Requiescat in pace.

11 July 2018 | By | Category: Allgemein, Interessantes

Des Lebens Unfrieden.

Günther Lanier, München 11.7.2018

Wo eineR stirbt, kondolieren wir. Möge ihm oder ihr die Erde leicht sein! Mögen sie in Frieden ruhen!

Vor 50 Jahren wurden die 68erInnen aufständig – unlängst erst behandelte ich in dieser “Kolumne“ die damalige StudentInnen-Revolte im Senegal[1]. Vor 50 Jahren brach auch Jean Améry in einem seiner wunderbaren Bücher eine Lanze für Rebellion und Widerstand. Im Bewusstsein wahrscheinlicher Vergeblichkeit: Gehofft hatte er einst auf “die Revolution. Die Zeit bestellte es anders und aus dem wilden Galopp wurde der gleichmäßige Trab (…). Ich richtete mich ein in einer Welt, die ich anders gewollt hatte, aber die ihrerseits mich anders wollte und im sehr ungleichen Kampf den Sieg davontrug“[2].

Abermals finden wir uns heute im Kampf mit Übermächten. Einzig auf “Haben“[3] orientierte Kräfte, am Bewahren des Besitzes interessiert und ihn gegen andere mit allen Mitteln verteidigend, verderben die Welt. Die große Mehrheit bleibt “ohne Potentialität“[4], ihnen ist der Selbstentwurf von vornherein versagt[5].

Es gibt kein Problem, das nicht durch eine Verschärfung des Asylrechts lösbar wäre“[6].

Das gilt für die Festung Europa[7], für die USA, für Australien… Leiste ich noch Widerstand? “Wann habe ich aufgehört, mein Leben als einen Prozess ständiger Erneuerung und permanenten Widerspruchs zu führen?“[8] Die Würde der Menschen ist bekanntlich antastbar[9]. Da gilt es achtsam zu bleiben.

Begräbnis Batié 7. Juli 2018 c [10]

  A propos “Requiescat in pace“ (Ruhe in Frieden):
Vom Frieden des Todes reden, heißt nichts anderes, als über den Unfrieden des Lebens entsetzt sein“[11].

Begräbnis Batié 7. Juli 2018 Musik und Tanz c [12]

Was Jean Améry vor 50 Jahren über die Konfrontation mit dem Tod oder, richtiger, mit dem Altwerden schrieb, könnten wir auf unser Verhalten gegenüber den herrschenden Umständen umlegen: Auch im Verzicht auf Lüge und Mittun entrinnen wir nicht der Ambiguität, der Kontradiktion. Der Realität und ihren Unausweichlichkeiten ins Auge blickend, können wir uns selbst nur bewahren, wenn wir uns revoltierend gegen sie erheben. Auch wenn unsere Revolte angesichts der uns begegnenden Übermacht zum Scheitern verurteilt ist, ist sie unsere einzige Chance, der entselbstenden Normalität in Würde zu begegnen und vielleicht zu entgehen[13].

Post scriptum

Widerstand gilt es an vielen Fronten zu leisten. Insbesondere gegen Gewalt an Frauen. Gestern, am 10. Juli 2018, fand in der südafrikanischen Hauptstadt Pretoria ein Männer-Marsch statt – inklusive Prominenten und Polizisten, Weißen, Schwarzen… – gegen Femizid und gegen Gewalt an Frauen:  #100MenMarch[14].

Und:

Auch in Österreich und Deutschland und überall sterben Frauen an Partnerschaftsgewalt.

 

Endnoten:

[1] Günther Lanier, Rebellen und vielleicht Elite von morgen. Mai 68 – Mai 18. Wiederholt sich Geschichte? Wien (Radio Afrika TV) 6.6.2018, http://www.radioafrika.net/2018/06/06/rebellen-und-vielleicht-elite-von-morgen/.

[2] Jean Améry, Über das Altern. Revolte und Resignation, Stuttgart (Klett-Cotta) 1968, p.23.

[3] Dazu Jean Améry, Über das Altern. Revolte und Resignation, Stuttgart (Klett-Cotta) 1968, pp.70ff. Erst acht Jahre später publizierte Erich Fromm sein “Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft“.

[4] Jean Améry, Über das Altern. Revolte und Resignation, Stuttgart (Klett-Cotta) 1968, p.65 schreibt vom “Geschöpf ohne Potentialität“.

[5] Ich verallgemeinere hier, durchaus in Amérys Sinn, was er über die Alternden schreibt: ebd. p.134: “Als Alternde (…) verbietet uns die Gesellschaft den Selbstentwurf“. Alternde sind “Geschöpfe ohne Potentialität“ aufgrund einer (p.56:) “Gesellschaft, die jedem Menschen ein Ich oktroyiert, das gesund, will sagen: operationell zu bleiben hat“.

[6] Gregor Stadlober, Laut sein, gemeinsam sein, in: Augustin 463, Wien 4.7.2018, p.8.

[7] Siehe dazu z.B. Günther Lanier, Festung braucht Lager. Menschenrechte waren einmal, Wien (Radio Afrika TV) 3.7.2018, http://www.radioafrika.net/2018/07/03/festung-braucht-lager/.

[8] Jean Améry, Über das Altern. Revolte und Resignation, Stuttgart (Klett-Cotta) 1968, p.74.

[9] Ulrike Meinhof, Die Würde des Menschen ist antastbar. Aufsätze und Polemiken, Berlin (Klaus Wagenbach) 2008. Erstmals 1980 publiziert.

[10] Aufgebahrt ist. Das weiße Tuch auf dem Sarg ist ein Moskitonetz und hält Fliegen von der Toten ab. Birifor/Lobi-Begräbnis in Batié in Burkina Fasos Südwesten. Foto Diane Léopoldine Béréhoudougou, 7.7.2018.

[11] Jean Améry, Über das Altern. Revolte und Resignation, Stuttgart (Klett-Cotta) 1968, p.119. Zur Unmöglichkeit der Erlösung durch den Tod siehe ebd., p.129.

[12] Musik und Tanz bei einem Birifor/Lobi-Begräbnis in Batié. Foto Diane Léopoldine Béréhoudougou, 7.7.2018.

[13] Ich habe den letzten Absatz des Kapitels “Der Blick der Anderen“ umformuliert: Jean Améry, Über das Altern. Revolte und Resignation, Stuttgart (Klett-Cotta) 1968, pp.85f.

[14] Siehe zum Beispiel Milton Nkosi, ‘No means no’: SA #100MenMarch against abuse, BBC Africa 10. Juli 2018, 15h39 oder https://www.news24.com/SouthAfrica/News/see-the-100menmarch-against-gender-violence-takes-to-the-streets-of-pretoria-20180710 sowie Fotos unter https://www.iol.co.za/news/south-africa/gauteng/look-50-pictures-from-the-100menmarch-15938807.



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