Stimmen,

17 July 2018 | By | Category: Allgemein, Interessantes

nein, Bilder aus Tunis[1].

Günther Lanier, Tunis 17.7.2018.

So unvorbereitet reise ich sonst nicht. Doch mir sind unverhofft vier Tage und vier Nächte in der tunesischen Hauptstadt in den Schoss gefallen. Einer theoretischen Nachbereitung schicke ich hier Bilder voraus.

Tunis liegt unweit vom, aber nicht am Meer. Im Westen und im Osten seiner Altstadt liegt je ein großer See. Der im Osten – See von Tunis genannt – ist eine nur einen Meter tiefe Lagune. Die Sebkha de Séjoumi im Westen ist eine flache Senke, in Altstadtnähe ist sie derzeit völlig ausgetrocknet.

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Fotos der Sebkha de Séjoumi 15. Juli 2018 GL, die “Bäume“ sind 15-20 cm hoch

In der Medina, der Altstadt, habe ich während meiner vier Tage nur zwei Polizisten[2] gesehen. Doch kaum ist die Medina verlassen, sei es im Westen über den Regierungsplatz oder im Osten durch das Frankreichtor am Siegesplatz, da wimmelt es von ihnen. Und von Militärs.

Zeigt eine Stadt, die mit sich im Frieden lebt, derart die Zähne? Ein einheimischer Kurzzeitbegleiter beim samstagspätabendlichen Flanieren entlang der Avenue Bourguiba wies mich scharf zurecht, als ich bei der Frage, was die Militärs denn so ausgreifend schützten, mit der Hand auf ein imposantes Gebäude wies: Hier gälte es, mit dem Mund zu fragen, Deuten könne Probleme schaffen. Es handelte sich, erklärte er mir nach dem Abflauen seiner Panik, um das Innen-, also das für Sicherheitsangelegenheiten zuständige Ministerium. Ein paar hundert Meter weiter westlich in derselben Avenue[3] ist auch das Vorfeld der französischen Botschaft gesperrt. An einer Ecke ihrer Außenmauer hat das Militär einen Stützpunkt errichtet, als wären wir mitten im Krieg.

Schon am Nachmittag hatte ich unfreiwillig Bekanntschaft mit tunesischem Sicherheitspersonal geschlossen.

Bureau de relations avec le citoyen – Büro der Beziehungen mit dem Bürger

Das verkündete ein Schild am Unterrichtsministerium. Es gefiel mir. Da gibt ein Staat zu, dass er sich so weit von den Normalsterblichen entfernt hatte, dass er ein eigenes Büro braucht, um nicht vollständig in andere Sphären zu entschweben. Ich fotografierte das hübsche schwarze Schild. Und dann ein ebensolches gleich vis-à-vis, am Justiz- und Menschenrechtsministerium. Als ich meinen Weg fortsetzte, hörte ich weit hinter mir Rufe, ich bezog sie nicht auf mich, dann Laufschritte und dann verlangte ein keuchender junger Mann in Jean und T-Shirt von mir mein Handy. Ich wollte wissen, wieso. Er wiederholte nur sein Begehr, behauptete, er sei von der Polizei. Schließlich kam ein Kollege in Uniform und mit Waffe dazu und der Zivilist besann sich und wies sich mit seiner Polizistenmarke aus. Ich musste die beiden Fotos löschen – auch der Uniformierte verstand seinen Kollegen nicht, aber der bestand darauf. Der Grund? Weil’s verboten ist.

Tunesien muss sich freilich vor Terrorismus schützen. Erst kürzlich hat es im Nordwesten des Landes, nahe der algerischen Grenze, einen Angriff gegeben, der sechs tunesischen Soldaten das Leben gekostet hat[4]. Ich will zu dem Thema nichts Häretisches von mir geben. Auch in Ouagadougou haben wir dieses Problem. Da ist aber allen klar, dass die Sicherheitskräfte auf unserer Seite stehen, uns beschützen, so gut sie es können[5]. Und in Abuja, wo Boko Haram die nigerianischen Sicherheitskräfte seit langem vor erhebliche Probleme stellt, sind die Maßnahmen zum Schutz vor terroristischen Angriffen zwar sehr viel stringenter, wirken aber gezielter[6] – am Samstagabend auf der tunesischen Flaniermeile schienen sie mir auszuufern[7].

