Diskursaneignung.

8 August 2018 | By | Category: Allgemein, Interessantes

Es ist an der Zeit, uns selbst zu erzählen.

Günther Lanier[1], Ouagadougou 8.8.2018.

“So, wie afrikanische Geschichte und Tagesereignisse im Allgemeinen dargestellt werden, bekommst du den Eindruck, dass Afrika nur aus Fußballern, Diktatoren und Popstars besteht. Viel zu lange wurde an unserer statt gesprochen. Jetzt ist es an uns AfrikanerInnen, uns zu erzählen. Das ist schwierig, haben sich die Kolonialherren doch bemüht, unsere Erinnerung auszulöschen oder zu beschmutzen[2].

Photo_de_Serge_Aime_Coulibaly [3]

Serge Aimé Coulibaly, 46 Jahre alt, wurde in Bobo-Dioulasso im Westen Burkina Fasos geboren. Er tanzt, schauspielert und choreographiert in Burkina und im afrikanischen und sonstigen Ausland. 2002 gründet er die Tanzkompanie Faso danse théâtre, 2014 ANKATA, ein Labor für das Erforschen, Schaffen und Produzieren von Bühnenkunst.

Seine letzte Kreation – Kirina – hat vor kurzem in Marseille Premiere gefeiert und ist jetzt auf Tour, da behandelt er – unter Mithilfe zum Beispiel Rokia Traorés und Felwine Sarrs – anhand der legendären Schlacht, die Soundiata Keïtas Armee im Jahr 1235 der Armee des Sosso-Königs Soumaoro Kanté lieferte, anhand der Kirina-Schlacht also beschäftigt er sich mit den Kriegen im Irak, in Syrien…, aber auch mit der Verfolgung mosambikanischer, simbabwischer… GastarbeiterInnen in Südafrika im Mai 2008 und auch seither[4].

Wer spricht? Wer schreibt?

Bei Dorfversammlungen (nicht nur) in Burkina reden und diskutieren in der Regel nur Männer. Für Frauen gehört es sich nicht, bei wichtigen Entscheidungen mitzureden. Sie wurden erzogen, gehorsam, folgsam zu sein, sich zu unterwerfen. Noch heute trauen sich nur wenige, in der Öffentlichkeit das Wort zu ergreifen – Symptom und auch Ursache weitgehender Ohnmacht.

Im Weltmaßstab gilt das nicht nur für schwarze Frauen, es gilt für Schwarze allgemein. Daran hat auch Obamas Zeit an der Spitze der USA nichts ändern können. Freilich gibt es – genauso wie bei den burkinischen Frauen – Ausnahmen. Aber der herrschende Diskurs ist außer männlich vor allem weiß. Selbstverständlich und “universell“ ist, was im antiken Athen und Rom in die Wege geleitet und im heutigen Washington, Oxford und Brüssel dekretiert wird.

Daran hat sich Cheikh Anta Diop die Zähne ausgebissen. Auch wenn wir wissen, dass er recht hatte, dass das Athen und Rom vorausgehende alte Ägypten eine “schwarze“ Zivilisation war.

Was afrikanische Geschichte betrifft, hat Joseph Ki-Zerbo Großes geleistet. 1978 publizierte er mit seiner “Die Geschichte Schwarz-Afrikas“ (im Original: Histoire de l’Afrique Noire. D’hier à demain) ein noch heute gültiges Standardwerk – schwer vorstellbar heute, wie er das ohne Computer und Internet schaffen konnte.

Diop_hbs c    JosephKizerbo cc [5]

Wird Anta Diop auch bis heute vielfach die gebührende akademische Anerkennung versagt, so heißt immerhin die bedeutendste Universität Senegals seit 31 Jahren nach ihm. Und in Ouagadougou wurde im Dezember 2015 die staatliche Universität in Ki-Zerbo-Universität (Université Ouaga 1 Professeur Joseph Ki-Zerbo) umbenannt.

