Feste feiern, wie sie fallen.

17 October 2018 | By | Category: Allgemein, Interessantes

Kulturpotpourri.

Günther Lanier, Dédougou 17.10.2018.

Es sieht fast so aus, als hätten die Deutschen in Burkina den FranzösInnen[1] den Rang abgelaufen und seien nun InhaberInnen des begehrten Titels der Hauptauslandskulturmacht. Zumindest im Oktober 2018 scheinen alle Events, die nicht burkinischer Eigenbau waren, deutsch, oder vielmehr: deutsche Koproduktionen gewesen zu sein.

Was folgt, sind ein paar Schlaglichter, in umgekehrt chronologischer Reihenfolge.

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Am Montag, den 15. Oktober, jährt sich die Ermordung des burkinischen Revolutionschefs Thomas Sankara zum 31. Mal. 2018 wird der Gedenktag zum Anlass genommen, um das Thomas Sankara-Memorial-Projekt zu lancieren. Ort der Zeremonie: derjenige, wo die Revolution ihren Sitz hatte und wo ihr Führer starb, von Kugeln durchsiebt, die sein Nachfolger Blaise Compaoré hatte schießen lassen. Todesursache laut Totenschein: eine natürliche. 31 Jahre später wird der Grundstein gelegt für eine Gedenkstätte. Und die Bemühungen um ihre Finanzierung werden wiederaufgenommen. Es ist ein Riesenprojekt, es wird viel Geld kosten. Bleibt zu hoffen, dass das Geld sinnvoll eingesetzt wird, also nicht fürs Beweihräuchern eines verblichenen obschon immer noch glänzenden Heroen, sondern für Unternehmungen, die für das heutige Burkina relevant sind.

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Freitag 12. bis Montag 15. Oktober. Selber Anlass, aber sehr viel bescheidener. Ein kleines Festival in Samadin, einem alten Stadtviertel Ouagadougous südwestlich des Zentrums. Die Zufahrtsstraßen sind von der gerade zu Ende gehenden Regenzeit schwer in Mitleidenschaft gezogen. Es ist ein Viertel für einfache Leute, in dem Simon Nacoulma mit vielen anderen seit 2002 eine NGO aufgebaut hat, deren Unternehmungen vom Biolandbau in Koubri, 20 km südlich der Hauptstadt, über die Verarbeitung der lokalen Produkte bis zu ihrer Verwertung in einem Café-Restaurant “La Jardinière“, also “Die Gärtnerin“, reicht, aber auch für die rund um den NGO-Sitz lebenden Leute eine Bibliothek eingerichtet hat, deren eine Außenseite – siehe das Bild oben – als Amphitheater gestaltet ist. U.v.a.m. Dort wurde am vergangenen Freitag der erste Teil eines Sankara-Films gezeigt. Ein Musikfest folgte am Samstag, ein Redewettbewerb am Sonntag – Thema: Burkinisch produzieren, burkinisch konsumieren. Und den Abschluss bildet am Todestag Sankaras eine Diskussion mit dem zweiten Teil der Projektion des Sankara-Films.

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Samstag, 13. Oktober. Laongo. Etwa 25 km östlich der burkinischen Hauptstadt Ouagadougou. Einweihung der Bar 3000 in Schlingensiefs Operndorf[5], das eigentlich vor allem eine Schule mit ungewöhnlich viel Unterricht in künstlerischen Gegenständen ist plus Mini-Spital. Das alles erbaut nach dem Plan des burkinischen Stararchitekten Francis Kéré.

Das Goethe-Institut hatte eingeladen zu einer Musik-Nacht plus Bar-Eröffnung. Die Bar ist Endergebnis von drei KünstlerInnen-Residenzen im “Operndorf“, zwei deutschen (Claus Föttinger und Jeannette Mohr) und einer senegalesischen (Mouhamadou Moustapha Diop).

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Was die Bar betrifft, war Claus Föttinger federführend und er hat am Abend des 13. Oktober des Langen und des Breiten alle seine Ideen erklärt, die da eingeflossen sind. Hauptsache, das Ergebnis kann sich sehen lassen – und das ist tatsächlich der Fall. Gegen die Witterung von oben ist die Bar 3000 mittels einer Zeltdachkonstruktion geschützt, die so aussieht, als wäre sie mit deutscher Gründlichkeit und somit für die Ewigkeit gebaut. Auf der Zeltdachunterseite und auf dem Felsen hinter der Bar rollte den ganzen Abend eine riesige Fotocollage ab, offenbar Projektionen von Bildern, die Föttinger bei seinen Reisen kreuz und quer durch Burkina erbeutet hat.

