Diesseits von Vanille, Lemuren und Saphiren.

7 November 2018 | By | Category: Allgemein, Interessantes

Die große Insel sucht ihren Steuermann.

Günther Lanier, Ouagadougou 7.17.2018.

Nein, Steuerfrau wird es keine sein. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird Andry Rajoelina als strahlender Sieger aus dem madagassisch-demokratischen Rennen hervorgehen. Heute geht’s ans Wählen.

Es muss ein einträglicher Job sein, der des Staatschefs. Hery Rajaonarimampianina soll für seinen Wahlkampf 2013 pro für ihn abgegebener Stimme mehr ausgegeben haben als Donald Trump 2016. Doppelt so viel[1]. Und für die heute beginnenden Präsidentschaftswahlen hat er wieder tief in die Tasche gegriffen. Und seine beiden Vorgänger im höchsten Amt des Staates, die auch seine Hauptkonkurrenten sind, standen um nichts nach: Andry Rajoelina und Marc Ravalomanana haben Unsummen in ihre Wahlkämpfe investiert. Das ist ja schon aus logistischen Gründen nötig: Die Straßen sind, so heißt es, in so schlechtem Zustand, dass eineR ohne Hubschrauber nicht schnell genug herumkäme, um in allen Winkeln des 587.041 km2 großen Landes Begeisterung zu erregen.

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Die Madagassinnen

Den Frauen geht es laut Gender Gap Report[3] in Madagaskar im weltweiten Vergleich mittelmäßig. Platz 80 von 144 nehmen sie im rezentesten globalen Ranking ein – unmittelbar vor Mexiko und Italien, zwei Plätz schlechter als Griechenland, vier schlechter als Kenia, acht hinter Ghana.

Um die Präsidentschaft bewerben sich fünf Frauen (unter insgesamt 36 KandidatInnen), zwei Richterinnen und drei Unternehmerinnen[4]. Die etwa zwei Millionen BewohnerInnen der madagassischen Hauptstadt Antananarivo (“Tana“) werden seit Oktober 2015 von einer Frau regiert: Bürgermeisterin ist Lalao Ravalomanana[5].

65% der Madagassinnen sollen in ihrem Leben geschlechtsspezifische Gewalt erfahren haben – wie anderswo auch waren in erster Linie die Partner der Betroffenen die Täter. Im September 2017 hat das Ministerium für Bevölkerung, sozialen Schutz und Frauenförderung offiziell die Nationale Strategie des Kampfes gegen Gewalt gegen Frauen lanciert[6]. Über hoffentlich eingefahrene Erfolge habe ich vorerst noch keine Berichte gefunden.

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Kandidaten mit Erfahrung…

Vier Ex-Präsidenten und drei Ex-Premierminister[8] und sieben Ex-Minister sind unter den 36 KandidatInnen. Neben den drei erwähnten Favoriten war auch der sich abermals für das höchste Amt im Staat bewerbende Didier Ratsiraka schon madagassischer Präsident, sogar zwei Mal, von 1975 bis 1993 und von 1997 bis 2002. Als der “Rote Admiral“ 1975 durch einen Putsch an die Macht kam, wurden Banken, Versicherungen und Multis verstaatlicht, wurde für den Vertrieb landwirtschaftlicher Produkte ein staatliches Monopol eingerichtet. Dem mittlerweile 82-Jährigen werden heute allerdings wenig Siegeschancen zugestanden. Wahrscheinlich hat er in seinen 23 (18+5) Jahren an der Staatsspitze zu wenig als Unternehmer agiert und zu wenig Geld auf die Seite geschafft, um genug Gewicht in die politische Waagschale bringen zu können[9].

… und Geld

Einer der 33 chancenlosen KandidatInnen meinte, es fehlten ihm nur 100 Mio Dollar, um zu gewinnen. Die drei aussichtsreichsten sind nicht nur Politiker, sondern auch reich und Unternehmer und sie besitzen unter anderem Fernsehsender, ohne die ginge es nicht[10].

Anders als diese drei Möchtegernstaatschefs sind die MadagassInnen in ihrer überwiegenden Mehrheit alles andere als reich. Nach letzten verfügbaren Weltbankdaten lag das BIP pro Kopf 2017 bei 449,72 USD[11] – weltweit war das der sechstniedrigste Wert, nur Burundi, Malawi, Niger, Mosambik und die Zentralafrikanische Republik schnitten noch schlechter ab[12].

Und auch wenn wir den Blick weiten und als Maßstab den Menschlichen Entwicklungsindex nehmen, so liegt die Große Insel weit zurück: Platz 162 von insgesamt 189[13].

Diese Diskrepanz sollte ja in sich schon ein Skandal sein. Doch auch anderswo werden Superreiche an der Staatsspitze gegen jeden gesunden Menschenverstand nicht als Verhöhnung der von ihnen ganz demokratisch regierten Völker empfunden – in Benin und Südafrika genauso wenig wie in den USA.

