State Capture.

22 August 2018 | By | Category: Allgemein, Interessantes

Hat Jacob Zuma den Staat gekapert, so kann George Weah das auch.

Günther Lanier, Ouagadougou 22.8.2018.

“Die Freiheitsliebe hat uns hierhergebracht“ steht auf Liberias Afrikanischem Erlösungsorden (Order of African Redemption) drauf, auf einem ein Segelschiff einschließenden Ring – da handelt es sich wohl um ein Schiff, das befreite SklavInnen aus den USA in ihre neue afrikanische “Heimat“ Liberia brachte.

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Zur Feier des islamischen Opferfestes – in Westafrika generell Tabaski genannt – verlautete aus Liberia am 21. August 2018[2], dass der Staatschef seinem Förderer aus vorpolitischen Zeiten den höchsten Orden des Landes umhängen, Verzeihung: verleihen will. Noch diese Woche wird das passieren. Ab dann wird sich Arsène Wenger, denn um den handelt es sich, Knight Grand Commander of the Humane Order of African Redemption nennen dürfen, also so etwas wie “Ritter, Großer Befehlshaber des Humanen Ordens der Afrikanischen Erlösung“. Möge er mit diesem stolzen Titel glücklich werden!

Arsène Wenger ist weltberühmt, weil er – wohl aus Namensverwandtschaft – dem englischen Premier League-Club Arsenal 22 Jahre als Trainer gedient hat, immer wieder auch erfolgreich.

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In der Zeit davor war er unter anderem 1987-94 Trainer des AS Monaco. Und dort hatte er 1988 den jungen George Weah engagiert und sich offensichtlich seiner väterlich[4] angenommen. “Wenn wir Gott beiseitelassen, ohne Arsène hätte ich mich in Europa nie durchsetzen können”[5].

Noch keine 23, “explodierte“[6] der zuvor aus dem heimatlichen Liberia über Kamerun ins monegassische Fürstentum ausgewanderte Stürmer förmlich und wird sieben Jahre später, also 1995, von der FIFA zum Weltfußballer des Jahres gekürt, erhält im selben Jahr unter anderem auch den Ballon d’Or, den Goldenen Fußball.

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In den 2000er Jahren konvertierte Weah zum Politiker, will seinen Sportlerruhm in Macht ummünzen. Und er gibt sich nicht mit kleinen Zielen ab: Bei den Präsidentschaftswahlen von 2005 erhält er in der ersten Runde die zweitmeisten Stimmen, 28,3%. In der zweiten Runde unterliegt er Ellen Johnson Sirleaf mit 40,6% gegen 59,4% der Stimmen. Er lässt sich in der Folge in den Senat wählen, wird bei den 2011er Präsidentschaftswahlen von seiner Partei nur als “Beiwagerl“ (Kandidat für die Vizepräsidentschaft) Winston Tubmans aufgestellt, gewinnen tut abermals Ellen Johnson Sirleaf. Trotz ihres Nobelpreises alles andere als über alle Zweifel erhaben[8], bringt diese ihre beiden Mandate sicher über die Runden.

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Beim zweiten Anlauf kann sich George Weah Ende 2017 dann durchsetzen. Sirleaf darf nicht mehr kandidieren, unterstützt ihren Vizepräsidenten Joseph Boakai nur der Form zuliebe und Weah erhält in der ersten Runde 38,4 und in der Stichwahl dann 61,5% der Stimmen. Am 22. Jänner 2018 leistet er den Amtseid. Als Vizepräsidentin hat er sich pikanterweise Jewel Howard Taylor[10] ausgesucht, die frühere Frau von Charles Taylor und somit auch frühere First Lady.

Und jetzt erweist sich George Weah als treuer Freund. Oder dankbarer Sohn. Und lässt seinem AS Monaco-Trainer Arsène Wenger den höchsten Orden des Landes verleihen.

Das ist ein – wenn auch ziemlich harmloser, ja fast amüsanter – Fall von state capture. Der Begriff wird meist im schwer übersetzbaren englischen Original verwendet. Mit dem “Kapern“ oder “Gefangennehmen“ des Staates ist dessen Vereinnahmung durch Klüngel, seine Unterordnung unter private Interessen gemeint. Das hat Blaise Compaoré jahrzehntelang in Burkina Faso betrieben – und er wurde zwar 2014 verjagt, lebt aber unbehelligt in einer Villa seines Spezis Alassane Ouattara in Abidjan. Dasselbe hat in schamloser und letztlich dann sehr viel aufsehenerregender Art und Weise Jacob Zuma mit den Guptas – freilich gilt die Unschuldsvermutung – in Südafrika gemacht[11]. Ist jetzt Liberia dran?