An der Bar war auch der vielen anwesenden Kinder gedacht worden, da gab es insbesondere gute, obwohl wie landesüblich überzuckerte, Bissap- und Gnamakou-Säfte[7]. Auch für Nahrung war gesorgt – Fleischspieße, Mini-Pizzen, gebrannte Erdnüsse, usw.

Etwa eine Stunde nach Einbruch der Dunkelheit begann das musikalische Programm. Es begann mit einem Tiefpunkt: “Ich bin total im Arsch“ sang da ein gewisser Ezé Wendtoin – seines Zeichens in Deutschland residierender burkinischer Musiker – mit einer so wunderbaren Stimme, dass jedeR ihm glauben musste. Diese Musik hätte auf der Wies’n[8] nicht riskiert, den Standard zu heben. Die Band – Wendtoin hatte sie in Burkina engagiert – durfte in der Folge bei zwei der sechs dargebotenen Nummern zeigen, dass sie diffizile, insbesondere rhythmisch interessante Musik machen kann.

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Dann war eine fast schon erschreckend frauenlose, völlig von ihren zehn Bläsern dominierte deutsche Gruppe, Banda International, an der Reihe. Sie boten immer wieder tolle Ansätze, die leider regelmäßig in triumphalistischen – dazu neigen Bläserensembles ja – Simplifizierungen aufgelöst wurden. Und wenn dann sehr laut dahingeschunkelt wurde, musste ich abermals an die Lederbehosten und InDirndlnGehüllten beim Verzehr ihrer Unmaßen Bier denken.

Wahrscheinlich hatte Banda International es darauf angelegt, die Burkinabè, die in der Regel weder Jazz noch Bläser besonders schätzen, zu beiden zu bekehren und dachten, dazu müssten sie es möglichst simpel halten. Das Tanzbein schwingende Begeisterung hauchten sie allerdings nur weißen ZuhörerInnen ein.

Dann wurde der Rest der Nacht den DJs überantwortet, da kann ich nur mehr berichten, dass die Liste der Eingeflogenen (ich glaube, es war keine Frau dabei) Angehörige beeindruckend vieler Länder ausweist: Burkina freilich, Ghana, Kongo-Kinshasa, sogar Frankreich und Deutschland.

Ich fuhr nach Hause zurück.

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27. September, und ich sprenge den Oktoberrahmen trotzdem nicht, weil die Ausstellung geht noch bis Anfang November: FAVT: Future Africa Visions in Time[11]. Ein mehr als holpriger Titel, aber das ist wohl gewollt, Englisch können deutsche Kulturleute ja meist ziemlich gut. Ausstellungseröffnung am östlichen Ende des Boulevard Charles de Gaulle, Ausstellung im burkinischen Nationalmuseum. Resultat einer Kooperation des Goethe-Instituts, des Iwalewahauses der Bayreuther Universität[12] und des burkinischen Nationalmuseums. Für das FAVT-Projekt wurden KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen zusammengespannt, um neue Konzepte und innovative Herangehensweisen zu entwickeln, jenseits einer einheitlichen Zukunftsvision und um Position beziehen zu können gegenüber den afrikanischen Zukünften[13]. Diese Ausstellung, zu der VertreterInnen vieler Länder beigetragen haben, hat vor Ouagadougou in Nairobi (Kenia), Johannesburg (Südafrika), Salvador da Bahia (Brasilien), Windhoek (Namibia) und Harare (Simbabwe) Halt gemacht.

Ein Stromausfall just in dem Moment, wo nach den einleitenden Reden die Ausstellung offiziell eröffnet werden sollte, zwang zum Improvisieren: das Buffet war bereits bereit, das braucht nicht viel elektrisches Licht. Als fertiggetrunken und -gegessen war, meldete sich brav der Strom zurück und die nicht sehr große, aber überaus vielfältige Ausstellung konnte pflichtschuldigst eröffnet und somit auch besichtigt werden. Mich hat am meisten das oben wiedergegebene Bild von Abass Zoungrana beeindruckt, trotz seiner Naivität.

