Von Bangoua aus.

28 November 2018 | By | Category: Allgemein, Interessantes

Eine Kamerunerin erobert die Welt.

Günther Lanier, Ouagadougou 28.11.2018.

Ganz entgegen der Tagespolitik[1]: Vergessen wir kurz einmal anglo- und frankophon: Von den etwa 25 Millionen KamerunerInnen werden 277 Sprachen gesprochen[2]. Zehn davon sind Bamileke-Sprachen, darunter Nda’nda’ oder Bangoua, das 1990 von circa 10.000 gesprochen wurde.

Die Bamileke gelten als unternehmerisch und geschäftstüchtig. Eine Hälfte soll außerhalb ihres “ursprünglichen“ Siedlungsgebiets leben[3], insbesondere in der Wirtschaftsmetropole Douala, der Hauptstadt Yaoundé und im Ausland.

 [4]

Bangoua ist auch eine Gemeinde oder ein Dorf im Kameruner Grasland. Auf etwa 1.000 Meter Seehöhe und 5,1954 Grad nördliche Breite und 10,4470 Grad östliche Länge, gut 20 km südlich von Bafoussam und 300 km Luftlinie nordöstlich von Douala.

Aus dem östlich gelegenen Bandrefam kam vor ein paar hundert Jahren Prinz Leukemegne bei der Jagd (sein Beiname Njogvup bedeutet “Jäger“) und gründete als Fo (auf Deutsch meist “Fon“ = König/Chef) die Bangoua-Dynastie, der heute weitere 18 Chefs unterstehen[5]. Hier Njogvups Dynastie:

  1.     Njogvup aka Leukemegne
    2. Tieuze Yankieu
    3. Nzeuteze
    4. Tekapto
    5. Njiki
    6. Kûkwe
    7. Tieyakghû
    8. Tchapjouo
    9. Teukwonze
    10. Mbwonnû
    11. Tekouotô
    12. Lekùndûe
    13. Lekûghû
    14. Lekungang
    15. Lekeupep
    16. Mbeutefeng
    17. Sopiè
    18. Ndjakpou
    19. Ndiolà
    20. Djomo (Djopwouo)
    21. Nono Tchoutouo
    22. Wantong Nono Zacharie
    23. Tchatchouang Watong Paul
    24. Djampou Yannick, der aktuelle Fo/König[6].

Der Fo (König) hat zwar nichts Göttliches an sich, verkörpert aber sehr wohl Sakrales und hat eine zentrale Funktion im Leben seiner UntertanInnen – dabei helfen ihm rituelle Objekte, insbesondere die weithin bekannt gewordenen Statuen[6a], die Macht demonstrieren und absichern, auch gegen die unheilvollen Kräfte von Hexen[7][8].

Im traditionellen Bangoua hat die Woche acht Tage, jeder vierte Tag ist Markttag, der auf einen dieser Markttage folgende Nze_nze-Tag ist Feiertag, an ihm darf nicht mit der Haue[9] gearbeitet werden.

Am 15. Mai 2015 hat in Bangoua eine Spar- und Kreditgenossenschaft (Mutuelle Communautaire de croisssance oder MC2) aufgemacht – Fo Djampou Yannick ist Ehrenvorsitzender.

 [10]

Für die Weißen wurde Bangoua von Gustav Conrau entdeckt, einem deutscher Kaufmann in kolonialen Diensten, der 1898 erstmals in diese Gegend kam – und schon von der Landschaft sehr beeindruckt war. Eigentlich war er auf der Suche nach Arbeitskräften für die Plantagen im Süden[11]. Wenig später begann das Plündern. “Kurt Strümpell (der Kolonialoffizier, dem wir das Amulett verdanken, das auf der ersten Abbildung dieses Artikels zu sehen ist, GL) diente (…) 1900 in der Schutztruppe für Kamerun und war ab 1901 in Tinto[12] bzw. Fontemdorf[13] stationiert. Er war an verschiedenen Kämpfen im Kameruner Grasland beteiligt, von wo er zahlreiche Gegenstände nach Braunschweig brachte. (…) In den Jahren 1901 bis 1907 erhielt das Städtische Museum Braunschweig zahlreiche Sammlungen von ihm mit ca. 700 Objekten aus Kamerun[14]. (…) Im Jahr 1904 hatte das Museum für Völkerkunde in Berlin Kurt Strümpell an die Bestimmung erinnert, nach der Reichsbeamte und Angehörige der Schutztruppen ihre ethnographischen Sammlungen zur Sichtung und Auswahl zuerst an das Museum in der Reichshauptstadt Berlin senden sollten. Seitdem wurden die Neuzugänge für das Städtische Museum Braunschweig seltener; sie hörten nach 1907 ganz auf (…) Heute befinden sich ungefähr 950 Objekte der Sammlungen von Kurt Strümpell mit seinem Nachlass in dem Ethnologischen Museum Berlin“[15].

