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Trikontinental.

Poesie von links.

Günther Lanier, Ouagadougou 13.2.2019.

Literatur braucht sich nicht in einen Elfenbeinturm zurückziehen. Die Poesie ist eine mit Zukunft geladene Waffe. Meinte Gabriel Celaya in seinen Iberischen Gesängen 1955[1].

Stellen wir den atlantischen Dreieckshandel auf den Kopf. Gabriel Celaya führt uns von Spanien nach Kuba, dort gedenkt die “Schwarze Frau“ Afrikas und an der Hand Nancy Morejóns besuchen wir ihren Poetenfreund Keorapetse Kgositsile in Südafrika.

 [2]

Der 1911 im Baskenland geborene Gabriel Celaya schreibt schon in den 1930er Jahren Gedichte, kämpft im spanischen Bürgerkrieg gegen die Truppen Francos, wird 1937 gefangengenommen. Danach “versteckt“ er sich einige Jahre im elterlichen Betrieb “vor seiner Bestimmung“, doch 1956 zieht er nach Madrid und widmet sich für den Rest seines Lebens (er stirbt am 18. April 1991) der Sozialen Poesie (poesía social[3]), der Engagierten Literatur (literatura comprometida/engagée[4]). Seine Kandidatur 1977, bei den ersten Parlamentswahlen nach dem Tod Francos, für die spanische KP ist literarisches Engagement mit anderen Mitteln.

Tödlicher Rat

Errichte dein Haus. Pflanze einen Baum.
Kämpfe, wenn du jung bist. Mach’ Liebe, ja, allezeit!
Und vergiss über deinen Triumphen nicht, das zu bauen,
was du am dringendsten brauchst: die Ruhestätte, das Obdach[5].

1966 und 1967 hat Celaya bei seinen Kuba-Reisen – die Revolution ist dort noch keine zehn Jahre alt – freilich auch Nancy Morejón getroffen – die erinnert ihn als eine quirlige Person, die nichts anderes im Kopf hat, als den anderen mit seinem Dichterfreund Nicolás Guillén Streiche zu spielen[6].

Nah und fern

Jenseits der Sünde,
unsagbar, bete ich dich an,
auf der Suche nach Worten
stoße ich nur auf Küsse[7].

 [8]

Nancy Morejón ist jünger als Celaya, sie wurde 1944 in der kubanischen Hauptstadt Havanna geboren. Ihren ersten Gedichtband veröffentlichte sie 1962, “Mutismos“ hieß der, also “Stummheiten“. Sie hat in der Folge viele Preise eingeheimst und war unter anderem Ende der 2000er Jahre Präsidentin des Kubanischen Schriftstellerverbandes UNEAC[9].

Schwarze Frau

Noch immer rieche ich den Schaum des Meeres, das sie mich zu überqueren zwangen.

An die Nacht kann ich mich nicht erinnern.
Nicht einmal der Ozean könnte sich an sie erinnern.
Aber ich erinnere mich an den ersten Pelikan, den ich sah.
Weit oben die Wolken, unschuldige Augenzeuginnen.
Vielleicht habe ich weder meine verlorene Küste noch die Sprache meiner Ahninnen vergessen.

Sie ließen mich hier und hier habe ich gelebt.
Und weil ich gearbeitet habe wie ein Tier,
wurde ich hier wiedergeboren.
Bei wie vielen Mandinka[10]-Epen habe ich nicht Zuflucht gesucht!

Ich lehnte mich auf.         

Euro Gnaden kauften mich auf einem Marktplatz.
Euro Gnaden Uniformjacke bestickte ich und männlichen Nachwuchs gebar ich Ihnen.
Namen bekam mein Sohn keinen.
Und Euro Gnaden starben durch die Hand eines tadellosen englischen Lords.

Ich ging.         

Das ist das Land, auf dem ich bäuchlings ausgepeitscht wurde.
Alle seine Flüsse bin ich auf und ab gefahren.
Unter seiner Sonne hab’ ich gesät, doch die Ernte, die ich einholte, hab’ ich nie gegessen.

Heim war mir eine Baracke.
Ich selbst hatte die Steine getragen, um sie zu bauen,
aber ich sang natürlich im Takt der Vögel des Landes.

Ich begehrte auf.         

Auf derselben Erde berührte ich das frische Blut
und die modrigen Knochen von vielen anderen,
hergebracht, genau wie ich, oder auch nicht.
Schon dachte ich nie mehr an die Rückkehr nach Guinea.
War’s Guinea? Oder Benin? War’s Madagaskar? Oder die Kapverden?

