Manchmal gehört Schmutzwäsche öffentlich gewaschen.

2 May 2018 | By | Category: Allgemein, Interessantes

Gewalt in der Familie, überwiegend gegen Frauen und Kinder.

Günther Lanier, Wien 2.5.2018

Für Österreich und Deutschland sind die Präsentationen meines Buches “Land der Integren. Burkina Fasos Geschichte, Politik und seine ewig fremden Frauen“, das im Oktober 2017 im Linzer guernica-Verlag erschienen ist (Bestellungen an: office@guernica-verlag.at) seit Sonntag fast vorüber, es bleibt nur mehr eine Veranstaltung am Montag nächster Woche in Wien – inklusive Fotos von Petra Radeschnig aus dem Cour de Solidarité, unserem “Hexenhof”. Der folgende Artikel zitiert überwiegend aus meinem Buch.

7.5.2018 Wien, Aktionsradius, Gaußplatz 20, 1200 Wien, Beginn: 19h30

Am 5. Juni um 19h werde ich das Buch auch in Ouagadougou vorstellen, im dortigen Goethe-Institut.

 

Manchmal gehört Schmutzwäsche öffentlich gewaschen.

Gewalt in der Familie richtet sich ganz überwiegend gegen Frauen und Kinder, Günther Lanier, Wien 2.5.2018.

Gewalt gegen Frauen und auch Kinder ist ein weltweites Phänomen. Freilich gibt es “kulturspezifische“ Formen, die anderswo nicht zu finden sind[1], aber ganz generell unterscheiden sich sogar die Prozentzahlen der von solcher Gewalt Betroffenen sehr viel weniger, als die “progressive“ und angeblich frauenfreundliche Satte Welt das gerne glaubt.

“Das Private ist politisch“ – unter diesem Slogan eröffnete die Zweite Frauenbewegung in den 1970er Jahren ein neues Kampffeld. Die patriarchalische Geschlechterordnung kann nur verändert werden, wenn bis hin zu Intimem die verschiedenen Formen der Machtausübung öffentliches Thema werden. In ganz besonderem Maß gilt das für Gewalt gegen Frauen und Kinder – erschreckend weitverbreitet, findet diese bis zum heutigen Tag nicht einmal einen Bruchteil der nötigen medialen und politischen Aufmerksamkeit. Das Patriarchat scheut davor zurück, seine Auswüchse zu benennen oder zu behandeln.

8-1 Frau-Kind-Mann 20170717_124044 sw c [2]

Das große Schweigen und die Straflosigkeit

Um das alles etwas konkreter zu machen, folgt hier nun die finale Passage aus dem Kapitel zu Gewalt gegen Frauen aus meinem Burkina-Buch[3].

“Ich habe dieses Kapitel mit der einseitigen Polygamie (der Polygynie ohne Polyandrie als Vis-à-Vis) begonnen, da es sich bei ihr um eine die Gesamtgesellschaft durchsetzende strukturelle Form von Gewalt handelt, deren Gewalttätigkeit von außen vielleicht einsichtig ist, von den Betroffenen selbst aber kaum je wahrgenommen wird. Ich habe dann mit den Prügeln weitergetan, die sich Frauen von ihren Ehemännern einhandeln, wenn sie “Bestrafenswertes“ tun. Dabei habe ich mich gewundert, wie sehr die Opfer dieser oft alltäglichen Gewalt damit einverstanden sind, von ihren Herrn und Meistern derart “korrigiert“ zu werden. Freilich ist solche Zustimmung jedoch Teil der weiblichen Geschlechter-Performance. Dann kam eine Kurzdarstellung des Versuchs der Vereinten Nationen, in einer Studie festzuhalten, was in Burkina so passiert in Sachen Gewalt gegen Frauen. Dann behandelte ich noch kurz den zweijährigen Aktionsplan, der in vier der dreizehn Regionen Burkinas gegen Gewalt an Frauen vorging. Schließlich das vor knapp zwei Jahren beschlossene Gesetz gegen Gewalt an Frauen. Vor Vergewaltigungen strecke ich meine verbalen Waffen. Nicht nur, weil in Burkina wohl noch mehr als in der Satten Welt vertuscht wird und daher das Ausmaß des Problems bei weitem nicht absehbar ist. Ich erinnere mich an einen Nachmittag bei der Unicef, ich hatte meinen Posten in der Abteilung Kinderschutz dort erst kürzlich angetreten, es muss also Ende 2007 gewesen sein. Da saß in dem Büro, das ich mit meiner Kollegin Alimata teilte, eine etwa 50-60-jährige Frau mit einem vielleicht zehnjährigen Kind, ein besonders schüchternes, extrem stilles Mädchen. Die Stimmung war, als ich reinkam, mehr als gedrückt, es wurde nur geflüstert und mir wurde bald bedeutet, ich solle lieber später wiederkommen. Als ich das dann tat, erzählte mir Alimata, dass die Frau nicht wusste, was tun, sie deshalb zur Unicef, dem “Kinderhilfswerk“ gekommen war. Sie war ihrem Mann draufgekommen, dass er die Kleine – eine entfernte Verwandte aus dem Dorf, die bei ihnen daheim als Dienstmädchen arbeitete – mehrmals vergewaltigt hatte.

