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Ungezähmte Natur.

Take a Walk on Africa’s Wild Side, Honey[1].

Günther Lanier, Ouagadougou 20.2.2019.

Zu “Wildnis“ assoziiere ich undurchdringliche Urwälder, tendenziell in den Tropen. In Österreich gibt’s an den Südabhängen des Dürrensteins noch einen Wald, der ist mehr oder weniger im Urzustand, obwohl sicher leichter durchdringbar als seine tropischen Brüder. Jedenfalls ist er der mit 3.500 ha größte Urwaldrest Mitteleuropas.

Der Erde verbleibende Wildnisgebiete sind ganz überwiegend Eis- oder Steinwüsten. Dem ganz überwiegenden Rest des Planeten hat die Menschheit ihren Stempel aufgedrückt.

 [2]

Die unbeeinträchtigte Natur hat sich wohl oder übel in Gegenden zurückziehen müssen, deren Unterwerfung und Nutzbarmachung die Menschen nicht oder nur wenig interessieren. Es handelt sind um unfruchtbare Gebiete, wo es sehr kalt oder extrem trocken ist, die meisten liegen am Nordrand des eurasischen Kontinents und Amerikas, in Arktis-Nähe.

Wildnis ist Objekt zivilisationsmüder Sehnsucht. Tatsächlich ist sie schwer bis unerreichbar. Mehrheitlich ist sie unwiederbringbar vorüber. Ach, Mutter Erde!

Noch vor hundert Jahren wurden nur 15% der Oberfläche der Erde für Bodenbau und Viehzucht verwendet. Wenn wir heute prüfen, so haben 77% der Landfläche und 87% der Ozeane[3] unseres Planeten Modifikationen durch die direkten Auswirkungen menschlicher Aktivitäten erlitten[4].

Die flächenmäßig größten intakten Ökosysteme finden wir heute (in dieser Reihenfolge) in Russland, Kanada, Australien, den USA und Brasilien[5]. Algerien folgt an zehnter, Libyen an elfter Stelle, Niger, Mauretanien und Mali besetzen die Plätze dreizehn bis fünfzehn, Tschad ist siebzehnter, Ägypten zwanzigster[6].

Die folgende Karte[7] zeigt die weltweite Verteilung von Wildnisgebieten. Wobei für die Erfassung ein Minimum von 10.000 km2 definiert war[8]. Grüngefärbt ist die Wildnis 2009, lila die zusätzliche Wildnis 1993, lilagefärbt sind mit anderen Worten die in den sechzehn Jahren von 1993 bis 2009 verlorengegangenen Wildnisgebiete.

 

Die grauen Teile der Erdoberfläche waren und sind in erheblichem und nur schwer rückgängig machbarem Ausmaß menschengemachten Stressoren (auf Englisch eleganter: “anthropogenic stressors“) ausgesetzt.

Was Afrika betrifft konzentriert sich das Grün auf die Sahara. Der Rest des Kontinents beherbergt heute nur mehr Überreste von (mindestens 10.000 km2 großen Gebieten von) Wildnis. Im Süden bleibt das Okavango-Delta. Im Herzen des Kontinents bleibt noch ein Gebiet in der östlichen Zentralafrikanischen Republik, an der Grenze zum Südsudan.

Im selben Land nordwestlich davon, vor allem aber rund um das Dreiländereck Kongo-Brazzaville-Gabun-Kamerun sind in den 16 Jahren zwischen 1993 und 2009 Wildnisgebiete verlorengegangen (die kleinen lila Flecken). Auch die Sahara-Wildnis ist in diesen sechzehn Jahren geschrumpft. Davon waren vor allem die (marokkanisch besetzte) Westsahara, Südwest- und Südost-Ägypten und – in etwas geringerem Ausmaß – Niger betroffen.

Weiten wir jetzt den Blick.

Der ökologische Fußabdruck misst, wie sehr zur Verfügung stehende Biokapazität (Land- und Wasserflächen) von Menschen in Anspruch genommen wird. Die folgende Karte[9] stellt die Lage für Afrika 1993 dar.