Als krönender Abschluss hier noch die Bandschnalle des Humanen Ordens der Afrikanischen Erlösung, eine Art Unterlage für eine kleine Version des Ordens, wenn das Original zu groß oder wertvoll ist, um ihn zu tragen. Mit ihr wird sich Arsène Wenger – übrigens ein gebürtiger Elsässer, seine Muttersprache ist oder war Deutsch – sehr bald schmücken können…

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Endnoten:

[1] Liberias Afrikanischer Erlösungsorden/Order of African Redemption (Liberia), abgebildet in Jules Martin de Montalbo, Raymond Richebe, Armoiries et décorations, Paris (Librairie des contemporains) 1896, ohne Seitenangabe: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Order_of_African_Redemption.jpg

[2] BBC Africa Live, 21.8.2018 um 8h10, Arsene Wenger to be honoured by President Weah, https://www.bbc.com/news/live/world-africa-45245119.

[3] Arsène Wenger 27.8.2003, Foto Alexander Ottesen, zugeschnitten GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Arsene_Wenger.JPG

[4] Jonathan Paye-Layleh zitiert Weah: Arsène Wenger habe sich um ihn wie um seinen Sohn gekümmert (took care of me like his son). Siehe Jonathan Paye-Layleh, BBC Africa, Monrovia, Wenger award ‘controversial in Liberia’, BBC Africa Live, 21.8.2018 um 11h20, https://www.bbc.com/news/live/world-africa-45245119.

[5][5] Im Original: ”besides God, I think that without Arsène, there was no way I would have made it in Europe”. Zitiert ebd.

[6] “Weah war die große Überraschung. (…) Ich habe nach ihm nie wieder einen Spieler so explodieren sehen” ohne Quellenangabe zitiert in https://de.wikipedia.org/wiki/George_Weah.

[7] George Weah 5.9.2016 am Flughafen Tunis-Karthago. Dort war er in seiner Funktion als General Manager der Fußballnationalmannschaft von Liberia, Foto Mahmoud Kochlef, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:PortraitGeorgeWeahAiportTunisCarthageSeptembre2016.jpg. Die Fußballer-Fotos von George Weah sind nicht gemeinfrei, sonst hätte ich so eines genommen. In Italien gemeinfrei (da sind die Gesetze offenbar weniger streng) wäre zum Beispiel das sehr hübsche Foto eines dynamischen, jubelnden George Weah am 21.10.1992 im San Paolo-Stadium von Neapel bei einem UEFA-Cup-Spiel nach einem seiner beiden Tore, Fotograf unbekannt auf https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Coppa_UEFA_1992-93_-_Napoli_vs_PSG_-_George_Weah.jpg.

[8] Insbesondere tut sie nichts oder wenig zum Aufarbeiten der Bürgerkriegsjahre. Sie selbst war offenbar mit James Taylor enger verbandelt, als es einer neoliberalen Demokratin gut bekommt. James Taylor wurde 2012 wegen seiner Rolle im benachbarten Sierra Leone von einem UNO-Sondergerichtshof zu 50 Jahren Haft verurteilt – nicht wegen seiner Verbrechen in Liberia.

[9] Ellen Johnson Sirleaf am 27.2.2015 im Pentagon, Foto Sean Hurt, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ellen_Johnson_Sirleaf_February_2015.jpg

[10] Zu dieser ambivalenten Politikerin siehe z.B. Jennifer O’Mahony, Jewel Howard-Taylor, bien plus qu’une ex-première dame pour seconder Weah, AFP 25.12.2017.

[11] Dazu, wie das Zuma-Kapern des südafrikanischen Justizsystems gerade überwunden wird, siehe Dirk Kotze, South Africa’s criminal justice system is on the mend. But it’s just the beginning, TheConversation 21.8.2018, https://theconversation.com/south-africas-criminal-justice-system-is-on-the-mend-but-its-just-the-beginning-101753?utm_medium=email&utm_campaign=Latest%20from%20The%20Conversation%20for%20August%2021%202018%20-%20109229736&utm_content=Latest%20from%20The%20Conversation%20for%20August%2021%202018%20-%20109229736+CID_5e68ddb9086de8a850b76e396a3eea9e&utm_source=campaign_monitor_africa&utm_term=South%20Africas%20criminal%20justice%20system%20is%20on%20the%20mend%20But%20its%20just%20the%20beginning.

[12] Bandschnalle (auch Ordens- oder Interimsspange) des Humane Order of African Redemption, Bild: McOleo 19.11.2012, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Humane_Order_of_African_Redemption_(Liberia)_-_ribbon_bar.gif.



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