Wer ist die Erste?

3 October 2018 | By | Category: Allgemein, Interessantes

Und wer ist der Schönste in ganz Afrika?

Günther Lanier, Ouagadougou 3.10.2018.

Wollen wir uns nicht aufs Spieglein, Spieglein an der Wand verlassen, so ist die Antwort auf die im Titel gestellten Fragen freilich: Das hängt davon ab. Mali erreicht z.B. die höchste Durchschnittstemperatur[1], Tansania besitzt den höchsten Berg[2], Nigeria die größte Wirtschaft[3] und kontinentweit die besten Fußballerinnen…

Welche Messlatte verwenden wir? Was interessiert uns?

Aus Anlass der Veröffentlichung des diesjährigen Menschlichen Entwicklungsindexes (Human Development Index/HDI) am 14. September habe ich eine kleine Indizes-Auswahl getroffen und lasse die Staaten Afrikas nach den teils sehr unterschiedlichen Kriterien dieser Indizes gegeneinander antreten.

Hier also die alphabetisch angeordneten afrikanischen Staaten und ihre Ränge gemäß fünf verschiedenen Indizes. Es gilt das Selbstbedienungsprinzip: Einfach heraussuchen, welches Land und welcher Index interessieren.



 [4]

Ein Index dient dazu, komplexe Wirklichkeiten auf einen einzigen Wert zu reduzieren und dadurch mehrere und sogar viele komplexe Wirklichkeiten miteinander vergleichbar zu machen. So, wie ein Fußballspiel aus einer erheblichen Zahl von (Fehl)Pässen, Dribblings, SchiedsrichterInnenpfiffen, Torschüssen, Outeinwürfen, Cornern, Publikumsreaktionen, usw. besteht, aber ein eindeutigen Resultat hat – Sieg einer der beiden Seiten oder Unentschieden – so ordnet auch der Gender Gap Index den vielen verschiedenen Aspekten der Ungleichberechtigung einen einzigen Wert zu. Und so wie die Fußballtabelle am Ende des Jahres oder jedes Schirennen am Ende des Tages, so können auch Staaten nach diesen Index-Werten gereiht werden.

Ruanda ist also der Gender Champion Afrikas – es liegt weltweit an der vierten Stelle –, Botsuana hat laut Transparency International kontinentweit am wenigsten Korruption[5], Tunesien verfügt derzeit laut FIFA über die beste Fußballnationalmannschaft bei den Männern – Nigeria bei den Frauen[6], Mauritius gefällt dem Mo Ibrahim-JurorInnen am besten[7], während die UNDP, das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen, in seinem vor gut zwei Wochen veröffentlichten neuen Menschlichen Entwicklungsindex den Seychellen die Goldmedaille[8] umgehängt hat.

Indizes irren nicht, können höchstens falsch aufgesetzt sein

Ein Index ist zwar quasi aus Prinzip “falsch“, weil oder indem er vereinfacht, ein Index hat aber nie unrecht, so korrekt vorgegangen wird[9], die Daten verlässlich sind und die Regeln der Mathematik bei der Berechnung befolgt werden. Ein Index kann aber schlecht konstruiert sein. Die ausgewählten Indikatoren (meist handelt es sich um eine Mehr- oder Vielzahl) können falsch oder schlecht gewählt sein. Ist das der Fall, dann ist seine Aussagekraft – also insbesondere die resultierende Reihung – gering.

Genau das ist einem Index passiert, der in der Wirtschaftswunderzeit nach dem 2. Weltkrieg als das Nonplusultra galt: dem Bruttoinlandsprodukt oder BIP. Geschaffen, um den Gesamt-Output eines Landes zu messen, also um alles, was von einer Volkswirtschaft im Laufe eines Jahres produziert wird, braucht das BIP nur zu den jeweiligen Wechselkursen umgerechnet werden, um einen internationalen Vergleich zu ermöglichen, weltweit wenn gewollt. Wobei es ja leicht auf den Pro Kopf-Wert heruntergebrochen werden kann, zwecks Vergleichs des Reichtums.

Um das Produzierte richtig zählen zu können, wurde viel herumüberlegt, weil es müssen ja Haarschnitte ebenso wie Äpfel und Birnen oder auch Nachhilfestunden hineingerechnet werden. Das Erheben kostete und kostet einiges, soll aber eine rationalere Wirtschaftspolitik oder -steuerung ermöglichen.

