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Zum 50. FESPACO-Geburtstag.

Vergessen wir Cannes und seinen Prunk.

Günther Lanier, Ouagadougou 27.2.2019.

Seit Samstag gibt’s wieder viel Kino in Ouagadougou, “Afrikas Filmhauptstadt“. Leider nur eine Woche lang. 20 afrikanische Filme bewerben sich heuer um den Goldenen Hengst (Etalon d’or). 450 Filmführungen stehen auf dem Programm. Außerhalb des alle zwei Jahre stattfindenden Filmfestivals darben wir Cinephilen die meiste Zeit, die vier großen Kinos der burkinischen Hauptstadt zeigen Mainstreamfilme oder sitcomähnliche, meist ivorische Billigproduktionen. Die – ich glaube, es sind nur mehr zwei – Freiluftkinos machen dann dieselben ivorischen Filme einem dem Stadtzentrum fernerem Publikum zugänglich[1].

Aber das ist jetzt gerade unsere Sorge nicht – jetzt heißt es, aus einem überwältigenden Angebot auswählen.

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Die FESPACO-Filme werden nicht nur in Kinosälen gezeigt. In den Außenbezirken gibt es “ambulantes“ Kino. Zwei üblicherweise für Konzerte oder Theater genutzte Säle brauchen für Filmprojektionen nur unwesentlich umgerüstet werden. Besonders charmant finde ich einen weiteren Aufführungsort, der am Sonntag sein Programm mit restaurierten Filmen von Sembène Ousmane begonnen hat: den Conseil Burkinabè des Chargeurs (CBC), also der burkinische SpediteurInnen-Rat[3]. Hat eigentlich nichts mit Kino zu tun, aber wen stört das. Zudem ist der Saal untertags nicht wirklich dunkel, denn in der Decke gibt es lukenähnliche Fenster, eine witzige architektonische Note, aber sie lassen freilich Licht herein. Derartige Kleinigkeiten stören hier niemanden – Perfektion ist etwas für Festivals in der Satten Welt. Am Sonntag wurden um 9h vormittags Borom Sarret und La Noire de… von Ousmane Sembène, dem Vater des afrikanischen Kinos, gezeigt und dann um 11h La femme au couteau (Die Frau mit dem Messer) des ivorischen Regisseurs Timité Bassori.

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Wie gute Filme allgemein, wenn sie nicht reine “Kammerfilme“ sind, gab’s auch in diesem Dokumentarisches. Abidjan entsprach schon vor fünfzig Jahren gar nicht dem “unterentwickelten“ Afrikabild der Satten Welt. Genauso wenig wie der etwas verquere Held des Films, ein Intellektueller, dessen kleine Wohnung von einer Vielzahl von Büchern dominiert wird.

Der Mann auf dem Foto im Hintergrund des Büros dieses Staatsbeamten ist freilich Houphouët Boigny[5].

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Dass Timité Bassori so gar nicht dem Afrika-Klischee zuarbeiten wollte, war wohl auch schuld daran, dass sein Film – heute ein Klassiker – zunächst schlechte Kritiken erhielt[7].

Der Regisseur folgt seinem “Helden“ auf der Suche nach Erkenntnis – die furchterregende Halluzination einer ihm mit einem Messer zu Leibe rückenden Frau verunmöglicht ihm nicht nur Liebesbeziehungen, sondern treibt ihn auch an den Rand des Wahnsinns. Am happy end des Filmes kann er sich schließlich vom Kindheitstrauma befreien, das ihm eine offenbar dominante, mit Strafe drohende Mutter hinterlassen hat.

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Die Frau mit dem Messer war gerade im Rahmen des African Film Heritage Project restauriert worden – der Film passt insofern besonders gut zur heurigen, 26. Ausgabe des Festivals, als er genauso alt ist wie die Fespaco: Auch er stammt aus 1969.

Als besonderes Zuckerl war nach der Vorführung der Regisseur anwesend. Am 30. Dezember 1933 hat der erstmals das Licht der Welt gesehen. Seine 85 Jahre waren zwar ersichtlich, als er die Stufen des CBC-Saales hinunter- und dann die Stufen zum Podium hinaufstieg. Was er sagte, war aber wunderbar konzis.

