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Medusa lacht.

Einst panafrikanische Speerspitze, dann Weben in Stille.

Günther Lanier, Ouagadougou 26.12.2018.

Die senile Absenz an der Staatsspitze[1] hat Algerien anderen voraus. Sie verdeutlicht Maskulines, Phallisches. Der einstige Revolutionär kann nicht mehr. Zu schöpfen, zu erschaffen hat der junge Staat einst versucht. Doch Erektionen dauern nicht. Heute sitzt der Präsident fest. Im Sattel zwar nicht gerade. Aber an den Hebeln. Einer erstarrten, selbstbezogenen Macht.

 [1a]

Das Trauerspiel, das die Männer der Nationalen Befreiungsfront FLN seit Jahrzehnten zum Besten geben, wird mangels Erfolgs fortgesetzt. Vielleicht steigen ja einmal die Erdöl- und -gaspreise auf den Weltmärkten, dann gibt’s wieder ein bissl mehr Geld zu verteilen.

Damit sind Wirtschaftspolitik und Zukunftsaussichten abgehandelt. AlgerierInnen wollen weg, auswandern.

Die Erbsünde – hier wie anderswo – ist das Übergehen der Frauen. Freuds “dunkler Kontinent“[1b], den es nicht und nicht zu erobern gelingt. Da können noch so viele Perseus-Heroen Medusenhäupter abschlagen[2], das Hohelied, auf seine Füße[3] gestellt, postuliert: “Ich bin schwarz und schön“.

 [4]

Hélène Cixous wurde 1937 in Algerien geboren, in Oran, ihre Mutter war deutsche Jüdin, der Vater in Algerien geborener Jude mit spanischen und marokkanischen Wurzeln. Die Frau, so Cixous, muss sich zu Text bringen, nicht nur zur Welt und in die Geschichte[5]. Über sechzig Bücher hat Cixous geschrieben, darunter 1974 Das Lachen der Medusa.

Ungestüm, entfesselt, vom Geblüt der Wellen ist sie. Erhebt sich, nähert sich,
richtet sich auf, langt an, umhüllt, spült ein Gestade, strömt und füllt noch
die winzigste Öffnung im Fels, ist schon eine andere, erhebt sich abermals,
wirft hoch die Gewaltigkeit ihres saumlosen Körpers, löst sich selbst ab
und umhüllt, erforscht, poliert, bringt den Körper des Steins zum Glänzen
in ihrem sanften Rückfließen, das nicht im Stich lässt, das heimkehrt
zum saumlosen Nicht-Beginn, als würde sie sich zurückrufen,
um wie nie zuvor zurückzukommen…[6]

Was heute Algerien ist, hat eine lange und bewegte Geschichte. Phönizien, das alte Griechenland, das Römische Reich, Arabien, das Osmanische Reich u.a.m. hatten hier vorbeigeschaut und waren wieder vergangen.

Frankreich entdeckte erst spät sein Interesse an der “gegenüberliegenden“ Mittelmeerseite. 1827 weigerte sich Paris, unter der Revolution und später unter Napoleon beim Dey, dem osmanischen Herrscher von Algier, eingegangene Schulden zurückzuzahlen. 1830 begann es mit der militärischen Besetzung.

 [7]

Paris behauptete zwar, als Befreier von der osmanischen Macht zu agieren, das Vorgehen seiner Truppen war jedoch wenig zimperlich, ja brutal. In Algier wurde der Großteil der Häuser zerstört, 30.000 starben oder mussten flüchten. Oran soll 90% seiner BewohnerInnen verloren haben. Es wurde geplündert und bewusst die Lebensgrundlage der Bevölkerung zerstört, gefangengenommene Frauen wurden unter den Soldaten versteigert – der französische Historiker und Politiker Alexis de Tocqueville charakterisierte die französische Kriegsführung schlicht als barbarisch[8].

