentation:

  7.5.2018 Wien, Aktionsradius, Gaußplatz 20, 1200 Wien, Beginn: 19h30

Und am 5. Juni um 19h werde ich das Buch auch in Ouagadougou vorstellen, im dortigen Goethe-Institut.

 

Ex-, Neo- oder Rekolonisierungsmacht. Burkina Faso, Frankreich, Afrika. Günther Lanier, Wetzlar 25.4.2018.

Die Ex-Kolonialmacht Frankreich hat sich nur zum Schein aus seinen früheren Kolonien zurückgezogen. Seit deren Unabhängigkeit – ganz überwiegend 1960 – hat sie sich immer wieder auch militärisch eingemischt. Hier ein Überblick über die ersten 44 Jahre afrikanischer “Unabhängigkeit“ von den kolonialen Autoritäten in Paris[1]:

franz. Militärinterventionen in Afrika [2]

Und wenn ich diese Tabelle nicht aktualisiert habe, so bedeutet das keineswegs, dass es seither keine Einmischungen gegeben hätte, allen Beteuerungen französischer Präsidenten zum Trotz. Hollande zum Beispiel ist während seiner Zeit im Amt so gut wie nichts gelungen – nur in Afrika hat er als Kriegsherr triumphieren können. Waffentechnologische Überlegenheit sichert den französischen Truppen – wie Ende des 19. Jahrhunderts bei der kolonialen Landnahme – den Sieg[3].

Wozu ist das nutze,
 (…)
ein Land,
wo
alle Köpfe
in Francs
konvertibel
sind.[4]

Die Ex-Kolonialmacht Frankreich garantiert nach wie vor die Konvertibilität der in Burkina verwendeten Währung. Wie anderswo in der “Dritten Welt” auch, hat sich die ökonomische, politische und militärische Dominanz seit den “Unabhängigkeiten“ diversifiziert, mit der EU, den USA und China als Schwergewichten. Dennoch behält Frankreich im Sahel die Vorreiter- und Vormacht-Position. Die Mali-Krise hat einen neuen Schub von Einmischungen ausgelöst, der in diesem Ausmaß überraschend ist. Zeitweise kann beim Lesen der RFI- und Agence France Press-Artikel zu Afrika der Eindruck entstehen, es handle sich da um ein Rekolonialisierungstagebuch. Es wirkt so, als wäre die Mali-Militärintervention für Paris gerade recht gekommen, um beim Vermarkten der Produkte seiner Waffenindustrie zu helfen. In Saudiarabien und anderswo ist kampferprobtes (combat proven) Gerät leichter verkäuflich[5].

Paris hat seine Operation Serval nie wirklich beendet, sie ist in Mali ausgedünnt worden und am 1. August 2014 in die Barkhane-Operation eingeflossen. Die hat die Interventionszone deutlich ausgeweitet, auf den Großteil des Sahels: Das Operationsgebiet umfasst neben Mali auch Burkina, Niger, Tschad und Mauretanien, lauter ehemalige französische Kolonien. Es entsteht ein Verdacht: Die Terroristen in Mali wurden und werden nicht ganz besiegt. Vielleicht ist das kein Versagen, sondern Teil der Strategie: Sie stören nicht, sind vielmehr unverzichtbarer Teil des Pariser Dispositivs. Ohne sie keine dauerhafte Militärpräsenz. Ohne sie keine kontinuierliche Waffenschau. Nicht nur für Frankreich gilt ja seit dem Niedergang der Sowjetunion: Wenn es den Terrorismus nicht schon gäbe, müsste er erfunden werden. Denn es braucht für die Mächtigen der Welt die Bedrohung von außen[6], um nach innen nach Belieben schalten und walten zu können. Siehe die insbesondere von Deutschland angeheizte Kriegstreiberei der EU der letzten Zeit.

Im Sahel sind es keineswegs FranzösInnen, die die Hauptbürde an soldatischen Toten schultern, auch wenn es vorkommt, dass sie umkommen[7]. Frankreichs Kriegspersonal ist besser ausgerüstet als das der Bündnispartner und wird vor allem strategisch eingesetzt. Für die afrikanischen Verbündeten hingegen hat sich die UNO-Militärmission in Mali[8] zur zweitverlustreichsten UNO-Intervention aller Zeiten entwickelt. Für die anderen Einheimischen kommt noch etwas hinzu: Ausländische Militärpräsenz zieht terroristische Angriffe nach sich. Wäre Burkina nicht vielleicht sicherer ohne die ausländischen (französischen und US-amerikanischen) Truppen im Land? Auf diesen Aspekt hat die Menschenrechtsbewegung MBDHP mehrfach hingewiesen[9].

 

Endnoten:

[1] Tabelle aus: Günther Lanier, Land der Integren. Burkina Fasos Geschichte, Politik und seine ewig fremden Frauen, Linz (guernica) 2017, p.272.

[2] Tobias Koepf, Die französische Sicherheits- und Militärpolitik in Subsahara-Afrika nach dem Ende des Kalten Krieges. Das Ende einer Ära oder Business as Usual? Arbeitspapiere zu Problemen der Internationalen Politik und der Entwicklungsländerforschung Nr. 43/2005, München (Forschungsstelle Dritte Welt) 2005, pp.92-94 (http://www.gsi.uni-muenchen.de/forschung/forsch_zentr/forschung_3_welt/arbeitspapier/ap43.pdf).

[3] Der folgende Text ist ein wortwörtliches Zitat aus: Günther Lanier, Land der Integren. Burkina Fasos Geschichte, Politik und seine ewig fremden Frauen, Linz (guernica) 2017, pp.339f.

[4] “A quoi ça sert / (…) / un pays / où / toutes les têtes / sont / convertibles / en franc“, Sony Labou Tansi, La troisième France, in: Sony Labou Tansi, Poèmes. Edition critique, Paris (CNRS Editions) 2015, p.539. Übersetzung GL.

[5] Siehe auch Philippe Leymarie, Waffengeschäfte. Hochkonjunktur einer gefährlichen Branche, Monde Diplomatique vom 12. Mai 2016. Frankreich ist der Welt viertgrößter Waffenexporteur.

[6] Noch bedrohlicher wird es, wenn dieser äußere Feind sich im Inneren versteckt und festsetzt.

[7] Tote gehören zum Krieg, sie haben die französische öffentliche Meinung nicht erschüttert. In der Tat war die Rolle des Kriegsherrn so ziemlich die einzige, die dem seit seinem Amtsantritt unglücklich (und unglaubwürdig) agierenden François Hollande zu gelingen schien.

[8] Mission multidimensionnelle intégrée des Nations unies pour la stabilisation au Mali/Minusma.

[9] Siehe z.B. o.V., Burkina Faso: une ONG exige le retrait des forces étrangères de l’Afrique, XINHUA/bayiri.com 16.3.2016.



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