Ohne viel Pause ging es dann gleich zum ersten Punkt des mehrtägigen Rahmenprogramms zum Lancieren der Ausstellung: Vom burkinischen Musiker (insbesondere Kora-Spieler) und Komponisten Tim Winsey begleitet, bot Luís Sala aus Maputo (Mosambik) eine Tanzdarbietung vor einer großen Leinwand, auf die ein Video von Micas Mondlane (ich glaube, aus Mosambik) projiziert wurde, der in diesem Video unter anderem Bilder des burkinischen Fotografen Harouna Marané verwendet hat, von dem auch das allererste Bild dieses Artikels ist.

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Auch vom 28. September will ich noch kurz berichten, da war als nächster Punkt des Rahmenprogramms die Projektion von zwei knapp halbstündigen Filmen vorgesehen. Und diesmal war die Sonabel, die burkinische Elektrizitätsgesellschaft, gnädig und es war Strom. Twaaga, einen Film des vor allem in Frankreich lebenden Burkinabè Cedric Ido, hatte ich vor ein paar Jahren schon einmal gesehen, die zur Zeit Thomas Sankaras angesiedelte Geschichte eines kleinen Buben, der sich als Superheld imaginiert und sich in der Folge auch wie einer benimmt. Eine wunderbar warmfarbige Zurückversetzung – der Film ist aus 2013 – in ein ganz anderes Ouagadougou, das unter der Revolution Mitte der 1980er Jahre. Ein Großteil des Gelingens dankt dieser Film zweifellos der verantwortlichen Sahelis-Filmproduktionsgesellschaft – und diese stellt auch die Verbindung zum zweiten Film des Abends her: Simon Rittmeiers Abschlussarbeit an der Kunsthochschule für Medien Köln: Drexciya, ebenfalls aus 2013. Die Geschichte dieser Science Fiction ist nicht neu, sie dreht die MigrantInnen-Ströme um, Afrika ist viel höher entwickelt als die heutige Satte Welt und spielt somit den Magneten für Eldorado-SucherInnen aus Europa. Einer davon kommt bis in den Norden des heutigen Burkina Faso, die Gegend von Oursi[15], und trifft dort – halb verdurstet – in einer wunderbar kargen Landschaft auf eine Dreiergruppe – eine Frau und zwei Männer –, alle auf seltsame Art wunderschön gekleidet, alle vornehm. Sie nehmen sich gegen alle Regeln seiner an. Er will in die Stadt – vor der sie Abscheu empfinden, aber sie geleiten ihn hin.

 [16]

Und von Seiten Frankreichs in all dieser Zeit? Burkinaweit nichts, was Kultur betrifft, wenn ich mich nicht irre. Doch ich habe mit Thomas Sankara angefangen. Und, da gibt es einen kleinen, nicht ganz unwichtigen Fortschritt: Macron scheint sein vor fast einem Jahr gemachtes Versprechen endlich umzusetzen, die staatlichen französischen Archive zu öffnen, was die Sankara-Ermordung betrifft[17]. Teilweise halt – immerhin. Vielleicht wird es bald möglich sein, Blaise Compaoré seine Verantwortung für den Mord auch vor Gericht zu beweisen – dass entgegen aller Leugnungen sehr wohl ein internationaler Haftbefehl gegen ihn ausgestellt wurde, wissen wir seit ein paar Tagen mit Sicherheit[18].

 

Endnoten:

[1] Das Französische Institut ist auf Tauchstation gegangen. Der Sprengstoffterroranschlag auf den burkinischen Generalstab Anfang März 2018 hat die Gebäude des Französischen Instituts gegenüber beschädigt. Für die Reparaturarbeiten wurde zunächst eine kurze Frist von ein paar Wochen veranschlagt. Die Wiedereröffnung für öffentliche Aktivitäten wird seither jedoch regelmäßig nach hinten verschoben. Derzeit ist Ende Jänner 2019 offiziell vorgesehen – wenn dann abermals nicht, wäre die erste Fespaco (afrikanisches Filmfestival) ohne Französisches Institut in einer Hauptrolle die fast unvorstellbare Folge.

