Mit zunehmender Sorge.

10 October 2018 | By | Category: Allgemein, Interessantes

Offener Brief ins Herz der Finsternis.

Günther Lanier, Ouagadougou 10.10.2018.

Schwarzafrika war die Wiege der Menschheit. Doch wen kümmert’s, dass Lucy & Co gerade in unserer Weltgegend vor Millionen von Jahren anderen Raubtieren ihre Beute strittig machten?

Afrika war auch die Wiege der Zivilisation. Spätestens seit Cheikh Anta Diop wissen wir, dass die ägyptische Hochkultur, so wir die Farbe der Haut ihrer ErfinderInnen benennen wollen, schwarz war.

Die Jahrtausende, die vor, während und nach den PharaonInnen in die Welt zogen, sahen zu beim Werden und Vergehen einer Vielfalt verschiedener Formen des Organisierens menschlichen Zusammenlebens. Manche hatten’s besser, andere schlechter, aber auf fette Jahre folgten überall früher oder später magere. Die längste Zeit verlief “Entwicklung“ weltweit in einem vergleichbaren Rahmen. Freilich bedienten sich die einen des Pass-, die anderen des Kreuzgangs. Und da waren welche, die gingen im Schritt, während andere trabten oder galoppierten.

Doch das war einmal. Zusehends zerfällt die Menschheit in disparate Fraktionen. Seit auf einer eher unwirtlichen Insel im Nordwesten Europas die Allmende in Privatbesitz umgewandelt wurde, um den Schafen der GroßgrundbesitzerInnen Weideland zu bieten, seit das einfache Volk von seinem Land und seinen Arbeitsmitteln befreit wurde und sich bemüßigt sah, seine Arbeitskraft zu Markte zu tragen, seither herrscht Fortschritt – und der hat sich nach der Satten Welt auch der Peripherie bemächtigt.

Noch regt sich Widerstand – und dieser Offene Brief vom Rand der Peripherie ins Herz der Finsternis will ihn stärken, auch wenn ich an die Wirkung des Wortes gegen die Übermacht Mammons vor allem glaube, um nicht der Verzweiflung zu erliegen.

 [1]

Mit zunehmender Sorge ist zu vermerken, dass die Umgangsformen des global betriebenen Fortschritts rauer und rauer werden.

Wenn Max Weber einst die ersten Schritte des allgemein als Kapitalismus bezeichneten Weltsystems auf die “Ethik“ des Protestantismus zurückführte, so mag der asketische “Geist“ der ursprünglichen AkkumuliererInnen unter den UnternehmerInnen (Sparen fürs Investieren statt zu konsumieren) das Verwenden moralischer Begriffe noch gerechtfertigt haben. Doch inzwischen hat sich das Bemühen ums Profitmaximieren als sekundäre Primitivität herauskristallisiert, es ist eine “Rückentwicklung“[2], ein Rückfall in als Ausbeutung daherkommende Rücksichtslosigkeit gegenüber den Mitmenschen. Und das Zelebrieren von Erfolg auf dem Rücken anderer kommt immer schamloser daher.

Anlass zur Sorge bietet insbesondere die Tatsache, dass sich zumindest zwei der drei Hauptstämme der KapitalistInnen auf Kriegsfuß befinden. Sie tun das immer unverhohlener, haben es offenbar nicht mehr nötig, ihr Spiel zu verstecken.

Da ist zum einen “Berlin“, das entweder mit eigenem oder mit seinem Brüsseler Mund die Kriegstrommel rührt, Deutschland und die EU aufrüstet und letztere mehr und mehr in eine Festung verwandelt, die sich gegen den Ansturm der Horden von Exkludierten wehrt, denen zu Hause ein würdiges Dasein verunmöglicht wurde.

Und da ist zum anderen “Washington“, derzeit verkörpert von einem nur scheinbar verrückten Milliardär, der seine undurchsichtigen Geschäftspraktiken auf das Managen der Maschinerie des Weltkapitals umlegt und – durchaus mit Erfolg, wie es ausschaut – die resultierenden Finanzflüsse so steuert, dass das Weltsystem noch mehr als bisher zur Melkkuh der um ihn gescharten Superreichen wird.

 [3]

Und Washington droht mit Krieg. Längst vorbei ist die Zeit, als der Ruin der Sowjetunion mit der Systemkonkurrenz auch dem “Kalten Krieg“ ein Ende bereitete und manche vom Anbruch eines Zeitalters der Eintracht und des weltweiten Friedens träumen ließ. Freilich erkannte der damalige Washingtoner Häuptling schon bald darauf die Notwendigkeit einer permanenten externen Bedrohung und erklärte einen universalen Krieg gegen eben jenen Terrorismus, der zuvor großgepäppelt worden war.

