Den Blick brechen.

12 June 2018 | By | Category: Allgemein, Interessantes

Fotografieren gegen Vorurteile

Günther Lanier, Ouagadougou 12.6.2018.

Harouna Marané entstammt einer muslimischen Familie. Mit seinen Fotos zum Schleier geht es ihm aber nicht um Religion, sondern um oder eigentlich gegen die zu schnellen Urteile, die wir fällen über Schleierträgerinnen. Daraus ist eine wunderbare Ausstellung geworden. Sie müssen sich beeilen, wenn Sie sie noch sehen wollen, sie läuft nur mehr neun Tage – im zentrumsnahen Kunstraum 226 in Paspanga, Ouagadougou, Burkina Faso.

Harouna Marané AFFICHE SOUS LE VOILE mai 2018 [1]

In Burkina sind 50 bis 60% der Bevölkerung muslimisch. Interessanterweise hat die französische Eroberung vor etwas mehr als einem Jahrhundert zwar “bewiesen“, dass die einheimischen GöttInnen nichts taugen, aber das hat nicht zu einer Christianisierungswelle geführt, sondern zu reihenweisen Übertritten zum Islam.

Eine gern zitierte Statistik zu den burkinischen Religionen geht so: 60% MuslimInnen, 20% KatholikInnen, 20% ProtestantInnen, 100% AnimistInnen.

Die AhnInnen haben also nach wie vor genug AnhängerInnen.

Doch war in den letzten Jahren im Straßenbild Ouagadougous sehr wohl eine Veränderung festzustellen. Um die Jahrtausendwende[2] waren so gut wie keine verschleierten Frauen zu sehen – in der Zwischenzeit sind sie alles andere als eine Rarität. Auch beanspruchen Moscheen immer eindeutiger die Lufthoheit in der burkinischen Hauptstadt. Nicht nur die Rufe zum Gebet, auch die Gebete selbst werden über immer potentere Lautsprecher für die AnrainerInnen zur akustischen Alltagsbegleitung. Schon in den frühesten Morgenstunden fühlt eineR sich dann wie in Allahs Wohnzimmer, wobei Muezzins und Imame ganz offensichtlich nicht nach der Schönheit ihrer Stimme oder der Qualität ihres Gesangs ausgewählt werden.

mosquée 25 03 2015 Photo1815c [3]

Saudi-arabisches Geld steckt hinter dem Ernsterwerden des Islams nicht nur in Burkina. Geld überzeugt. Roch Kaboré, selbst kein Muslim, wählte nach seiner Wahl Riyad als eine der allerersten Destinationen für seinen Staatscheftourismus, Verzeihung: für seine offizielle Auslandsreise – und kam mit Finanzierungsversprechen im Handgepäck zurück.

Aber das hat an der religiösen Toleranz der Burkinabè bisher nicht grundsätzlich rütteln können. Alle freuen sich derzeit mit ihren muslimischen FreundInnen auf das bevorstehende Ende des Ramadan[4]. Sie werden dann auch nicht mehr auf die gegen Nachmittagsende genervten Fastenden Rücksicht zu nehmen brauchen, die manchmal nicht die rationalsten VerkehrsteilnehmerInnen abgeben. Vor allem aber werden alle dann mittun mit ihren das Fastenzeitende feiernden muslimischen Bekannten, FreundInnen, NachbarInnen. Da gibt’s gutes Essen. Noch besseres gibt es dann ein paar Wochen später, zu Tabaski[5], dem Opferfest.

Und die MuslimInnen revanchieren sich freilich und sind zu Weihnachten und Ostern gern gesehene Gäste bei ihren christlichen Bekannten, FreundInnen, NachbarInnen. Nichts schlimmer, als es wird aufgekocht und dann kommt keineR.

20180524_191416c [6]

“Unter dem Schleier“

Sous le voile heißt Harouna Maranés Ausstellung. Und unterm Schleier sind sie alle, die von ihm fotografierten – und zum Teil auch interviewten – Frauen. Doch diese schwarzen Stoffe bergen Vielfältigstes.

Vereinheitlichenden Vorurteilen, simplifizierendem Nur-schnell-Hin- und dann GleichwiederWegschauens setzt Harouna Marané seine Kameralinse entgegen.

20180524_183254c [7]

Er selbst nennt sein Ziel “den Blick brechen“ – casser le regard. Unterschiedlichstes kommt zu Tage – und für uns zur Schau. Die bis auf den Boden rein weißen Ausstellungsräume des Kunstraums 226 bilden einen wunderbaren Rahmen für die Schwarzweißfotos.

Harouna Marané ist in der burkinischen FotografInnenszene alles andere als ein Unbekannter. Er war zum Beispiel einer der Fotografen, die Bilder für die von Peter Stepan organisierte große Fotoausstellung zum Volksaufstand in Ouagadougou Ende Oktober 2014 beigesteuert haben. Diese Ausstellung wurde letztes Jahr im Beisein Harouna Maranés in München eröffnet und kam auf ihrer Europarundreise als erstes gleich nach Wien in den AfriPoint[8]. Gleichzeitig kam ein schönes, bilddominiertes Buch heraus: Peter Stepan (Hg.), L’insurrection populaire. Burkina Faso octobre 2014. Vers un monde plus juste, Berlin (Friedrich-Ebert-Stiftung) 2017[9].

Viel Glück für Deine vielen weiteren Projekte, Harouna!

 

Endnoten:

[1] Foto Harouna Marané. Es handelt sich um das offizielle Ausstellungsplakat.

[2] Ich selbst lebe seit August 2002 in Ouagadougou.

[3] Wemtenga-Moschee im nordwestlichen Teil des Bezirks. Die Generalüberholung begann bald nach Blaises Sturz. Foto GL 25.3.2015.

[4] Eid al-Fitr. Der Schreibweisen sind mehrere.

[5] Der offenbar von Pascua/Pasqua (Ostern) abgeleitete westafrikanische Name des Eid ul-Adha.

[6] Einen Fotografen zu fotografieren kann sowieso nur schiefgehen. Harouna Marané mit seiner Frau bei der Vernissage seiner Ausstellung im Kunstraum des Goethe Instituts Ouagadougou. Foto GL 24.5.2018.

[7] Einen Fotografen und einen ihn filmenden Kameramann zu fotografieren, entbehrt nicht der Metaebenen. Harouna Marané bei der Eröffnungsansprache. Rechts, leider etwas unscharf, die Direktorin des Goethe Instituts Ouagadougou, Carolin Christgau. Foto GL 24.5.2018.

[8] Sie war vom 13.6. bis zum 6.7.2017 zu sehen.

[9] Fotos von Harouna Marané, Hippolyte Sama, Moussa Guibla, Issa Nikièma, Mohamed Ouédraogo, Boureima Regtoumda et Nomwindé Vivien Sawadogo. Hippolyte Sama hat die Ausstellung im Wiener AfriPoint begleitet.



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