Rebellen und vielleicht Elite von morgen.

6 June 2018 | By | Category: Allgemein, Interessantes

Mai 68 – Mai 18. Wiederholt sich Geschichte?

Günther Lanier, Ouagadougou 6.6.2018

1987 wurde der größten senegalesischen Universität der Name des Historikers Cheikh Anta Diop umgehängt[1]. Ein Auftrag, selbständig und engagiert und querzudenken? Sind die senegalesischen StudentInnen dabei, diesem Auftrag nachzukommen?

Diop_hbs c [2]

Cheikh Anta Diop[3] hat der Geschichte des Alten Ägyptens ihr schwarzes Fundament zurückgegeben. Bis zum heutigen Tag tut sich Academia schwer mit ihm – Rassismus spielt da sicher keinerlei Rolle.

Ganz so, als sollte das 50-jährige Jubiläum der Unruhen von Mai 1968 würdig gefeiert werden, hat sich Senegals intellektueller Nachwuchs im Mai 2018 abermals erhoben. Sind revolutionäre, auf eine grundlegende Änderung der Verhältnisse zielende Verlangen die Triebkräfte, oder sind es Partikularinteressen?

15. Mai 2018, in der Gaston Berger-Universität[4] von St. Louis, einst Hauptstadt Senegals und des französischen Kolonialreichs in Westafrika. StudentInnen weigern sich, in der Mensa ihr Essen zu bezahlen – eine Form des Protestes gegen die abermaligen Verspätungen bei der Auszahlung der Stipendien. Zudem ist die Uni um ein Vielfaches überbucht[5]. Die Gendarmerie soll am Campus für Recht und Ordnung sorgen. Bei den Zusammenstößen schießt ein Gendarm auf Fallou Sène, einen 26-jährigen Studenten.

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Die Proteste breiten sich schnell aus: KollegInnen in Dakar, Thiès, Ziguinchor gehen auf die Straße und liefern sich Kämpfe mit den Ordnungskräften.

Die Regierung reagiert schnell, versucht offensichtlich zu vermeiden, dass der Widerstand sich verbreitert. Der Rektor der Gaston Berger-Universität wird geschasst, das Stipendiensystems soll auditiert werden, eine Untersuchung des Todes von Fallou Sène ist angeordnet, die Stipendien sollen erhöht[7], das Mensa-Essen verbilligt und die Lebensbedingungen der StudentInnen verbessert werden – Präsident Macky Sall persönlich macht sich für die StudentInnen stark.

Die StudentInnen in Dakar lassen sich vom Aufstand abbringen. In St. Louis geht es vorerst weiter. Zumindest soll die tatsächliche Umsetzung der Versprechen abgewartet werden, bevor die Proteste abgeblasen werden.

Schaut sehr nach Korporatismus aus: Die künftige intellektuelle Elite des Landes sorgt sich um ihre materielle Lage. Anders als fünfzig Jahre zuvor geht es nicht um eine politische Umorientierung, auch wenn der herrschende Neoliberalismus eine solche (hier wie anderswo) dringend erfordern würde.

Dakar_University_Senegal_1967 c [8]

Die 2018er Unruhen scheinen des fünfzigjährigen Jahrestages der 1968er Revolten unwürdig. Damals waren korporatistische Forderungen nur der Ausgangspunkt gewesen[9].

Wir erkennen euch, Kieberer der ganzen Welt.
Gleich angezogen, überall die gleiche Mentalität.
Aus Tana, aus Dakar, aus Abidjan, aus Paris
und aus Montpellier skandieren wir: Nieder mit dem Polizeistaat![10]

Als es noch galt, die Welt zu verändern

Aus unserer eurozentrischen Perspektive schaut die StudentInnenrevolte im senegalischen Mai 1968 wie ein Abklatsch der Ereignisse in der Hauptstadt der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich aus. Und freilich gab’s da Verbindungen. Die Universität von Dakar selbst war ein koloniales Produkt – 1957, also drei Jahre vor der Unabhängigkeit, war sie anstelle der zuvor bestehenden Höheren Schulen (Ecoles supérieures) als 18. französische Universität gegründet worden, war in akademischen Belangen den Universitäten in Paris und Bordeaux unterstellt[11].

