Ganze Strauße.

6 February 2019 | By | Category: Allgemein, Interessantes

Nein keine Sträuße, keine Blumen.

Günther Lanier, Ouagadougou 6.2.2019.

Ist eine Geschäftsidee gefragt? Vielleicht gar für eines dieser modischen Dinger, die das KapitalistInnenherz zum Singen bringen: ein Startup?[1] Wie wär’s mit Vogelfedern? Naja, stimmt, nachfrageseitig ist das heutzutage nur mehr eine Marktnische – in der zweiten Hälfte des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts hingegen war es ein boomender Wirtschaftszweig[2]. Vor diesem Hintergrund spielt meine heutige Geschichte.

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Ist bekannt, dass es in der Evolutionsgeschichte nicht die Vögel waren, die Federn entwickelt haben, sondern vielmehr ihre nächsten Verwandten, die Saurier? Die gibt’s heute allerdings nicht mehr. Wie die Schuppen der Krokodile oder Schlangen bestehen auch Federn aus Keratin. Auch menschliche Haare und Nägel sowie Krallen, Klauen, Hufe, Hörner sind aus diesem Protein gemacht. Und Federn werden zwar mit Fliegen assoziiert, haben jedoch eine Vielfalt von Funktionen – nicht nur für die Menschen, sondern auch für die, an denen sie wachsen: Schutz vor Kälte und Hitze und Nässe. Und Zierde, für Letzteres dienen sie insbesondere den männlichen Exemplaren bei der Balz – bei Vögeln gilt meist Damenwahl.

Es gibt Vögel, die können nicht fliegen. Pinguine zum Beispiel. Oder Strauße.

Somalistrauße (Struthio molybdophanes) werden bis zu 2m75 groß und können um die 150kg wiegen, damit sind sie die Allergrößten unter den Vögeln. Ein schwarz-weißes Federkleid haben die Männchen. Da, wo keine Federn wachsen, an Kopf, Hals und Beinen – sind sie blaugrau, die Augen – es sind mit einem Durchmesser von etwa fünf Zentimetern die größten Augen aller Landwirbeltiere[4] – sind blass graubraun. Die Federn der Weibchen sind dunkelbraun, ihre Augen blaugrau.

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Somalistrauße sind über die letzten fünfzig Jahre sehr viel weniger geworden. Ihnen droht somit ein ähnliches Schicksal wie den Straußen der arabischen Halbinsel, denen die Ausbreitung der Menschen zum Verhängnis geworden ist[6].

Die Somalistrauße wurden kürzlich von den anderen Straußen getrennt, sie gelten jetzt als eigene Art, weil sie seit rund 4 Millionen Jahren genetisch abgesondert leben. Alle anderen heißen Struthio camelus und zu ihnen zählen die Nordafrikanischen oder Rothalsstrauße, die Zweitgrößten (bis zu 2m50 und 135kg). Fliegen können sie nicht, aber laufen tun sie schnell – mit Spitzengeschwindigkeiten um die 70 km/h – 50 km/h halten sie eine halbe Stunde durch.

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Heutige Straußenverbreitung in Afrika: gelb die Somalistrauße (Struthio molybdophanes), grün die Maasaistrauße (Struthio camelus massaicus), orange die nordafrikanischen Strauße (Struthio camelus camelus) und rot die südafrikanische Strauße (Struthio camelus australis)

Heute noch ärger vom Aussterben bedroht als ihre somalischen Verwandten, galten sie vor etwas über hundert Jahren in der Federnwelt als die “Rolls-Royce“ unter den Straußen[8]. Auf Englisch wurden sie Barbary-Strauße genannt, das klingt wie barbarisch, kommt aber von den BerberInnen und war ein Ausdruck, der Nordafrika von Marokko bis Libyen meinte. Die koloniale Inbesitznahme Afrikas war damals noch nicht lange her, das Wissen um Binnengebiete war noch sehr dürftig. Das galt auch für den Lebensraum der uns interessierenden Objekte der Begierde der Federindustrie. Seit langer Zeit schon waren Straußenfedern an die Ränder der Sahara gehandelt worden, nur von dort her waren sie auch EuropäerInnen bekannt. “Gerüchten zufolge – gesichertes  Wissen zum Thema gab es nicht – besaß der Berberstrauß ‘vielastige’ Federn, außerordentlich dicht und glänzend gewachsen und mit mehr Federästen pro Zentimeter versehen als die Federn jeder anderen Vogelart. Auf dem Weltmarkt herrschte reger Wettbewerb, und Straußenfedern waren in mehr als sechzig Gütegrade unterteilt, auf solche Feinheiten kam es also an“[9].

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Zentrum der Straußenfederproduktion war Südafrika – die Straußenzucht ermöglichte das Akkumulieren von Reichtümern, die den z.B. aus Diamanten oder Gold gewonnenen kaum nachstanden, bis heute legen die damals errichteten Paläste der “Federbarone“ dafür Zeugnis ab[11].

