Jeder Hungertod ein Mord.

9 January 2019 | By | Category: Allgemein, Interessantes

Stunting, wasting, Unter- und Überernährung.

Günther Lanier, Ouagadougou 9.1.2019.

In unserer Welt des Überflusses gibt es genug Nahrungsmittel für alle. Wenn wir sie nicht dorthin schaffen, wo sie fürs Überleben notwendig sind. Wenn wir nicht dafür sorgen, dass alle über genug Mittel verfügen, um sich das erforderliche Essen zu besorgen. Wenn ein Kind, eine Frau, ein Mann an Hunger stirbt. Dann ist das Mord. Seit das Jean Ziegler[1] in aller Deutlichkeit gesagt hat, hat sich leider wenig geändert.

Dass Lebensmittel im Weltsystem Waren wie andere auch sind, dass sie für die KapitaleignerInnen[2] vor allem dazu dienen, Profite zu erwirtschaften, dass mit Essbarem spekuliert werden darf, dass es für Biosprit verwendet wird… – all das ist bei der Erzeugung von Hunger ganz wesentlich und ausschlaggebend.

Ich werde nicht die großen Zusammenhänge analysieren, bescheide mich mit einer kurzen Antwort auf die Frage: Wie schaut es mit Unterernährung in Afrika aus?

Zuerst ein grober Vergleich mit anderen Teilen der Welt.

Unterernährung der jeweiligen Bevölkerung
in %, Entwicklung 2005-17[3]

Nur geringfügig mehr als drei Viertel der SchwarzafrikanerInnen sind also ausreichend ernährt. Nur die Karibik und Südasien haben ähnliche arge Unterernährungsraten.

Unterernährung wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert als ein Körpermasseindex – oft wird im Deutschen der englische Terminus “Body Mass Index (BMI)“ verwendet – unter 18,5[4]. Um den BMI zu berechnen, wird das Gewicht (in kg) dividiert durch die Größe zum Quadrat (in Metern).

Ein Körpermasseindex zwischen 18,5 und 25 bedeutet für die WHO Normalgewicht, darüber beginnt das Übergewicht, bei 30 die Adipositas (Fettleibigkeit)[5].

Was die Gesundheit anbelangt, legen die ersten tausend Tage das Fundament fürs restliche Leben. Wobei schon im Mutterleib mit dem Zählen der tausend Tage begonnen wird[6]. Der Ernährung von (Schwangeren und) Kindern sollte daher spezielle Aufmerksamkeit zukommen, Mangel in der frühesten Kindheit kann Schäden verursachen, die später nicht mehr behoben werden können.

Stunting meint Wachstumsretardierung. Der englische Terminus (to stunt = hemmen, beeinträchtigen) wird auch im Deutschen und Französischen verwendet. Stunting wird meist für Kinder unter fünf erhoben. Stunting bedeutet zwei oder mehr Standardabweichungen kleiner als die altersentsprechende Median-Größe[7]. “Stunting ist vermindertes Wachstum, behinderte Entwicklung von Kindern; es ist zurückzuführen auf Mangelernährung, wiederholte Entzündungen und unzureichende psychosoziale Stimulierung“[8]. Zwei Standardabweichungen oder mehr unter dem altersentsprechenden Größenmedian sind die WHO-Definition von Stunting.

Auch Wasting wird in der Regel für Kinder unter fünf angegeben. Abermals wir der englische Terminus (to waste = auf/auszehren) auch im Deutschen und Französischen verwendet. “Bei Kindern ist Wasting ein Symptom akuter Unterernährung, meist bedingt durch ungenügende Nahrungsaufnahme oder häufige infektiöse Erkrankungen, insbesondere Durchfall. Wasting beeinträchtigt die Funktionsfähigkeit des Immunsystems und kann zu Verschlimmerung, Verlängerung und größerer Anfälligkeit für Infektionskrankheiten und zu erhöhtem Sterberisiko führen“[9]. Zwei Standardabweichungen oder mehr unter dem altersentsprechenden Gewichtsmedian sind die WHO-Definition von Wasting.

Heranwachsende Kinder und schwangere Frauen haben einen erhöhten Eisenbedarf. Sie sind daher besonders anfällig für Anämie, Blutarmut. Sie ist charakterisiert durch verminderte Hämoglobin-Werte[10], das sind Proteine, die in den roten Blutkörperchen Sauerstoff binden, also eine fürs (Über)Leben essentielle Aufgabe erfüllen. “Anämie erhöht Mütter- und Kindersterblichkeit. Eisenmangel-Anämie verringert die Arbeitsfähigkeit von Individuen oder ganzen Völkern (…). Außerdem haben ihre negativen Folgen für die kognitive und physische Entwicklung von Kindern sowie für die physische Leistungsfähigkeit – insbesondere die Arbeitsfähigkeit von Erwachsenen – gravierende Auswirkungen“[11].

Unter- und Überernährung, Stunting, Wasting, Anämie in Afrikas 54 Staaten
alle Angaben in Prozent[12]


Als “doppelte Last von Fehlernährung“ wird die auf den ersten Blick paradox erscheinende Simultaneität von Über- und Unterernährung in einem Land bezeichnet. Auch von Überernährung sind die Armen mehr betroffen als die Reichen. Einen Beitrag leisten hierbei auch die billigen Produkte der Nahrungsmittelindustrie-Multis[13].