Aber Verbindung bedeutet nicht Gleichklang und schon gar nicht Nachahmung. Die StudentInnenrevolte von Dakar bezog zweifellos einen Teil ihrer Inspiration von ihrem Pariser Pendant, hatte jedoch ihre ganz eigenen Hintergründe und Forderungen. Und gefordert wurde spezifisch Senegalesisches – hier ging es nicht um eine Generalüberholung in konservativen Mustern erstarrter Lebens- und Wirtschaftsformen der Satten Welt. Hier ging es um das von Senghor und Co errichtete Regime. Denn in acht Jahren Unabhängigkeit waren wenige Träume wahr geworden. Doch diese Träume waren noch präsent, Träume von nationaler oder panafrikanischer Freiheit nach dem Abgang der Kolonialherren. Im Senegal waren die Franzosen zudem sehr viel länger gewesen als im Rest von Westafrika.

Stattdessen hatte der frankophile Literatenpräsident die Macht im Land weitgehend monopolisiert. Da hatten Wissenschaft und Kultur durchaus ihren Platz. 1965 eröffnete Léopold-Sédar Senghor feierlich die Bibliothek der Dakar-Universität. Pure Architektur der Macht.

BU_Université_Chekh_Anta_Diop_de_Dakar c [12]

Im Mai 1968 beschränkte sich die Revolte nicht auf StudentInnen – die Gewerkschaft UNTS rief einen Streik aus – zum Protest gegen das repressive Vorgehen des Staates gegen die HochschülerInnen, aber auch mit ihren eigenen Forderungen. Und andere Bevölkerungskreise rund um die Uni, in den Vorstädten und in anderen Städten des Landes schlossen sich an. Es ging hart her. Senghor ließ den Ausnahmezustand ausrufen, rief die französische Armee zu Hilfe (da gab’s einen Beistandspakt), die sorgte einmal für Ruhe. Massenhaft wurden StudentInnen und GewerschafterInnen verhaftet. Ausländische Studierende wurden des Landes verwiesen.

Es ging um viel mehr als Partikularinteressen. Die senegalesische Bildungspolitik stand genauso am Pranger wie der verschwenderische Umgang von Senghors Einparteienregime mit staatlichen Mitteln. Und anstelle des Neokolonialismus war Afrikanisierung angesagt – Ideale und role models sollten aus der Dritten statt der Satten Welt kommen, angefangen bei Che Guevara, Mao Tse-tung, Ho Chi Minh und weiter bei Martin Luther King, Malcolm X, der Black Panther-Partei, Kwame Nkrumah, Frantz Fanon, Patrice Lumumba, Amilcar Cabral…[13]

Senghor konnte sich schließlich an der Macht halten, musste aber Zugeständnisse machen, seine Aura des alles überstrahlenden Helden hatte Schaden genommen. Zwölf Jahre später wird er die Staatsgeschäfte an Abdou Diouf übergeben und sich auf seinen Altensitz in Frankreich zurückziehen.

Afrikanische Universitäten

Nicht nur im Senegal steht es schlecht um den tertiären Bildungssektor. Überall mangelt es an Geld – die von Internationalem Währungsfonds und Weltbank aufgezwungenen Strukturanpassungprogramme haben den Sparstift insbesondere bei Sozialem und in der Bildung angesetzt. Und ohne Geld sind auch die nötigen Kapazitäten nicht vorhanden. Dass Hörsäle überfüllt und sogar übers Bersten hinaus voll sind, ist mehr Regel als Ausnahme. Privatuniversitäten bieten eine Ausweichmöglichkeit, aber die sind teuer und bieten oft trotzdem eine den realen Bedürfnissen wenig entsprechende Ausbildung.

Ob die Einrichtung virtueller Campusse realistisch ist, scheint angesichts der geringen Internetkapazitäten fraglich[14].

So bleibt eigentlich nur die Schlussfolgerung, dass wir – und afrikanische BildungspolitikerInnen – froh sein sollten, dass die Erfolgsraten bei der Matura so entsetzlich niedrig sind. Das wirft zwar ein sehr schlechtes Licht auf die vorangehende Schulbildung und bedeutet für die Betroffenen grausame Zeitverschwendung, aber so kommen wenigstens weniger an die sowieso schon überfüllten Unis.

2iE Ouagadougou 4642372479 c [15]

Endnoten:

[1] Am 30.3.1987 wurde aus der Université de Dakar die Université Cheikh Anta Diop; siehe https://www.ucad.sn/index.php?option=com_content&view=article&id=1477&Itemid=402.