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Da die FESPACO heuer ihren 50er feiert und da auch die allererste Präsidentin des Organisationskomitees des Filmfestivals von Ouagadougou, Alimata Salembéré, anlässlich des Festivals ein Buch zur Geschichte der FESPACO der Öffentlichkeit vorstellen wird[10], lassen auch wir den Blick in die Vergangenheit schweifen. Vor fünfzig Jahren hieß Burkina Faso noch Obervolta.

In der alles andere als üppigen Zeit der späten 1960er Jahre “gründen Cinephile in der obervoltaischen Hauptstadt ein Filmfestival, das bis zum heutigen Tag als wichtigster CineastInnen-Treffpunkt des Kontinents gilt[11]. Angesichts des vollständigen Mangels an Möglichkeiten für die BewohnerInnen Ouagadougous, im Kino afrikanische Filme zu sehen – die Verleihfirmen[12] sind alle in französischer Hand und wollen sich in Afrika nur ein Zubrot verdienen, indem sie ihre Filmkopien restverwerten[13] –, beschließen Mitglieder des Kinoklubs des franko-voltaischen Kulturzentrums[14] 1968 das Abhalten einer afrikanischen Filmwoche. Auf Betreiben insbesondere von François Bassolet, Claude Prieux, Direktor des besagten Kulturzentrums, und Alimata Salembéré, Präsidentin der ersten beiden Ausgaben des Festivals, werden den circa 10.000 ZuschauerInnen dann 1969, vom 1. bis zum 15. Februar, 24 Filme gezeigt, darunter 18 afrikanische. Einen obervoltaischen Film gibt es da noch gar nicht. An dem damals noch als “Erstes Festival des Afrikanischen Kinos in Ouagadougou“[15] firmierenden Ereignis nehmen außer den Einheimischen noch Kinobegeisterte aus dem Senegal, der Côte d’Ivoire, dem Niger und Kamerun sowie aus Frankreich und den Niederlanden teil.
Haben die Leute keine anderen Sorgen? Handelt es sich um mehr als ein elitäres Hirngespinst eines filmverrückten Franzosen unter Beteiligung akkulturierter Einheimischer?
Freilich haben die BäuerInnen des Landes von den Filmprojektionen kaum etwas. Insofern zielt das Vorhaben nicht auf die Bevölkerungsmehrheit, sondern auf eine Elite: HauptstadtbewohnerInnen, und da wohl auch nicht gerade die ärmsten. Aber es steckt mehr dahinter. Es geht hier auf kultureller Ebene um ein Nachvollziehen dessen, was vor einem knappen Jahrzehnt in politischer Hinsicht passiert war. Und während die Unabhängigkeit der schwarzafrikanischen Staaten mehr Formsache war, während darunter die “Dependenz“[16] nahezu unverändert fortbestand, lässt sich argumentieren, dass von allem Anfang an das afrikanische Kino radikaler und erfolgreicher ist in seinem Bemühen, die laufenden Bilder von der Vormacht der ex-Kolonialherren zu befreien. Siehe die Filme Sembène Ousmanes der 1960er Jahre[17].
Befreiung ist auch ein Hauptthema des lateinamerikanischen Cinema Novo[18] der 1960er Jahre und (in Anlehnung an die “Dritte Welt“) des Ausdrucks Drittes Kinos[19], der ziemlich zeitgleich mit der obervoltaischen Filmwoche erstmals verwendet wird. Auch dort geht es um Dekolonisierung – die kulturelle im Allgemeinen und die cinematographische im Besonderen[20].