Bei der in Braunschweig, Berlin und an vielen anderen Orten ausgestellten “Kunst” der Bangoua handelt es sich eigentlich um Gebrauchsgegenstände, wenn auch vielfach ritueller Art[16]. Innerhalb der Bamileke-“Kunst“ nehmen die Bangoua-Objekte jedenfalls eine herausragende Stellung ein[17]. Und unter diesen sticht wieder eine besonders hervor: “die“ Bangoua-Königin.

Diese ist 1899 aus ihrem heimischen Grasland zu einem weltweiten Siegeszug sondergleichen aufgebrochen, hat Museen und den Kunstmarkt der Satten Welt im Sturm erobert. Am 28. Oktober 2001 schrieb die Frankfurter Allgemeine über “die weltberühmte Statue (…) aus dem Kameruner Grasland, eine der unangefochtenen Ikonen der afrikanischen Kunst“, sie sei ein “Exempel für die Spitze des Markts: Mittlerweile im Pariser Musée Dapper, wechselte sie bei Sotheby’s im Jahr 1990 für 3,41 Mio Dollar den Besitzer und ist heute noch das teuerste Objekt der afrikanischen Auktionshistorie“[18]. Keine Ahnung, ob mittlerweile anderweitig höhere Preise erzielt worden sind oder ob sie noch immer den Rekord innehat. Als vor ein paar Tagen die von Macron in Auftrag gegebene Studie über das Restituieren afrikanischer Kunst herauskam, schmückte ihr Foto den BBC-Artikel, der davon berichtete[19].

 [20]

Freilich ist es fein, dass Picasso & Co sich von afrikanischer “Kunst“ inspirieren ließen.

Und die Bangoua-Königin verdient auch sonst allen Applaus und alle Bewunderung, die sie erhalten hat.

Jetzt finden die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und der senegalesische Schriftsteller Felwine Sarr in ihrer 108-seitigen Studie[21], dass angesichts dessen, dass in den meisten Fällen “Diebstahl, Raub, Plündern, Betrug und erzwungenes Einverständnis“ die Grundlage des “Erwerbes“ afrikanischer Kunst waren, dass diese Objekte rückerstattet gehören.

Dem ist freilich zuzustimmen.

Wohlmeinende finden, dass wir bei der Restitution aufpassen sollen, ob denn dort, wohin restituiert wird, auch die Bedingungen für ein Erhalten der Skulpturen und anderer Kunstwerke gegeben sind. Ob die rechtmäßigen EigentümerInnen in der Lage sind, sie bis in alle Ewigkeit aufzubewahren. Im Klartext heißt das: “Sie können froh sein, dass wir sie beklaut haben, sie selbst wussten ja nicht einmal, wie wertvoll das war, was sie da herstellten und mit dem sie lebten, und sie hätten alles lange schon kaputtgemacht“. Rassismus kann sich auch als Wohlmeinendheit tarnen.

Ich bin ja nicht Banksy. Und Statuen bräuchten wohl auch eine spezielle Art von Shredder. Aber wenn ich mir eine Königin oder sogar die Große Göttin schnitze und sie daheim aufstelle oder hinsetze oder was auch immer. Darf ich sie nicht gebrauchen, wie ich will? Darf ich sie nicht verbrauchen oder kaputtgebrauchen oder den Termiten als Festmahl anbieten?

Aber ich vergesse freilich, dass die Regeln der Satten Welt nicht für alle gelten.

 

Endnoten:

[1] Es herrscht Bürgerkrieg in Kamerun. Vor dem Hintergrund der systematischen Benachteiligung anglophoner BürgerInnen und Landesteile wurde vor etwas mehr als einem Jahr die Republik Ambazonie ausgerufen. Seither gab und gibt es viele Tote. Siehe zum Beispiel Julius A. Amin, The world’s major powers must not ignore Cameroon’s Anglophone crisis, TheConversation 27.9.2018 und ders., Biya needs to devise a monumental shift if Cameroon is to turn the corner, TheConversation 7.11.2018.

