Das Auge der Sahara.

5 September 2018 | By | Category: Allgemein, Interessantes

Weitab von Nouakchott.

Günther Lanier, Ouagadougou 5.9.2018.

SklavInnen gibt es im heutigen Mauretanien nach wie vor. Die Gesetze des Landes verbieten diese vormoderne Form extremer Ausbeutung. Doch der Staatsapparat verfolgt Leute, die gegen Sklaverei agitieren, steckt sie gerne ins Gefängnis[1], SklavenhalterInnen hingegen bleiben meist unbescholten.

Auch dunkle Hautfarbe bringt Probleme mit sich. Die Macht liegt in den Händen der MaurInnen (freilich fast nur in den Händen der Männer), die auch die Bevölkerungsmehrheit stellen. Der Bevölkerungsanteil der vor allem im Süden entlang des Senegal-Flusses lebenden Schwarzen (Wolof, Toucouleur, Fulbe, Sarakolé…) wird auf bis zu 30% geschätzt. Deren Rechte gelten bis zum heutigen Tag weniger[2]. Ausschreitungen gegen Schwarze bewirkten 1989 eine Massenflucht, vor allem nach Senegal, aber auch nach Mali, 60.000 sollen damals jenseits der Grenze Sicherheit gesucht haben. Achtzehn Jahre später unterzeichneten Mauretanien und Senegal unter der Schirmherrschaft des Flüchtlingskommissariats (UNHCR) ein Abkommen zur Rückkehr der Flüchtlinge[3] – diese Vereinbarungen sind bis heute nicht vollständig umgesetzt. Kürzlich erst forderten SchwarzmauretanierInnen die Einrichtung einer Wahrheits- und Versöhnungskommission[4].

Doch gewinnen wir etwas Abstand.

Denn aus dem Weltraum erst erschließt sich Guelb er Richât – eine über hundert Millionen Jahre erodierte Art Riesenvulkan, der “Auge der Sahara“ oder auch “Auge Afrikas“ genannt wird.

 [5]

In der Maur Adrar-Wüste, am Rand des Adrar-Massifs, 600 km nordöstlich der mauretanischen Hauptstadt Nouakchott, im Département Ouadane gelegen, den Kolonialherren seit 1916 bekannt, wurde die “Richât-Struktur“ erstmals 1934 von einem Wissenschaftler besichtigt, und zwar von keinem geringeren als Théodore Monod, erster und langjähriger (1938-65) Direktor des renommierten französischen Schwarzafrikainstitutes (Institut Français d’Afrique Noire/IFAN) in Dakar[6] und ein großer Sahara-Spezialist.

Ihn hat Guelb er Richât fasziniert. Seine letzte Reise, Ende 1998, ging dorthin – da war er 96 Jahre alt[7]. Ein bemerkenswerter und sehr untypischer Kolonialbeamter, jenseits seiner akademischen Interessen stets engagiert – für die Menschenrechte und gegen Gewalt in jeglicher Form. Er gehörte 1960 zu den UnterzeichnerInnen des Manifests der 121[8] gegen Frankreichs Algerienkrieg. Später setzt er sich in vorderster Reihe gegen Atomwaffen und für den Frieden ein, insbesondere im Rahmen der Aktions- und Widerstandsgruppe gegen die Militarisierung GARM[9].

 [10]

Was Guelb er Richât betrifft, hielt die Welt der Wissenschaft lange Zeit einen Meteoriteneinschlag für den Verursacher. Doch nein, es war – ohne je Vulkan gewesen zu sein – das Ergebnis massiver vulkanischer Aktivität der Kreidezeit[11], ein Lava- oder Vulkandom, aus dem jedoch nie Lava an die Erdoberfläche drang.

Später seien dann die Sedimentgesteinsschichten oberhalb dieses Lavadoms nach einer langsamen, karstartigen Erosion zum Teil eingebrochen. Jedenfalls widerstanden die Quarzitgesteine der Erosion besser als Kalkstein und bilden die heute sichtbaren konzentrischen oder schneckenhausförmigen Guelb er Richât-Ringe.

