ÖkonomInnen rechnen oft ohne Frauen.

27 June 2018 | By | Category: Allgemein, Interessantes

Von wegen inklusiv!

Günther Lanier, München 27.6.2018.

Der schönen Worte gibt es viele. “Inklusion“ ist eines davon. Unlängst erst schrieb ich über das HandiTalent-Festival in Burkina Faso und wie Nicht-Behinderte dort nicht ausgeschlossen wurden. In der Ökonomie zählt Leistung, Effizienz. Doch ich will mich hier nicht mit ökonomisch exkludierten Menschen befassen, die mit einer Behinderung leben, sondern von jener Bevölkerungsmehrheit, die die gerade geäußerte Ansicht ad absurdum führen, sind die Frauen doch diejenigen, die mehr leisten und ihre Lebenszeit effizienter verwerten – aber sie tun es klammheimlich, denn sie zählen nicht.

Hommes_femmes_et_scènes_du_Sénégal-Jacques_Grasset_de_Saint_Sauveur_mg_8498 c sw [1]

Geben wir uns keinen Illusionen hin: Moderne Ökonomien drehen sich von Grund auf um Exklusion. Geld ist nämlich nicht dazu gemacht, auf dem ubiquitären Markt Waren zu erstehen – es ist dazu gemacht, diejenigen, die es nicht haben, vom Erwerb und Verzehr oder Gebrauch von Waren auszuschließen. Die überwiegende Mehrheit hat kein oder wenig Geld. Im Kapitalismus dient Geld also insbesondere dazu, die allermeisten von Besitz und Reichtum auszuschließen und Genuss und Wohlstand wenigen vorzubehalten.

???????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????? [2]

Was Geld, Finanzielles, Materielles betrifft, nehmen die Wirtschaftswissenschaften im Dispositiv heute weltweit durchgesetzter Macht einen wichtigen Platz ein. Ihnen obliegt es, mit ihren Modellen[3] und Theorien dem Sosein seine Rechtfertigung zu liefern, seinen ideologischen Mantel, den Beweis, dass es sich beim kapitalistischen trotz all seiner Unzulänglichkeiten um das beste aller möglichen (Welt)Systeme handelt.

Dass es bei ihnen zuallererst um Ideologie geht, verstecken diese ökonomischen “Wissenschaften“ geschickt hinter Mathematik, Statistik und Abstrahierungen. Den Gewöhnlichsterblichen unzugänglich erwarben sie eine Aura der Unverständlichkeit, die Ehrfurcht hervorruft und dem behaupteten ExpertInnentum zugutekommt.

Ein ökonomischer Begriff, der es in die Alltagssprache geschafft hat, der somit zum Allgemeingut geworden ist, ist das BIP, das Bruttoinlandsprodukt[4]. Es addiert alles, was in einem Land in einem Jahr erzeugt wird; drückt die Größe der betreffenden Volkswirtschaft aus, also ihr Gewicht auf dem Weltmarkt; kann durch die Zahl der EinwohnerInnen dividiert werden und sagt dann etwas über den durchschnittlichen[5] Reichtum der jeweiligen StaatsbürgerInnen aus; kann – absolut oder pro Kopf – über die Jahre verfolgt werden und gibt dann Auskunft über das Wachstum (Schrumpfen widerspricht dem kapitalistischen Grundwert der Maximierung) der nationalen Ökonomie, somit über ihre Dynamik.

Das BIP-Konzept und mit ihm die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung wurden im 2. Weltkrieg erfunden. Wie so oft zuvor und seitdem, stieß der Krieg “Entwicklung“ und “Fortschritt“ an oder beschleunigte sie. Für den angestrebten militärischen Sieg war ein effizienter Mitteleinsatz erforderlich. Dazu brauchten die Kriegsherren möglichst exakte Informationen über die zur Verfügung stehenden Mittel. Während sich die USA ausgerechnet eines Wissenschaftlers bedienten, der seine ersten wissenschaftlichen Schritte in der Sowjetunion unternommen hatte, Simon Kuznets[6], entwickelten in Großbritannien James Meade[7] und Richard Stone[8] ein Kontensystem für die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, das nach mehrjährigen Verhandlungen nach Ende des 2. Weltkriegs zum internationalen Standard für die BIP-Berechnung werden sollte[9].