[2] Ethnologue.com listet 283, davon sind 5 ausgestorben. Unter den 277 lebenden Sprachen sind 4 nicht-autochthon: Französisch, Englisch, Mbororo-Fulfulde, Hausa (nach der Anzahl der SprecherInnen gereiht). Siehe https://www.ethnologue.com/country/CM bzw. https://www.ethnologue.com/country/CM/languages.

[3] Um ein Konvertieren zum Islam zu vermeiden, kamen die Bamileke im 17. Jhdt. aus dem Norden und ließen sich in Bamun (rund um die Stadt Foumban) nieder. Im 18. Jhdt. wanderten sie weiter Richtung Westen, auf die Plateaus des Graslandes, wieder wichen sie der drohenden Islamisierung aus. Das Kameruner Grasland ist allerdings schon sehr viel länger besiedelt, ist erst in jüngster Vergangenheit von einem Zentrum zur Peripherie geworden – siehe dazu Jean-Pierre Warnier, Un parcours pluridisciplinaire dans les Grassfields du Cameroun, in: Anthropologie et Sociétés. Bd.37, Nr.1, 2013, pp.45-58, https://www.erudit.org/fr/revues/as/2013-v37-n1-as0622/1016146ar/.

[4] (Sie sollte freilich wie die anderen Fotos in der Mitte stehen – allein, das Programm will nicht… sorry! Ebensowenig kann ich gegen das Programm an, was das AusderReiheTanzen des Einsers in der in Kürze folgenden Bangua-Königsliste betrifft…) Amulett aus dem Kameruner Grasland, Bamunkung, schützt vor Hexerei, Städtisches Museum Braunschweig, Sammlung Kurt Strümpell 1901-02, Foto: Michael Gäbler, nicht datiert, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Frauenfigur,_Amulett_mu_po,_Kameruner_Grasland,_Bamunkung;_im_Staedtischen_Museum_Braunschweig.jpg.

[5] Für Sprache und Dorf ist die Schreibweise uneinheitlich: Bangoua = Bangwa. Die EinwohnerInnenzahl soll circa 15.000 betragen – 10 Volksschulen umfasst die chefferie, seit 1994 wurde eine Sekundarschule eingerichtet, die heute von der 6ième (1. Mittelschulklasse) bis zur Terminale (Maturaklasse) alle Klassen umfasst.

[6] Siehe https://icibangoua.net/mon-village/histoire/. Diese Informationen genügen den üblichen Regeln der Wissenschaftlichkeit zweifellos nicht. Vielleicht ist gerade deshalb die Webseite https://icibangoua.net überaus sympathisch.

[6a] Zur Funktion dieser Statuen siehe z.B. den Begleittext zu “Commemorative Figure (Lefem)” auf https://www.metmuseum.org/art/collection/search/311037. Zur Rolle des Königs im Kameruner Grasland siehe den in Fn.3 erwähnten Artikel von Jean-Pierre Warnier aus 2013.

[7] Das Pariser Dapper-Museum veranstaltete am 2.10.2015 unter dem Titel “Royauté sacrée et sorcellerie chez les Bangwa-Fontem du Cameroun, hier et aujourd’hui“ ein vom renommierten Ethnologen Jean-Pierre Warnier geleitete Konferenz. Siehe https://www.billetreduc.com/143953/evt.htm. Auf der Veranstaltungsankündigung ist auch die berühmte Bangoua-Königin abgebildet. Die Konferenz selbst ist auf https://youtu.be/Q_RZJjXNXrU zu sehen – meine Verbindung ist fürs Herunterladen leider gerade zu schlecht.

[8] Was Hexerei betrifft, hat Kamerun in der jüngeren Vergangenheit viel Interesse erregt. Siehe zum einen den wissenschaftlichen Klassiker Peter Geschiere, Sorcellerie et politique en Afrique. La viande des autres, Paris (Karthala) 1995, zum anderen den Jesuiten-Ethnologen, der sich zum Heiler ausbilden lässt: Eric de Rosny, Les yeux de ma chèvre. Sur les pas des maîtres de la nuit en pays douala (Cameroun), Paris (Plon) 1981. In Kamerun ist Hexerei ein juristisch anerkanntes Phänomen, was bedeutet, dass RichterInnen mitunter entscheiden, ob in dem ihnen vorliegenden Fall Hexerei im Spiel war.