Unterdessen lehrt z.B. Achille Mbembe, der große Theoretiker der Postkolonie, an der Witwatersrand-Universität in Johannesburg.

Aminata_Sow_Fall c   Ken_Bugul_20100328_Salon_du_livre_de_Paris_2 [6]

Diskurse werden freilich nicht nur von AkademikerInnen geprägt. Zeitungen, Zeitschriften, Internetmedien spielen mit. Literatur über Afrika wird schon lange von AfrikanerInnen geschrieben. Mariama Bâ, Buchi Emecheta, Flora Nwapa, Ama Ata Aidoo, Werewere Liking, Aminata Sow Fall, Ken Bugul, …

Tsitsi_Dangarembga_2006-11 c   Léonora_Miano_em_Brasília_02 c   Bessora_Louvre_Novembre_2007 cc [7]

… Calixthe Beyala, Léonora Miano, Bessora, Ananda Devi, Nawal el Saadawi, Sefi Atta, Yvonne Adhiambo Owuor, Lily Mabura, Marie NDiaye, Helen Oyeyemi, Tsitsi Dangarembga, um nur meine liebsten Autorinnen zu nennen, sie alle haben das Schweigen gebrochen, sie alle erzählen (unter anderem) Afrika.

Wer moderiert Fernsehsendungen? Wer spielt Theater? Wer singt? Wer tanzt?

Kehren wir zurück zu Serge Aimé Coulibaly, dessen Interview den Anlass zu diesem Artikel geliefert hat. Sonst drückt er sich insbesondere tanzend und choreographierend aus. Vor dem oben erwähnten Kirina hat er 2016 Fela Kuti mit Kalakuta Republik ein Denkmal gesetzt. Und 2014 hat er kurz vor dem Volksaufstand gegen Blaise Compaoré ein Tanztheaterstück herausgebracht, das ex post wie eine Prophezeiung oder zumindest wie eine Vorahnung wirkt: “Schlaflose Nacht in Ouagadougou“ (“Nuit blanche à Ouagadougou“), zumal der Rapper Smockey[8] darin mit seinen Songs und Texten eine herausragende Rolle spielte.

“Ein Volk, das birst“, das aus der “bitteren Routine“ und der “Trostlosigkeit“, weil die “Wunden nicht heilen“, weil sich die “Wunden nicht schließen“, ein Volk, das “besser spät als gar nicht“ “zur Sache kommt“ und “zum Angriff übergeht“[9]. Doch Vorsicht, “der Friedhof ist nicht voll, es ist noch Platz für die, die sterben wollen“.

Das System überwinden, “niquer le système“[10]

“Wir werden der Verrücktheit heilsamer Horizonte erliegen“. Realistischerweise findet der “Tanz der Neger[11] im Land der Integren“ in Coulibalys Stück zu keinem happy end. Am Ende steht wieder die Doppel-Pietà – ein Schwarzer und eine Weiße mit einem malträtierten Schwarzen auf beider Schöße –, die dynamisiert und in vielen beeindruckenden Varianten schon den Anfang der Tänze dominiert hat.

In Burkina hat Roch Ende 2015 Blaise ersetzt und die erhoffte und versprochene große Veränderung ist ausgeblieben. “Ist nicht traurig, ist ja Wahrheit“[12].

Solche Wahrheiten gehören gesagt und geschrieben, gesungen und getanzt. Wer, wenn nicht AfrikanerInnen, sollte das tun?

Es gilt, nicht locker zu lassen. Wobei: Keny Arkana hat recht, dass das Überwinden des Systems nicht dessen Zerstörung erfordert, sondern ein Schaffen abseits von ihm. “On nique pas le système en voulant le détruire, on nique le système en construisant sans lui“[13].