[2] Eine künstlerische Bearbeitung eines Porträts Cheikh Anta Diops, des akademischen Rebellen, Ade Olufeko/JuneHazinek, 1.2.2014, überarbeitet GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Diop_hbs.png.

[3] 29.12.1925-7.2.1986. Er hat sich auch politisch betätigt. Nicht in Senghors Sinn. Ousmane William Mbaye hat 2016 einen ausgezeichneten Film über Cheikh Anta Diop gemacht: Kemtiyu, Seex Anta – Cheikh Anta, 94’. Dieser war am 14.12.2016 im Rahmen des CinéDroitLibre-Festivals in Ouagadougou zu sehen.

[4] 1990 inauguriert.

[5] Vier Mal die 20.000 vorgesehenen StudentInnen laut Olivier Liffran, Campus en colère, Jeune Afrique 3.6.2018, p.27.

[6] Der Turm der Gaston Berger-Universität von St. Louis, Foto Maissambaye, 29.4.2007, leicht überarbeitet GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:LaTourUGBVueSudOuest.jpg.

[7] Allerdings laut Jeune Afrique ebd. p.26 nur unwesentlich, von 36.000 auf 40.000 F Cfa.

[8] Die Cheikh Anta Diop-Universität, ehemals Dakar-Universität, Foto Phillip Capper 28.7.2005, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dakar_University,_Senegal,_1967.jpg

[9] Die Halbierung der Stipendien. Zudem wurden diese nur mehr zehn und nicht mehr zwölf Mal im Jahr ausbezahlt. Siehe Françoise Blum, Sénégal 1968 : révolte étudiante et grève générale, Revue d’histoire moderne et contemporaine Nr.59-2, 2012/2.

[10] Eine etwas freie Übersetzung von ‘Vous êtes reconnaissables, vous les flics du monde entier/Les mêmes imperméables, la même mentalité/Mais nous sommes deTana, de Dakar et d’Abidjan,/et de Paris à Montpellier, à vous crier, À bas l’État policier’, das die StudentInnen in Madagaskar 1971 skandierten, zitiert als Vorspann zu Françoise Blum, Sénégal 1968 : révolte étudiante et grève générale, Revue d’histoire moderne et contemporaine Nr.59-2, 2012/2, p.144.

[11] https://www.ucad.sn/index.php?option=com_content&view=article&id=1477&Itemid=402.

[12] Foto Rignese, 23.9.2008, überarbeitet GL; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:BU_Universit%C3%A9_Chekh_Anta_Diop_de_Dakar.JPG. Siehe Jean Rousset de Pina, La Nouvelle Bibliothèque centrale de l’Université de Dakar, in: Bulletin des bibliothèques de France (BBF), 1966, Nr.8, pp.293-304, http://bbf.enssib.fr/consulter/bbf-1966-08-0293-002.

[13] Siehe Françoise Blum, Sénégal 1968 : révolte étudiante et grève générale, Revue d’histoire moderne et contemporaine Nr.59-2, 2012/2, pp.144-177; Jean-Pierre Bat, Mai 68 à Dakar (Interview mit Omar Gueye), Libération/Africa4 23.11.2017, http://libeafrica4.blogs.liberation.fr/2017/11/23/mai-68-dakar/; Abdoulaye Bathily, Mai 68 à Dakar ou la révolte universitaire et la démocratie, Paris (Editions Chaka) 1992

[14] Für Senegal diskutiert das Olivier Liffran im schon erwähnten Campus en colère, Jeune Afrique 3.6.2018, p.27; für Burkina Faso siehe Gaston Sawadogo, Quentin Velluet, Bientôt une université virtuelle au Burkina Faso, Jeune Afrique 4.6.2018, http://www.jeuneafrique.com/emploi-formation/564426/bientot-une-universite-virtuelle-au-burkina-faso/.

[15] Nicht Teil der staatlichen Uni von Ouagadougou (seit kurzem heißt sie Université Ki-Zerbo), aber in unmittelbarer Nachbarschaft und eine der Vorzeigeinstitutionen: 2iE, das Institut International d’Ingénierie de l’Eau et de l’Environnement. 2iE gehört einer Stiftung, die in Burkina diplomatischen Status genießt; Foto Audrey Kameni 25.4.2010, leicht überarbeitet GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:University_buildings_in_Ouagadougou_(2iE)_(4642372479).jpg.



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