Fast 50 Kilometer Durchmesser – und Höhenunterschiede von nur 30 bis 40 Metern. Da hat die NASA nachgeholfen, hat ein schräg von oben aufgenommenes Foto nachgebessert: Sechs Mal höher wirken die Dinge auf diesem Foto als sie wirklich sind. Auch die Farben wurden verändert, um die Verschiedenartigkeit der Gesteinsarten besser sichtbar zu machen[12].

Hier das Ergebnis:

 [13]

Endnoten:

[1] Siehe zur letzten einer langen Reihe von Verhaftungen: RFI, Mauritanie: arrestation de Biram Dah Abeid, président du mouvement IRA, 8.8.2018 4h41.

[2] Siehe insbesondere pp.8-10 in Philip Alstons Rapport du Rapporteur spécial sur les droits de l’homme et l’extrême pauvreté sur sa mission en Mauritanie vom 8.3.2017, https://documents-dds-ny.un.org/doc/UNDOC/GEN/G17/053/84/PDF/G1705384.pdf?OpenElement.

[3] Siehe dazu http://www.unhcr.org/fr/news/briefing/2007/11/4acf41cf20/accord-tripartite-retour-refugies-mauritaniens.html.

[4] RFI, Des Négro-Mauritaniens réclament une commission Vérité et Réconciliation, 1.7.2018 6h21.

[5] Guelb er Richât aus dem All gesehen, NASA 22.11.2014 (vom Johnson Space Center der NASA als Foto ID: ISS042-E-007131 katalogisiert, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:ISS-42_Richat_Structure.jpg.

[6] Sein Akronym beibehaltend wurde dieses 1966 zum Institut fondamental d’Afrique noire, 1986 dann zum Institut fondamental d’Afrique noire-Cheikh Anta Diop.

[7] Er starb knapp zwei Jahre später, am 22. November 2000.

[8] Der Titel lautet: Erklärung zum Recht auf Nichtunterwerfung im Algerienkrieg – Déclaration sur le droit à l’insoumission dans la guerre d’Algérie. Das Manifest wurde am 6. September 1960 publiziert.

[9] Groupe d’action et de résistance à la militarisation (Garm). Hier das Foto eines Marsches Lyon-Mont Verdun gegen die französische Atomstreitmacht (force de frappe nucléaire) am 19.6.1971:

Théodore Monod in der ersten Reihe (zweiter von links, glaube ich), Foto GDechesne, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Groupe_d%27action_et_de_r%C3%A9sistance_%C3%A0_la_militarisation.jpg.

[10] Foto Bruno Lecoquierre 11.12.1998, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Theodore_Monod_-_Adrar_de_Mauritanie_-_Oued_Akerdil_-_D%C3%A9cembre_1998.jpg.

[11] Diese begann offenbar vor circa 145 und endete vor 66 Millionen Jahren.

[12] Hier eine genauere Beschreibung, wie vorgegangen wurde (Quelle: https://photojournal.jpl.nasa.gov/catalog/PIA04963): This view was generated from a Landsat satellite image draped over an elevation model produced by the Shuttle Radar Topography Mission (SRTM). The view uses a 6-times vertical exaggeration to greatly enhance topographic expression. For vertical scale, note that the height of the mesa ridge in the back center of the view is about 285 meters (about 935 feet) tall. Colors of the scene were enhanced by use of a combination of visible and infrared bands, which helps to differentiate bedrock (browns), sand (yellow, some white), minor vegetation in drainage channels (green), and salty sediments (bluish whites). Some shading of the elevation model was included to further highlight the topographic features.

Date Acquired: February 2000 (SRTM), January 13, 1987 (Landsat)

[13] Foto NASA (PIA04963: Richat Structure, Mauritania, Perspective View, Landsat Image over SRTM Elevation/high-resolution digital topography data from NASA’s Shuttle Radar Topography Mission (SRTM) at JPL-Caltech), https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Richat_Structure_-_SRTM.jpg verweist auf  http://photojournal.jpl.nasa.gov/catalog/PIA04963.



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