Keny_Arkana [14]

Endnoten:

[1] Mir ist bewusst, dass das “uns“ im Titel problematisch ist. Ich lebe zwar länger in Burkina als die Hälfte der Burkinabè (mehr als 50% sind 15 oder jünger und ich bin seit 16 Jahren im Land) und habe in vieler Hinsicht “die Seite gewechselt“, aber das heißt freilich nicht, dass ich ganz dazugehöre. Der Titel sei mir aber gestattet.

[2] Léo Pajon interviewt Serge Aimé Coulibaly: Léo Pajon, “Kirina”, un combat d’aujourd’hui, in: Jeune Afrique 5.8.2018, p.62. Im Original: «Parce que si l’on s’arrête à l’histoire et à l’actualité africaines telles qu’elles sont généralement présentées, on a le sentiment que l’Afrique n’est peuplée que de footballeurs, de dictateurs et de stars de la chanson. On a trop longtemps parlé pour nous. C’est à nous-mêmes, en tant qu’Africains, de nous raconter. L’entreprise et d’autant plus compliquée que les colons ont cherché à effacer ou à salir notre mémoire».

[3] Serge Aimé Coulibaly am 30.3.2016, Foto Baba aristide, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Photo_de_Serge_Aime_Coulibaly.jpg.

[4] 1’44’’ lang sind drei kleine Ausschnitte aus Kirina und Teile eines Interviews mit Serge Aimé Coulibaly zu sehen auf https://www.youtube.com/watch?v=nrDRxtE_sZc.

[5] Cheik Anta Diop links (Ade Olufeko/JuneHazinek, 1.2.2014, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Diop_hbs.png) und Joseph Ki-Zerbo rechts (Ghost-bat, 22.9.2011, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:JosephKizerbo.jpg), beide überarbeitet GL.

[6] Links Aminata Sow Fall (Foto: may! 11.5.2011, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Aminata_Sow_Fall.jpg) und rechts Ken Bugul (am 28.3.2010 im Pariser Salon du Livre, Foto Georges Seguin, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ken_Bugul_20100328_Salon_du_livre_de_Paris_2.jpg).

[7] Links Tsitsi Dangarembga (Foto David Clarke, Ayebia Clarke Publishing Ltd 30.11.2006, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tsitsi_Dangarembga_2006-11.jpg), Mitte Léonora Miano (am 23.10.2016, Foto Valter Campanato/Agência Brasil, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:L%C3%A9onora_Miano_em_Bras%C3%ADlia_02.jpg), rechts Bessora (Foto Alexis Duclos 11.12.2007, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bessora_Louvre_Novembre_2007.jpg).

[8] Er hat mit dem von ihm und dem Reggae-Musiker Sams’K Le Jah gegründeten “Bürgerbesen“ (Balai Citoyen) auf Seite der Zivilgesellschaft erheblich zum Volksaufstand gegen Blaise beigetragen.

[9] Hier und in der Folge handelt es sich um Zitate aus von Smockey im Stück vorgetragenen/gesungenen Texten. Siehe https://vimeo.com/163159053. Übersetzung und vor allem auch Zusammenstellung GL. Dort ist das ganze Stück zu sehen, 58 Minuten kurz.

[10] “Niquer“ ist nicht mit einem Wort übersetzbar, es bedeutet gleichzeitig “vögeln“ und “überlisten“.

[11] Nur “nègres“, keine “négresses“ – Ich dachte zuerst, dass auch Smockey und Serge Aimé Coulibaly die schwarzen Frauen vergessen, aber auf der Bühne tanzen ja nur schwarze Männer. Vergessen wurde nur eine solitäre Weiße, die auch mit dabei ist.

[12] Ich zitiere aus Wolf Biermanns “Und ich leb’ mein Leben“, das ich in der von Eva Maria Hagen gesungenen Version kenne.

[13] Die Rapperin Keny Arkana in dem Lied “Réveillez-Vous“ aus dem Album “Désobéissance“.

[14] Keny Arkana, Foto CronopiANA 19.10.2012, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Keny_Arkana.jpg.



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