Obwohl der Widerstand nicht großflächig organisiert war, dauerte es lange, bis die französischen Truppen das Land wirklich erobern konnten. Im Nordosten des Landes, in der Kabylei[9], spielt dabei Lalla Fatma N’Soumer eine herausragende Rolle. 1849 bis 1857[10] hielt sie stand und fügte Paris manch empfindliche Niederlage bei. Dabei waren ihre Qualitäten zunächst spirituelle gewesen – vielleicht konnte sie sich auch gerade deswegen gegen ihre männlichen Konkurrenten im Widerstand gegen Paris durchsetzen.

Bei der Fespaco 2015 erhielt der algerische Regisseur Belkacem Hadjadj für seine filmische Biographie Lalla Fatma N’Soumers den Silbernen Hengst, den zweitwichtigsten Preis des afrikanischen Filmfestivals[11].

 [12]

Blutig und lang war die Eroberung, bis in die 1880er Jahre brach immer wieder Widerstand aus, im äußersten Süden des Landes sogar noch bis ins 20. Jahrhundert hinein. Aber. Algerien war viel mehr als ein Teil des französischen Kolonialreiches. Es wurde dem Mutterland intimer einverleibt, als französische Départements[13].

Das war mit ein Grund, warum später die Loslösung nicht gelang. Französische Kolonien wurden, ob sie wollten oder nicht, um 1960 herum in die “Unabhängigkeit“ verstoßen. Algerien als SiedlerInnenkolonie hingegen musste einen hohen Blutzoll zahlen. Sieben Jahre Krieg gegen Paris, ein Krieg von unerhörter Brutalität. Und als die französische Regierung eingesehen hatte, dass sie auf verlorenem Posten stand und zum Rückzug blies, da putschten in Algier Schwarzfußgeneräle – pieds noirs, Weiße, die sich von ihrem Leben auf afrikanischer Erde schwarze Füße geholt hatten[14]. Schon 1958 hätten sie ihren Putsch einmal fast nach Paris getragen.

Stimme-Schrei. Agonie – explodiertes “Sprech-Wort“, in Stücke gerissen
von Schmerz und Wut, die Rede zertrümmernd: So wurde sie seit jeher
wahrgenommen, seit der Zeit, als die männliche Gesellschaft begann,
sie aus dem Vordergrund zu verdrängen, sie zu vertreiben, sie zu berauben.
Seit Medea, seit Elektra.
Stimme: Absplittern, Getöse. Feuer! Sie schießt, sie reißt aus. Bricht.
Aus ihren Körpern, wo sie begraben, eingesperrt waren,
wo ihnen zugleich der Orgasmus untersagt war[15].

Was die Schreckwirkung auf Männer betrifft, rangiert Medea nicht weit hinter Medusa. Aus Liebe folgt die zauberkundige Medea in der griechischen Mythologie Jason, dem Jäger des Goldenen Vlieses, in die Fremde, d.h. in seine griechische Heimat. Als er sie Jahre später für eine Jüngere sitzen lässt, fügt sie sich nicht in ihr vom Patriarchat angerichtetes Schicksal. Stattdessen nimmt sie Rache – an der Konkurrentin, deren Vater und auch an den beiden Kindern, die sie selbst geboren hatte. Am 20. Dezember 2018 hatte am Wiener Burgtheater Medea Premiere, in einer auf Euripides basierenden modernisierten Neufassung von Simon Stone[16].

 [17]

Ein Médéa gibt es auch in den algerischen Bergen. Landeinwärts von Algier, gegen Südwesten, 60 km Luftlinie, 81 km auf der Straße. Hoch oben in den Bergen thront es, im Tellatlas, auf knapp 1.000 Meter Seehöhe.

Und oberhalb und etwas außerhalb von Médéa hat Fatima Sissani 2013 Eveline Safir Lavalette bei ihr daheim interviewt. Die algerische Regisseurin machte da einen Film über die Rolle der Frauen im Freiheitskampf. Um drei Frauen kreist ihr Film mit dem poetischen Titel “Deine entworrenen Haare verbergen einen siebenjährigen Krieg (Tes cheveux démêlés cachent une guerre de sept ans)“[18], Zoulikha Bekaddour, Alice Cherki und besagte Eveline Safir Lavalette.