Erbsünde Blindheit gegenüber Frauen

Das Herz der Ökonomie stellt der Markt dar. Am Markt in seinem weiteren Sinn wechseln Güter und auch Dienstleistungen vermittels Geld ihre BesitzerInnen, werden ver- und gekauft, und wieviel sie produziert werden und wie sehr sie begehrt werden, also gefragt sind, entscheidet den Marktpreis. Und so passiert das ad infinitum, zumindest in der Theorie, vom Markt in einem afrikanischen Dorf bis zur New Yorker oder Shanghaier Börse, vom Biosprit- und Waffenmarkt bis zum Arbeitsmarkt determinieren die möglichst freien und ungehinderten Marktkräfte die (durchaus auch Weltmarkt-)Preise.

Da bleibt vieles außen vor. Wenig überraschend ist der Blick der Wirtschaftswissenschaften ein männlicher. Typisch weibliche, das heisst durch gesellschaftliche Konventionen und Normen den Frauen zugeordnete Tätigkeiten, sind nicht berücksichtigt. Das gilt insbesondere für reproduktive Tätigkeiten – darunter fällt sowohl die Arbeit, die zumeist Frauen alltäglich leisten, um ihre Familienangehörigen, also insbesondere ihre Partner, zu “reproduzieren“, das heißt für ihre produktiven Tätigkeiten in Schuss zu halten (Kochen, aber auch alle anderen Haushaltsarbeiten), und darunter fällt freilich auch die nicht zuletzt der gesamtgesellschaftlichen Reproduktion dienende Betreuung und Versorgung der Kinder, also der Vorbereitung der nächsten Generation für die Wirtschaft, also insbesondere für den Arbeitsmarkt.

Phyllis-Deane [10]

Phyllis Deane

Dass die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung in Sachen Frauen einen blinden Fleck hat, fiel schon sehr früh, schon in den 1940ern, einer britischen Ökonomin auf, die 23-jährig für das National Institute of Economic and Social Research zu arbeiten begann, später ins Colonial Office wechselte, bevor sie 1950 an die Unversity of Cambridge wechselte, wo ihr eine herausragende akademische Karriere bevorstand[11].

In den 40er Jahren war Phyllis Deanes Arbeits- und Forschungsgebiet die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung britischer Kolonien. Bei ihrer Arbeit in Nordrhodesien (heute Sambia) und Nyasaland (heute Malawi)[12] stellte sie schnell fest, dass es keinen Sinn macht, ein BIP zu berechnen, das die – wenn auch unbezahlte – Arbeit von Frauen ignoriert. Der Wert produktiver Aktivitäten wie Kochen und Brennholzsammeln gehöre berücksichtigt – in Afrika ungleich mehr als in ihrer Heimat Großbritannien, wo die formelle Ökonomie ein relativ sehr viel größeres Gewicht hatte. Um zu entscheiden, was in eine richtigere gesamtwirtschaftliche Rechnung einfließen solle, verbrachte sie viele Monate in Dörfern und dort mit den Frauen.

Doch Phyllis Deanes berechtigte Kritik verhallte weitestgehend ungehört[13]. Viele Jahrzehnte noch und überall auf der Welt geschah Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung unter Ausschluss der ganz überwiegend weiblichen Reproduktionsarbeit.

In den 1970er und 1980er Jahren postulierte die italienische Feministin Silvia Federici – sie hat unter anderem an der nigerianischen University of Port Harcourt unterrichtet –, dass die ursprüngliche Akkumulation nicht ein Vorläufer des Kapitalismus ist, sondern seine dauernde Begleiterscheinung, die erst seinen Fortbestand ermöglicht[14]. Und ursprüngliche Akkumulation sei von unbezahlter Reproduktionsarbeit nicht zu trennen.