FAO & Co schreiben in ihrem 2018er Welternährungsbericht sogar von der “multiplen” Last der Fehlernährung und stellen in einer Abbildung die vielfachen Überschneidungen unterschiedlicher Formen von Fehlernährung (Stunting und Wasting bei Kindern, Anämie bei Frauen, Übergewicht bei Kindern, Adipositas bei Erwachsenen) sehr anschaulich dar[14].

“Die multiple Last von Mangelernährung ist in Ländern mit niedrigerem[15] Einkommen größer und sie ist auf die Armen konzentriert. Auch in reichen Ländern ist Fettleibigkeit vor allem unter Armen verbreitet. Multiple Formen der Mangelernährung können nicht nur innerhalb eines Landes oder einer Gemeinschaft, sondern auch innerhalb eines Haushaltes vorkommen – und können im Lauf seines Lebens sogar ein und dasselbe Individuum betreffen“[16].

Hier noch eine Grafik, die die afrikanischen Staaten nach der Zahl der von Unterernährung Betroffenen reiht[17].

Eigentlich haben alle Menschen ein Recht auf angemessene Ernährung. Der Artikel 25 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte[18] und der Artikel 11 im UN-Sozialpakt[19] lassen keinen Zweifel daran. Doch für fast 1 Milliarde[20] ist das ein leeres Versprechen geblieben.

Diese fast 1 Milliarde muss das, was den Kapitalismus weltweit ausmacht und was ihn besser als alles andere charakterisiert, am eigenen Leib und bis hin zur Existenzbedrohung erfahren: Mangel[21].

 

Endnoten:

[1] Er war 2000-08 UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Das Zitat gibt es in mehreren Abwandlungen. Es dürfte erstmals 2002 in seinem Buch “Les Nouveaux Maîtres du monde et ceux qui leur résistent“ (Paris, Editions Fayard – auf Deutsch bei Bertelsmann in München 2003: “Die neuen Herrscher der Welt und ihre globalen Widersacher“) aufgetaucht sein: “Quiconque meurt de faim est victime d’un assassinat“, also “Wer auch immer an Hunger stirbt, ist Opfer eines Mordes“.

[2] Zum Agieren der Nahrungsmittelindustrie insbesondere in Südafrika und Indien gab’s in Ö1 am 3.3.2016 ein interessantes Journal Panorama.

[3] Grafik GL, erstellt auf Basis der Daten aus Food and Agriculture Organisation (FAO), International Fund for Agricultural Development (IFAD), Unicef, World Food Programme (WFP), World Health Organisation (WHO), The State of Food Security and Nutrition in the World 2018. Building Climate Resilience for Food Security and Nutrition, Rome (FAO) 2018, Tabelle 1, p.4. N.B.: Damit die Grafik übersichtlich bleibt, habe ich Ozeanien und Zentralasien weggelassen. Für “Nordamerika und Europa“ steht in der Tabelle in allen Spalten nur “< 2,5“, das habe ich auch weggelassen – es wird aber freilich bei der Berechnung des Weltdurchschnitts berücksichtigt.

[4] Die Unicef definiert Unterernährung als mindestens 2 Standardabweichungen unter dem altersentsprechenden Gewichtsmedian. Schwerwiegende (“severe“) Unterernährung beginnt bei 3 Standardabweichungen unter dem altersentsprechenden Gewichtsmedian. Siehe https://www.unicef.org/infobycountry/stats_popup2.html.

[5] Siehe zum Beispiel K.V.Bailey, A.Ferro-Luzzi, Use of Body Mass Index of Adults in Assessing Individual and Community Nutritional Status, http://apps.who.int/iris/bitstream/handle/10665/264139/PMC2486816.pdf?sequence=1&isAllowed=y.

[6] Bei den Maasai (meist “Massai“ geschrieben) steht die Welt Kopf: Nicht nur haben dort Frauen (und Kinder) generell schon zu wenig Zugang zu Nahrungsmitteln, während der Schwangerschaft werden sie dann noch kürzer gehalten, denn es heißt, dass Schwangere wenig essen und viel arbeiten sollen, damit die Embryos klein bleiben und es beim Gebären keine Komplikationen gibt. Siehe Elizabeth Kimani-Murage, Why Maasai women and their children go hungry, TheConversation 2.7.2018.

[7] Median bedeutet eine Hälfte liegt drüber und eine drunter, kann vom Durchschnitt teils erheblich abweichen.

[8] Schreibt die Weltgesundheitsorganisation https://www.who.int/nutrition/healthygrowthproj_stunted_videos/en/. Übersetzung GL. Bei Stunting und Wasting unterscheiden sich die WHO- und Unicef-Definitionen nicht. Für die Unicef siehe wieder https://www.unicef.org/infobycountry/stats_popup2.html.

[9] WHO, Nutrition Landscape Information System (NLIS) country profile indicators: interpretation guide, Genf (WHO) 2010, https://www.who.int/nutrition/nlis_interpretation_guide.pdf, p.1. Übersetzung GL.