Und was für ein Film! Fünfzig Jahre lang hatte Eveline Safir Lavalette nach der 1962 endlich gewonnenen Freiheit geschwiegen[19]. Dann veröffentlichte sie ihre Autobiographie und erzählte sich vor der Kamera Fatima Sissanis – luzid und präzis. Im April 2014, drei Jahre bevor der Film das Licht der Projektoren sah, verstarb sie.

Eveline Safir Lavalettes 2013 erschienene Autobiographie heißt “Einfach Algerierin. Wie ein Gewebe“[20]. “Einfach“ Algerierin zu sein, war ihr nicht in die Wiege gelegt, stammte sie doch aus dem französischen BürgerInnentum, aus einer Familie, die seit drei Generationen in und vom kolonialen Algerien lebte. Doch sie zögerte nicht, es war ihr selbstverständlich, sich der Nationalen Befreiungsfront FLN (Front de libération national) anzuschließen und ihr Leben zu riskieren.

Am 13. November 1956 wird sie von der französischen Polizei verhaftet. Sie wird gefoltert, dann eingesperrt in den Gefängnissen von Oran, Orléansville (Chlef), schließlich Maison-Carrée (El-Harrach). 1959 kommt sie frei.

Und auf die Freiheit ihres Landes reagiert sie mit fünfzigjährigem Schweigen. Freilich, es gab anderes zu tun, es galt, aus den Ruinen und dem Schutt ein Land aufzubauen. Eveline Safir Lavalette wurde in die verfassunggebende Versammlung gewählt, 1964 dann in die erste Nationalversammlung. 1967 heiratete sie Abdelkader Safir, einen der “Väter“ des algerischen Journalismus. Ab 1968 arbeitete sie im Arbeitsministerium und in der lokalen Verwaltung.

Ja, sie wollte aufbauen und schaffen. Und war als Mudschahida[21], als Freiheitskämpferin, ans Nichterzählen gewohnt – im Untergrund konnte Schweigen oder Nichtwissen lebenserhaltend sein. Und es hat sie auch niemand gefragt nach dem Erlebten[22]. Schweigen verhüllt vergangene Gräuel. Nicht nur in Algerien wollen da viele nicht daran rühren.

 [23]

Nach gewonnenem Freiheitskrieg[24] genoss Algerien in Afrika ungeheures Prestige. Und es erwies sich dessen zunächst durchaus als würdig. Während es im Inneren vor allem um das Konsolidieren von Macht rund um Armee und Partei ging, wurden kontinentweit fortschrittliche Kräfte unterstützt. 1973-76 war der algerische Staatschef Boumédienne Vorsitzender der Blockfreienbewegung. 1967-71 kam es in Schlüsselbereichen (Erdöl, Banken) zu einer Reihe von Verstaatlichungen, die anfängliche “sozialistische“ Wirtschaftspolitik wurde erst ab 1978 durch Liberalisierung und Privatisierungen zunehmend verwässert.

Ende der 1980er Jahre erwies sich das algerische Modell als gescheitert. Auf die im Oktober 1988 in der Hauptstadt beginnenden Jugendproteste wussten Regierung und Heer nur mit Gewalt zu reagieren – die resultierenden über 500 Toten desavouierten das Regime und zwangen es zum Einlenken. Die Änderung der Verfassung Anfang 1989 leitete eine kurze Periode gesellschaftlicher Blüte ein – erstarrte Strukturen schienen aufzubrechen. Von der neueröffneten demokratiepolitischen Bühne profitierte insbesondere die Islamische Heilsfront (Front Islamique du Salut/FIS). Bereits 1990 erhielt sie bei den Kommunalwahlen über 55 Prozent der abgegebenen Stimmen. Bei den Parlamentswahlen Ende 1991 kündigte sich eine Fortsetzung des FIS-Siegeszuges an: im ersten Durchgang hatte sie 188 von 430 Sitzen erreicht, weit hinter ihr rangierte die berberische Front Sozialistischer Kräfte (Front des Forces Socialistes/FFS) mit 25 Mandaten und erst an dritter Stelle kam die Ex-Einheitspartei, die Nationale Befreiungsfront (Front de libération national/FLN) mit 16 Sitzen. Zur Aufteilung der restlichen Mandate im zweiten Wahlgang kam es nicht mehr – denn das war der alten Nomenklatura zu viel: Im Jänner 1992 übernahm das Militär die Macht, zwang den Präsidenten zum Rücktritt, annullierte die Wahl, löste das Parlament auf, rief den Notstand aus, verbot die die Islamische Heilsfront/FIS und setzte einen in der Verfassung nirgends vorgesehenen “Hohen Staatsrat“ ein.