 [14]

Gesprochen wird auf der Großen Insel vor allem Malagasy (auch: Madagassisch), dazu noch Französisch, die Sprache der früheren Kolonialherren. Die nächstverwandte Sprache zu Malagasy ist wahrscheinlich[15] Ma’anyan, Muttersprache von etwa 150.000[16] im indonesischen Südteil Borneos ein paar tausend Kilometer weiter östlich. Jedenfalls gehört Malagasy zur malayo-polynesischen Sprachfamilie, der größten Untergruppe der austronesischen Sprachen.

Wahrscheinlich um 2.000 vor unserer Zeitrechnung sind proto-madagassische Bootsleute malayo-polynesischer Sprache, mit ihren Auslegerkanus aus dem Osten kommend, auf der Grossen Insel gelandet. Spätere Zuwanderungen erfolgten vom afrikanischen Festland, Arabien, Indien und zuletzt auch von Europa aus.

Für Europa im Jahr 1500 entdeckt, konnte Madagaskar – die Große Insel war bis 1824 alles andere als eine Einheit – lange seine Unabhängigkeit wahren, insbesondere scheiterte ein erster Kolonisierungsversuch Frankreichs im 17. Jahrhundert. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war es dann um die Selbständigkeit geschehen[17]. Bei der Berliner Konferenz 1884/85 wurde Madagaskar Frankreich zugeteilt und Paris konnte sich 1896 auch tatsächlich als Kolonialmacht etablieren. Im Jahr darauf wurde die letzte Königin des Merina-Reiches, Ranavalona III., zum Abdanken gezwungen und nach Algerien ins Exil geschickt.

 [18]

Die Befriedung unter Generalgouverneur Gallieni[19] fiel brutal aus. 100.000 MadagassInnen – mehr als 3% der damaligen Bevölkerung – fielen ihr zum Opfer. Dann wurde das Land in Wert gesetzt – heute würden wir sagen, es wurde “entwickelt“. Französische Unternehmen bauen Glimmer  und Grafit ab und betreiben Kaffee-, Reis-, Vanille- und Gewürznelkenplantagen und verarbeiten Primärgüter (landwirtschaftliche Produkte und Holz). Wie anderswo auch, steuert der Kolonialapparat auf dem Rücken der Einheimischen (Eingeborenen-Ordnung/Code de l’indigénat; Steuern; Zwangsarbeit) die nötige Infrastruktur (Straßen, Häfen, Eisenbahn, usw.) bei.

Kein Zur-Ruhe-Kommen

Auch in der Folge blieb innerer Friede oft außer Reichweite. Während des ersten Weltkriegs sind die Mitglieder der anti-kolonialen VVS (Vy Vato Sakelika)-Geheimgesellschaft massiver Repression ausgesetzt – nur indem sie sich freiwillig an die Front melden, können sie (oft lebenslange) Haftstrafen vermeiden. Konsequente Bemühungen um Unabhängigkeit von Frankreich beginnen unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Die beiden im November 1945 ins französische Parlament gewählten Abgeordneten Joseph Ravoahangy und Joseph Raseta gründen Anfang 1946 mit anderen die Demokratische Bewegung zur madagassischen Erneuerung (Mouvement démocratique de la rénovation malgache/MDRM). Und 1947 – circa 35.000 FranzösInnen leben damals in der Kolonie – kommt es zum Aufstand. 200 Soldaten werden von den Rebellen getötet und ein Gebiet ungefähr so groß wie Österreich wird befreit. Doch Paris reagiert heftig, schickt 18.000 zusätzliche Soldaten, denen es bis Ende 1948 gelingt, den Aufstand im Blut zu ersticken. Bis 1950 herrscht Ausnahmezustand, es wird gefoltert und interniert, die MDRM-Führer werden verhaftet und teils hingerichtet.

Gesandte des Parlaments der Französischen Union geben Ende 1948 die Opferzahl mit 89.000 an. Die kolonialen Autoritäten werden 1950 die offizielle Opferzahl auf 11.342 reduzieren. In Wirklichkeit dürften zwischen 100.000 und 200.000 MadagassInnen gestorben sein.

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Wie anderswo im französischen Kolonialreich wird von Paris auch in Madagaskar ab 1958 etappenweise die Unabhängigkeit eingeführt. Effektiv wird sie am 26. Juni 1960. Philibert Tsiranana wird bis 1972 als Präsident fungieren – der ehemalige Kommunist hat sich da längst zum pragmatischen Sozialdemokraten gewandelt.