 

Dunkelblau bedeutet null Belastung für Mutter Natur und stellt das untere Ende der von 0 bis 50 reichenden Skala dar. Über helleres Blau geht es zu Grün. Hellstes Grün bedeutet einen mittleren Wert von ungefähr 25. Dann kommen Gelb und Orange, bevor Rot die Spitzenwerte anzeigt.

Besorgniserregende Werte wurden 1993 in Afrika im Nildelta und in Teilen des unteren Niltals verzeichnet, in Teilen des Küstenbereichs im Maghreb, rund um Dakar, dann in städtischen Gebieten an der Guineagolf-Küste zwischen Accra und Port Hartcourt; in Südafrika rund um Kapstadt, an der Küste rund um Durban und im Inneren im Gebiet um Johannesburg; im östlichen Afrika schließlich an mehreren Orten im Küstenbereich zwischen Mogadischu und Dar es Salaam sowie nordöstlich des Victoriasees.

Dunkelblaue, also belastungslose Gebiete fanden wir vor 25 Jahren zuallererst in der Sahara – siehe oben zur Wildnis –, in Zentralafrika zudem in der Zentralafrikanischen Republik und im erweiterten Dreiländereck Kamerun-Gabun-Kongo Brazzaville und im südlichen Afrika schließlich in Angola, Namibia und Botswana.

Wie ging es seit 1993 weiter?

Darüber gibt die folgende Karte[10] Auskunft. Sie stellt dar, wo sich der ökologische Fußabdruck in den 16 Jahren von 1993 bis 2009 verbessert und wo er sich verschlechtert hat. Weltweit wurde in diesem Zeitraum übrigens eine 9%ige Mehrbelastung gemessen[11].

Dunkelgrün bedeutet eine verminderte Belastung, hellgrün eine leichte Verbesserung.

Gelb steht für eine leichte Verschlechterung, orange für Verschlimmerung und rot für eine hochgradige Verschlechterung.

Besonders besorgniserregend war somit die Entwicklung an der Maghrebküste, im Nildelta und unteren Niltal sowie in einem großen Gebiet, das sich von Dakar östlich bis an den Tschadsee erstreckt und Teile Senegals ebenso umfasst wie den (fruchtbaren) Südteil Malis, ganz Burkina Faso, den Norden Ghanas, Togos und Benins, den (fruchtbaren) Südwesten Nigers und einen guten Teil des Nordens Nigerias.

Positiv war die Entwicklung vor allem im Südosten des Kontinents, in einem Gebiet, das sich vom Südostufer des Victoriasees durch Ost-Tansania, Mosambik, Simbabwe, Ost-Sambia und Ost-Botswana in den Osten Südafrikas erstreckt, wobei die Minderung menschlichen Drucks in Sambia, Simbabwe und im südwestlichen Mosambik besonders ausgeprägt war. Auch entlang der Küste des Guineagolfs wurden in der Côte d’Ivoire, Ghana, Nigeria und Kamerun leichte Verbesserungen verzeichnet (im Nigerdelta sogar erhebliche) und dasselbe gilt für einen Streifen, der von Mittelkamerun durch den Südwesten der Zentralafrikanischen Republik und durch den Norden Kongo-Kinshasas bis zur ugandischen Grenze reicht.

Fazit: Gehen wir mit der uns von den AhnInnen anvertrauten Erde sorgsam um!

N.B.: Dass ich mich auf Afrika konzentriert habe, bedeutet in keinster Weise, dass Afrika viel Schuld trägt am globalen Klimawandel. Ganz im Gegenteil: Dafür ist zuallererst die Satte Welt verantwortlich.

 [12]

Endnoten:

[1] Der Titel wandelt Lou Reed’s “ Walk on the Wild Side” ab, das auf seinem zweiten, 1972 erschienenen Solo-Album Transformer erschienen ist. Darin wird das Gegenüber als Honey, Babe oder Sugar angesungen.

[2] 6 km südlich von Arlit, der Uranstadt in Niger; Foto NigerTZai 5.12.2018, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Niger,_Arlit_(26),_desertscape.jpg.