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Fotos aus der Médina GL, 14.7.2018

Weltkulturerbe und Katzenstadt

In der Antike war Tunis hinter[8] Karthago kaum auszunehmen. Zweitere ist aus dem Geschichtsunterricht mit den punischen Kriegen und Hannibal als ernsthafter Gefahr für Rom berühmt. Aber auch Tunis ist über zweitausend Jahre alt. Ihre Blüte erlebte sie unter den Almohaden und Hafsiden, zwischen dem 12. und dem 16. Jahrhundert[9].

Zur Feier des österreichischen Nationalfeiertages wurde die Médina von Tunis am 26. Oktober 1979 von der UNESCO als Weltkulturerbe auserkoren[10]. 280 Hektar mit “allen Komponenten einer arabisch-muslimischen Stadt“, mit 700 historischen Monumenten, insbesondere aus dem 8. und dem 13. Jahrhundert[11].

1979 waren nach UNESCO-Einschätzung 50% dieses Weltkulturerbes in schlechtem Zustand. Auch heute besteht erheblicher Renovierungsbedarf. Das ist ja das Problem mit diesen wunderbaren alten Bauten, dass ihre Erhaltung viel kostet…

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Fotos aus der Médina GL, 14.7.2018. Es wird auch renoviert:

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Katzen fühlen sich wohl in der Médina. Es gibt ihrer mindestens so viele wie Menschen. So, wie sie sich benehmen, ist klar, dass die Altstadt von Tunis ihnen gehört.

 

Endnoten:

[1] Elias Canettis “Die Stimmen von Marrakesch“, an die sich mein Titel anlehnt, sind vor 51 Jahren erschienen. Es handelt sich um Skizzen, sie geben Impressionen wieder. So meisterhaft wie seine verbalen Miniaturen sind meine Bilder freilich nicht.

[2] Ich weiß nicht, ob es überhaupt Polizistinnen gibt, gesehen habe ich keine.

[3] Ab der Botschaft heißt die Avenue dann Avenue de France. Und das Altstadttor, zu dem sie führt, heißt Porte de France, also Frankreichtor.

[4] Am Sonntag, den 8. Juli 2018 war eine Patrouille der Garde Nationale in Aïn Soltane/Ghardimaou angegriffen worden. Bilanz: 6 Tote, 3 Verletzte. Mehr als zwei Jahre zuvor hatte Al-Qaïda au Maghreb islamique (Aqmi) 2015 und Anfang 2016 eine Reihe von Angriffen durchgeführt. Siehe z.B. Aymen Jamli, Caroline Nelly Perrot, Tunisie: six membres des forces de sécurité tués dans une attaque, AFP 8.7.2018 – 15h34.

[5] Wenn wir Human Rights Watch glauben, gilt das leider gar nicht mehr für Burkinas Norden. Am 21.5.2018 hat die NGO einen Bericht unter dem Titel “Le jour, nous avons peur de l’armée, et la nuit des djihadistes“ (Am Tag fürchten wir uns vor der Armee und in der Nacht vor den Dschihadisten) publiziert. Siehe Lefaso.net, Meurtres et exactions dans le conflit au nord du Burkina : Human Rights Watch renvoie forces de défense et terroristes dos à dos, Lefaso.net, 21. Mai 2018, 17h37.

[6] Abermals schreibe ich von der Hauptstadt. Die nigerianische Armee ist bekannt für ihre Brutalität – im Nordosten des Landes hat die Bevölkerung genauso viel Grund, sich vor ihr zu fürchten wie vor Boko Haram.

[7] Dass die Polizei nicht gern kritisiert wird und mit welchen Mitteln die Polizeigewerkschaft ein bedenkliches Antiterrorgesetz durchzusetzen versucht, ist nachzulesen in: Thameur Mekki, Rappen gegen die Polizei. Tunesiens Musikszene zwischen Protest und Konformismus, in: Le Monde diplomatique vom 12.07.2018.

[8] Vom Meer aus gesehen, liegt Tunis hinter Karthago. Heute ist Karthago so etwas wie ein nobler Villen-Vorort von Tunis, mit der Bahn dauert die Reise eine knappe halbe Stunde und kostet 0,2 Euro. Der Präsidentenpalast liegt dort.

[9] Zur Médina und zu Tunis insgesamt siehe Serge Santelli, Tunis. Le creuset méditerranéen, Paris (CNRS) 1995.

[10] Siehe https://whc.unesco.org/uploads/nominations/36bis.pdf.

[11] Siehe https://whc.unesco.org/fr/list/36/.

 



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