Vom folgenden, abermals brutalst geführten Krieg zwischen der Armee und den in den Untergrund abgetauchten FIS-Mitgliedern – über 100.000 sollen in den 1990ern gestorben sein – hat sich Algerien bis heute nicht erholt, auch wenn sich Regierung/Armee/FLN eindeutig durchsetzen konnten. Es ist eine bleierne[25], eine waffenstarre Ruhe, die hier herrscht. Im Militärstaat Algerien fühlen sich seine BürgerInnen zwar offenbar sicher – so sicher wie die SchweizerInnen oder die SkandinavierInnen bei sich daheim[26] –, aber die vielen Waffen – Algerien war 2017 achtgrößter Importeur weltweit[27] – sichern den AlgerierInnen kein gutes Leben.

 [28]

Was Migration betrifft, ist Algerien Zuwander-, Transit- und Auswanderland. Die migrantische Bevölkerung in Algerien soll sich 2015 auf etwas über 240.000 belaufen haben, fast 40% davon – ganz überwiegend aus der Westsahara – waren als Flüchtlinge registriert. Gleichzeitig sollen 1,6 Millionen AlgerierInnen im Ausland gelebt und 2015 circa 2 Mrd. USD zurück nach Hause überwiesen haben[29].

41,3 Millionen leben auf den fast 2,4 Millionen km2 Algeriens, die ganz überwiegende Mehrheit freilich im Norden, in Küstennähe. Erdöl und -gas hingegen werden im Süden abgebaut. Und aus dem Süden, von jenseits der die Sahara aufteilenden Grenzen, kommen auch die SchwarzafrikanerInnen, die in Algerien leben wollen – was ihnen alles andere als leicht gemacht wird. Oder sie sind auf der Durchreise nach Europa.

(…) sie nähert sich, nicht um den Abstand auszulöschen, sondern um ihn besser
zu sehen, um zu erfahren, was sie nicht ist, was sie ist, was sie sein kann[30].

Assia Djebar und Taos Amrouche sind Prominente unter den Auswanderinnen. Beide hatten ein ambivalentes Verhältnis zu ihrer Heimat, der sie doch näher nicht hätten sein können. Beide starben in Frankreich[31].

Nicht der Ursprung: sie kehrt nicht zurück. Weg des Buben: Rückkehr ins Land
der Geburt,
Heimweh, von dem Freud spricht, Sehnsucht, die aus dem Mann ein
Wesen macht, das dazu tendiert, an den Ausgangspunkt zurückzukehren, um ihn
sich anzueignen und dort zu sterben.
Weg des Mädchens: weiter, zum Unbekannten, zu Erfindendem.[32]

Den französischen Alltag und den französischen Rassismus prägen freilich die vielen MahgrebinerInnen – und zwar in erster Linie die AlgerierInnen. Sie sind der französische Inbegriff der Anderen, umso bedrohlicher, als sie längst Teil des Eigenen sind.

 [33]

Schwarzafrikanische MigrantInnen tun sich in Algerien sehr schwer, ihren Status zu legalisieren. Und ohne Arbeitsgenehmigungen sind sie von Deportation bedroht, können sich mir nichts dir nichts in Niger wiederfinden…[34]

“Wir AlgerierInnen haben vergessen, dass wir AfrikanerInnen sind. Auf der anderen Seite des Mittelmeers werden wir behandelt, wie wir selbst hier die SchwarzafrikanerInnen behandeln“[35].