Ich arbeitete noch mehr.         

Auf festem Grund errichtete ich hier meinen tausendjährigen Gesang und meine Hoffnung.
Hier erschuf ich meine Welt.

Ich ging in die Berge.         

Meine tatsächliche Unabhängigkeit fand ich hinter den Palisaden[11]
und ich ritt mit den Truppen Maceos[12].

Ein Jahrhundert darauf,

stieg ich hinab         

vom azurblauen Berg,
Hand in Hand mit meinen Nachkommen[13],
um den Generälen und den Wucherern,
dem Bürgertum und dem Kapital ein Ende zu bereiten.

Jetzt bin ich. Jetzt erst besitzen wir, erschaffen wir.
Nichts ist uns fremd.
Unser ist die Erde.
Unser das Meer und der Himmel.
Unser die Magie und die Einbildung.
Mir Gleiche sehe ich tanzen
um den Baum, den wir für den Kommunismus gepflanzt haben.
Sein nobles Holz tönt schon weithin[14].

 [15]

Nancy Morejón reiste nicht nur in Gedichten nach Afrika. Bei einer Internationalen SchriftstellerInnenkonferenz 1987 traf sie Keorapetse Kgositsile[16]. Der war 1938 geboren, also sechs Jahre vor ihr, in Johannesburg und wuchs in einem weißen Bezirk auf – da mietete seine Mutter in einem Hinterhof einen Schuppen – das Johannesburg, das auf den beiden Fotos zu sehen ist, ist also eher ein Kontrapunkt zu der Keorapetse Kgositsile[17] bekannten Welt. Er begann früh mit dem Schreiben – und engagierte sich politisch, war ein prominentes Mitglied des African National Congress. Er sah sich 1961 gezwungen, ins Exil zu gehen – lebte zuerst kurz in Tansania, dann lange (1962-75) in die USA, dann wieder in Afrika (Tansania, Kenia, Botsuana, Sambia…) und konnte erst 1990 nach Südafrika zurückkehren.

 [18]

Aus Nancy Morejóns 1987er Begegnung mit Keorapetse Kgositsile wurde eine Freundschaft. Im Juni 1992 hielt sie beim Südafrikanischen SchriftstellerInnen-Kongress die Eröffnungsrede. Da lag das Apartheid-System in seinen letzten Zügen. Bra Willie, wie Keorapetse Kgositsile weithin genannt wurde, begleitete sie auf der ganzen folgenden Lese- und -Vortragsreise durch Südafrika-– als ihren Cicerone bezeichnete sie ihn liebevoll[19].

Zehn Jahre später haben sich die an den Machtwechsel geknüpften Hoffnungen weitgehend zerschlagen.

Mandelas Predigt

Gesegnet sind die Entmenschten
denn sie haben nichts zu verlieren
außer ihrer Geduld

Falsche Götter haben den Poeten in mir getötet. Jetzt
grabe ich Gräber
mit künstlerischer Präzision[20]

Ich lese dieses Gedicht so, dass Keorapetse Kgositsile Nelson Mandela & Co des Verrats bezichtigt. Die fast allseits gepriesene Versöhnlichkeit des neuen Staatschefs bedeutete vor allem den Fortbestand des alten Ausbeutungssystems, auch wenn mit dem Überwinden der Apartheid einige von deren Exzessen beseitigt werden konnten. Winnie Mandela hat sich umsonst bemüht, ihren aus dem Robben Island-Gefängnis befreiten (damals noch) Mann auf der früheren, revolutionären Linie zu halten[21].

Ursprünge

tief in deinen Backen
gehören deinem dir eigenen Lachen
alle Dinge südlich der Geister
die wir einst waren.  direkt vor uns

gibt die Erinnerung von der Zukunft her Zeichen
du und ich eine Sippe Farben
dieses Lied  jener Tanz
gottähnliche Rhythmen zum Gebären
von Fußstapfen der Erinnerung
nach denen sogar die Seele sich sehnt. Lieder

von Ursprüngen Lieder von unaufhörlichen Anfängen
was ist dieses Ding die
Liebe [22]

Keorapetse Kgositsile ist voriges Jahr am 3. Jänner 79-jährig gestorben. Gabriel Celaya war 80 geworden. Nancy Morejón lebt glücklicherweise noch.