Und das war’s dann. Die Kleine wurde ein bissl betreut und medizinisch versorgt. Schmutzwäsche wird nicht in der Öffentlichkeit gewaschen: Die Sache wurde innerfamiliär “bereinigt“. Vertuscht. Der Täter – und diese Kleine war sowas von klein, war so sehr Kind, es ist unsagbar, auch wenn es kein Einzelfall ist – der Vergewaltiger kam schadlos davon[4].

7-15a Ouarmini-Schülerinnentanz Juli 2003 [5]

Und da ja Gewalt gegen Frauen ganz dominant von ihren Partnern und wenn nicht von denen, dann von anderen ihr nahestehenden Männern begangen wird, ist das, was ich da gerade geschildert habe, das Grundmuster. Und die Männer-Täter bleiben fast immer straflos.

7-15b Ouarmini-Schülerinnentanz Juli 2003 [6]

Endnoten:

[1] Zum Beispiel das Levirat, das eine Witwe, will sie das eheliche Hab und Gut inklusive Heim und Kinder bewahren, zwingt, einen jüngeren Verwandten ihres verstorbenen Mannes zu heiraten.

[2] Statuette Frau, Kind stillend, plus Mann. Foto 17.7.2017 GL. Original färbig.

[3] Günther Lanier, Land der Integren. Burkina Fasos Geschichte, Politik und seine ewig fremden Frauen, Linz (guernica) 2017, pp.410f.

[4] Solche Vorkommnisse werden freilich nicht an die große Glocke gehängt, und Fremden/Weißen gegenüber schon gar nicht. Ich bin aber bald nach meiner Ankunft in Burkina mit einer ähnlichen Geschichte “in Berührung“ gekommen.
2003 geschah in der Nachbarschaft eines meiner besten burkinischen Freunde eine Vergewaltigung. Auch hier war die Betroffene sehr jung, an ihr genaues Alter erinnere ich mich nicht mehr – jedenfalls war sie ein Kind, keine Jugendliche. Der Vergewaltiger war ein Nachbar. Aber. NachbarInnen gehören fast zur Familie. Gute Nachbarschaft kann eineR nicht so leicht aufs Spiel setzen. Und der Täter ist ja kein Einzelgänger, er ist Teil einer Familie. Die sollen nicht alle zu FeindInnen werden.
So passierte gar nichts. Es wurde im intimen Umkreis verhandelt und besprochen und geklärt.
Der Vergewaltiger kam straffrei und schadlos davon.

[5] Mädchentanz beim Volksschuljahresabschlussfest in Ouarmini im Juli 2003. Foto Petra Radeschnig. Original färbig.

[6] Mädchentanz beim Volksschuljahresabschlussfest in Ouarmini im Juli 2003. Foto Petra Radeschnig. Original färbig.



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