MarilynWaring2012 sw [15]

Wie Phyllis Deane zu ihrem Arbeitsantritt ein paar Jahrzehnte zuvor war auch Marilyn Waring 23 Jahre jung als sie in Neuseeland Parlamentsabgeordnete wurde. Dort war die Feministin und Grüne neun Jahre lang Mandatarin der konservativen New Zealand National Party, bis sie 1984 vorgezogene Neuwahlen verursachte, indem sie drohte, mit der Opposition für ein nuklearwaffenfreies Neuseeland zu stimmen[16].

Marilyn Waring schlug dann eine akademische Karriere ein, machte ihr Doktorat in politischer Ökonomie und ist seit 2006 Professorin für Staatswissenschaften am Institute of Public Policy an der Auckland University of Technology in Neuseeland. Vor allem aber publizierte sie 1988 ihr bahnbrechendes “Wenn Frauen zählten“[17]. Es outet sich bereits im Untertitel als feministisch und erwies sich doch als ein “Buch, das zählt“, denn es veränderte Wirklichkeit. Die vorgebrachte systematische Kritik an der Nichtberücksichtigung unbezahlter weiblicher Arbeit bewirkte eine Änderung der international gültigen Standards für die BIP-Berechnung. Zwar wird nach wie vor nicht alle reproduktive Arbeit inkludiert, aber immerhin wird alles Materielles, also alle Güter, die mittels unbezahlter Arbeit produziert werden, gezählt. So wurde es im System of National Accounts 2008[18] festgehalten, das die Europäische Kommission, der Internationale Währungsfonds, die OECD, die Vereinten Nationen und die Weltbank gemeinsam beschlossen und publiziert haben. Auf diesem weltweit gültigen Regelwerk beruht dann das Europäischen System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen (ESVG) 2010.

Bleiben die vielen, von Frauen weiterhin unbezahlterweise erbrachten Dienstleistungen, Kinderaufzucht zum Beispiel oder die Pflege kranker Angehöriger. Doch seit sogar der renommierte Economist[19] für die Einführung eines neuen Messsystems plädiert, das unbezahlte Hausarbeit miteinschließt…

Unbezahlte weibliche Arbeit mag beschwingt geschehen und auch wie in dem folgenden, auf Stoff gemalten traditionellen senegalesischen Muster fröhlich dargestellt werden. Sie gehört vor allem gezählt und bezahlt.

??????????????????????????????? [20]

Endnoten:

[1] Frau aus Gorée. Foto: Rama, aus Jacques Grasset de Saint-Sauveur, Costumes civils actuels de tous les peuples connus, Paris, 1788, ausgestellt im Musée de la Compagnie des Indes in Port-Louis, leicht überarbeitet GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hommes_femmes_et_sc%C3%A8nes_du_S%C3%A9n%C3%A9gal-Jacques_Grasset_de_Saint_Sauveur_mg_8498.jpg

[2] Frau in Waffenfabrik. Foto Archives New Zealand/Lithographie Archibald Standish-Hartrick, On Munitions, ca. 1916, leicht überarbeitet GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%27On_munitions%27,_Archibald_Standish-Hartrick,_c.1914-c.1918_(17988497238).jpg

[3] Zuvorderst das Angebots-Nachfrage-Kreuz. Siehe dazu: Günther Lanier, Von Sachzwängen. Ökonomische Ideologien in Afrika et al., Radio Afrika TV, Wien 23.5.2018, http://www.radioafrika.net/2018/05/23/von-sachzwangen/

[4] BIP steht hier und in der Folge stellvertretend für BIP, BSP, BNP – Bruttoinlands-, -sozial-, -nationalprodukt – die Details, die diese und andere eng verwandten Konzepte unterscheiden, sind hier von keinerlei Interesse.

[5] Umso mehr solche Durchschnittswerte in Gebrauch sind, desto dichter der Schleier, der Interessengegensätze verbirgt.

[6] Wie wichtig das Thema/Konzept der “Freien Welt“ war, zeigt, dass er 1971 den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt – 1971 war erst das dritte Mal/das dritte Jahr, in dem dieser “falsche Nobelpreis“ verliehen wurde. Viele von Kuznets’ Beiträgen stammen aus der Zeit vor dem 2. Weltkrieg. Er war später ein beharrlicher Kritiker des BIP-Konzepts und der in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung zur Anwendung kommenden Berechnungsmethoden.

