Yacouba Sawadogo.

26 September 2018 | By | Category: Allgemein, Interessantes

Das Aufbereiten des Unmöglichen.

Günther Lanier, Ouagadougou 26.9.2018.

1980 werden erstmals die Alternativen Nobelpreise – die Right Livelihood Awards – vergeben.

1980 kehrt Yacouba Sawadogo in sein Dorf in Yatenga im ariden Norden Burkina Fasos zurück. Neun Monate im Jahr fällt da kein Regen und schaut es mehr nach Wüste aus als nach einer Umwelt, die Menschen ernähren könnte. Üppiges Grün gibt es nur von Juli bis September – falls die Regenzeit nicht auslässt, wie sie es in den 1970er Jahren öfter getan hat[1]. Klimafaktoren, verstärkt durch menschliche Interventionen, hatten da Sahel-weit für Dürre und Missernten gesorgt. Die Wüste breitete sich aus, wissenschaftlich nennt sich das Desertifikation.

2018 erhält Yacouba Sawadogo einen der Alternativen Nobelpreise. Am Montag, den 24. September wurde das in Stockholm verkündet. Am 23. November 2018 werden die Preise verliehen: Nur die Ehre ist für die Person bestimmt, das Preisgeld von einer Million Schwedenkronen – 96.000 Euro – ist nicht für den privaten Gebrauch, sondern für Yacouba Sawadogos Projekte: mit einfachen Mitteln – die Erde aufbereiten – der Wüste Einhalt gebieten[2].

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1983 bis 1987: Revolution

Unter der von Thomas Sankara angeführten Revolution wurde in Burkina endlich der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung und somit der Landwirtschaft Aufmerksamkeit geschenkt – durchaus mit Erfolg[4].

“An Produktionstechniken wird für die trockeneren Teile des Landes der zaï-Praktik viel Augenmerk geschenkt. Sie ist den klimatischen Bedingungen angepasst wie keine andere. Einst, als die Bevölkerungsdichte noch viel geringer war, wurde sie offenbar nur von den Ärmsten angewandt, die nur schlechte Böden hatten ergattern können[5], dann wurde sie vergessen und erst in Folge des Vordringens der Wüste wurde sie dann wiederentdeckt und weiterentwickelt[6]. Statt dass ein Feld gleichmäßig bebaut wird, werden dabei in die nährstoffarme Erde Löcher gegraben und mit gedüngter Erde gefüllt. Nur dort hinein kommen Samen. Vom Dünger angezogene Termiten helfen beim Fruchtbarmachen und die Wände des Loches beim Bewahren der kostbaren Feuchtigkeit“.

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Hier nun die Begründung für die Verleihung des Alternativen Nobelpreises für die Wiederentdeckung und Weiterentwicklung der Zaï-Technik: “Der Bauer Yacouba Sawadogo aus Burkina Faso gilt als ‘der Mann, der die Wüste aufhielt’. (…) Die internationale Jury vergibt den Preis an Sawadogo ‘für die Verwandlung von unfruchtbarem Land in lebendigen Wald und für die Weiterentwicklung von lokalem und indigenem Wissen zur Regeneration des Bodens’.

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Um 1980 begann Sawadogo in einer Phase schwerer Dürre, einen Wald auf kargem und brachliegendem Land zu pflanzen. Heute ist daraus mit 60 Arten von Bäumen und Sträuchern der wohl vielfältigste Wald geworden, der von einem Landwirt in der Sahelzone bewirtschaftet wird. Der bemerkenswerte Erfolg Sawadogos basiert auf dem Experimentieren mit traditionellen Pflanzgruben (in der lokalen Sprache ‘Zaï’ genannt) für die Zurückhaltung von Biomasse, Wasser und Bodenkrumen. Er hat diese Technik im Laufe der Jahre erfolgreich weiterentwickelt und dadurch seine Ernteerträge stetig gesteigert. Obwohl Sawadogo anfänglich von vielen Nachbarn Ablehnung erfuhr – er wurde als „Wahnsinniger“ bezeichnet und musste miterleben, wie sein Wald in Brand gesetzt wurde – kam ein Aufgeben für ihn nicht in Frage. Mit der Zeit bewunderten immer mehr Menschen seine Arbeit.

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Sawadogo war immer bestrebt, sein Wissen zu teilen, und hat Tausende von Besuchern aus der Region und darüber hinaus empfangen. Er bietet Schulungen für Bauern an und versetzt diese damit in die Lage, ihr Land ähnlich erfolgreich zu bewirtschaften. So wurden alleine in Burkina Faso und Niger zehntausende Hektar stark degradierter Flächen wieder fruchtbar gemacht.[10]

Ich nehme an, dass Yacouba Sawadogo auch Bäuerinnen schult und Besucherinnen empfängt, nicht nur Männer, dass die Pressemitteilung aus Stockholm die Frauen da überall nur “vergessen“ hat. Im Département Kongoussi – südöstlich von Yacouba Sawadogos Heimatprovinz Yatenga, die klimatischen und Bodenbedingungen sind sehr ähnlich – in Kongoussi also sind es die Frauen, die Zaï-Felder anlegen.