Es scheint an der Zeit, sich der revolutionären Tugenden zu besinnen.

Verstreubar, verschwenderisch, überwältigend,
begierig und fähig zu anderem,
zur anderen, die sie sein wird,
zur anderen, die sie nicht ist,
zu ihm, zu dir [36].

Und wenn die Waffenträger und andere Männer bitte ein paar Jahrzehnte lang in die zweite Reihe zurücktreten könnten…

Aus Cixous lacht Medusa.

 [37]

Endnoten:

[1] Abdelaziz Bouteflika, seit 27.4.1999 algerischer Präsident, erlitt 2013 einen Schlaganfall und ist seither kaum mehr aktiv. Nichtsdestotrotz ließ er sich 2014 wiederwählen. Ob er oder seine Entourage regiert, ist unklar. “Voraus” hat Algerien anderen, dass diese nahezu unbesetzte Leerstelle ganz oben an der Staatsspitze die Armseligkeit männlicher Macht bloßstellt.

[1a] Was für ein Gegensatz zum zehn Jahre jüngeren Staatschef: Die Freiheitskämpferin Eveline Safir Lavalette in ihrem Haus in Médéa, luzid, wortgewandt, offen. Foto Fatima Sissani 22.5.2013, Original färbig.

[1b] Das Zitat – im Original englisch, “dark continent“ – entstammt Sigmund Freuds “Die Frage der Laienanalyse. Unterredungen mit einem Unparteiischen“ aus 1926 und bezieht sich dort auf “das Geschlechtsleben des erwachsenen Weibes“.

[2] Medusa ist eine der drei Gorgonen, die einzige sterbliche. Ursprünglich von betörender Schönheit, verwandelt Pallas Athene sie zur Strafe dafür, dass Poseidon mit ihr tändelt, in ein Scheusal, deren Anblick alle erstarren lässt. Mit Hilfe derselben Pallas Athene gelingt es dem Heroen und Zeus-Sohn Perseus, Medusa zu köpfen. Sogar das abgeschlagene Medusenhaupt lässt noch Männer erstarren, wovon Perseus mehrfach profitiert.

[3] Auf die Füße gestellt, weil in der Bibel die beiden Adjektive ein “aber“ trennt. Siehe Frédéric Regard, AA !, p.14 des Vorworts zu Hélène Cixous, Le Rire de la Méduse et autres ironies, Paris (Galilée) 2010. Siehe ebd., p.13 zum “continent noir“ – der “dunkle“ Kontinent ist ja der schwarze, Afrika.

[4] Medusenkopf, Zeichnung Walter Crane 1892, leicht überarbeitet: GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Medusa_Head_Drawing.jpg?uselang=de.

[5] “Il faut que la femme se mette au texte – comme au monde et à l’histoire –, de son propre mouvement“, Hélène Cixous, Le Rire de la Méduse et autres ironies, Paris (Galilée) 2010, p.37.

[6] Im Original: “Impétueuse, déchaînée, elle est de la race des vagues. Elle se lève, elle approche, elle se dresse, elle atteint, recouvre, lave un rivage, coule épouser les moindres plis de la falaise, déjà elle est une autre, se relevant, lançant haut l’immensité frangée de son corps, se succède, et recouvre, découvre, polit, fait luire le corps de pierre avec de doux reflux qui ne désertent pas, qui reviennent à la non-origine sans bord, comme si elle se rappelait pour revenir comme jamais encore…“, Hélène Cixous, Le Rire de la Méduse et autres ironies, Paris (Galilée) 2010, p.124. Übersetzung GL.

[7] Lalla Fatma N’Soumer, Detail eines Stichs (engraving) von Henri Félix Emmanuel Philippoteaux ca.1850, Original färbig, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Portrait-Fatma_N%27Soumer.jpg.