Rest in Peace, Bra Willie! Hab’ tausend Dank für Deine Gedichte!

 

Endnoten:

[1] La poesía es un arma cargada de futuro, “Cantos iberos”, 1955. Siehe z.B. http://www.gabrielcelaya.com/documentos_algunospoemas.php

[2] Gabriel Celaya in seiner Werkstatt, Foto Alberto Schommer, keine Angabe zum Datum, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gabriel_Celaya_bere_lantokian.jpg.

[3] Neben Gabriel Celaya sind die HauptvertreterInnen der die politischen Umstände unter der Franco-Diktatur kritisierenden und Freiheit reklamierenden Sozialen Poesie Miguel Hernández, Blas de Otero, Ángela Figuera Aymerich, José Hierro und Gloria Fuertes.

[4] Siehe Jean-Paul Sartres Essai “Qu’est-ce que la littérature?”, erschienen 1948 in den Editions Gallimard.

[5] Im Original: CONSEJO MORTAL // Levanta tu edificio. Planta un árbol. / Combate si eres joven. Y haz el amor, ¡ah, siempre! / Mas no olvides al fin construir con tus triunfos / lo que más necesitas: Una tumba, un refugio. Übersetzung GL; http://el-placard.blogspot.com/2012/04/poemas-de-gabriel-celaya.html.

[6] Ernesto Sierra, Tranquilamente hablando de Gabriel Celaya, 19.3.2011, https://sierraernesto.wordpress.com/2011/03/19/tranquilamente-hablando-de-gabriel-celaya/. Laut https://www.smith.edu/poetrycenter/wp/morejon/ war Nicolás Guillén für Nancy Morejón eine Art Mentor.

[7] Es handelt sich nur um das erste Drittel des Gedichts. Im Original: CERCA Y LEJOS // Más allá del pecado, / indecible, te adoro, / y al buscar mis palabras / sólo encuentro unos besos. Übersetzung GL; http://el-placard.blogspot.com/2012/04/poemas-de-gabriel-celaya.html.

[8] Nancy Morejón am 5.7.2004 in Matanzas, Kuba, Foto Potosino, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nmorejn5jul04.JPG.

[9] Presidente de la Asociación de Escritores de la Unión de Escritores y Artistas de Cuba.

[10] Eine dem Bambara und Dioula eng verwandte, unter anderem in Mali verbreitete Sprache.

[11] Im Original “palenque“, was Palisade oder Umzäunung bedeutet und für die versteckten Siedlungen der Cimarrones steht, der in die Berge gegangenen SklavInnen (cima heißt Gipfel). Siehe z.B. Daniel García Valdés, Cimarrones de palenque, guerreros de la libertad, 30.11.2015, https://lasoga.org/cimarrones-de-palenque-guerreros-de-la-libertad/. Es gibt etwas über 100 km westsüdwestlich von Havanna den Palenque de los Cimarrones de Viñales, ein “lebendes Museum“ zum Andenken an die Cimarrones – siehe z.B. https://www.inhavana.net/es/palenque-cimarrones-vinales-cuba/.

[12] Antonio Maceo, 1845-96, kubanischer General, der dem anti-spanischen Unabhängigkeitskampf eine sozialrevolutionäre Komponente hinzufügte.

[13] Die kubanischen RevolutionärInnen stiegen sozusagen von der Sierra Maestra hinab und verjagten zum Jahreswechsel 1958/59 den Diktator Fulgencio Batista.