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Die AFD Songmanegre-Frauenclubs der 68 Dörfer des Départements wurden und werden in Zaï-Technik und Zubereitung von Biodünger ausgebildet – federführend dabei ist die lokale Filiale des burkinischen Landwirtschaftsministeriums mit dem sehr engagierten Agrartechnologen Bruno Ouédraogo.

Entgegen dem Sprichwort, gilt der Prophet manchmal doch auch etwas im eigenen Land…

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Zumal er so bescheiden ist. Und zumal es an Wunder grenzt, was die Zaï-Technik ermöglicht. Herzlichen Glückwunsch zum Right Livelihood Award, Yacouba Sawadogo![13]

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Endnoten:

[1] Zu den Niederschlagsmengen im Sahel ab 1950 siehe zum Beispiel die Grafik http://wiki.bildungsserver.de/klimawandel/index.php/Datei:Sahelprecip1950-2012.jpg.

[2] Daher auch der Untertitel, den ich mir von Yambo Ouologuem borge. Der berühmte Autor ist 1940, also nicht viel vor Yacouba Sawadogo, in Bandiagara, also in derselben ariden Umwelt, wenn auch auf der anderen Seite der Grenze, in Mali, geboren. Im Original: “Il se laissait envahir par un lent travail, qui défrichait l’impossible“ Yambo Ouologuem, Les mille et une bibles du sexe, Paris (Vents d’ailleurs) 2015 (publié une première fois en 1969). Der Kontext des Zitats – Régis’ Werben um “Annabelle“, eine Österreicherin – “die Fremde“ – ist freilich ein völlig anderer.

[3] Foto Mark Dodd, ohne Datum und ohne weitere Angaben: https://www.rightlivelihoodaward.org/2018-announcement/yacouba-sawadogo/.

[4] Siehe dazu Günther Lanier, Land der Integren. Burkina Fasos Geschichte, Politik und seine ewig fremden Frauen, Linz (guernica Verlag) 2017, pp.246-51. Das folgende Zitat stammt von ebd., pp.248f.

[5] Siehe E. Roose, V. Kaboré, C. Guenat, Le zaï, une technique traditionnelle africaine de réhabilitation des terres dégradées de la région soudano-sahélienne (Burkina Faso), in: R. Pontanier, A. M’Hiri, N. Akrimi, J. Aronson, E. Le Floc’h (Hg.), L’homme peut-il refaire ce qu’il a défait? Paris (John Libbey Eurotext) 1995, pp.249-265, verfügbar auf http://horizon.documentation.ird.fr/exl-doc/pleins_textes/divers10-09/010004781.pdf.

[6] Und zwar von Yacouba Sawadogo in der Provinz Yatenga, also im nördlichen Mossi-Siedlungsgebiet. Siehe Mark Dodds Kurzfilm (5 Minuten) aus 2013, auch wenn dieser teilweise gar spektakulär zu sein versucht: “Yacouba Sawadogo, l’homme qui arrêta le désert!“ auf http://www.informaction.info/video-environnement-lhomme-qui-arrete-le-desert.

[7] Drei Frauen der NGO AFD Songmanegre beim Graben von Zaï-Löchern, Département Kongoussi, 19. Mai 2017, Foto: AFD Songmanegre.

[8] Frauen der NGO AFD Songmanegre beim Aufbereiten eines kollektiven Feldes, Département Kongoussi, 19. Mai 2017, Foto: AFD Songmanegre.

[9] Es ist angerichtet. Frauen der NGO Songmanegre und ihr kollektives Feld. Département Kongoussi, 19. Mai 2017, Foto: AFD Songmanegre.

[10] Pressemitteilung The Right Livelihood Award, Right Livelihood Award 2018 geht an den “Mann, der die Wüste aufhielt“, Stockholm 24.9.2018, https://www.rightlivelihoodaward.org/wp-content/uploads/2018/09/Nr-3-Final-PR-DE-23-Sep-2018.pdf.

[11] Foto Mark Dodd, der 2010 einen Dokumentarfilm über Yacouba Sawadogo gemacht hat (“The Man Who Stopped the Desert”, 51 Minuten); Foto nicht datiert und ohne weitere Angaben: https://www.rightlivelihoodaward.org/2018-announcement/yacouba-sawadogo/.

[12] Foto Mark Dodd, ohne Datum und ohne weitere Angaben: https://www.rightlivelihoodaward.org/2018-announcement/yacouba-sawadogo/.

[13] Eine etwas ausführlichere Biographie des circa 1946 (“né vers…“) geborenen Preisträgers gibt es auf https://www.rightlivelihoodaward.org/wp-content/uploads/2018/09/Bio-Nr-3-EN-Final-23-Sep-2018.pdf.

[14] Foto Mark Dodd, ohne Datum und ohne weitere Angaben: https://www.rightlivelihoodaward.org/2018-announcement/yacouba-sawadogo/



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