Berlin brauchte etwas länger. Seit ein paar Jahren aber versucht es, seinen eigenen UnterthanInnen und verbündeten EU-Völkern Angst einzuimpfen vor militärischen Bedrohungen, die stammten vor allem aus dem altbekannten näheren Osten – Moskau gilt schon längst nicht mehr als europäisch –, andererseits wird aber auch das Schreckgespenst der MigrantInnen bemüht, dieser potentiellen – wenn “wir“ sie nur lassen – ReichtumsdiebInnen aus dem Nahen Osten und vor allem aus dem Globalen Süden.

Militärbudgets wurden aufgestockt und es wird aufgerüstet. Berlin und Brüssel setzen ihre Streitkräfte bisher insbesondere gegen die MöchtegernzuwanderInnen ein, an den physischen EU-Außengrenzen oder in Mittelmeer und Atlantik, aber freilich auch hie und da auf von der Satten Welt eingerichteten, verursachten oder zumindest geschürten Kriegsschauplätzen – Afghanistan, Irak, Syrien, Mali…

Washington geht bei seinen Kriegsspielen mittlerweile einen Schritt weiter. Vor allem “Beijing“ ist in die Schusslinie geraten. Ihm wird mit Krieg gedroht. Und in zweiter Linie auch Berlin und Brüssel – sollten die sich erdreisten, im vorerst noch ökonomischen Kampf mit China abseits stehen zu wollen. Berlin will sich das freilich nicht gefallen lassen, droht zurück. Nicht allzu scharf, weiß es den Großen NATO-Bruder jenseits des Atlantiks doch militärisch haushoch überlegen.

Und was ist der Grund für Washingtons Angriffsdrohung?

China ist wirtschaftlich zu erfolgreich. Es reißt sich vom Weltgeldkuchen ein zu großes Stück unter’n Nagel. Washington hat mit Zöllen und ähnlichem außenwirtschaftlichen Instrumenten zurückgeschlagen. Doch das scheint nicht zu reichen.

 [4]

In Afrika leben wir weitab vom Schuss, den Washington vorhat. Freilich verhindert das nicht, Kollateralopfer zu werden. Siehe Mali, dessen Probleme zu einem erheblichen Teil Abfallprodukte der Intervention der Satten Welt in Libyen sind und dessen Islamisten auch nach Niger und Burkina überschwappen. Siehe Burkina, wo die Clique des Ende 2014 in die Flucht gezwungenen Kompradoren Blaise Compaoré das Land destabilisiert, wo nur geht, und es mittlerweile geschafft hat, Teile des Südostens des Landes dem sowieso nie sehr festen Zugriff zentralstaatlicher Autoritäten zu entziehen. Siehe den Südsudan, wo die langjährigen Bemühungen Washingtons (unter Mithilfe Berlins) um eine Schwächung des unbotmäßigen Khartum 2011 zur Abspaltung des ölreichen Südsudan geführt haben – zwar liegt Khartum ökonomisch darnieder, sein Chef ist aber weiter an der Macht, während der im Süden neueingerichtete Staat für seine EinwohnerInnen vor allem Leid und Verwüstung gebracht hat, was Washington und Berlin egal ist, SüdsudanesInnen sind ja weit weg und haben sowieso kaum Geld, um sich US-amerikanische oder deutsche Waren zu kaufen. Mindestens 380.000 sollen am Bürgerkrieg gestorben sein, 4,5 Millionen sind zu Flüchtlingen geworden, darunter 2 Millionen im Land selbst und 2.5 Millionen im Ausland, insbesondere in Uganda und Äthiopien[5].

Was die Weltbühne betrifft, bringt Afrika wenig auf die Waagschale. Freilich ist auch auf unserem Kontinent Geld zu verdienen, sind hier Profite zu machen. Der erwähnte Blaise Compaoré ist eines unter vielen Beispielen – von der Satten Welt zwar vielleicht nicht eingesetzt, wurde sein Wohlverhalten aber honoriert. Und wenn er mit Blutdiamanten handelte und ein paar Oppositionelle umbringen ließ, dann wurden alle Augen zugedrückt. Und sein Spezi Ouattara in der Côte d’Ivoire darf genauso alles tun, was er will, wie der Präsident des geostrategisch noch sehr viel wichtigeren Ägypten.

Afrika hat sich nicht von der globalen Entwicklung abschotten können – dazu fehlte vielfach der Wille. Und wo der Wille da war, fehlten die Waffen.

Dennoch ist Afrika weniger gründlich ins Weltsystem integriert als der Großteil der restlichen Welt. So ist es vielleicht an der Zeit, uns auf “afrikanische Werte“ zu besinnen. Ich denke zuallererst an die vielbeschworene – und das teils durchaus missbräuchlich – “Solidarität“. Und wage mich nicht in mir wenig bekanntes Territorium vor – sollen andere, Kundigere von Ubuntu und anderen afrikanischen Wertesystemen und Philosophien singen.

