NazarenerInnen.

19 December 2018 | By | Category: Allgemein, Interessantes

Fremdsein in privilegierter Ausprägung.

Günther Lanier, Ouagadougou 19.12.2018.

Übermorgen wendet die Sonne. Vielerorts war das seit jeher ein Tag zum Feiern. Das Christentum hat sich des Festes bemächtigt, hat es, damit die Usurpation nicht zu offensichtlich ist, um drei oder vier Tage nach hinten verschoben[1], und nennt es Geburt Jesu Christi zu Nazareth.

In Ouagadougou werden Weiße “Nasaara“ geheißen. Wahrscheinlich werden sie nach ihrem Gott benannt, dem Nazarener.

 [2]

Dem Nazarener war kein langes Leben beschieden. Er endete am Kreuz. Diesem ließ Pilatus eine Überschrift[3] geben: INRI. Das steht für Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum – Jesus von Nazareth, König der Juden.

Was hier folgt, habe ich vor zehn Jahren in Ouagadougou geschrieben, am Ostersonntag 2008. Ich lebte damals seit fünf-sechs Jahren im Land. Ich reflektiere darin in erster Linie Zugehörigkeiten.

IN

Denn fremdsein kann eineR auf sehr verschiedener Basis. Bist du illegal im fremden Land, gehörst du auf ganz andere Art nicht dazu als der Herr burkinische Botschafter oder wenn du dir eineN ÖsterreicherIn geangelt hast und so in die Satte Welt übersiedeln konntest, auch wenn deine Hautfarbe landaus und landein deine Fremdheit sichtbar macht.

Nochmals eine ganz andere Basis ist die der Weißen in Afrika, auch wenn auch ihre Haut ihr Leben lang leuchtet. Eine antwortarme Variante der Fremdheit dieser Leute habe ich für mich gewählt.

 [4]

 

IN und RI

Nasaara,
               Nazarenus.

Weißhaut im Weitab.

Darin unallein.
Unter Heimischen, Eigenerdigen.

Umworben, richissime.

Mitbeglückt: Mangoregen, Zenitsonne, Früchte des Baobabs.

Und laafi[5], Gesundheit? Deine, seine, ihre?
Kinderwunschlos?
Und die Daheimischen? Familie? Freunde?

Nichts als Teilhaben rundum.
Frauen kleinteils. Reiche großteils.
Hexen, alte. Verjagen verbannen vertreiben.
Leben ohne dann Grab in Heimat[6].
Ach Gemeinschaft.

Du draußen sowieso.
Doch drinnen. In Villa.
Wächterbehütet.

Vor Wahrheit bewahrt?

Draußen schon lang’ (selbstredend wohlständig).
Streberisch besserwisserhaft.
Widerstandsbewohnt. Mittufeindlich. Querlegbesessen.

 

In Frage.

 

Kaum je in Antwort.

 

Glücksbereit?

Richtbar?

 [7]

 

Endnoten:

[1] Mancherorts – vor allem in Schweden, zudem vor allem in Dänemark und Norwegen – wurde das Sonnwendfest als St. Lucia vorverschoben auf den 13. Dezember.

[2] Aus dem vierten Stock eines Amtsgebäudes hinunterfotografiert in die Gassen von Kamsonghin in Ouagadougous Zentrum. Foto GL 19.12.2018. Original färbig.

[3] Sie wird auch “Kreuztitel“ genannt, als hätte dieses Folterinstrument wie ein Artikel oder ein Buch Anspruch auf einen Titel.

[4] Blick aus dem vierten Stock eines Amtsgebäudes in die Gassen von Kamsonghin. Foto GL 19.12.2018. Original färbig.

[5] “laafi“ heißt auf Mooré, Muttersprache von circa 50% aller Burkinabè, “Gesundheit“. Bei den Begrüßungen erkundigen sich die Leute nach der gegenseitigen Gesundheit, der des Gatten/der Gattin, der Kinder, der Familie…

[6] Zu den Hexenvertreibungen unter Mossi siehe das Kapitel 11 “Hexereivorwürfe und Hexenvertreibung“ in Günther Lanier, Land der Integren. Burkina Fasos Geschichte, Politik und seine ewig fremden Frauen, Linz (guernica Verlag) 2017.

[7] Blick aus dem vierten Stock eines Amtsgebäudes in die Gassen von Kamsonghin. Foto GL 19.12.2018. Original färbig.



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