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An der zweiten Ausgabe des Filmfestivals von Ouagadougou, 1970, nehmen CineastInnen aus neun Ländern teil (Algerien, Tunesien, Côte d’Ivoire, Guinea, Niger, Senegal, Mali, Ghana und freilich Obervolta[22]), es werden 40 Filme gezeigt, und die ZuschauerInnenschaft verdoppelt sich auf etwa 20.000. Ab 1972 übernimmt der Staat. Simone Mensah wird die neue Präsidentin des erst jetzt FESPACO genannten Festivals[23]. Und ab dieser dritten Edition wird der beste Film mit dem “Hengst von Yennenga“ prämiert, in Erinnerung an die Ahnfrau der Mossi. Ziel ist nunmehr nicht nur die Projektion von Filmen für das Publikum in Ouagadougou, sondern die Förderung des afrikanischen Films im In- und auch im Ausland. Zudem wird das Bewahren des cinematographischen Erbes des Kontinents als Aufgabe definiert, inklusive Restaurieren und Archivieren der Filme[24]. In enger Symbiose mit dem Festival entwickelt sich der Verband panafrikanischer CineastInnen (Fédération panafricaine des cinéastes/FEPACI) – gleichzeitig mit FESPACO gegründet und lange Zeit in Ouagadougou beheimatet, findet sich sein Hauptquartier heute in der kenianischen Hauptstadt Nairobi[25].
Nach weiteren Auflagen 1973 und 1976 fand das Festival 1979 seine heute noch praktizierte Form: in allen ungeraden Jahren eine Woche lang, am letzten Februar-Samstag beginnend[26].

Gerade jetzt, von 23. Februar bis 2. März 2019, findet die 26. FESPACO statt. Selber schuld, wer nicht hier ist[27].

 

Endnoten:

[1] Das Goethe Institut zeigt im Espace Gambidi einmal monatlich einen Film von Qualität – nicht nur deutscher Provenienz. Das Institut Français, wo es früher ein interessantes Filmprogramm gab mit vielleicht drei bis vier Filmen pro Monat, hat sein Kino geschlossen (außer gerade jetzt für die FESPACO), seit Anfang März 2018 ein Terroranschlag auf den burkinischen Generalstab schräg vis-à-vis verübt wurde.

Das CinéDroitLibre-Festival, dem das Institut Français seit seiner Gründung als Hauptspielort diente, hat im Dezember 2018 ausweichen müssen, besteht glücklicherweise aber weiter.

[2] Das Fespaco-Hauptquartier an der Bobo-Straße, westlich des Zentrums von Ouagadougou, Foto Sputniktilt 8.1.2013, leicht zugeschnitten von GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Siege_FESPACO_Ouaga.jpg.

[3] Siehe http://www.cbc.bf.

[4] “Screen shot“ von “Die Frau mit dem Messer“ anlässlich der Aufführung im CBC am 24.2.2019 um 11h23, Foto GL.

[5] Félix Houphouët-Boigny, der Gründerpräsident, herrschte von der ivorischen Unabhängigkeit bis zu seinem Tod 1993 nahezu unumschränkt.

[6] “Screen shot“ von “Die Frau mit dem Messer“ anlässlich der Aufführung im CBC am 24.2.2019 um 11h35, Foto GL.

[7] Das berichtete Timité Bassori im Anschluss an die Filmprojektion.

[8] “Screen shot“ von “Die Frau mit dem Messer“ anlässlich der Aufführung im CBC am 24.2.2019 um 12h12, Foto GL.

[9] Timité Bassori antwortete im Anschluss an die Filmprojektion auf Fragen des Moderators (ein Film-Professor, ich habe seinen Namen leider nicht behalten, er ist nach eigenen Aussagen tief ins African Film Heritage Project involviert) und des Publikums. Foto 24.2.2019 GL.

[10] Es erscheint beim Verlag CEPRODIF. Die Information habe ich zufällig von dessen Chef Jean-Baptiste Senogo in einem persönlichen Gespräch am 22.2.2019 erhalten.

[11] Die Filmtage von Karthago (Journées cinématographiques de Carthage) in Tunesien gibt es seit 1966, sie sind also drei Jahre älter als FESPACO.

[12] Die Société d’exploitation cinématographique africaine (SECMA) und die Compagnie africaine cinématographique et commerciale (COMACICO) monopolisieren den obervoltaischen Markt, ihnen gehören die sechs Säle für 16mm- und 35mm-Filme, die es im Land gibt. Siehe Anon., Le cinéma et les cinéastes du Burkina, RFI 11. Februar 2003, http://www1.rfi.fr/actufr/articles/038/article_19832.asp.

[13] Siegfried Forster, L’Histoire du Fespaco avec un grand «H», RFI 22.2.2013 (http://www.rfi.fr/afrique/20130220-histoire-fespaco-grand-h-colin-dupre-affaire-etats-1969-2009). S. Forster interviewt in diesem Artikel vor allem Colin Dupré, den Autor des Buches “Le Fespaco, une affaire d’Etat(s). 1969-2009”, Paris (L’Harmattan) 2012.