[8] Siehe Walter Schicho, Algerien, pp.78f in Walter Schicho, Handbuch Afrika. Band 3: Nord- und Ostafrika, Wien (Brandes & Apsel/Südwind) 2004

[9] Sehr bergig, Lalla Khadîdja ist mit 2.308m der höchste Gipfel des Tellatlas. Vor allem von KabylInnen bewohnt, diese sprechen eine Berber-Sprache.

[10] Ihren glänzendsten Sieg fährt Lalla Fatma N’Soumer in Tazrouk, nahe Aïn El Hammam, ein – die Schlacht ist unter dem Namen bataille du Haut Sebaou bekannt, sie dauerte zwei Monate, Juni und Juli 1854. Die besiegten französischen Truppen mussten sich zurückziehen, die umkämpften BerberInnendörfer blieben vorerst frei.

Drei Jahre später wird Lalla Fatma N’Soumer am 11. Juli 1857 gefangengenommen. Zunächst im Camp von Marschall Randon in Timesguida und dann in der zaouïa (Sufi-Zentrum) von El-Aissaouia in Tablat inhaftiert, wird sie schließlich unter Bewachung si Tahar ben Mahieddines in Hausarrest überführt. Sie stirbt 1863, nur 33-jährig.

[11] Der wunderschöne, wenn auch cinematographisch wenig innovierende Film wurde am 4.3.2015 um 17h im Französischen Institut gezeigt.

[12] Chérif Boubaghla und Lalla Fatma N’Soumer an der Spitze der revolutionären Armee, Emmanuel Philippoteaux 1866, Öl auf Leinwand, Original färbig, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ch%C3%A9rif_Boubaghla_and_Lalla_Fatma_n%27Soumer,_by_F%C3%A9lix_Philippoteaux.jpg.

[13] Drei Départements wurden eingerichtet: Algier, Constantine und Oran. So wurde Algerien 1848 zum integralen Bestandteil Frankreichs. Siehe Katrin Sold, Frankreichs algerisches Erbe, DGAP 31.1.2013,  https://dgap.org/de/think-tank/publikationen/weitere-publikationen/frankreichs-algerisches-erbe.

[14] Um 1950 lebten in Algerien circa 9 Millionen AlgerierInnen und 1 Million EuropäerInnen mit französischer Staatsbürgerschaft. Siehe Katrin Sold, Frankreichs algerisches Erbe, DGAP 31.1.2013,  https://dgap.org/de/think-tank/publikationen/weitere-publikationen/frankreichs-algerisches-erbe.

[15] Im Original: “Voix-cri. Agonie – «parole explosée, déchiquetée par la douleur et la colère, pulvérisant le discours : ainsi a-t-elle toujours été entendue déjà depuis l’époque où la société masculine commençait à l’écarter du devant de la scène, à l’expulser, à la dépouiller. Depuis Médée, depuis Electre.

Voix : détachement, et fracas. Feu ! Elle tire, elle se tire. Casse. Depuis leur corps où elles ont été enterrées, confinées, et en même temps interdites de jouir“, Hélène Cixous, Le Rire de la Méduse et autres ironies, Paris (Galilée) 2010, p.130. Übersetzung GL.

[16] Das Burgtheater schreibt: “Medea – Königstochter, Ehefrau, Betrogene, Fremde. Medea – Kindsmörderin, Hexe. Kaum eine Frauenfigur der Antike hat mehr Adaptionen inspiriert als sie. Jede Epoche warf dabei ihren eigenen Blick auf den Mythos um die Frau, die aus Liebe zu Jason ihre Heimat für immer verlässt und ihm nach Griechenland folgt. Sie gebiert ihm zwei Kinder, muss nach ein paar Jahren jedoch einer anderen, jüngeren Königstochter Platz machen. Medea tut das Unvorstellbare: Sie ermordet nicht nur Jasons neue Braut, sondern auch ihre eigenen Kinder“; https://www.burgtheater.at/de/spielplan/produktionen/medea/termine/2018-12-22/982734213/. Eine Besprechung der Neufassung des Euripides-Stücks bietet Bernd Noack, Es gibt keine Erlösung für Medea. Nirgends, auch nicht am Wiener Burgtheater, in NZZ 23.12.2018, 13:30 Uhr, https://www.nzz.ch/feuilleton/simon-stone-inszeniert-die-medea-jubel-im-burgtheater-ld.1447287.