Um auf dem heiß umkämpften Federnweltmarkt die Nase vorne zu behalten, wollten die ProduzentInnen das Erbgut ihrer Struthio camelus australis, also der südafrikanischen Strauße, nachbessern – durch Beimischung nordafrikanischer Güte. So wurde der Plan ausgeheckt, sich vor Ort lebendes genetisches Material zu holen. Daraus wurde die “Trans-Saharan Ostrich Expedition“. Deren Führung wurde Russel William Thornton anvertraut, einem Helden des Buren-Krieges[12], der in der Folge Straußzüchter geworden war[13] und ab 1906 als Landwirtschaftsexperte am Department of Agriculture der Kapkolonie, ab 1910 auch als Rektor der neueröffneten Grootfontein School of Agriculture in der Nähe von Middelburg arbeitete[14]. Die Expedition brach im August 1911 von Kapstadt in aller Eile auf – die (wie sich erwies: unberechtigte) Furcht ging um, dass die USA Ähnliches planten.

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Ein kleines Problem bestand darin, dass niemand wusste, wo die begehrten Berberstrauße lebten. Die als heißest eingeschätzte Fährte führte in den Sahel, an den Südrand der Sahara[16]. Und so reisten Thornton, ein paar Straußexperten und rund hundert Träger, Fallensteller, Köche, Übersetzer… nach Kano, im heutigen Nord-Nigeria, dort kam das britische Reich dem Sahara-Südrand am nächsten.

Die Rothalsstrauße fanden sie in Kano allerdings nicht. Auch Reisen nach Katsina (weiter westlich) und an den Tschad-See (weiter östlich) brachten die Tiere selbst nicht zum Vorschein. Anhand der Federn, die ihnen bei den Kontrollen der Karawanen unterkamen, wurde aber langsam klar, dass die Berberstrauße in der Gegend von Zinder leben mussten. Das liegt gar nicht so weit von Kano weg, vielleicht 250 km nördlich. Nur verlief dazwischen eine koloniale Grenze: Zinder gehörte Frankreich. Das war heikel.

Die Südafrikanische Union war zu diesem Zeitpunkt ein frischgeschlüpfter Staat, war knapp über ein Jahr alt[17], konnte sich keinen Konflikt mit einer – damals – Weltmacht wie Frankreich leisten. Doch die Straußenlobby setzte sich durch und Thornton durfte zum Straußenfang nach Zinder reisen.

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Sie suchten um eine Ausfuhrgenehmigung an. Doch – ätsch – die bekamen sie nicht. Und nicht. Und nicht. Egal wie sehr sich Südafrika und Nigeria und sogar die britische Krone ins diplomatische Zeug legten. Der Paris verantwortliche Generalgouverneur ließ sich nicht erweichen: Sie durften die Tiere weder jagen noch gefangen nehmen noch kaufen noch sie sich sonst wie beschaffen. So zogen sie unverrichteter Dinge wieder ab.

Gaben aber nicht auf. Nutzten die nächsten Monate in Kano dafür, ihre zu dem Zweck in Stadtnähe errichteten Gehege bis Ende April 1912 mit einer Herde von 150 der riesigen Rothalsstrauße zu füllen – wie das geschah und ob alles mit rechten, also legalen Mitteln bewerkstelligt wurde, wie der Expeditionsleiter beteuerte – er hätte nur seine Handelskontakte zu den Emiren rundum spielen lassen –, ob dabei nicht doch nochmals die Grenze überquert wurde und sogar gekämpft wurde, wie es ein anderes Expeditionsmitglied[19] geschildert hat, ist ungeklärt. Ein diplomatischer Zwischenfall wurde jedenfalls vermieden.

Dann war die Logistik an der Reihe. Für den Transport per Träger wurden zunächst aus Palmenrohr – ich nehme an, das meint Rattan – spezielle Käfige gebaut. Auch für die folgende Beförderung per Bahn mussten die Güterwägen erst adaptiert werden. So gelangten die Vögel an die Küste. Dort wurden sie in einen extra für sie eingerichteten Laderaum eines Dampfschiffes verfrachtet und gelangten schließlich nach Kapstadt.

127 überstanden die Reise. Thornton & Co wurde ein Heldenempfang bereitet. Seine tierischen Gefangenen wurden nach Middelburg an die landwirtschaftliche Experimentierstation[20] gebracht und dort ihrer Bestimmung zugeführt, nämlich das Erbgut ihrer südafrikanischen Verwandten federmäßig zu veredeln und die Vormachtstellung der südafrikanischen Federn“industrie“ weltweit abzusichern.

Es war gelungen.

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Doch konnten sich die StraußenzüchterInnen Südafrikas nicht lange dieses Erfolges freuen. Insbesondere wegen des Ersten Weltkriegs brach zwei Jahre später der Federnweltmarkt ein.