Was die politischen und ökonomischen Häuptlinge der Satten Welt betrifft: Sie gebaren sich, dünkt mir, nicht sehr viel anders als Straßenräuber – und wenn die verschiedenen Fraktionen des Weltkapitals um Vorherrschaft (raub)rittern, dann sind das eigentlich Stammesfehden, auch wenn die GermanInnen, die ChinesInnen und die US-AmerikanerInnen nicht mehr mit Pfeil und Bogen, sondern mit Interkontinentalraketen aufeinander schießen.

Handelt es sich bei der voranschreitenden Globalisierung in ihrer Besessenheit des Mehrens materiellen Reichtums nicht um ein Regredieren ins Stadium der Barbarei? Oder sind diese Leute dem Naturzustand des rücksichtslosen Strebens nach persönlichem Gewinn unter Ausschluss[6] ihrer Mitmenschen nie entwachsen? Haben sie sich als resistent erwiesen gegenüber allen Versuchen, sie zu zivilisieren und den humanistischen Ideen zugänglich zu machen?

Wenn die Kurzen und die Trümpfe und die Junker und alle ihre KumpanInnen diese Primitivität so schätzen, können wir uns – ohne in irgendeiner Weise idealisieren zu wollen – nicht hinter einem Schutzschild der Armut und aus unserer subalternen, von niemand geneideten, vielsprachigen und kulturreichen Teil der Welt heraus weiterhin um das kümmern, worum es uns wirklich geht im Leben?

Nachbemerkung zum Migrieren

Hier ein ganz anderer Blick zurück auf die Satte Welt, die viele nicht teilen wollen, wo viele den Reichtum für sich und sich allein bewahren wollen[7]:

Rückkehr 1

Waren wir wirklich hier?

Diese Spuren –
Wer hat sie hinterlassen
Auf unserer Türschwelle?
Diese Landschaft –
Wer hat sie betrachtet
Aus unserem Fenster?
Diese Lampe –
Wem hat sie geleuchtet
Nacht für Nacht?
Und diese Tür –
Wer ist durch sie in unseren Traum getreten?

Waren wir wirklich hier,
Wenn wir weggehen konnten.

Endnoten:

[1] Todsünde Trägheit, Kapitelsaal der Ziegenkirche in Sopron, Foto Zyance Sept.2008, leicht zugeschnitten und in Schwarz-weiß transformiert: GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kecske-templom_22.jpg.

[2] Ich bitte um Entschuldigung für den Gebrauch dieses simplen evolutionistischen Konzepts, doch hier im Sahel ist von nichts anderem die Dauerrede als von “Entwicklung“.

[3] Todsünde Habgier, Kapitelsaal der Ziegenkirche in Sopron, Foto Zyance Sept.2008, leicht zugeschnitten und in Schwarz-weiß transformiert: GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kecske-templom_19.jpg.

[4] Ich weiß nicht, was der arme Bär dafür kann, er steht hier für die Todsünde Maßlosigkeit; Kapitelsaal der Ziegenkirche in Sopron, Foto Zyance Sept.2008, leicht zugeschnitten und in Schwarz-weiß transformiert: GL; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kecske-templom_17.jpg.

[5] Freilich sind das Schätzungen, und zwar der London School of Hygiene & Tropical Medicine, da gibt es keine gesicherten Zahlen. Siehe BBC Africa, ‘Huge death toll’ from South Sudan war, 26.9.2018 um 14:09. Eine Hälfte der Opfer sollen direkt an militärischen Auseinandersetzungen gestorben sein, die andere Hälfte an der durch sie ausgelösten “humanitären Krise“. Laut German Foreign Policy, deren Artikel die Studie ausführlicher zitiert, handelt es sich bei den 380.000 um eine “konservative“ Schätzung. Siehe German Foreign Policy, Aus den Einsatzgebieten der Bundeswehr (II), 9.10.2018 (https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/7746/). Die Quellenangaben zur Studie in der dortigen Fußnote 5 lauten: Francesco Checchi, Adrienne Testa, Abdihamid Warsame, Le Quach, Rachel Burns, South Sudan: Estimates of crisis-attributable mortality, London School of Hygiene & Tropical Medicine, September 2018

[6] Privatbesitz kommt von lateinisch “privare“ = berauben.

[7] Aus: Radmila Lazić, Das Herz zwischen den Zähnen. Gedichte. Aus dem Serbischen von Mirjana und Klaus Wittmann, Leipziger Literaturverlag 2011, p.5. Einmal mehr gilt mein herzlicher Dank Petra Radeschnig!



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