Doch dann kamen die ÖkonomInnen drauf, dass diese Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung doch nur einen sehr beschränkten Ausschnitt der Wirklichkeit widergibt. Nicht, dass das BIP nicht seine Berechtigung hätte – aber über den “wahren“ Reichtum eines Volkes weiß ich noch sehr wenig, wenn ich zum Beispiel nur das Volkseinkommen[10] oder das Pro-Kopf-BIP kenne. Da wird so viel nicht mitgezählt, was von großer Bedeutung ist, anderes – zum Beispiel Umweltverschmutzendes – mitgezählt, obwohl es das Wohlbefinden mindert statt mehrt. Ganz zu schweigen von den internen Ungleichheiten, der seit den 1980er Jahren wachsenden Kluft zwischen den (wenigen) Reichen und den (vielen) Armen.

So wurde versucht, bessere Indizes zu kreieren. Dem vielleicht berühmtesten und durchgesetztesten unter ihnen, dem vom UNO-Entwicklungsprogramm UNDP eingeführten Menschlichen Entwicklungsindex, möchte ich den verbleibenden Teil dieses Artikels widmen – seinen Afrika betreffenden Ergebnissen.



Ich überlasse das Interpretieren Euch LeserInnen. Hier nur ein paar Anmerkungen:

Achtung: der Index-Wert hat in sich keinerlei Aussage – er dient nur der Reihung, also dem Vergleich.

Der Gesamtindex (HDI) hat drei Subindikatoren oder drei Komponenten: Langlebigkeit (Lebenserwartung bei der Geburt), Bildung (mit zwei Unterkomponenten: erwartete Zahl der Jahre “an der Schulbank“ und durchschnittliche tatsächlich dort abgesessene Jahre) und Einkommen (gemessen als BNP – das Bruttonationalprodukt – pro Kopf, umgerechnet in USD, aber nicht zum Marktwechselkurs, sondern in Kaufkraftparität=PPP=purchasing power parity; denn was “wirklich“ zählt, ist nicht das Geld in der Geldbörse oder am Konto, sondern was dieses Geld tatsächlich kaufen kann, also wie hoch das Preisniveau ist).

Die UNDP-Einteilung in vier HDI-Klassen ist eine beliebige: “Sehr hohe menschliche Entwicklung“ wurde jedem Wert über 0,8 zugeordnet, “hohe menschliche Entwicklung“ jedem HDI zwischen 0,7 und 0,799, “mittlere menschliche Entwicklung“ jedem Wert zwischen 0,55 und 0,699 und jedes HDI-Ergebnis unter 0,55 wurde als “niedrige menschliche Entwicklung“ definiert. In der Kategorie “Sehr hohe menschliche Entwicklung” findet sich kein afrikanischer Staat.

Die vorletzte Spalte der Tabelle gibt Auskunft darüber, wie weit der (über die Kaufkraftparität bereits aufgemotzte) Einkommenssubindikator-Rang abweicht vom HDI-Rang – und die Abweichung ist zum Teil eine sehr erhebliche. In solchen Fällen sorgen Lebenserwartung (die allgemeiner für Gesundheit steht) und Bildung für ein sehr anderes Ergebnis, als wenn nur das Geld in der Geldbörse und am Konto berücksichtigt würde und was eineR dafür erwerben kann.

Thomas Piketty[11] – und das Frauenvolksbegehren zum Ausblick

Auch innerhalb des Human Development-Indexes wird beständig verbessert und weitergearbeitet. Während Indikatorendefinitionen in der Regel gleich bleiben (auch um die Vergleichbarkeit über die Zeit sicherzustellen[12]), können leicht neue Indizes hinzugefügt werden. 2018 stand die Ungleichheit[13] im Zentrum des Interesses: und zwar die intra- und die inter-nationale Ungleichheit.

Auf einen ubiquitären Ungleichheitsaspekt hat der 2018er Bericht nicht vergessen hinzuweisen: die Geschlechterordnungen – sicher nicht nur, aber auch in Afrika[14].

Achtung! Am 9. Oktober wird es fürs Unterzeichnen des Frauenvolksbegehrens zu spät sein! Ich hier in Ouagadougou habe damit gerechnet, dass es wie bei den Wahlen die Möglichkeit geben wird, das im Österreichischen Kooperationsbüro (quasi eine Außenstelle der österreichischen Botschaft in Dakar) zu erledigen. Denkste! Autoritäten mögen freilich die Pflichten ihrer UnterthanInnen (auch Wählen) lieber als deren Rechte[15]. Also unterschreibt für mich mit!

 

Endnoten:

[1] 28,25°C laut https://statpedia.com/stat/Average_Yearly_Temperature_by_Country/HJd7OcGK, wobei das der Wert für 1961-90 ist. Ex aequo mit Burkina Faso bedeutet das laut ebd. Weltrekord. Für 2015 hat Mali laut letztverfügbaren Weltbankdaten die Nase um ein Zehntelgrad vorne: 29,08° gegenüber 28,95° für Burkina Faso (http://sdwebx.worldbank.org/climateportal/index.cfm?page=downscaled_data_download&menu=historical).