 

Endnoten:

[1] Laut Wiki “eine Unternehmensgründung mit einer innovativen Geschäftsidee und hohem Wachstumspotenzial“ – was kann eineR noch mehr wollen?

[2] Quasi als Maßstab hierfür habe ich mehrmals erwähnt gefunden, dass beim Untergang der Titanic, das höchstversicherte Gut an Bord 40 Kisten feiner Federn für New Yorker HutmacherInnen waren, 1912 war das. Die “Feder-Industrie“ beschäftigte damals allein in London 22.000 Leute. Siehe Thor Hanson, Federn, Berlin (Matthes & Seitz) 2016, p.177. Die Idee zu diesem Artikel stammt von ebd., pp.178-184.

[3] “Chapeau! Schwarzer Hut mit Feder“ aus dem LVR Industriemuseum Cromford, AutorIn: Geolina 27.6.2015, leicht überarbeitet GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:LVR_Cromford_Hut_Federn_1910_1915.jpg.

[4] Das hat mir der Steckbrief Strauß der ZOOM-Erlebniswelt Gelsenkirchen verraten – siehe https://www.zoom-erlebniswelt.de/afrika/tierlexikon/afrikanischer-rothalsstrauss.html.

[5] Somalistraußmännchen, Foto von Christiaan Kooyman 10.1.2003 nahe Isiolo, Kenia, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Somali_ostrich.jpg.

[6] Auch in Indien und China lebten vor langer Zeit Strauße.

[7] Karte erstellt von Begoon am 26.9.2012 auf Basis von Arbeiten von Eric Gaba und Renato Caniatti, https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Struthio_camelus_distribution.svg.

[8] Die Formulierung ist von David Fleminger, Ostriches in Oudtshoorn. The Ostrich is an ancient Bird, 2018, http://southafrica.co.za/ostriches-oudtshoorn.html.

[9] Thor Hanson, Federn, Berlin (Matthes & Seitz) 2016, p.179. Oder auch: “The Barbary Ostrich is (…) the largest living bird. The plumes were correspondingly larger, and were also “double-flossed”, with delicate filmy down that was twice as dense as ordinary ostrich feathers, creating a wonderfully luxurious display that would produce the finest-quality hats that anyone had ever seen“ – Lenny Flank, The Trans-Saharan Ostrich Expedition, 27.9.2017, https://lflank.wordpress.com/2017/09/27/the-trans-saharan-ostrich-expedition/.

[10] Struthio camelus camelus, Foto MathKnight 2008, Israel, leicht überarbeitet von GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Yaen001.jpg.

[11] Zu den “feather barons” siehe David Fleminger, Ostriches in Oudtshoorn. The Ostrich is an ancient Bird, 2018, http://southafrica.co.za/ostriches-oudtshoorn.html.

[12] Second Anglo Boer War 1899-1902, Großbritannien besiegte schließlich die Buren-Republiken. In diesem Krieg wurden “Konzentrationslager“ erfunden/erstmals so genannt.

[13] Siehe abermals Lenny Flank, The Trans-Saharan Ostrich Expedition, 27.9.2017, https://lflank.wordpress.com/2017/09/27/the-trans-saharan-ostrich-expedition/.

[14] Siehe C. Plug, Thornton, Mr Russell William (agriculture), auf S2A3 Biographical Database of Southern African Science, letztmals aktualisiert am 25.12.2014, https://www.s2a3.org.za/bio/Biograph_final.php?serial=2840.

[15] Straußenpaar am Cape Point, der Südspitze des afrikanischen Kontinents. Keine Angaben zu FotografIn oder Zeitpunkt des Fotografierens: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ostriches_cape_point.jpg.

[16] Eine Kamelkarawane hatte, aus dem Süden durch die Sahara kommend, ein Päckchen der begehrten Federn nach Tripolis gebracht, sonst waren es meist nur einzelne Federn gewesen, die in europäische Hände gelangt waren. Somit war also nicht gerade eine exakte Ortsbestimmung möglich.

[17] Am 31.5.1910 konstituiert, war sie ein selbstregiertes Dominion im britischen Commonwealth.

[18] Strauße beim Balzritual auf einer Farm Neuhof in Namibia, Foto Hp.Baumeler 15.4.2018, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Strauss_Balzritual_Farm_Neuhof_Namibia_2018.jpg.

[19] Frank C. Smith. Siehe Thor Hanson, Federn, Berlin (Matthes & Seitz) 2016, pp.182f.

[20] Heute Grootfontein Agricultural Development Institute. Zu seiner Geschichte siehe http://gadi.agric.za/history.php.

[21] Straußenherde (Struthio camelus australis) bei einer Wasserstelle in einem Wildschutzgebiet östlich von Swakopmund, Namibia, Foto ComQuat 13.8.2012, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Strau%C3%9Fenherde.JPG.



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