[3] Zur Wildnis auf Hoher See siehe Kendall R. Jones, Carissa J. Klein, Benjamin S. Halpern, Alan M. Friedlander, Hugh P. Possingham, James E.M. Watson, The Location and Protection Status of Earth’s Diminishing Marine Wilderness, Current Biology Vol.28, issue 15, pp.2506-2512.e3, 6.8.2018, https://doi.org/10.1016/j.cub.2018.06.010 – da ist allerdings nur die Zusammenfassung gratis zugänglich.

[4] Bei den 77% der Erdfläche ist die Antarktis nicht mitgerechnet. James E. M. Watson, Oscar Venter, Jasmine Lee, Kendall R. Jones, John G. Robinson et al., Protect the last of the wild, Nature 31.10.2018, https://www.nature.com/articles/d41586-018-07183-6.

[5] Brasilien und die USA tauschen die Plätze, wenn nur die Landfläche berücksichtigt wird.

[6] Die Grafik “The wildest countries“ zeigt die zwanzig größten – zusammen verfügen sie über 94% der weltweiten Wildnis. Siehe James E. M. Watson, Oscar Venter, Jasmine Lee, Kendall R. Jones, John G. Robinson et al., Protect the last of the wild, Nature 31.10.2018, https://www.nature.com/articles/d41586-018-07183-6.

[7] https://www.nature.com/articles/sdata2017187/figures/2. Aus: James R. Allan, Oscar Venter, James E.M. Watson, Temporally inter-comparable maps of terrestrial wilderness and the Last of the Wild, 12.12.2017, Scientific Data vol.4, Artikel 170187 (2017), https://www.nature.com/articles/sdata2017187.

[8] Offenbar ein in der Wissenschaft vielverwendeter Standard.

[9] Sie entspricht dem Afrika-Teil der Weltkarte im Teil a von Abb.1 in Oscar Venter, Eric W. Sanderson, Ainhoa Magrach, James R. Allan, Jutta Beher, Kendall R. Jones, Hugh P. Possingham, William F. Laurance, Peter Wood, Balázs M. Fekete, Marc A. Levy, James E. M. Watson, Sixteen years of change in the global terrestrial human footprint and implications for biodiversity conservation, 23.8.2016, Nature Communications vol.7, Artikel 12558 (2016), https://www.nature.com/articles/ncomms12558.

[10] Sie entspricht dem Afrika-Teil der Weltkarte im Teil c der Abb.1 in Oscar Venter, Eric W. Sanderson, Ainhoa Magrach, James R. Allan, Jutta Beher, Kendall R. Jones, Hugh P. Possingham, William F. Laurance, Peter Wood, Balázs M. Fekete, Marc A. Levy, James E. M. Watson, Sixteen years of change in the global terrestrial human footprint and implications for biodiversity conservation, 23.8.2016 Nature Communications vol.7, Artikel 12558 (2016), https://www.nature.com/articles/ncomms12558.

[11] Bei einem Maximum von 50 betrug er 2009 im weltweiten Schnitt 6,16. Siehe ebd., p.2: “We find that in 2009, the world’s land areas had an area-weighted average human footprint score of 6.16 (out of a maximum of 50; Table 1), which is an increase of 9% from 1993 levels. These pressures show strong spatial variation. The highest pressure biomes include the temperate broadleaf forests of Western Europe, eastern United States and China, and the tropical dry forests of India and parts of Brazil, and parts of Southeast Asia’s tropical moist forest (Fig. 1a). Areas of no measureable human footprint (as mapped by our eight pressures) persisted over ~27% of the world’s non-Antarctic land area in 1993. But these areas of intact habitats have decreased rapidly over the past two decades, with 23 million km2 (9.3%) experiencing an incursion of human pressures. The remaining pressurefree lands are concentrated in the boreal and tundra biomes, the Sahara, Gobi and Australian deserts, and the most remote moist tropical forests of the Amazon and Congo Basins.“

[12] Mkhomazi Wilderness area im südlichen uKhahlamba (“Wand der aufgestellten Speere“), auf Deutsch heißen sie Drachenberge. Foto Graham Maclachlan 15.5.2014, leicht zugeschnitten von GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mkhomazi_Wilderness_area,_South_Africa_-_panoramio_(3).jpg.