[14] “Mujer negra“ ist Nancy Morejóns bekanntestes Gedicht. Übersetzung GL, Original z.B. auf https://negracubanateniaqueser.com/somos-negras-cubanas/mujer-negra-de-nancy-morejon/. Im Original: Mujer Negra // Todavía huelo la espuma del mar que me hicieron atravesar. // La noche, no puedo recordarla. / Ni el océano podría recordarlo. / Pero no olvido al primer alcatraz que divisé. / Altas, las nubes, como inocentes testigos presenciales. / Acaso no he olvidado ni mi costa perdida, ni mi lengua ancestral. // Me dejaron aquí y aquí he vivido. / Y porque trabajé como una bestia, / aquí volví a nacer. / A cuánta epopeya mandinga intenté recurrir. // Me rebelé. // Su Merced me compró en una plaza. / Bordé la casaca de Su Merced y un hijo macho le parí. / Mi hijo no tuvo nombre. / Y Su Merced murió a manos de un impecable lord inglés. // Anduve. // Esta es la tierra donde padecí bocabajos y azotes. / Bogué a lo largo de todos sus ríos. / Bajo su sol sembré, recolecté y las cosechas no comí. // Por casa tuve un barracón. / Yo misma traje piedras para edificarlo, / pero canté al natural compás de los pájaros nacionales. // Me sublevé. // En esta misma tierra toqué la sangre húmeda / y los huesos podridos de muchos otros, / traídos a ella, o no, igual que yo. / Ya nunca más imagine el camino a Guinea. / ¿Era a Guinea? A Benín? ¿Era a Madagascar? ¿O a Cabo Verde? // Trabaje mucho más. // Fundé mejor mi canto milenario y mi esperanza. / Aquí construí mi mundo. // Me fui al monte. // Mi real independencia fue el palenque / y cabalgué entre las tropas de Maceo. // Solo un siglo más tarde, / junto a mis descendientes, / desde una montaña azul, // bajé de la Sierra // para acabar con capitales y usureros, / con generales y burgueses. // Ahora soy: Sólo hoy tenemos y creamos. / Nada nos es ajeno. / Nuestra la tierra. / Nuestro el mar y el cielo. / Nuestras la magia y la quimera. / Iguales míos, aquí los veo bailar / alrededor del árbol que plantamos para el comunismo. / Su prodiga madera ya resuena.

[15] Das Ansteys Building wurde 1935 gebaut, drei Jahre vor Keorapetse Kgositsiles Geburt. Foto Johannesburg Heritage Foundation, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ansteys_Building_JHF_59_-_61_Joubert_%26_Jeppe_in_1956_str011.jpg.

[16] Auf Nancy Morejóns Essay “Viaje a Suráfrica” gestützt wird die Geschichte dieses ersten Treffens erzählt in Cynthia Gabbay, Karin Berkman, The story of an alliance between two poets – one Cuban, one South African, TheConversaton 3.2.2019, https://theconversation.com/the-story-of-an-alliance-between-two-poets-one-cuban-one-south-african-110802. Ebd. ist als Ort nur “Congo” angegeben – ich nehme an, es handelt sich umCongo-Brazzaville, da Congo-Kinshasa damals ja Zaïre hieß.

[17] Wie für Nancy Morejón und Gabriel Celaya hätte ich für diesen Artikel gerne auch von Keorapetse Kgositsile ein Foto verwendet – ich habe allerdings kein gemeinfreies gefunden. Am Netz sind aber viele zu finden, die allermeisten mit seiner markanten Kappe.

[18] Abermals drei Jahre vor Keorapetse Kgositsiles Geburt, also 1935, fertiggestellt: die Stadtbibliothek Johannesburgs; FotografIn unbekannt, African Studies Centre Leiden, Koopman-Sammlung (Postkarten von Bibliotheken), https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Johannesburg,_New_Library.JPG.

[19] Siehe abermals Cynthia Gabbay, Karin Berkman, The story of an alliance between two poets – one Cuban, one South African, TheConversaton 3.2.2019, https://theconversation.com/the-story-of-an-alliance-between-two-poets-one-cuban-one-south-african-110802.

[20] Mandela’s Sermon, aus “If I could sing”, 2002 bei Kwela Publishers erschienen; https://www.poetryinternationalweb.net/pi/site/poem/item/5448/auto/0/0/Keorapetse-Kgositsile/MANDELAS-SERMON. Übersetzung GL. Im Original: Mandela’s Sermon // Blessed are the dehumanized / for they have nothing to lose / but their patience // False gods killed the poet in me. Now / I dig graves / with artistic precision.

[21] Siehe dazu Günther Lanier, Der südafrikanische Tod der Revolution. Von Winnie zu Ramaphosa, Radio Afrika TV 20.12.2017, http://www.radioafrika.net/2017/12/20/der-sudafrikanische-tod-der-revolution/.

[22] Origins, aus “If I could sing”, 2002 bei Kwela Publishers erschienen; https://www.poetryinternationalweb.net/pi/site/poem/item/5449/auto/0/0/Keorapetse-Kgositsile/ORIGINS. Übersetzung GL. Im Original: Origins // deep in your cheeks / your specific laughter owns / all things south of the ghosts / we once were.  straight ahead // the memory beckons from the future / you and I a tribe of colours / this song  that dance / godlike rhythms to birth / footsteps of memory / the very soul aspires to. Songs // of origins songs of constant beginnings / what is this thing called / love.