[2] Der 5.895 Meter hohe Kilimandscharo wird auch von Kenia als TouristInnenattraktion beworben, befindet sich aber zur Gänze auf tansanischem Gebiet.

[3] Die Daten zur nigerianischen Gesamtwirtschaft schwanken mit dem Rohölpreis. 2017 lag es laut Weltbank mit einem nominalen Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 375,8 Mrd. USD auf dem 30. Platz weltweit, Südafrika 349,4 Mrd USD am 32. Platz, Ägypten brachte 235,4 Mrd. USD auf die Waage und sicherte sich damit Platz 44 (Daten zum nominalen BIP weltweit herunterladbar auf https://datacatalog.worldbank.org/dataset/gdp-ranking).

[4] Jeweils rezenteste verfügbare Werte – für den Mo Ibrahim-Index wird Ende Oktober ein neuer herauskommen, die Publikation des nächsten Gender Gap Reports wird wohl auch vor Jahresende passieren (der letzte stammt vom 2.11.2017); die FIFA aktualisiert regelmäßig, alle anderen einmal jährlich; “n.g.“ bedeutet “nicht geratet“.
FIFA Frauen: Die von mir zugeteilten Plätze entsprechen den FIFA-Punkten – mehrere der Länder (Eritrea, Guinea, Tunesien…) sind seit mehr als 18 Monaten inaktiv und haben daher kein offizielles Ranking, andere (z.B. Togo, Libyen, Niger) sind nur provisorisch gelistet, da sie nicht mehr als fünf Spiele gegen offiziell gerankte Mannschaften absolviert haben.
Quellen:
FIFA-Frauen (FIFA=Fédération Internationale de Football Association/Internationaler Zusammenschluss des Verbandsfußballs/Internationaler Fußballverband): https://de.fifa.com/fifa-world-ranking/ranking-table/women/caf.html;

Mo Ibrahim-Index: Mo Ibrahim Foundation, 2017 Ibrahim Index of African Governance. Index Report, http://s.mo.ibrahim.foundation/u/2017/11/21165610/2017-IIAG-Report.pdf?_ga=2.155225531.104985834.1538470300-1674294360.1538470300;
UNDP-Index der Menschlichen Entwicklung (UNDP=United Nations Development Programme): http://hdr.undp.org/sites/default/files/2018_human_development_statistical_update.pdf;

FIFA-Männer: https://de.fifa.com/fifa-world-ranking/ranking-table/men/caf.html;
Transparency International, Corruption Perceptions Index 2017, 21 Februar 2018, downloadbar auf https://www.transparency.org/news/feature/corruption_perceptions_index_2017#table;
Gender Gap Index: World Economic Forum, Gender Gap Report 2017, https://www.weforum.org/reports/the-global-gender-gap-report-2017.

[5] Global ist es der 34. Platz.

[6] Die tunesischen Männer rangieren weltweit auf Platz 23, die nigerianischen Frauen auf Platz 38.

[7] Der wird nur für Afrika berechnet.

[8] Global Platz 62.

[9] Um die Kontrolle über die Ergebnisse zu behalten, könnte zum Beispiel ein Subindikator eingeführt werden, der mehr oder weniger versteckt die Meinung der IndexberechnerInnen widergibt.

[10] Es gibt in der Ökonomie ein paar nah verwandte, aber nicht deckungsgleiche Begriffe, die für die Gesamtheit der Produktion einer Volkswirtschaft stehen: BIP, BNP, Nettonationaleinkommen zu Faktorkosten – diese Feinheiten sind hier irrelevant.

[11] Thomas Piketty hat sich einen Namen gemacht als Einkommens- und Vermögensungleichheitsforscher. Bekannt ist vor allem sein im französischen Original 2013, in der deutschen Übersetzung 2014 erschienenes Werk “Das Kapital im 21. Jahrhundert“.

[12] Siehe aber UNDP (United Nations Development Programme), Human Development Indices and Indicators. 2018 Statistical Update, New York (UNDP) Sept.2018, p.17, dass das heuer nicht der Fall ist – in diesem Fall müssen alte Indexwerte neu berechnet werden.

[13] Siehe ebd., pp.4f (Text) und insbesondere den Inequality-adjusted Human Development Index (Tabelle) auf pp.30ff, http://hdr.undp.org/sites/default/files/2018_human_development_statistical_update.pdf.

[14] Siehe ebd., pp.5ff (Text), dann den Gender Development Index (Tabelle) auf pp.34ff und den Gender Inequality Index (Tabelle) auf pp.38ff.

[15] Für nächstes Mal weiß ich: Mit einer BürgerInnenkarte oder einer Handysignatur ginge es auch.



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