[10] Hämoglobin-Werte ändern sich mit Alter, Geschlecht, Seehöhe, usw. Für Schwangere und Kinder unter fünf definiert die WHO 100g/l (gilt für Meeresniveau) als Untergrenze. Siehe abermals https://www.who.int/nutrition/nlis_interpretation_guide.pdf p.5. Auch das folgende, von GL übersetzte Zitat ist von dort.

[11] Die Anämie-Raten bei afrikanischen Frauen sind sehr hoch – sie betragen allerdings auch in Europa 20.2%, in Westeuropa 17,0%, in Österreich 17,3%.

[12] Tabelle GL, erstellt auf Basis der Daten aus Food and Agriculture Organisation (FAO), International Fund for Agricultural Development (IFAD), Unicef, World Food Programme (WFP), World Health Organisation (WHO), The State of Food Security and Nutrition in the World 2018. Building Climate Resilience for Food Security and Nutrition, Rome (FAO) 2018, Tabelle A1.1, pp.116ff.

[13] Ich habe oben schon auf das Journal Panorama verwiesen, in dem in Ö1 am 3. März 2016 von den Aktivitäten der Nahrungsmittelindustrie und ihren Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung insbesondere Indiens und Südafrikas berichtet wurde.

[14] Allerdings hätte ich die Größe der Boxen der jeweiligen Kategorien nicht zur Zahl der betroffenen Länder, sondern zur Zahl der in diesen Ländern lebenden Menschen proportional gestaltet. Food and Agriculture Organisation (FAO), International Fund for Agricultural Development (IFAD), Unicef, World Food Programme (WFP), World Health Organisation (WHO), The State of Food Security and Nutrition in the World 2018. Building Climate Resilience for Food Security and Nutrition, Rome (FAO) 2018, p.28.

[15] “in low-, lower-middle and middle income countries“ – auch die Länder mit “unteren mittleren und mittleren Einkommen“ sind betroffen, aber so kann ich das auf Deutsch nicht wirklich schreiben; weniger betroffen sind also die Länder mit “höheren mittleren Einkommen“ (upper middle income) und reiche Länder (high income).

[16] Food and Agriculture Organisation (FAO), International Fund for Agricultural Development (IFAD), Unicef, World Food Programme (WFP), World Health Organisation (WHO), The State of Food Security and Nutrition in the World 2018. Building Climate Resilience for Food Security and Nutrition, Rome (FAO) 2018, p.29. Der Text geht folgendermaßen weiter: “Various examples of such situations are found at the household and individual level. A household may, for instance, have both a stunted child and an overweight or obese mother. At an individual level, a woman could be both overweight and suffer from anaemia, and a child could be simultaneously stunted and overweight”.

[17] Grafik GL, erstellt auf Basis der Daten aus Food and Agriculture Organisation (FAO), International Fund for Agricultural Development (IFAD), Unicef, World Food Programme (WFP), World Health Organisation (WHO), The State of Food Security and Nutrition in the World 2018. Building Climate Resilience for Food Security and Nutrition, Rome (FAO) 2018, Tabelle A1.2, pp.128ff.

[18] Am 10.12.1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verkündet. Artikel 25.1 lautet auf Englisch “Everyone has the right to a standard of living adequate for the health and well-being of her/himself and of her/his family, including food, clothing, housing and medical care and necessary social services, and the right to security in the event of unemployment, sickness, disability, widowhood, old age or other lack of livelihood in circumstances beyond his control“ und auf Deutsch übersetzt: “JedeR hat das Recht auf einen Lebensstandard, der ihre/seine und ihrer/seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung und notwendige soziale Leistungen, sowie das Recht auf Sicherheit im Falle von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Invalidität oder Verwitwung, im Alter sowie bei anderweitigem Verlust seiner/ihrer Unterhaltsmittel durch unverschuldete Umstände“. Geschlechtsneutralität: GL; https://de.wikisource.org/wiki/Allgemeine_Erkl%C3%A4rung_der_Menschenrechte.

[19] Der Internationale Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte (International Covenant on Economic, Social and Cultural Rights, ICESCR) wurde am 16. Dezember 1966 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 16.12.1966 einstimmig beschlossen und ist nach der 35. Ratifizierung am 3.1.1976 in Kraft getreten.

[20] 2015-17 sollen es 803,1 Millionen gewesen sein laut Food and Agriculture Organisation (FAO), International Fund for Agricultural Development (IFAD), Unicef, World Food Programme (WFP), World Health Organisation (WHO), The State of Food Security and Nutrition in the World 2018. Building Climate Resilience for Food Security and Nutrition, Rome (FAO) 2018, Tabelle A1.2, p.128.

[21] Hierzu: Günther Lanier, Die Welt der Herrschaft des Mangels unterwerfen. Armut als Projekt von Kolonialismus und globalisiertem Kapitalismus, Wien (Radio Afrika TV) 29.8.2018, http://www.radioafrika.net/2018/08/29/die-welt-der-herrschaft-des-mangels-unterwerfen/.



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