[17] Die Freiheitskämpferin Eveline Safir Lavalette und Regisseurin Fatima Sissani in Médéa, Foto Fatima Sissani 22.5.2013, Original färbig.

[18] Algerien 2017, 76’, Dokumentarfilm. In Ouagadougou war er am 5.3.2018 um 15h im CENASA zu sehen.

[19] Frauen aus dem Schweigen zu holen, gehört sehr explizit und nicht nur bei diesem Film zum Programm der Regisseurin – siehe http://princefilm.ch/wp-content/uploads/2017/11/Tes-cheveux-de%CC%81me%CC%82le%CC%81s.pdf.

[20] Eveline Safir Lavalette, Juste Algérienne. Comme une tissure. Autobiographie, Algier (éditions Barzakh) 2013. Der Untertitel meines Artikels spiegelt den ihrer Autobiographie. “Juste“ heißt auch “gerecht“, ist auch der Ausdruck, den Israel verwendet, wenn es seine “Gerechten“ ehrt.

[21] Auf Französisch “moudjahida“, die männlichen Formen sind “Mudschahid“ bzw. “moudjahid“. Nicht zu verwechseln mit im Dschihad kämpfenden Muslims, laut Duden “Mudschahed“.

[22] Siehe auch Thilelli Chouikrats Interview mit der Regisseurin Fatima Sissani, wo sich diese um eine Erklärung des langen Schweigens bemüht: Thilelli Chouikrat, “Tes cheveux démêlés cachent une guerre de sept ans“ : trois femmes dans la Guerre d’Algérie, Tout sur l’Algérie/TSA 24.5.2017, https://www.tsa-algerie.com/fatima-sissani-tes-cheveux-demeles-cachent-une-guerre-de-sept-ans/.

[23] Eveline Safir Lavalette in Médéa, Foto Fatima Sissani 22.5.2013, Original färbig.

[24] Frantz Fanon – einziger Mann, den ich hier kurz im Reigen großer Frauen auftreten lasse – hat die Unabhängigkeit knapp nicht mehr erlebt. Er verstarb 36-jährig am 6. Dezember 1961.

[25] Das Misstrauen der draußeren Welt gegenüber hat seine – verständlichen – Wurzeln in den Wunden, die Frankreich geschlagen hat. Dort tut sich die Staatsspitze mit der Anerkennung der vor mehr als einem halben Jahrhundert begangenen Gräueltaten nach wie vor schwer. Dass der Erzfeind Marokko Algerien PR-mäßig immer deutlicher aussticht und drauf und dran ist, im Westsahara-Konflikt auf internationaler Bühne den Sieg davonzutragen – Algerien hat die Polisario von Anfang an unterstützt –, spielt hier sicher auch eine wesentliche Rolle. Schließlich hat die NATO-geführte Satte Welt mit der Beseitigung Muammar al-Gaddafis 2011 in unmittelbarer Nachbarschaft Algeriens ein Staatsversagen bewirkt, das ganz Nord- und Westafrika bis zum heutigen Tag destabilisiert und auch innerhalb Algeriens mit der Geiselnahme in der Gasförderanlage von In Aménas im Südosten des Landes im Jänner 2013 mit ihren 32 Toten direkte Auswirkungen zeitigte. Dass sich Algier einigelt, ist also in gewissem Sinn verständlich.

[26] Isabelle Werenfels beruft sich auf Gallup Global Law and Order 2015 Report, Gallup 2015. Isabelle Werenfels, Migrationsstratege Marokko – Abschotter Algerien, p.32 in Anne Koch, Annette Weber, Isabelle Werenfels (Hg.), Migrationsprofiteure? Autoritäre Staaten in Afrika und das europäische Migrationsmanagement, Stiftung Wissenschaft und Politik. Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit. SWP-Studie 3, Berlin April 2018.