[14] Ciné-club du Centre Culturel franco-voltaïque (CCFV). Namen und Daten entstammen vor allem dem französischen Wikipedia-Eintrag “Festival panafricain du cinéma et de la télévision de Ouagadougou“ (https://fr.wikipedia.org/wiki/Festival_panafricain_du_cin%C3%A9ma_et_de_la_t%C3%A9l%C3%A9vision_de_Ouagadougou#cite_ref-livre_H.O_2-0).

[15] Premier festival de Cinéma Africain de Ouagadougou.

[16] Die Dependenztheorien entstanden Mitte der 1960er Jahre in Lateinamerika. Begriffe wie Zentrum/Metropole vs. Peripherie oder ungleicher Tausch sind aus dem Dritte Welt-Diskurs heute nicht mehr wegzudenken.

[17] Borom Sarret 1963, Niaye 1964, La Noire de… 1966, Le Mandat 1968. Sembène Ousmane war Schriftsteller – dem Film wandte er sich zu, weil viele bei ihm daheim – er selbst sprach diesbezüglich gerne von seiner Mutter – nicht lesen konnten, seine Bücher für sie unnütz waren.

[18] Glauber Rocha war hier die prägende Figur.

[19] Namensgeber waren Fernando Solanas und Octavio Getino mit ihrem 1960 in der kubanischen Zeitschrift Tricontinental veröffentlichten Artikel Hacia un tercer cine, also “auf ein Drittes Kino zu“.

[20] Siehe dazu zum Beispiel Marie-Hélène Gutberlet, Auf Reisen. Afrikanisches Kino, Frankf.a.M. (Stroemfeld/Nexus) 2004, pp.110-112.

[21] Generalpass für die 2019er FESPACO (im Buch stand hier ein Schwarz-weiß-Scan des 2017er Generalpasses) – “étalon“ heißt “Hengst“, der Fespaco-Preis heißt nach dem Pferd der Stammmutter der Mossi “étalon de Yennenga“. Auch die Fußballnationalmannschaft wird “Die Hengste“ genannt.

[22] Wikipedia erwähnt für die Zweitausgabe des Festivals nur afrikanische Länder. Zumindest FranzösInnen waren aber sicher abermals dabei.

[23] FEStival PanAfricain de Cinéma de Ouagadougou, also “Panafrikanisches Filmfestival von Ouagadougou“. Das Akronym FESPACO ändert sich nicht mehr, obwohl der Name später um das Fernsehen ergänzt wird: Festival Panafricain du Cinéma et de la Télévision de Ouagadougou.

[24] Siehe https://www.fespaco.bf/fr/le-fespaco/infos-institutionnelles/73-mouvement-evolutif-du-fespaco.

[25] Siehe http://www.fepacisecretariat.org.

[26] Das Zitat entstammt dem Unterkapitel “Ouagadougou wird afrikanische Kinohauptstadt“ aus Günther Lanier, Land der Integren. Burkina Fasos Geschichte, Politik und seine ewig fremden Frauen, Linz (guernica Verlag) 2017, pp.216-218, bestellbar unter office@guernica-verlag.at.

[27] Der FESPACO-BesucherInnen-Rekord wurde 1987 aufgestellt, 400.000 sollen es da gewesen sein – Yacouba Traoré, Präsident des Organisationskomitees, im Interview in David Esnault, Cinéma: “le Fespaco a besoin de rebondir” (Yacouba Traore), AFP 24.2.2019. Heuer wären die VeranstalterInnen schon mit deutlich weniger zufrieden – wegen der Terrorattacken in Burkina, die viele BesucherInnen abgeschreckt haben, und auch, weil das burkinische Kino seit vielen Jahren von Staatsseite wenig Unterstützung erfährt. Zwar wurden heuer drei Spielfilme großzügig gefördert, weil Burkina im Jubiläumsjahr unbedingt den Goldenen Hengst gewinnen will – aber das ist eine Ausnahme. Unter der Revolution (1983-87) hingegen tat Präsident Thomas Sankara viel zur Unterstützung der FESPACO und der afrikanischen und burkinischen Filmindustrie – in dieser goldenen Zeit mussten sogar Privatbanken Filmprojekte finanzieren. Siehe ebd.