[9] Querbeil – das Standardgerät der afrikanischen Landwirtschaft. In Westafrika daba genannt.

[10] Männliche Bangoua-Figur mit Zwillingen, Berliner Völkerkundemuseum, Foto: Ji-Elle 12.10.2010, in Schwarz-weiß transformiert und leicht verändert: GL https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Statue_Bangwa-Mus%C3%A9e_ethnologique_de_Berlin.jpg.

[11] Robert Brain, The Bangwa of West Cameroon, A brief account of their history and culture, University College London 1967, http://www.lebialem.info/The%20Bangwa%20of%20West%20Cameroon.pdf sowie Vincent Lockhart, Notes on Gustav Conrau and the German Occupation, nicht datiert, http://www.lebialem.info/page-2/.

[12] Zunächst ein deutscher Handelsposten, dann Garnisonsstadt – die Garnison wurde später nach Fontemdorf (der deutsche Name von Azi) und von dort weiter östlich nach Dschang übersiedelt. Nur Azi befindet sich im Grasland selbst, die anderen in seiner Umgebung. Die Bangoua hatten sich heftig gegen die Eroberung gewehrt. Siehe Vincent Lockhart, Notes on Gustav Conrau and the German Occupation, nicht datiert, http://www.lebialem.info/page-2/.

[13] Abstecher in die Tagespolitik: Azi soll eines von mindestens 60 Dörfern sein, das am 17. Mai von der Armee in ihrem unzimperlichen Kampf gegen die Ambazonie-SeparatistInnen angezündeten worden ist. Siehe http://www.cameroonvoice.com/news/article-news-34034.html.

[14] Keineswegs nur aus dem Grasland.

[15] Aus https://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Str%C3%BCmpell.

[16] Zu den verschiedenen Rollen, die Bangoua-Skulpturen während ihrer internationalen Laufbahn durchmachen, schreibt Maureen Murphy in der Zusammenfassung ihres Artikels “Voyages d’une reine bangwa dans l’imaginaire occidental, in Afrique: Archéologie&Arts“, 4/2006, http://journals.openedition.org/aaa/1187 Folgendes: “De la région du Grassland au Cameroun à Berlin, de Paris, New York à Washington, puis de retour à Paris, la sculpture bangwa dont il est question ici changea maintes fois de statuts : d’objet religieux lié à un culte, elle devint un sujet d’étude ethnographique, le symbole de la soumission des peuples conquis du Cameroun pour être ensuite célébrée en tant qu’œuvre d’art d’exception. Son parcours dans l’imaginaire occidental est assez représentatif de l’histoire de la réception des arts d’Afrique en Occident“.

[17] Siehe dazu die große Rolle, die Bangoua-Objekte zum Beispiel in der Dissertation von Jean Paul Notué spielen: Jean Paul Notué, La symbolique des arts bamiléké (Ouest-Cameroun). Approche historique et anthropologique von 1984 bzw. 1988, horizon.documentation.ird.fr/exl-doc/pleins_textes/divers18-02/25797.pdf.

[18] Der lange Weg der Königin aus dem Grasland hin zur Ikone (Besprechung von Peter Stepan, Ikonen der Weltkunst: Afrika, München (Prestel Verlag) 2001), Frankfurter Allgemeine, 28.10.2001, http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunstmarkt/kunstbuecher/der-lange-weg-der-koenigin-aus-dem-grasland-hin-zur-ikone-141851.html.

[19] Hugh Schofield, Africa’s colonial art ‘should be returned’, BBC 23.11.2018 um 10h52.

[20] Große Bangoua-Königin, ausgestellt im Chinesischen Nationalmuseum, Foto: Amarespeco 16.8.2017, Hintergrund entfernt und in Schwarz-weiß transformiert: GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:High_Queen,_Bangwa,_NMC.jpg. Von “der“ Bangoua-Königin gibt es leider kein gemeinfreies Foto, aber im Internet gibt es sie vielfach, zum Beispiel unter https://www.galerie-art-africain.com/photos-art-africain/3657/45cb497f-d5ca-4b4b-9b3e-9c1df4040967_img.jpg.

[21] Der genaue Titel des Berichts ist “Rapport sur la restitution du patrimoine culturel africain“. Ich übersetze aus dem Englischen (Mark Horton, Returning looted artefacts will finally restore heritage to the brilliant cultures that made them, The Conversation 23.11.2018).



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