Doch Anfang 1972 war’s mit der Ruhe wieder einmal vorbei. Es folgte eine Reihe von Militärdiktaturen, ab 1975 konnte (der 2018 wieder zur Wahl stehende/s.o.) Didier Ratsiraka sich dann dauerhafter an der Macht einrichten. 1992 von einer breiten Oppositionsbewegung aus dem Amt gezwungen, schafft er gewähltermaßen 1997 ein Comeback. Doch die Wahlen Ende 2001 verliert er – unter tumultuösen Umständen kommt Marc Ravalomanana (s.o.), zuvor Bürgermeister von Antananarivo, an die Macht. Ende 2006 wiedergewählt, sieht er sich ab 2008 jedoch seinerseits vom Bürgermeister der Hauptstadt Antananarivo, der heißt jetzt Andry Rajoelina (s.o.), mehr und mehr unter Druck. Im November wird bekannt, dass Marc Ravalomanana 1,3 Millionen Hektar für Mais- und Ölpalmenanbau an den südkoreanischen Multi Daewoo Logistics verpachtet hat – dieser vom Staatschef sanktionierte Landraub löst einen Proteststurm aus[21]. Bei Demonstrationen am 7. Februar 2009 eröffnen die Sicherheitskräfte das Feuer – 28 kommen um und 212 werden verletzt. Mitte März wird Marc Ravalomanana von Militärs aus seinem Palast entfernt, er übergibt die Macht einem Militärrat und flieht nach Südafrika. Andry Rajoelina wird ohne jegliche Wahl zum neuen Staatsoberhaupt – seine Regierung wird jedoch, da sie aus einem Militärputsch[22] hervorgegangen ist, vom Ausland nicht als legitim anerkannt. Andry Rajoelina bleibt jedoch viereinhalb Jahre an der Macht.

Zu den am 25. Oktober und 20. Dezember 2013 unter internationaler Aufsicht in zwei Durchgängen abgehaltenen Präsidentschaftswahlen darf weder Andry Rajoelina noch Marc Ravalomanana antreten. Es gewinnt Andry Rajoelinas Finanzminister Hery Rajaonarimampianina, der jedoch, das stellt sich schnell heraus, sein eigener Herr zu sein gedenkt.

Und damit schließt sich der Kreis dieses Artikels. Fünf Jahre später geht’s nur wenige MadagassInnen besser, aber das Land wird bald abermals einen superreichen Staatschef haben.

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Endnoten:

[1] Da ich die Information aus einem AFP-Artikel habe, habe ich nicht nachgerechnet. Siehe Béatrice Début, Tsiresena Manjakahery, A Madagascar, débauche de moyens chez les favoris à la présidentielle, AFP 6.11.2018.

[2] Baobabs, Foto Rod Waddington 27.11.2017, in schwarz-weiß transformiert und leicht zugeschnitten: GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sunset_on_Baobabs_(38598813956).jpg.

[3] Ich hatte gehofft, schon aus der 2018er-Ausgabe zitieren zu können, aber die ist noch nicht heraußen. Die 2017er ist vom 2.11.2017. World Economic Forum, The Global Gender Gap Report 2017, Genf (World Economic Forum) 2017, herunterladbar auf: https://www.weforum.org/reports/the-global-gender-gap-report-2017.

[4] Philippe Randrianarimanana, Election présidentielle à Madagascar : mode d’emploi, TV5Monde, 20.9.2018 (aktualisiert am 5.11.2018), https://information.tv5monde.com/afrique/election-presidentielle-madagascar-mode-d-emploi-261082.

[5] Ihr Mann, der Ex-Präsident (2002-09) Marc Ravalomanana, ist einer der erwähnten drei aussichtsreichsten Kandidaten um das Präsidentenamt.

[6] Laetitia Bezain, N. Razafindehibe: « 65% des femmes malgaches sont victimes de violences », RFI 7.1.2018, http://www.rfi.fr/emission/20180107-madagascar-femmes-victimes-violences-razafindehibe.

[7] Baobab in Andombiry im Südwesten Madagaskars (Bezirk Morombe), Foto Hiroki Ogawa 21.11.2013, in schwarz-weiß transformiert und leicht überarbeitet: GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Baobab_Andombiry_Morombe_Madagascar_-_panoramio.jpg.

[8] Konsens-Premierminister Omer Beriziky (2011-14) und der vorletzte und letzte Premierminister Hery Rajaonarimampianinas, Jean Ravelonarivo und Olivier Mahafaly. Auch der derzeitige Parlamentspräsident, Jean Max Rakotomamonjy, bewirbt sich. Siehe abermals Philippe Randrianarimanana, Election présidentielle à Madagascar : mode d’emploi, TV5Monde, 20.9.2018.

[9] Auch Didiers Neffe Roland Ratsiraka, einst Bürgermeister von Toamasina, dem wichtigsten Handelshafen der Großen Insel, und zwei Mal Minister, bewirbt sich.

[10] Was das Fernsehen betrifft: MBS für Marc Ravalomanana, Viva für Andry Rajoelina, nicht näher spezifizierte private Fernsehsender (in der Mehrzahl) für Hery Rajaonarimampianina. Siehe abermals Béatrice Début, Tsiresena Manjakahery, A Madagascar, débauche de moyens chez les favoris à la présidentielle, AFP 6.11.2018.

[11] https://data.worldbank.org/indicator/NY.GDP.PCAP.CD?locations=RW

[12] Für Südsudan hat die Weltbank für 2017 kein Pro-Kopf-BIP ausgewiesen – dieses lag jedoch sicher wieder (wie 2016) unter dem madagassischen Wert, sodass das Land in Wirklichkeit auf dem siebtschlechtesten Platz rangierte.

[13] Siehe auch Günther Lanier, Wer ist die Erste? Und wer ist der Schönste in ganz Afrika? Radio Afrika TV, Wien 3.10.2018, http://www.radioafrika.net/2018/10/03/wer-ist-die-erste/.

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