[2] Foto Harouna Marané 2015. Merci fürs Verwendendürfen Deines Fotos!

[3] Das Amphitheater mit der Bibliothek und dem Sitz der NGO ICCV Nazemse (Initiative Communautaire Changer la Vie = Gemeinschaftsinitiative Das Leben Ändern) im “Untergrund“, mitten im Samadin-Viertel in Ouagadougou; https://www.facebook.com/iccv.nazemse.

[4] Die Bar 3000 vielleicht eine halbe Stunde vor der Eröffnung. Foto GL 13.10.2018.

[5] Dazu ein anderes Mal mehr. Ebenso zum in Kürze erwähnten Francis Kéré.

[6] Der Felsen hinter der Bar, auf dem eine Hälfte der Fotomontagenprojektion abrollte. Foto GL 13.10.2018.

[7] Bissap ist aus senegalesischen Hibiskusblüten gemacht, Gnamakou ist Ingwer-Saft, an der Bar 3000 ungewöhnlich weiß strahlend.

[8] Das Oktoberfest, der soeben wieder überstandene, alljährliche Münchner Kelch.

[9] Banda International bat für eine Nummer Ezé Wendtoin (in der Mitte) und seine Gruppe auf die Bühne. Am linken Rand fehlen ein schwarzer Gitarrist, ein zweiter Sousaphonist und ein Klarinettist. Ich bitte, die nicht nur hier schlechte Fotoqualität zu entschuldigen – mein Handy vergisst alles, was es sonst fotographisch kann, wenn es dunkel wird. Foto GL 13.10.2018.

[10] Abass Zoungrana, Devoirs envers le futur (Pflichten, der Zukunft gegenüber), Gemälde 2018, ausgestellt bei der FAVT-Ausstellung im Nationalmuseum in Ouagadougou, Foto 27.9.2018 GL.

[11] Zukunft Afrika Visionen in der Zeit

[12] Auf Yoruba bedeutet Iwalewa “Charakter ist Schönheit“. In der Selbstdarstellung: “Das Iwalewahaus ist ein Ort der Produktion und Präsentation diskursorientierter, zeitgenössischer Kunst. Durch Ausstellungen, universitäre Forschung und Lehre, Sammlungen, Archiv, Künstlerresidenzen und Veranstaltungen werden die jüngsten Entwicklungen in der zeitgenössischen Kultur Afrikas vorgestellt und in Kooperationen mit Künstlern und Institutionen aktiv weiterentwickelt“ – http://www.iwalewahaus.uni-bayreuth.de/de/about/index.html.

[13] Ich verkürze und formuliere um, was auf der Seite 3 des 24-seitigen 15-Folders geschrieben steht, der als Ausstellungskatalog fungiert (Goethe-Institut Burkina Faso, FAVT. Future Africa Visions in Time. Exposition 27/09-03/11/2018 au Musée National du Burkina Faso, Ouagadougou 2018.

[14] Vor der Filmvorführung: Diane Léopoldine, meine Begleiterin an diesem Abend, vor dem in Kasséna-Manier bemalten Amphietheater auf dem Gelände des Nationalmuseums, wo am Vortag die Tanzdarbietung und hier die Filmvorführungen stattfanden. Foto GL 28.9.2018.

[15] An dessen See (Mare de Oursi) machen viele europäische Zugvögel auf dem Weg ins südlichere Afrika Zwischenstopp. Eine beeindruckende Gegend. Derzeit ist die burkinische Region Sahel allerdings eher zur No-Go-Zone geworden.

[16] Thomas Sankara, keine Angabe zur Quelle oder zum Datum des Fotos, online gestellt auf Wikimedia am 11.3.2018 von Astadk unter https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Thomas_sankara.jpg.

[17] LeFaso.net beruft sich in seinem Artikel “France : Macron vient de déclassifier une partie du dossier Sankara“ vom 27.9.2018 um 20h40 auf die am selben Tag erschienene La Nouvelle Tribune.

[18] Seit dem Erscheinen des letzten Courrier Confidentiel am 12.10. – datiert ist er allerdings mit 10.10.2018. Siehe darin auf p.3 den Artikel von Hervé d’Africk: Assassinat de Thomas Sankara: Blaise Compaoré et le mandat d’arrêt.



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