[27] Angaben des Stockholm International Peace Research Institute/SIPRI abrufbar auf http://armstrade.sipri.org/armstrade/page/toplist.php.

[28] Eine berühmte Emigrantin: Fatima-Zohra Imalayène alias Assia Djebar, 1936-2015, 2005 in die Académie Française gewählt. Foto Michel-georges bernard 1992, Original färbig, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Assia_Djebar.jpg.

[29] Zahlen aus Tabelle 1 in David Kipp, Anne Koch, Auf der Suche nach externen Lösungen. Instrumente, Akteure und Strategien der migrationspolitischen Kooperation Europas mit afrikanischen Staaten, p.20 in Anne Koch, Annette Weber, Isabelle Werenfels (Hg.), Migrationsprofiteure? Autoritäre Staaten in Afrika und das europäische Migrationsmanagement, Stiftung Wissenschaft und Politik. Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit. SWP-Studie 3, Berlin April 2018.

[30] Im Original: “elle approche, non pour annuler l’écart, mais pour le voir, pour faire l’expérience de ce qu’elle n’est pas, qu’elle est, qu’elle peut être“, Hélène Cixous, Le Rire de la Méduse et autres ironies, Paris (Galilée) 2010, p.116. Übersetzung GL.

[31] Zu Taos Amrouche siehe z.B. HuffPost Algérie, Trois romans de Taos Amrouche réédités en Algérie, 24.5.2018, https://www.huffpostmaghreb.com/entry/trois-romans-de-taos-amrouche-reedites-en-algerie_mg_5b066807e4b05f0fc844a42e. Assia Djebar wurde insbesondere für ihr Auf-Französisch-Schreiben kritisiert.

[32] Im Original: “Pas l’origine : elle n’y revient pas. Trajet du garçon : retour au pays natal, Heimweh dont parle Freud, nostalgie qui fait de l’homme un être qui a tendance à revenir au point de départ, afin de se l’approprier et d’y mourir. Trajet de la fille : plus loin, à l’inconnu, à inventer“, Hélène Cixous, Le Rire de la Méduse et autres ironies, Paris (Galilée) 2010, p.129. Übersetzung GL.

[33] Gedenktafel für Taos Amrouche auf dem Haus in Saint-Michel-l’Oberservatoire (Département Alpes-de-Haute-Provence), wo sie bis zu ihrem Tod lebte, Foto: Compo 19.11.2018, Original färbig, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:The_house_where_Taos_Amrouche_lived_in_Saint-Michel-l%27Observatoire,_France.jpg.

[34] Siehe dazu Rosa Diaz, Afro Blues, in JeuneAfrique 28.10.2018, p.57 sowie, theoretischer, Isabelle Werenfels, Migrationsstratege Marokko – Abschotter Algerien, pp.23-35 in Anne Koch, Annette Weber, Isabelle Werenfels (Hg.), Migrationsprofiteure? Autoritäre Staaten in Afrika und das europäische Migrationsmanagement, Stiftung Wissenschaft und Politik. Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit. SWP-Studie 3, Berlin April 2018.

[35] Mohamed, Mitbegründer des KünstlerInnen- und StudentInnen-Cafés Dar d’Art in Oran, zitiert in Rosa Diaz, Afro Blues, in JeuneAfrique 28.10.2018, p.57.

[36] Im Original: “Dispersable, prodigue, étourdissante, désireuse et capable d’autre, de l’autre femme qu’elle sera, de l’autre femme qu’elle n’est pas, de lui, de toi“, Hélène Cixous, Le Rire de la Méduse et autres ironies, Paris (Galilée) 2010, pp.120f. Übersetzung GL.

[37] Eveline Safir Lavalette in Médéa, Foto Fatima Sissani 22.5.2013, Original färbig.