[7] James Meade erhielt 1977 den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften.

[8] Richard Stone wurde 1978 zum Ritter geschlagen und erhielt 1984 den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften.

[9] Die United Nations System of National Accounts wurden 1953 erstmals publiziert, danach mehrfach überarbeitet.

[10] Phyllis Deane, Foto auf der University of Cambridge-Webseite (News/News Archive 2010), Faculty of Economics: “Professor Phyllis Deane made 2010 Distinguished Fellow of the History of Economics Society”, http://www.econ.cam.ac.uk/news/deane.html. Das Copyright des Fotos ist unbekannt – auf mein an die Ökonomie-Fakultät der University of Cambride gerichtetes Ersuchen um Erlaubnis für das Verwenden des Fotos hin wurde dem Foto folgender Text hinzugefügt: “Copyright of photo unknown. Please contact us if you own the copyright on this photograph”. Dem schließe ich mich an.

[11] Der Wikipedia-Eintrag (Wikipedia: https://en.wikipedia.org/wiki/Phyllis_Deane) zu Prof. Phyllis Deane ist erschreckend kurz. Der Independent hat einen Nachruf auf sie publiziert, der sehr viel mehr “hergibt“: Negley Harte, Professor Phyllis Deane: Leading and influential figure in the field of economic history, 1. Oktober 2012, https://www.independent.co.uk/news/obituaries/professor-phyllis-deane-leading-and-influential-figure-in-the-field-of-economic-history-8191322.html.

[12] Später erstellte sie – von ihrem Londoner Schreibtisch aus – die erste Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung Nigerias.

[13] Siehe insbesondere Luke Messac, Women’s unpaid work must be included in GDP calculations: lessons from history, The Conversation 20.6.2018, https://theconversation.com/womens-unpaid-work-must-be-included-in-gdp-calculations-lessons-from-history-98110?utm_medium=email&utm_campaign=The%20Weekend%20Conversation%20-%20104829256&utm_content=The%20Weekend%20Conversation%20-%20104829256+CID_0d4bb3733b31c180558800f22fef036f&utm_source=campaign_monitor_africa&utm_term=Womens%20unpaid%20work%20must%20be%20included%20in%20GDP%20calculations%20lessons%20from%20history. Luke Messac hat den Anstoß zu meinem Artikel gegeben.

[14] Silvia Federici. Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation, Wien (Mandelbaum) 2012, im Original “Il Grande Calibano: Storia del corpo social ribelle nella prima fase del capitale” Mailand (Franco Angeli) 1984.

[15] Marilyn Waring, Foto Marilyn Waring 7.10.2012, in Schwarz-weiß transformiert: GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:MarilynWaring2012.jpg

[16] Die siegreiche Labour Party machte sich 1984 umgehend an die Umsetzung einer Anti-Atom-Politik und beschloss 1987 den New Zealand Nuclear Free Zone, Disarmament, and Arms Control Act.

[17] Das Buch wurde meines Wissens nie auf Deutsch publiziert, es handelt sich jedenfalls um meine Übersetzung des Titels von “If Women Counted: A New Feminist Economics“ New York (Harper & Row) 1988.

[18] https://unstats.un.org/unsd/nationalaccount/docs/SNA2008.pdf

[19] Den Hinweis auf diesen Artikel verdanke ich abermals dem bereits erwähnten Luke Messac, Women’s unpaid work must be included in GDP calculations: lessons from history, The Conversation 20.6.2018. Der Economist-Artikel heißt “How to measure prosperity. GDP is a bad gauge of material well-being. Time for a fresh approach”, The Economist 30.4.2016, https://www.economist.com/leaders/2016/04/30/how-to-measure-prosperity.

[20] Foto Ji-Elle 18.8.2007, in Schwarz-weiß transformiert: GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:SenegalTissuPeint2.JPG



Comments are closed.